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Die Auswirkungen der Globalisierung auf den deutschen Arbeitsmarkt

Diplomarbeit 2007 126 Seiten

VWL - Arbeitsmarktökonomik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Aufgabenstellung
1.2 Aufbau

2. Die Globalisierung
2.1 Zum Begriff der Globalisierung
2.1.1 Verschiedene wissenschaftliche Definitionen – eine einheitliche Aussage?
2.1.2 Was ist Globalisierung?
2.2. Geschichte der Globalisierung
2.2.1 Beginn und Periodisierung
2.2.2 Vorgeschichte der Globalisierung
2.2.3 Erste Welle der Globalisierung: „Das Goldene Zeitalter“ (1871-1914)
2.2.4 „Fordistische Pause“ (1914-1945) oder wirtschaftliche Deglobalisierung?
2.2.5 Zweite Globalisierungswelle: Liberalisierung nach 1945
2.3 Katalysatoren und Indizien der Globalisierung
2.3.1 Internationaler Handel
2.3.2 Ausländische Direktinvestitionen (FDI)
2.3.3 Technologischer Fortschritt
2.3.4 Migration

3. Theoretische Erklärungsansätze - Theoreme des Heckscher-Ohlin-Modells
3.1 Voraussetzungen bzw. Modellannahmen
3.2 Zum Inhalt des Heckscher-Ohlin-Modells
3.3 Faktorpreisausgleichstheorem
3.4 Stolper-Samuelson Theorem
3.5 Rybczynski Theorem
3.6 Kritik am Heckscher-Ohlin-Modell

4. Die Auswirkungen der Globalisierung auf den deutschen Arbeitsmarkt
4.1 Der Arbeitsmarkt in der ökonomischen Theorie
4.1.1 Klassik
4.1.2 Neoklassik
4.2. Arbeitsmarktsegmentierungen
4.2.1 Definition
4.2.2 Horizontale Arbeitsmarktsegmentierung
4.2.3 Vertikale Arbeitsmarktsegmentierung
4.3 Auswirkungen der Globalisierung auf die einzelnen Segmente
4.3.1 Horizontale Segmentierung
4.3.2 Vertikale Segmentierung
4.4 Der deutsche Arbeitsmarkt im 21. Jahrhundert
4.4.1 Langfristige Trends
4.4.2 Die Entwicklung des Arbeitsmarktes im Januar 2007
4.4.3 Fazit

5. Lohndifferenzierung
5.1 Lohnentwicklung und Lohnspreizung
5.2 Niedriglohnsektor und Kombilohnmodell
5.2.1 Charakteristik des Niedriglohnsektors
5.2.2 Sozialethische Beurteilung des Niedriglohnsektors
5.2.3 Kombilohnmodell als sinnvolle Lösung?
5.2.4 Fazit
5.3 Gerechte Löhne
5.4 Makroökonomische Betrachtung von Löhnen
5.5 Fazit zur Lohndifferenzierung

6. Ausweg: Lockerung des Kündigungsschutzes?
6.1 Zur Relevanz aus aktuellem Anlass
6.2 Das deutsche Kündigungsschutzrecht
6.3 Ökonomische Folgen der Rechtslage
6.4 Denkansätze zur Bedeutung des gesetzlichen Kündigungsschutzes
6.5 Fazit und Reformansätze

7. Der britische Working Tax Credit – eine Strategie gegen Arbeitslosigkeit und Armut?
7.1. Ausgangssituation in Großbritannien
7.2 Reforminstrumente
7.2.1 New Deal und Mindestlöhne
7.2.2 Working Tax Credit
7.2.3 Child Tax Credit
7.3 Auswirkungen und Bewertung der Ergebnisse
7.4 Handlungsempfehlungen für Deutschland

8. Schlussbetrachtung
8.1 Fazit
8.2 Ausblick

9. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Entwicklung des grenzüberschreitenden Welthandels

Abb. 2: Handelsanteil am BIP

Abb. 3: FDI weltweit und Anteil an der Gesamtkapitalbildung

Abb. 4: Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologien nach Region

Abb. 5: Preisentwicklung von Seefracht, Lufttransport und Telekommunikation

Abb. 6: Neoklassischer Arbeitsmarkt

Abb. 7: Arbeitslosenquote nach Qualifikationsebene 1998

Abb. 8: Erwerbstätigenquote von 1800 bis 2000 in Deutschland

Abb. 9: Sektorale Entwicklung

Abb. 10: Struktur der Arbeitskosten im Jahr 2000

Abb. 11: Personalzusatzkosten im Produzierenden Gewerbe in Westdeutschlands

Abb. 12:Arbeitslosenzahl Deutschlands

Abb. 13: Registrierte Arbeitslose in 1000

Abb. 14: Arbeitslosenquote

Abb. 15: Offene Stellen

Abb. 16: Gini-Index

Abb. 17: Tatsächliche und bereinigte Lohnquote in Deutschland

Abb. 18: Working Tax Credit

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1 Aufgabenstellung

Die deutliche Verbesserung der gegenwärtigen Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt infolge eines kräftigen Konjunkturaufschwunges im ersten Quartal 2007 konnte auch nicht durch die Mehrwertsteuererhöhung zu Beginn des Jahres um drei Prozentpunkte erkennbar bremsen. Noch vor zwei Jahren waren die Aussichten auf eine Verbesserung der Situation für Arbeitslose eher trübe. Die Mehrheit in Politik und in den Medien war der Meinung, Deutschland stehe vor scheinbar unlösbaren wirtschaftlichen Problemen durch die ansteigende Globalisierung und nur harte sowie tief greifende Reformen könnten das Land vor dem Absturz retten.

Im Februar 2006 trat Franz Müntefering auf die mediale Bühne mit der Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn, der zwischen 4,00 € und 9,90 € je nach Familienstand liegen soll. Welche Grundlage seine Berechnung hatte oder wie hoch der Mindestlohn konkret ausfallen sollte, ließ der Bundesminister für Arbeit und Soziales völlig offen. Er begründete seine Forderung damit, dass ein Hochleistungsland, wie Deutschland, auch ein Hochlohnland sein muss.[1] Gerade mit dem Ansteigen des internationalen Handels und der Zunahme des Ausmaßes der Globalisierung orientieren sich Löhne und andere Faktorpreise jedoch verstärkt am ausländischen Niveau. Dies wurde bei der o. g. Aussage nicht beachtet. Zwar darf die Politik sich Werturteile erlauben, jedoch müssen die politischen Entscheidungsträger berücksichtigen, dass ökonomische Gesetze existieren und oftmals mit ihren Wunschvorstellungen nicht in Einklang zu bringen sind.

Bereits die unsachlich geführte „Heuschrecken-Kampagne“ Franz Münteferings, die im Mai 2005 mehr ein wahltaktischer Schachzug für die SPD war, sollte die Ängste der Bevölkerung vor dem ungezügelten globalen „Turbo- oder Raubtierkapitalismus“[2] schüren. Die ständige Suche nach der höchstmöglichen Rendite global operierender Investoren, häufig zu Lasten deutscher Arbeitnehmer, wurde besonders von Gewerkschaften instrumentalisiert. Kritiker machen die Globalisierung für diese Entwicklung verantwortlich und forderten einen Stopp oder eine Alternative zu dieser. Ob die Globalisierung wirklich hinter dem Profitstreben der Investoren, oder zu neudeutsch der „Heuschrecken“ steht, ist äußerst umstritten und sollte stets objektiv bewertet werden.

Negative Auswirkungen des weltweiten Handels, wie Arbeitslosigkeit im Sektor für gering Qualifizierte in IL oder die Senkung der Agrarpreise, wenn dieser Wirtschaftsbereich geöffnet werden sollte, werden häufig sehr einseitig und medienwirksam von Globalisierungsgegnern dargestellt. Dabei wird scheinbar vernachlässigt, die Vorteile des internationalen Handels hervorzuheben. So wird kaum die Frage gestellt, wie es z. B. bei Textilwaren zu einem Preisverfall seit dem chinesischen Markteintritt gekommen ist oder Unterhaltungselektronik aus Fernost in Europa zu sehr günstigen Preisen angeboten werden kann. Von diesem Preisverfall können die deutschen Verbraucher profitieren und machen von diesem Angebot reichlich Gebrauch, denn „Geiz ist geil“, wie die Werbung den Kunden suggeriert.

