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Die Geschichte der Hutterer zwischen Heimat und Fremde. Menschen in Bewegung, auf Wanderung, auf der Flucht

Seminararbeit 2007 17 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Die Geschichte der Hutterer

2. Unterteilung der hutterischen Gemeinschaften

3. Der Bruderhof
3.1. Ein Bruderhof wird gegründet
3.2. Das Leben auf dem Bruderhof
3.3. Die Sprache auf dem Bruderhof

4. Die Hutterer im 21. Jahrhundert

5. Heimat und Fremde

6. Literaturverzeichnis

1. Die Geschichte der Hutterer

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts, als Luther und Zwingli mit der katholischen Kirche brachen, forderten einige ihrer Anhänger bereits weitere Änderungen und Neuerungen. Für sie war die Reformation unvollständig, solange das Urchristentum der apostolischen Zeitepoche nicht wiederhergestellt wurde. Das Ideal sahen sie in einer Kirche der Gläubigen. Dazu lehnten einige dieser Erneuerer unter Berufung auf das Evangelium die Taufe der Kinder als Bedingung für die Aufnahme in die Gemeinde ab, denn ihrer Überzeugung nach war ein Kind nicht fähig, sich aus freiem Willen für eine Nachfolge Christi zu entschließen. Eine derart wichtige Entscheidung konnte nur von Erwachsenen erwartet und auch getroffen werden. So entstand die Bewegung der Widertäufer[1].

In kurzer Zeit nahm die Zahl der Anhänger der Wiedertäufer stetig zu. Sie kamen aus Süddeutschland, der Schweiz und dem heutigen Österreich[2]. Ein Grund für den schnellen Aufstieg und die Verbreitung des Wiedertäufertums war auch der Bauernkrieg[3]. In der Kirche gab es große Missstände und Schlampereien[4], und die im Überfluss lebende hohe Geistlichkeit stand der bitteren Armut des niederen Klerus gleichgültig gegenüber. Die grundbesitzrechtliche Lage der Bauern sowie die Einschränkung von Freiheiten hatte das soziale Klima zusätzlich verschärft. Durch die ungestillten religiösen Bedürfnisse bot sich den einfachen Leuten das Wiedertäufertum an, das mit der Einfachheit seiner Lehre, mit der radikalen Erneuerung des religiösen Lebens und dem Mut der zahlreichen Bekenner diesem Bedürfnis entsprach[5].

„Die Lehre der Wiedertäufer beruht auf vier Grundsätzen: die buchstabengetreue Befolgung der Bibel, die Erwachsenentaufe im Gegensatz zur Kindertaufe, die Weigerung zu kämpfen und zu töten, und die Gütergemeinschaft[6].“

Da die Wiedertäufer auch die Hierarchie und Rangordnung der Kirche ablehnten, wurden sie als gefährliche Feinde vom Klerus und dem Adel verfolgt[7]. Ab 1529 verbündeten sich die Katholiken und Lutheraner und warfen den Wiedertäufern vor, dass sie Gotteslästerer seien[8]. Die Glaubensbrüder wurden aufgefordert, die Namen ihrer Führer, ihrer Mitglieder und die Häuser, die für ihre Versammlungen dienten, zu nennen und auch die Absichten dieser Bewegung bekannt zu geben. In den Habsburger Ländern wurden die Wiedertäufer von Beginn an als Ketzer angesehen und als Staatsfeinde betrachtet[9].

Auch in Tirol gab es unzählige Anhänger der Wiedertäufer. Besonders große Gemeinschaften entstanden im Pustertal, rund um Sterzing und in Rattenberg[10].

Ein besonders wichtiger Glaubensbruder und Organisator der Wiedertäufer war der Hutmacher Jakob Huter, ein um 1500 im Pustertal geborener Tiroler, der die Glaubenslehre der Wiedertäufer verkündete. Er selbst ließ sich taufen und wurde zum Prediger einer Tiroler Gemeinde gewählt[11].

In Tirol wurden die Wiedertäufer schlecht behandelt und verfolgt. Der Landesherr, Ferdinand I., ließ hunderte Männer, Frauen und unschuldigen Kinder foltern, verbrennen und ertränken[12].

Aufgrund dieses Hasses gegenüber den Wiedertäufern bereitete Jakob Huter als starke Persönlichkeit und charismatische Führungskraft für zahlreiche Glaubensbrüder die Flucht vor und zog mit ihnen nach Südmähren[13]. Der Adel in Mähren war gewillt, die Wiedertäufer in ihrem Land aufzunehmen, denn die Glaubensbrüder waren geschickte Handwerker. So flüchteten tausende Anhänger nach Mähren, um Glauben und Leben zu retten. Huter schweißte dort die einzelnen Gruppen zu engen Gemeinschaften zusammen[14].