Diese Diplomarbeit befasst sich mit den Auswirkungen der Globalisierung auf den deutschen Arbeitsmarkt und ferner mit der ersten Kernfrage, ob der deutsche Arbeitsmarkt im Großen und Ganzen von der Globalisierung profitieren kann. Es wird zudem die Frage aufgeworfen, welche Segmente des Arbeitsmarktes zu den Gewinnern und welche zu den Verlierern gehören und welche Erklärungsansätze die Theorie dafür bereithält. Des Weiteren ist zu überprüfen, ob Abweichungen zwischen den Ergebnissen der theoretischen Modelle und der Realität bestehen und welche Erklärungen dafür existieren. Zudem sollen die theoretischen Modelle kritisch bewertet werden.

Im Zentrum der zweiten Kernfrage steht, welche Arbeitsmarktstrategien zur Reduzierung oder zur Bekämpfung der negativen Folgen der Globalisierung, z. B. hohe Arbeitslosigkeit im Niedriglohnsektor, in Betracht kommen. Dabei sollen die häufig genannten Lösungen, Lohndifferenzierung und Flexibilisierung des Kündigungsschutzes, einer kritischen ökonomischen Analyse unterzogen werden. Zudem soll anhand eines ausländischen Beispiels empirisch überprüft werden, ob die vorgeschlagenen Reformen erfolgreich waren und möglicherweise für Deutschland in Betracht kommen.

1.2 Aufbau

Die Diplomarbeit kann inhaltlich in vier Hauptabschnitte gegliedert werden; Charakteristik der Globalisierung, theoretische Betrachtung zum Heckscher-Ohlin-Modell sowie zum Arbeitsmarkt, Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt und Lösungsstrategien.

Kapitel 2 beinhaltet eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Problematik der Globalisierung. Es sollen in diesem Abschnitt exakte wissenschaftliche Definitionen dieses Begriffes aus der Fachliteratur herausgearbeitet und verglichen werden, um das breite Spektrum dieser Begriffskontroverse zu erfassen und ferner Missverständnisse zu vermeiden. Um die politischen und wirtschaftlichen Geschehnisse des 21. Jh. einordnen zu können, wird zudem ein prägnanter geschichtlicher Abriss der Globalisierung skizziert, um zu beurteilen, ob diese Entwicklung völlig neu ist oder eventuell auf eine alte Tradition zurückgeblickt werden kann. Des Weiteren sollen die Katalysatoren und die Indizien näher beleuchtet werden, welche belegen, dass sich das Ausmaß und die Tiefe der Globalisierung deutlich vergrößert haben. Die Existenz dieses Kapitels wird dahingehend begründet, dass zunächst ein grundsätzliches Verständnis zur Problematik der Globalisierung geschaffen werden soll, damit anschließend wissenschaftlich objektiv die Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt beurteilt werden können.

Im dritten Kapitel werden die theoretischen Auswirkungen der Globalisierung auf Güter- und Faktorpreise untersucht. Zur Erklärung dieses Sachverhalts wird das H-O-Modell herangezogen. Dabei sollen zunächst die Modellannahmen skizziert werden, anschließend die einzelnen Theoreme, Faktorpreisausgleichs-, Stolper-Samuelson- und Rybczynski Theorem, näher analysiert und letztendlich die Ergebnisse des Modells dargestellt werden. Des Weiteren scheint eine kritische Hinterfragung des H-O-Modells nötig zu sein, um die möglichen Differenzen zwischen theoretischen und empirischen Resultaten erklären zu können.

Das vierte Kapitel umfasst eine sowohl theoretische als auch empirische Betrachtung zum deutschen Arbeitsmarkt. Zunächst wird der Arbeitsmarkt in der ökonomischen Theorie betrachtet und geprüft, ob die untersuchten Theorien für die Praxis relevant sind bzw. welche Schwierigkeiten auftreten können. Im Anschluss wird der Arbeitsmarkt in Segmente eingeteilt, da eine differenzierte Betrachtung einzelner Arbeitsmarktteile sinnvoll ist, um später konkrete Aussagen über die Auswirkungen der Globalisierung auf die verschiedenen Segmente treffen zu können. Folglich werden dadurch mögliche Handlungsoptionen für die jeweiligen Gruppen am Arbeitsmarkt aufgezeigt. Abschließend sollen die langfristigen Trends und die aktuelle Entwicklung am deutschen Arbeitsmarkt dargestellt werden.

Kapitel 5 beinhaltet Untersuchungen zur Lohndifferenzierung. Zunächst soll eine kurze Skizzierung zur Lohnentwicklung und Lohnspreizung in Deutschland vorgenommen werden um die Beschäftigungssituation einzelner Segmente später beurteilen zu können. Im Anschluss daran soll der Niedriglohnsektor charakterisiert und einer sozialethischen Betrachtung unterzogen werden. Der Ruf nach „gerechten Löhnen“ findet besonders in Zeiten von hoher Arbeitslosigkeit und Lohndumping ein breites Gehör. Folglich wird in diesem Abschnitt die Faktoren, welche sich auf die Lohnbildung auswirken, eingegangen und auf mögliche Schwächen bzw. Instabilitäten von optimalen oder „gerechten Löhnen“ hingewiesen. Zum Abschluss dieses Kapitels wird eine makroökonomische Bewertung von Löhnen herausgearbeitet.

Die Auswirkungen einer möglichen Lockerung des Kündigungsschutzes sollen im Zentrum der Betrachtungen des sechsten Kapitels stehen. Zu Beginn dieses Abschnittes wird der Kündigungsschutz als Markteintritts- und Marktaustrittsschranke im Kontext von steigender Deregulierung anderer Märkte, wie z. B. Telekommunikation oder Energie, eingeordnet. Nachdem das deutsche Kündigungsschutzrecht anschließend kurz charakterisiert wurde, sollen die ökonomischen Folgen sowie die Bedeutung des gesetzlichen Kündigungsschutzes für das Beschäftigungsniveau untersucht und Handlungsoptionen aufgezeigt werden.

Das siebte Kapitel befasst sich mit dem Working Tax Credit, einer Strategie gegen Arbeitslosigkeit und Armut in Großbritannien. Nach einer kurzen Schilderung der politischen und wirtschaftlichen Ausgangslage von 1997 werden die einzelnen Reforminstrumente vorgestellt und hinsichtlich ihrer Auswirkung auf das Beschäftigungsniveau und den Wohlstand kritisch bewertet. Im Schlussteil dieses Kapitels wird geprüft, ob die britischen Reformen auch in Deutschland den gewünschten Erfolg nach sich ziehen können oder ob ggf. diese Reformen in abgeänderter Form bereits heute existieren.

Der Schlussabschnitt wird ein kurzes Fazit der Erkenntnisse der Diplomarbeit ziehen und Auskunft darüber geben, ob die gestellten Leitfragen mit Hilfe theoretischer Modelle und empirischer Daten beantwortet werden konnten und welche Differenzen ggf. dabei auftraten. Ferner soll zusammengefasst beantwortet werden, ob die einzelnen Reforminstrumente, wie z. B. Kombilohn, Mindestlohn oder Lockerung des Kündschutzes, zu der gewünschten Verbesserung der Lage am Arbeitsmarkt, besonders für gering Qualifizierte, führen können. Anschließend wird ein prägnanter Ausblick auf die zukünftige Entwicklung hinsichtlich dieser Problematik gegeben.

2. Die Globalisierung

2.1 Zum Begriff der Globalisierung

Das Modewort Globalisierung ist zu Beginn des 21. Jh. nicht mehr aus der öffentlichen Kontroverse und dem akademischen Alltagsleben vieler Fachrichtungen wegzudenken. Der Begriff ist in Talkshows, den täglichen Nachrichten, in der Presse und sogar bei Familiengesprächen allgegenwärtig[3] und überwiegend mit einem negativen Image behaftet.[4] Diese undifferenzierte und pessimistische Sichtweise ist unangebracht, da den Ängsten ebenfalls eine große Anzahl von Chancen gegenübersteht. Die exakte Definition der Globalisierung ist relativ schwierig und somit können die Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft nur selten objektiv beurteilt werden. Um die Folgen der Globalisierung wissenschaftlich exakt ableiten zu können, soll zunächst ein akademischer Diskurs dieses Begriffes durchgeführt werden. Anschließend wird eine prägnante Beschreibung des Modewortes Globalisierung erfolgen, um ein grundlegendes Verständnis für diesen gesamten Prozess zu schaffen.

2.1.1 Verschiedene wissenschaftliche Definitionen – eine einheitliche Aussage?

Eine der kürzesten und einfachsten Definitionen der Globalisierung stammt von Anne Krueger, die als stellvertretende Generaldirektorin für den Internationalen Währungsfonds arbeitet. Sie beschrieb das kontroverse Moderwort der ökonomischen Globalisierung wie folgt:

„a phenomenon by which economic agents in any given part of the world are much more affected by events elsewhere in the world’s before“[5]

Nach ihrer Auffassung stehen die wirtschaftlichen Akteure aus allen Teilen der Welt in einem engeren Beziehungsgeflecht zueinander und sind durch Ereignisse, die auf der ganzen Welt passieren, beeinflussbarer als je zuvor. Diese Definition hat neben ihrem Vorteil, dass sie relativ einfach und kurz gehalten ist, ebenfalls einen entscheidenden Nachteil. Sie ist zu undifferenziert und betrachtet lediglich den ökonomischen Aspekt: das Beziehungsgeflecht der wirtschaftlichen Akteure.

Eine ähnliche Begriffserklärung, jedoch soziologischer behaftet, stammt von Anthony Giddens, der die Professur für Soziologie an der Cambridge University innehielt und bis 2003 Direktor der London School of Economic and Political Science war. Giddens war zudem Berater des britischen Premierministers Tony Blair und wurde durch seinen „Dritten Weg“ zwischen liberalen Kapitalismus und Sozialismus bekannt.[6] Er definiert Globalisierung mit den folgenden Worten:

„ (…) the intensification of worldwide social relations which link distant localities in such a way that local happenings are shaped by events occurring many miles away and vice versa”[7]

Auch bei Giddens steht die weltweit steigende Intensivierung, diesmal der sozialen Beziehungen, und die gegenseitige Beeinflussung lokaler Ereignisse durch weit entfernte Vorfälle im Zentrum seiner Definition. Jedoch hat auch diese Definition eine Schwäche: Sie ist lediglich auf soziale Beziehungen beschränkt.

Einen Schritt weiter als Giddens geht der deutsche Soziologe Ulrich Beck mit seiner Begriffsdefinition unter der weiteren Verwendung der Begriffe Globalität und Globalismus. Für ihn hat der Ausdruck Globalisierung zwei Ausprägungen. Zunächst beinhaltet er die angloamerikanische Debatte und zum anderen beschäftigt er sich mit der verspäteten Globalisierungsdebatte in Deutschland mit ihrer zum Teil verkürzten wirtschaftlichen Sichtweise und der Fokussierung auf die zwingenden Auswirkungen der Globalisierung für die Souveränität des Nationalstaates.[8] Globalisierung ist für Beck:

„ (…) die Prozesse, in deren Folge die Nationalstaaten und ihre Souveränität durch transnationale Akteure, ihre Machtchancen, Orientierungen, Identitäten und Netzwerke unterlaufen und querverbunden werden“[9]

Globalität kann ferner als das Leben in einer Weltgesellschaft verstanden werden, in der die Vorstellung präsent ist, dass geschlossene Räume nur noch fiktiv vorhanden sind. Soziale Beziehungen werden in einer entstehenden globalen (Zivil-) Gesellschaft zunehmend außerhalb nationalstaatlicher Politik organisiert. Des Weiteren charakterisiert Beck Globalität als verschiedene Formen „weltgesellschaftlicher“ Vernetzung:

1. geographische Ausdehnung und zunehmende Interaktionsdichte des internationalen Handelns, die globale Vernetzung der Finanzmärkte,
2. informations- und kommunikationstechnologische Dauerrevolution,
3. universal durchgesetzte Ansprüche auf Menschenrechte,
4. Bilderströme der globalen Kulturindustrie,
5. postinternationale, polyzentrische Weltpolitik,
6. Fragen der globalen Armut
7. Fragen der globalen Umweltzerstörungen und
8. Fragen transkultureller Konflikte im lokalen Kontext.[10]

Die bisherige Differenzierung und Definition der beiden Begriffe Globalisierung und Globalität bei Beck beschreibt den Prozess der Globalisierung in mehreren Dimensionen, macht ihn verständlicher, jedoch auch komplizierter als die vorherigen Definitionen von Giddens und Krueger. In der Summe sind die Definitionen von Beck, trotz der schwierigeren Verständlichkeit, den vorhergehenden Definitionen aufgrund ihrer Vielfalt überlegen. Zudem unterscheidet er neben Globalisierung und Globalität noch Globalismus. Dieser bezeichnet:

„(…) die Auffassung, dass der Weltmarkt politisches Handeln verdrängt oder ersetzt, d. h. die Ideologie der Weltmarktherrschaft, die Idee des Neoliberalismus“[11]

Diese Definition steht im Einklang mit der Aussage von Brink Lindsey, dass die steigende Integrierung der Märkte, die Verminderung des staatlichen Einflusses im Hinblick auf die Beschränkung von Güter-, Kapital- und Dienstleistungsflüssen und die Ausdehnung der marktorientierten Politik die (liberale) Globalisierung im 20. und 21. Jh. kennzeichnen.[12] Werden zudem Becks Definitionen von Globalisierung, Globalität und Globalismus zusammen im Kontext betrachtet, so entsteht eine äußerst metaphorische, umfangreiche und klar abgegrenzte Definition des Ausdrucks der Globalisierung mit Hilfe der Begriffe der Globalität und des Globalismus.

Es ist festzustellen, dass es beim abgegrenzten wissenschaftlichen Diskurs über den Begriff Globalisierung keine einheitliche Definition gibt, was u. a. an der großen Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Definitionen liegt. Eine gewisse Schnittmenge ist zwar bei der Mehrzahl der Begriffsbestimmungen zu erkennen, die näheren Spezifikationen waren jedoch sehr vielfältig. Diese Offenheit gibt der Globalisierungsdebatte die Möglichkeit, kritisch darüber zu denken, zu diskutieren sowie nach neuen Feldern zu forschen.[13]

2.1.2 Was ist Globalisierung?

Die Globalisierung ist ein Begriff der Gegenwartsdiagnose und beschreibt die rasanten Veränderungen, denen die Welt v. a. seit dem Zusammenbruch des Sozialismus und Kommunismus 1989 ausgesetzt ist.[14] Der Begriff wurde in den 60er Jahren in den USA geprägt[15] und anschließend verstärkt in der betriebswirtschaftlichen Marketingliteratur der 90er Jahre verwendet.[16] Bevor sich dieser Begriff zum Modewort entwickelte, wurde generell von Internationalisierung gesprochen.[17] Die Globalisierung ist des Weiteren nicht als statischer Zustand, sondern als dynamischer (Makro-) Prozess gekennzeichnet, indem es zu einer weltweiten Öffnung und Verschmelzung von verschiedenen Märkten kommt. Dadurch wird ein Auflösen geschlossener nationaler Ökonomien gefördert, und der wirtschaftspolitische Einfluss auf Nationalstaaten sinkt.[18]