1535 wurde die Lage aber auch in Mähren immer schwieriger und gefährlicher. Es begannen Verfolgungen, und viele der Wiedertäufer sahen sich veranlasst, von dort zu fliehen, um das eigene Leben zu retten[15]. Sie flohen in die Berge, Wälder und versteckte Höhlen. Dennoch wurden hunderte von Anhängern, nachdem sie gequält und gefoltert wurden, hingerichtet. Unter ihnen war auch Jakob Huter, der auf dem Weg nach Tirol gefangen genommen wurde. Er wurde zum Tode verurteilt und 1536 vor dem Goldenen Dachl in der Innsbrucker Altstadt verbrannt.

Huter lebte seinen Anhängern das Beispiel einer christlichen Gütergemeinschaft vor und hinterließ ihnen seinen Namen[16]. Die älteste hutterische Chronik hat Folgendes über ihn zu berichten:

„Er hat die Gmain in das dritte Jar geregiert / und dem Herren sein Volck versamelt / erbaut / und hinder Im gelassen. Von disem Jacob Huter hat die gmain den Hueterischen Namen ererbt / das man die Huetterischen Brüeder genannt hat / Deß sie sich auff den heutigen tag nit schambt / Denn er ist der warheit mit aller fraidigkait bis in todt beygestanden / darob leib und leben gelassen / Wies allen Aposteln Christi gmainelich ganngen ist bey der welt[17].“

So beginnt die Diaspora der Wiedertäufer[18]. Die Situation in Mähren beruhigte sich wieder, es kam zu einer Blütezeit für die Hutterer. Aufgrund der erneuten Verfolgungen in den Jahren 1621/22 mussten die Anhänger Mähren verlassen, sie zogen sich nach Ungarn und Transsylvanien zurück. Mitte des 18. Jahrhunderts mussten sie von dort wegen der Zwangstaufen der Jesuiten wieder flüchten[19].

Da die Hutterer den Ruf hatten, gute Bauern und geschickte Handwerker zu sein, und sie auch schreiben, lesen und rechnen konnten, wurden die zu dieser Zeit Heimatlosen von der russischen Zarin Katharina in ihr Reich aufgenommen. In der Molotschina (Nähe Kiew) und auf der Krim gründeten sie ihre Gemeinden. Nach einer Periode des Friedens, der Ruhe und des Wohlstandes wurden sie von Zar Alexander II erneut verfolgt. Er erklärte alle Privilegien der Hutterer für nichtig: die russische Sprache sollte in allen Schulen als Pflichtgegenstand eingeführt und die Befreiung vom Militärdienst aufgehoben werden. Um ihren Glauben und ihre Grundsätze bewahren zu können, flüchteten die Hutterer nach Amerika[20].

1874 trafen 113 Hutterer im Hafen von New York ein. „Bonne homme“ am Missouri (Süddakota) war die erste Kolonie, die die Hutterer nach ihrer Ankunft in Amerika gründeten. Innerhalb weniger Jahre vervielfachten sich die Kolonien, denn fast alle Anhänger, die bisher in Russland gelebt hatten, siedelten sich in Nordamerika an. Aber die Schwierigkeiten endeten für die Hutterer noch nicht. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges weigerten sich die Hutterer, Wehrdienst zu leisten und in den Kampf zu ziehen, und deshalb wurden sie von der amerikanischen Regierung verfolgt. Einige Hutterer übersiedelten in dieser Zeit nach Kanada, wo sie heute in Alberta, Saskatchewan und Manitoba leben.

Auf all ihren Wanderungen begleitete die Hutterer ein handgeschriebener Kodex, die „Hutterische Chronik“ von 1536. Sie wurde in althochdeutscher Sprache verfasst und enthält alle Regeln und Gebote der Glaubensgemeinschaft[21].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Wanderungen des Hutterer seit 1528[22]

[...]


[1] vgl. Peters 1992, S. 9

[2] vgl. Rainer 1991, S. 335

[3] vgl. Peters 1992, S. 11

[4] vgl. Rainer 1991, S. 335

[5] vgl. Demattia 1986, S. 53f

[6] Sammartini 1996, S. 5

[7] vgl. Rainer 1991, S. 335

[8] vgl. Sammartini 1996, S. 5

[9] vgl. Peters 1992, S. 19

[10] vgl. Stöger 1998, S. 137

[11] vgl. Peters 1992, S. 9

[12] vgl. Stöger 1998, S. 137

[13] vgl. Schlachta 2006, S. 1

[14] vgl. Peters 1992, S. 23 und 27

[15] vgl. Stöger 1998, S. 138f

[16] vgl. Peters 1992, S. 30

[17] Peters 1992, S. 30

[18] vgl. Sammartini 1996, S. 5

[19] vgl. Stöger 1998, S. 140

[20] vgl. Sammartini 1996, S. 5ff

[21] vgl. Sammartini 1996, S. 7 und Rainer 1991, S. 343

[22] siehe Mumelter 1986, S. 64

Details

Seiten
17
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638836623
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v78202
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – Erziehungswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Hutterer Heimat Fremde Beitrag Nord-Süd Dialog

Autor

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