Die Öffnung von nationalen Volkswirtschaften ist lediglich ein Teil dieses dynamischen Prozesses. Die internationale Verflechtung findet zudem auf politischer, gesellschaftlicher und kultureller Ebene statt.[19] Als Beispiele für die politische Verflechtung können die verschiedenen Demokratisierungswellen weltweit betrachtet werden. Samuel Huntington erarbeitete einen Zyklus dreier Wellen der Demokratisierung. Die erste Welle beginnt bei den Amerikanischen Unabhängigkeitskriegen und der Französischen Revolution und endet in der Durchsetzung der Volkssouveränität im westlichen Europa, in europäischen Siedlerkolonien wie Australien oder Kanada, sowie in Teilen Südamerikas. Die zweite Welle erstreckt sich von 1943 bis 1962 mit der Demokratisierung der Kriegsverlierer, (West-) Deutschland, Österreich und Italien, durch die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges. Die zweite Demokratisierungswelle verstärkte sich im Zuge der Entkolonialisierung. Es schlossen sich Länder wie Indien, die Philippinen, Jamaika und Nigeria an. Der Zusammenbruch der mediterranen Diktaturen Mitte der 70er Jahre bildete den Startschuss für Huntingtons dritte Welle. Diese setzte sich in den 80er Jahren in Lateinamerika, einigen Ländern Afrikas und Asiens fort, und fand ihren vorläufigen Höhepunkt in den demokratischen Umbrüchen in Mittel- und Osteuropa von 1989/1990.[20] Eine weiteres Beispiel der politische Verflechtung ist in der Erweiterung sowie Vertiefung der EU seit der Gründung der EWG 1957 zu sehen.

Die kulturelle Vernetzung und Verschmelzung fördert, neben der Migration, die gesellschaftliche Verflechtung der Kontinente. Eine Hauptrolle spielt dabei die Film- und Literaturindustrie, die zunehmend für einen globalen Markt entwickelt und in die jeweilige Landessprache übersetzt. Sie kann somit als Indiz für die steigende kulturelle Vernetzung weltweit betrachtet werden. In diesem Zusammenhang wird häufig von einer einheitlichen globalen Kultur gesprochen.[21] Die Impulse auf diesem Gebiet entspringen im großen Umfang den Vereinigten Staaten von Amerika. Ob es sich dabei um eine „Amerikanisierung“ oder eine „Verwestlichung“[22] der globalen Kultur handelt, ist nicht eindeutig zu festzustellen. Für eine „Amerikanisierung“ würde der Machtanstieg amerikanischer Massenmedien sprechen, die durch Musik, Informationen und v. a. Werbung die globale Kultur nach amerikanischen Ideal entscheidend prägen. Jedoch sind die Vereinigten Staaten ein multikulturelles Einwanderungsland, dessen Kultur erst von dessen Einwanderern geprägt wurde. Ob dieses amerikanische Ideal als westliches angesehen wird, hängt vom Standpunkt des Betrachters ab.[23]

Durch die Globalisierung wird das wirtschaftliche Beziehungsgeflecht signifikant größer und engmaschiger. Das Volumen und die Frequenz der internationalen Arbeitsteilung steigen exponentiell an.[24] Für den Ökonomen ist dies ein Meilenstein auf dem Weg zum Idealbild der vollkommenen Konkurrenz der Neoklassik.[25] Die Transparenz gilt bei einer erfolgreich gestalteten Globalisierung annähernd als vollkommen, da Kosten für Transport, Kommunikation und Information gegen Null konvergieren und Anbieter sowie Nachfrager somit, zumindest theoretisch, unendlich schnell aufeinander reagieren können.[26]

Aufgrund der technischen Gegebenheiten spricht der Medienwissenschaftler Marshall McLuhan im Zusammenhang mit der Globalisierung vom „global village“. An den Ereignissen auf dem Tiananmen Square in Peking, dem Fall der Berliner Mauer oder den Terroranschläge vom 11. September 2001 war die Weltöffentlichkeit in der Lage, live via Fernsehübertragung teilzunehmen.[27] Somit kann die weite Welt als ein Dorf bezeichnet werden, da die Menschen an Ereignissen in den verschiedensten Orten teilhaben können.

Die Gleichzeitigkeit von Homogenisierung und Heterogenisierung stellt für Roland Robertson eine simultane „Universalisierung des Partikularen und Partikularisierung des Universalen“ dar. Zudem entwickelte er den Begriff der „Glokalisierung“ um zu zeigen, dass globale Tendenzen und Trends stets auch lokal wirksam werden und jeweils einer speziellen Aneignung bedürfen. Die Resultate der kulturellen Revolution werden als „Hybridisierung“ bezeichnet. Das heißt, es findet eine Vermischung kreativ angeeigneter neuer globaler Kulturelemente mit bereits vorhandenem Wissen statt. Somit gelten besonders Massenmedien, Fernreisen und global nachgefragte Konsumgüter als die bedeutendsten Mechanismen der „Glokalisierung“.[28]

Nach der Auffassung von Lester Thurow durchläuft die Welt gegenwärtig drei Revolutionen gleichzeitig, welche das Tempo und die Richtung der Globalisierung vorgeben. Zum einen ist festzustellen, dass industrielle Ökonomien durch wissensgestützte Volkswirtschaften substituiert werden. Die auf natürlichen Ressourcen basierende Epoche wird somit durch eine wissensgestützte Ära ersetzt. Fertigkeiten und Ausbildung, kurz Humankapital, und F&E sind zu den entscheidenden Erfolgsfaktoren einer Volkswirtschaft aufgestiegen. Die Bedeutung von Bodenschätzen für Länder, die sie besitzen, ist zwar, betrachtet man Russland oder die Erdöl fördernden Staaten am persischen Golf, nicht signifikant gesunken, jedoch haben nun zunehmend Länder eine Chance auf starkes wirtschaftliches Wachstum, die über keine relevanten Bodenschätze verfügen. Zum anderen wird erkennbar, dass eine globale Ökonomie, getragen von multi- und transnationalen Unternehmen, die traditionellen nationalen Volkswirtschaften ablösen. Des Weiteren lässt ein großer Teil der Welt sein kommunistisches Erbe hinter sich und orientiert sich am Kapitalismus. Der Kommunismus ist weltweit gescheitert. China ist offiziell noch kommunistisch, jedoch trägt die Wirtschaft zunehmend marktwirtschaftliche Züge. Die Folge ist ein atemberaubendes Wirtschaftswachstum mit Wohlstandsanstieg für breite Bevölkerungsschichten.[29] Die Einführung des Schutzes des Privateigentums im Jahr 2007 durch den Volkskongress in China brachte ein weiteres wichtiges Element des Kommunismus zu Fall.[30] In Russland implodierte der Kommunismus und in Osteuropa wurde er friedlich umgestürzt.[31] Einzig Kuba bildet eine kommunistische Insel im kapitalistischen Ozean, wobei die kommunistische Stabilität dieses Landes nach den gesundheitlichen Problemen Fidel Castros in Frage gestellt werden muss. Ein interessanter Trend ist in bereits existierenden kapitalistischen Ländern festzustellen. Hier kommt es verstärkt zu Deregulierungen von ganzen Wirtschaftssektoren und Privatisierungen von ehemaligen Staatsbetrieben. Während in den USA eine Welle der Deregulierung über die Märkte für Verkehr, Kommunikation, Strom und Finanzen schwappte, galten in Deutschland die Privatisierung von Deutscher Telekom, Deutscher Post und Deutsche Bahn als Beispiel für diesen Trend.[32]

Somit wird deutlich, dass die häufigen Anschuldigungen der Gobalisierungsgegner, welche behaupten die Globalisierung wäre an vielen Missständen der Welt schuld, nicht berechtigt sind. Entscheidend für die gegenwärtige Entwicklung und die daraus resultierenden Folgen sind die drei beschriebenen Revolutionen. Die Globalisierung ist lediglich eine Wirkung, keine Ursache. Sie leitet sich aus den Resultaten der technischen und politischen Revolutionen ab und kann folglich als „derivative“ Revolution bezeichnet werden.[33]

2.2. Geschichte der Globalisierung

2.2.1 Beginn und Periodisierung

Die Bestimmung des Beginns der Globalisierung ist ein schwieriges Unterfangen und wird unter Wissenschaftlern kontrovers diskutiert. Werden ein funktionierender Weltmarkt, freier Handel und ungehinderter Kapitalverkehr, Migrationsbewegungen, multinationale Unternehmen, internationale Arbeitsteilung und ein funktionierendes internationales Währungssystem als Kriterien für die Globalisierung vorausgesetzt, so lässt sich argumentieren, dass diese Gegebenheiten schon in der zweiten Hälfte des 19. Jh. zu finden waren.[34] Werden zudem weitere Dimensionen betrachtet, wie Dauer und Frequenz solcher Aktionen, so hängt der Beginn der Globalisierung von diesen Dimensionen ab. Da diese vom Standpunkt des Betrachters abhängen, gestaltet sich die Suche nach einem einheitlichen Beginn der Globalisierung als äußerst schwierig.[35]

Ein weiteres Problem bei der Erstellung eines geschichtlichen Abrisses stellt sich bei der Einteilung in Perioden. Häufig werden als Ursachen für neue Epochen welthistorische Ereignisse herangezogen. Die markantesten Jahreszahlen der politischen und militärischen Geschichte bilden die Französische Revolution von 1789, der Beginn des Ersten Weltkrieges 1914, das Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 und der Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die folgende Aufteilung der Globalisierungsgeschichte wird sich somit an den historischen Jahreszahlen anlehnen. Da jedoch die Globalisierung von verschiedenen Faktoren, u. a. Ökonomie, Technik, staatliche Organisationen oder Kultur, abhängen, ist es schwierig, klare Trennlinien bei der Einteilung in Perioden zu finden.

2.2.2 Vorgeschichte der Globalisierung

Die Globalisierung ist kein völlig neues Phänomen. Geschlossene Volkswirtschaften gab es selten in der Geschichte. Schon bei den alten Griechen und im Römischen Reich wurde mit Gewürzen, orientalischen Stoffen, Gold, Silber und Edelsteinen gehandelt, sofern es die geographische sowie politische Lage und die technischen Voraussetzungen zuließen.[36]

Als einen neuen Globalisierungsanlauf kann das Zeitalter der europäischen Expansion gesehen werden. Nach der Entdeckung Amerikas 1492 sowie des direkten Seeweges nach Indien und China 1498 verbanden die großen Seenationen Europas, Spanien und Portugal, die Kontinente Afrika, Asien, Amerika und Europa.[37] Somit entwickelten sich multilaterale Interdependenzen und erste Handelsbeziehungen, welche häufig von einseitiger Natur geprägt waren.[38] Zudem wurde durch die Erfindungen von Schießpulver und Buchdruck das internationale Staatengefüge und die internationalen (Handels-) Beziehen beeinflusst. So waren alle großen Imperien des 16. Jh. „gunpowder empires“. Der wachsende Informationsbestand der europäischen Wissensgesellschaft konnte zudem durch den Buchdruck so weit verbreitet werden, wie europäische Schiffe segeln konnten. Somit waren die europäischen Seenationen in der Lage, ihre Vormachtstellung in der Welt ausbauen. Folglich schufen die Revolutionen von Militär- und Kommunikationstechnologie neue Möglichkeiten zur Verbreiterung und Vertiefung neuer Interaktionsräume.[39]

Die zweite Hälfte des 18. Jh. wird von Historikern als „Doppelrevolution“ bezeichnet, die als Beginn der „modernen Welt“ angesehen werden kann, weil zum einen die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1774 sowie die Französische Revolution von 1789 eine neue politische Epoche einläutete und zum anderen die Industrielle Revolution, die etwa 1760 von England ausging und Vorstöße in der Wirtschaft in völlig neue Dimensionen ermöglichte. Die Industrielle Revolution sowie die politische Umgestaltung war ein Prozess, der sich langsam entfaltete. Der Zustand der internationalen Wirtschaftsbeziehungen wurde durch die Industrielle Revolution nicht plötzlich verändert, sondern breitete sich langsam und unstetig von England über die Welt aus.[40]

Die Dampfkraft revolutionierte die Produktion und den Transport. Mit Hilfe der Dampfkraft konnte eine wachsende Menge von Gütern zu geringeren Preisen als je zuvor hergestellt (Massenproduktion) und durch Dampflokomotive oder Dampfschiff in weit entfernte Regionen transportiert werden.[41] Die Erfindung der Telegraphie 1839 durch Samuel Morse, die ebenfalls als das „Internet des viktorianischen Zeitalters“ bezeichnet wird, sollte den größten Globalisierungsschub Mitte des 19. Jh. auslösen. Durch diese technische Erneuerung war es möglich geworden, Nachrichten in alle Kontinente zu schicken. Des Weiteren gründete Julius Reuter 1851 in London ein Korrespondenznetz auf, das alle Kontinente miteinander verband und heute für viele Börsen weltweit als unverzichtbar gilt. Zudem erhöhte sich durch diese Neuerungen die Übermittlungsgeschwindigkeit von Nachrichten zwischen Europa und Amerika um den Faktor 10.000. Diese Verbesserung der Übertragungsgeschwindigkeit von Informationen wirkte sich auf den Warentransport und v. a. auf das Geschehen auf den Finanzmärkten aus.[42] Die neoklassische Annahme vollständiger Informationen aller Marktteilnehmer rückte somit ein Stück näher.

Während heute vom Niedergang des Nationalstaates geredet wird, war damals nur ein homogener, gut durchorganisierter und wehrhafter Nationalstaat in der Lage von den Chancen der neuen Voraussetzungen zu profitieren. Zu ihm gab es keine Alternative, wie der steile Aufstieg des Deutschen Reiches nach der Gründung 1871 belegt. Verkehrs- und Kommunikationsinfrastrukturen waren zwar zum großen Teil privat finanziert, der grenzüberschreitende Bahn-, Post- und Telegraphenverkehr konnte jedoch nur funktionieren, wenn sich die beteiligten Regierungen über die Modalitäten sowie über die technischen Standards einigen konnten.[43] Die Welt besaß ferner im ausgehenden 19. Jh. ein schwaches Gravitationszentrum (England) und war überwiegend polyzentrisch geprägt.

2.2.3 Erste Welle der Globalisierung: „Das Goldene Zeitalter“ (1871-1914)

Bereits nach den deutschen Einigungskriegen (1862-1870) verdichteten sich globale Handelsbeziehungen, Kapital- und Migrationsbewegungen. Fast alle Länder und Kolonien beteiligten sich am internationalen Handel und Kapitalverkehr[44]. Zum ersten Mal in der Geschichte der Weltwirtschaft begann sich die Theorie der Spezialisierung auf komparative Kostenvorteile[45] und internationale Arbeitsteilung annähernd durchzusetzen.[46] Im Jahr 1900 war die Welt stärker globalisiert als zur Jahrtausendwende, dies behauptet zumindest Lester Thurow.[47] Ein Beleg dafür ist, dass der Welthandel zwischen 1800 und 1913 um das 25-fache anwuchs und sein Anteil an der Warenproduktion sich damit auf dem Niveau von 1990 befand. Damit war das Wachstum des Welthandels signifikant größer als das der Warenproduktion.[48]

Bis zu dieser Epoche gab es kaum ein Konkurrenzverhältnis zwischen importierten und heimischen Produkten und somit auch keine handelsbedingte grundlegende Änderung der Produktionsstruktur eines jeweiligen Landes. Während sich im ausgehenden 19. Jh. Kontinentaleuropa, Großbritannien und die USA vordergründig auf die Herstellung von kapitalintensiven Industrieprodukten spezialisierten, wurden Rohstoffe und landwirtschaftliche Erzeugnisse hauptsächlich aus Kolonialländern geliefert, welche die Faktoren Boden und Arbeitskraft in erhöhten Maße nutzten. Die internationale Arbeitsteilung fand überwiegend zwischen Industriestaaten und Rohstoffe liefernden Kolonien statt.[49]

Diese sich abzeichnende unterschiedliche Spezialisierung der einzelnen Staaten der Erde spiegelte sich ebenfalls bei der Betrachtung des Pro-Kopf-Einkommen wider. So lag dieses im Jahre 1913 in den USA bei 5.300 $, in Westeuropa bei 3.500 $, Japan bei 1.400 $, im restlichen Asien bei lediglich 640 $ und in Afrika bei 585 $.[50] Damit vergrößerte sich der Abstand beim Pro-Kopf-Einkommen der reichsten zu den ärmsten Ländern. Das Verhältnis stieg von 3:1 im Jahre 1820 auf 10:1 im Jahre 1913 an, was eine steigende Umverteilung dokumentiert.[51]

Es zeigten sich im ausgehenden 19. Jh. bereits erste Tendenzen zur Eindämmung und zur nationalen Steuerung der Globalisierung, gefordert hauptsächlich von Interessengruppen oder den Verlieren des freien Handels. So waren z. B. kanadische Einwanderer der ersten Stunde gegen den Zuzug weiterer ungelernter Arbeitskräfte. Folglich kehrten die meisten Staaten nach 1878 zum Protektionismus zurück, wobei die Vereinigten Staaten diesen bis dato nie aufgaben und Großbritannien ihn nie einführte. Des Weiteren gab es erste Beschränkungen bei der Einwanderung und Rassismus breitete sich aus. Somit stiegen mit wachsendem wirtschaftlichen Verflechtungsgrad ebenfalls die Reaktionen auf die Globalisierung. Der moderne Interventionsstaat griff mit Hilfe von Zoll- und Sozialpolitik aktiv ein, um die Globalisierung nach nationalen Interessen zu leiten.[52]

2.2.4 „Fordistische Pause“ (1914-1945) oder wirtschaftliche Deglobalisierung?

Der Erste Weltkrieg beendete die europäische Vormachtstellung in der Weltwirtschaft und unterbrach zudem die erste große Phase der weltwirtschaftlichen Kooperation.[53] Es kam zu einer steigenden Desintegration, für die Williamson den Begriff der „Deglobalisierungs-Implosion“ in den wissenschaftlichen Diskurs einbrachte.[54] Die Regierungen, besonders in Europa, flüchteten sich in Protektionismus und politischen sowie wirtschaftlichen Isolationismus. Die totalitären Regime etablierten später eine autarke Kriegswirtschaft, die keine wirtschaftlichen Dependenzen zuließ. Somit sank die internationale wirtschaftliche Kooperation deutlich unter das Niveau von 1913.

Des Weiteren plagten Strukturprobleme die Wirtschaft in dieser Zeit. Überkapazitäten in der Schwerindustrie, eine Ursache der Produktionsumstellung, sowie Produktionsausweitung während des Krieges waren zu beobachten und in der Landwirtschaft kam es aufgrund von Mechanisierung, Ausweitung der Anbaufläche und Einsatz von Dünger Mitte der 20er Jahre zu Überproduktionen. Wiederaufbaulasten und Kriegsschulden belasteten die europäische Wirtschaft. Die Vereinigten Staaten hingegen wurden wichtigster Gläubigerstaat nach dem Ersten Weltkrieg und schützten ihre Märkte durch besonders hohe Zölle. Folglich wurde es für Schuldnerstaaten schwer, die Kredite zurückzuzahlen.[55]

Die Auswirkungen der Hyperinflation von 1923 und des Börsenkrachs vom 25. Oktober 1929 lösten die Weltwirtschaftskrise 1929 aus. Dies zeigte jedoch auch, dass die Güter- und Kapitalmärkte nach dem Ersten Weltkrieg weiter in einem engen globalen Systemzusammenhang standen. Des Weiteren war ein Trend des wirtschaftlichen Abschwungs erkennbar, hervorgerufen durch ein Sinken der Produktion und ein noch stärkeres Fallen des Handels während des Ersten Weltkrieges und der Kriegszwischenzeit.[56]

Folglich befand sich der Anteil der Exporte 1950 mit 5 Prozent am Gesamtumfang der Weltwirtschaft lediglich auf dem Level von 1870, am Ausgangspunkt der ersten Globalisierungswelle.[57] Auf den internationalen Finanzmärkten zeigte sich ein ähnliches Bild. So lag der Kapitalanteil am Welteinkommen mit 4 Prozent ebenfalls unter dem Niveau von 1870. Zudem stieg in dieser Periode der Anteil der Weltbevölkerung, der in Armut lebte, um 25 Prozent an. Somit waren deutliche Wohlfahrtsverluste zu verzeichnen und es erhöhten sich die sozialen Ungleichheiten.[58] Zusammenfassend wird in dieser Epoche der Welkriege deutlich, dass sämtliche positive Auswirkungen des florierenden globalen Welthandels vor 1914 zunichte gemacht wurden.

2.2.5 Zweite Globalisierungswelle: Liberalisierung nach 1945

Das Scheitern des globalen Krisenmanagements vor 1945 spielte eine entscheidende Rolle für die wirtschaftliche Nachkriegsplanung der Alliierten. Auf der Konferenz von Bretton Woods in New Hampshire (USA) wurden 1944 die Grundlagen für die Durchsetzung einer neuen, offenen und multilateralen Wirtschaftsordnung geschaffen.[59] Bei den Verhandlungen kam es zur Kontroverse zwischen Harry Dexter White und John Maynhard Keynes. Während White, engster Mitarbeiter des US-Schatzmeisters Henry Morgenthaus, -weit über eine neue Währungsordnung hinaus- die Voraussetzung für eine globale Marktwirtschaft schaffen wollte, setzte sich Keynes für den Erhalt autonomer nationaler Spielräume ein und wollte somit die Errungenschaften Vollbeschäftigung und „welfare state“[60] nicht aufgeben. Ziel war es zu verhindern, dass wirtschaftliche Probleme in erster Linie unilateral gelöst werden, da die Zwischenkriegszeit dafür ein schlechtes Beispiel war. Zudem sollten internationale Kooperationen eine erneute globale Wirtschaftskrise verhindern und gleichzeitig an einer Politik der Vollbeschäftigung festhalten.[61]

Der Geist von Bretton Woods und damit der „American Way of Business“ konnte sich zunächst jedoch nur langsam durchsetzen.[62] Schließlich waren die ausgehandelten Grundprinzipien, feste Wechselkurse, freier Waren- und Kapitalverkehr und nationale wirtschaftspolitische Handlungsfreiheit, zusammen zu widersprüchlich in sich.[63] Letztendlich sollten fixe, an den $ gebundene, Wechselkurse für die Stabilität des internationalen Finanzsystems sorgen. Als Organisationen hierfür wurden der IWF, der die Währungsstabilität sichern soll, und die Weltbank, die für die Kreditvergaben an Entwicklungs- und Schwellenländer zuständig ist, geschaffen.[64] Ungefähr 50 Jahre nach Ratifizierung der Articles of Agreement erweiterte sich die Gruppe der ursprünglich 29 unterzeichnenden Mitglieder des IWF auf 184 Länder und die anfänglich 38 Mitgliedsstaaten der Weltbank wuchsen auf über 180 Länder. Mit insgesamt 600 Mrd. $ Einlagen sind IWF und Weltbank nicht, wie andere UN-Organisationen, von notorischer Mittelknappheit betroffen.[65]

Der Marshallplan von 1947 sollte durch eine massive Kreditvergabe den Wiederaufbau und den wirtschaftlichen Aufschwung, besonders Westeuropas, unterstützen. 1948 wurde zudem das GATT in Kraft gesetzt, in dessen Rahmen seitdem die mengenmäßige Handelsbeschränkungen (Kontingente) und die tarifären Handelshemmnisse (Zölle) weitestgehend beseitigt wurden. So sanken u. a. die Importzölle auf Industrieprodukte in Industrieländern von 40 Prozent auf durchschnittlich 5 Prozent.[66]

Die Gründung der EWG im Jahre 1957 stellte einen weiteren wichtigen Schritt zur Intensivierung der Globalisierung, besonders auf dem europäischen Kontinent, dar. Es fand anschließend über Jahrzehnte hinweg eine kontinuierliche Vertiefung der EG statt, deren wirtschaftlich wichtigstes Element die Einführung einer gemeinsamen Währung wurde. Des Weiteren wurde die EU in mehren Runden erfolgreich auf aktuell 27 Mitgliedsstaaten erweitert. Folglich ist erkennbar, dass eine Vertiefung und Erweiterung der EU stattfand und auch in Zukunft weiter stattfinden wird.[67] Somit gilt der Staatenverbund Europas als Vorbild für regionale wirtschaftliche Zusammenschlüsse, wie z. B. den MERCOSUR oder den ASEAN.[68]

Als Resultat der Uruguay-Runde von 1995 wurde das GATT durch die WTO ersetzt. Besonders die EL sehen nun ihre Anliegen bei der WTO besser aufgehoben als früher beim GATT, das eher als Interessengemeinschaft der IL angesehen wurde. Die WTO verbindet 147 Länder mit dem Ziel, durch den Abbau von Handelshemmnissen ein tragfähiges multilaterales Handelssystem zu entwickeln und insbesondere die Fairness gegenüber EL zu gewährleisten.[69] Während zu Beginn lediglich 20 Prozent des Welthandels in das GATT einbezogen wurden, fielen im 21. Jh. über 90 Prozent unter die Regularien der WTO.[70]

Die Weltwirtschaft erholte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, hervorgerufen durch die ergriffenen politischen Maßnahmen. Ein Indiz dafür ist das Wachstum der Weltwirtschaft zwischen 1948 und 1958 um durchschnittlich 5,1 Prozent p. a. und um durchschnittlich 6,6 Prozent p. a. zwischen den Jahren 1958 und 1970. Zudem war ebenfalls ein deutlicheres Ansteigen des Welthandels in den beiden Zeiträumen zu beobachten. So stieg dieser zwischen 1948 und 1958 um 6,2 Prozent und zwischen 1958 und 1970 um durchschnittlich 8,3 Prozent pro Jahr. Damit war das Wachstum des Welthandels erstmals seit 1914 wieder größer als der Anstieg der Warenproduktion. Zudem zeigte die erstmals seit langem wieder negative Handels- und Zahlungsbilanz der USA, dass sich die Wirtschaft Europas in einem Aufholprozess befand und eine gewisse weltwirtschaftliche Normalisierung eintrat.[71]

Somit wird deutlich, dass die Entwicklung der Globalisierung nach dem Zweiten Weltkrieg im hohen Maße durch die Politik geprägt worden war, mit der Absicht, die ehemaligen Kriegsgegner multinational zu binden und einen freien Handel rechtlich durchzusetzen. Zu diesem Zwecke wurden supranationale Organisationen geschaffen. Jedoch ist dabei kritisch zu bemerken, dass die beschriebenen Trends zum einen bis in die 70er Jahre sich weitestgehend auf die OECD-Welt beschränkten. Des Weiteren trafen diese Trends und Entwicklungsszenarien nur auf die westliche Welt zu. Hinter dem Eisernen Vorhang wurde eine Wirtschaftspolitik nach sowjetischem Vorbild betrieben, bei der eine rasche Industrialisierung unter zentral gelenkter Wirtschaft und eine partieller Anbindung an die Weltwirtschaft erfolgen sollte.[72]

2.3 Katalysatoren und Indizien der Globalisierung

Einer Vielzahl der Begriffsdefinitionen war zu entnehmen, dass die Ausweitung, Verdichtung und Beschleunigung weltweiter wirtschaftlicher und sozialer Beziehungen den Globalisierungsprozess kennzeichnen.[73] Wie können diese Beschleunigung und die Intensität der Globalisierung gemessen werden und welche Faktoren können zudem als Beschleuniger bzw. als Katalysator angesehen werden?

Als Treiber der Globalisierung kommen mehrere Aspekte in Frage. Der erste umfasst den freien internationalen Handel mit Waren und Dienstleistungen mit seinen ökonomischen und politischen Auswirkungen. Der zweite Aspekt, kurz- und langfristige Kapitalflüsse, fördert ebenfalls die Intensivierung oder den Grad der Globalisierung. Durch das internationale Finanzsystem können des Weiteren Geldströme in alle freien Länder der Erde transferiert werden. Der dritte Aspekt, der technologische Fortschritt, wird häufig als die entscheidende Voraussetzung und Antriebskraft der Globalisierung angesehen. Durch diesen werden internationaler Handel und internationale Kapitalflüsse, technisch bedingt, ermöglicht. Migrationsströme als vierter Aspekt vertiefen die Globalisierung ebenfalls.

2.3.1 Internationaler Handel

Der Gedanke von den Vorteilen des internationalen Handels auch für die scheinbaren Verlierer dieses Handels stammt von David Ricardo (1772-1823). Seine Theorie der komparativen Kosten besagt, dass internationaler Handel und Arbeitsteilung auch für die Länder vorteilhaft sind, die alle Güter oder Dienstleistungen zu geringeren Kosten als das Ausland produzieren können.[74] Folglich sind für Länder, die am freien Welthandel teilnehmen, positive Wohlfahrtswirkungen zu erwarten.[75] Somit haben alle Staaten der Erde einen Anreiz am freien Welthandel teilzunehmen.

Freier Handel und Demokratie sind in der Geschichte eng miteinander verwurzelt. Dies ist die Basis für den Kapitalismus. Im Kommunismus hingegen, der eng mit diktatorischen Herrschaftssystemen verbunden ist, werden alle außenwirtschaftlichen Güter- und Dienstleistungsflüsse zentral gesteuert. Freier Handel kann in diesem System nicht etabliert werden. Ferner, so schrieb Immanuel Kant in seinem philosophischen Essay „Perpectual Peace“, dass gefestigte Demokratien zwar grundsätzlich gegen andere Staaten Krieg führen könnten, jedoch keinen Grund besitzen, sich untereinander zu bekämpfen.[76] Weiterhin führte der New York Times Kolumnist, Thomas L. Friedman, in „Golden Arches Theory of Conflict Prevention“ an, dass sich noch nie zwei Länder, die McDonalds Restaurants besitzen, im Kriegszustand miteinander befanden. Auch Friedman ist der Meinung, dass sich liberale Demokratien nicht gegenseitig bekämpfen. Diese These wurde zwar teilweise durch den Kosovo Konflikt 1999 widerlegt, als US geführte NATO Truppen Belgrad bombardierten.[77] Jedoch ist an dieser Stelle anzumerken, dass Serbien damals durch Pressezensur und manipulierten Wahlen nicht als reine Demokratie angesehen werden konnte.

Folglich kann dem internationalen Handel im Grossen und Ganzen eine Frieden fördernde Wirkung attestiert werden. So wird durch ein Netz enger wirtschaftlicher Interdependenzen eine gegenseitige Abhängigkeit unter den teilnehmenden Staaten erzeugt, die es erforderlich macht, Konflikte friedlich auszutragen.[78] Als Beispiel hierfür kann die Schaffung eines einheitlichen westeuropäischen Wirtschaftsraumes in den 50er Jahren, der die einstigen Gegner des Zweiten Weltkrieges zunächst wirtschaftlich und später politisch aneinander band, betrachtet werden. Doch nicht überall auf der Welt war die Durchsetzung des freien Handels so scheinbar unproblematisch, wie in Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg. Bedingt wurde die Schaffung des westeuropäischen Wirtschaftsraumes zudem durch den Kalten Krieg und den globalen Kampf von Kommunismus gegen Kapitalismus, der eine gewisse Drohkulisse darstellte, in der es keine sinnvolle Alternative zum gemeinsamen wirtschaftlichen Integration gab.[79]

In den 70er und 80er Jahren übten die Vereinigten Staaten enormen Druck auf mittel- und lateinamerikanische Länder aus, sich dem Weltmarkt zu öffnen. Die Regierung Nixon unterstütze z. B. 1973 den Putsch gegen den gewählten chilenischen Präsidenten, Salvador Allende, der die Nationalisierung ausländischer Bergbaubetriebe gegen Entschädigung forderte.[80] Die lateinamerikanische Schuldenkrise nutzte die Regierung Reagan, wie auch später Bill Clinton die Asienkrise, um die betroffenen Länder zu einer Öffnung ihrer Märkte und zur Aufhebung von Auflagen für ausländische Konzerne zu zwingen. Dies wurde u. a. dadurch erreicht, dass in Zusammenarbeit mit Weltbank und IWF die Vergabe von Krediten an die Öffnung der Märkte in den betroffenen Ländern für ausländische Anbieter und Investoren von Gütern und Dienstleistungen gekoppelt wurde.[81]

Nachdem bisher die Vorteilhaftigkeit, sowie die Frieden fördernde Wirkung des internationalen Handels erläutert wurde, soll nun der Anstieg des Handels im Laufe der zweiten Hälfte des 20 Jh. gezeigt werden um die Steigerung der Intensität der Globalisierung zu verdeutlichen.

Abb. 1: Entwicklung des grenzüberschreitenden Welthandels

(Index: 1950 = 1, in konstanten Preisen, Zuwächsen in Prozent, weltweit von 1950 bis 2004)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: World Trade Organisation: International Trade Statistics 2005, Stand 06.2006, Internet link: http://www.bpb.de/files/NHZBV5.pdf)

In Abb. 1 wird deutlich, dass die Warenproduktion in 50 Jahren knapp auf das achtfache gestiegen ist. Im gleichen Zeitraum wuchs der Warenexport jedoch auf das 27,5-fache des Ausgangswertes von 1950. Der Warenexport stieg somit auf knapp das vierfache der Warenproduktion. Dies verdeutlicht den steilen Anstieg des Welthandels nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine weitere signifikante Dynamik erhielt das Wachstum des Welthandels nach dem Ende des Sozialismus und Kommunismus. So stieg der Warenexport zwischen 1990 und 2000 um 86,7 Prozent an, während sich das Wachstum nach den Anschlägen vom 11. September 2001 etwas verlangsamte. Bisher wurde lediglich der Anstieg des Welthandels insgesamt betrachtet. Um zu erforschen, in wiefern Deutschland im Vergleich zu anderen Staaten im Hinblick auf die Folgen für den Arbeitsmarkt in die Weltwirtschaft integriert ist, kann Abb. 2 betrachtet werden.

Abb. 2: Handelsanteil am BIP

(Summe aus der Anteile von Importen und Exporten am BIP)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: http://pdf.wri.org/navigating_numbers_chapter9.pdf)

Aus Abb. 2 wird ersichtlich, dass Deutschland zu den Staaten neben Kanada und Südkorea gehört, die am engsten in die Weltwirtschaft eingebunden sind. Das deutsche Handelsvolumen erreichte 1990 einen Wert von 50 Prozent des BIP und konnte bis zum Jahre 2003 auf knapp 79 Prozent ausgebaut werden. Die anderen beiden großen Wirtschaftsmächte, die Vereinigten Staaten und Japan, sind hingegen mit ca. 20 Prozent weniger in den internationalen Handel eingebunden. Der durch den Fall des Eisernen Vorhangs verursachte deutliche Handelsanstieg kann bei diesen beiden Ländern nicht beobacht werden. Jedoch ist beim Handelsanteil am BIP zu beachten, dass der Nenner, in diesem Fall das BIP, sich über die Zeit ebenfalls verändert. So sind die Wachstumsraten des Handelsanteils am BIP der verschiedenen Länder differenziert zu betrachten und ggf. zu relativieren.

[...]


[1] Vgl. http://www.netzeitung.de/wirtschaft/wirtschaftspolitik/384404.html, abgerufen am 04.04.2007.

[2] Vgl. Landemann, Oliver: Die Globalisierung: Wachstumsmotor oder Job-Killer?, Freiburg i. Br. 1999, S. 1.

[3] Vgl. Dürrschmidt, Jörg: Globalisierung, 2. Auflage, Bielefeld 2004, S. 5.

[4] Vgl. Bürklin, Wilhelm: Globalisierung als Chance für Wohlstand und Arbeitsplätze, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B48/2000, S. 31.

[5] Zitiert nach Krueger, Anne: Trading Phobias: Governments, NGOs and the Multilateral System, John Bonython Lecture, 10. October 2000, S. 2.

[6] Vgl. Dürrschmidt, Jörg: Globalisierung, 2. Auflage, Bielefeld 2004, S. 14-15.

[7] Zitiert nach: Giddens, Anthony: The Consequences of Modernity, Cambridge 2004, S. 64.

[8] Vgl. Dürrschmidt, Jörg: Globalisierung, 2. Auflage, Bielefeld 2004, S. 15.

[9] Zitiert nach: Beck, Ulrich: Was ist Globalisierung? Irrtümer des Globalismus – Antworten auf Globalisierung, Frankfurt am Main 1997, S. 28 f.

[10] Vgl. Dürrschmidt, Jörg: Globalisierung, 2. Auflage, Bielefeld 2004, S. 16.

[11] Zitiert nach: Beck, Ulrich: Was ist Globalisierung? Irrtümer des Globalismus – Antworten auf Globalisierung, Frankfurt am Main 1997, S. 26.

[12] Vgl. Wolf, Martin: Why Globalization Works, London 2004, S. 14.

[13] Vgl. Dürrschmidt, Jörg: Globalisierung, 2. Auflage, Bielefeld 2004, S. 9.

[14] Vgl. Müller, Klaus: Globalisierung, Frankfurt am Main 2002, S. 7.

[15] Vgl. Wolf, Martin: Why Globalization Works, London 2004, S. 13.

[16] Vgl. Bergsdorf, Wolfgang: Antworten auf die Globalisierung, in: Die politische Meinung, 422 (1/2005), S. 33.

[17] Vgl. Greven, Thomas / Scherrer. Christoph: Globalisierung gestalten. Weltökonomie und soziale Standards, Bonn 2005, S. 15.

[18] Vgl. Bürklin, Wilhelm: Globalisierung als Chance für Wohlstand und Arbeitsplätze, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B48/2000, S. 31.

[19] Vgl. Wolf, Martin: Why Globalization Works, London 2004, S. 19.

[20] Vgl. Müller, Klaus: Globalisierung, Frankfurt am Main 2002, S. 26.

[21] Vgl. Thurow, Lester: Die Zukunft der Weltwirtschaft, Frankfurt am Main 2004, S. 314.

[22] Vgl. Doering-Manteuffel, Anselm: Wie westlich sind die Deutschen? Amerikanisierung und Westernisierung im 20. Jahrhundert, Göttingen 1999, S. 11 f.

[23] Vgl. Dürrschmidt, Jörg: Globalisierung, 2. Auflage, Bielefeld 2004, S. 41.

[24] Vgl. Bürklin, Wilhelm: Globalisierung als Chance für Wohlstand und Arbeitsplätze, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B48/2000, S. 31.

[25] Vgl. Scholl, Claus: Wettbewerbsrecht auf der Grundlage von Wettbewerbstheorie und Wettbewerbspolitik, Chemnitz 2005, S. 11.

[26] Vgl. Wolf, Martin: Why Globalization Works, London 2004, S. 15.

[27] Vgl. Dürrschmidt, Jörg: Globalisierung, 2. Auflage, Bielefeld 2004, S. 39.

[28] Vgl. Osterhammel, Jürgen / Petersson, Niels P.: Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen, 3. Auflage, München 2006, S. 12.

[29] Vgl. Stiglitz, Joseph: Making Globalization Work, London 2006, S. 10.

[30] Vgl. http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,,OID6519358_REF1,00.html, abgerufen am 23.03.2007.

[31] Vgl. Thurow, Lester: Die Zukunft der Weltwirtschaft, Frankfurt am Main 2004, S. 31.

[32] Vgl. ebenda, S. 32.

[33] Vgl. ebenda, S. 37.

[34] Vgl. Osterhammel, Jürgen / Petersson, Niels P.: Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen, 3. Auflage, München 2006, S. 15.

[35] Vgl. ebenda, S. 24.

[36] Vgl. Koopmann, Georg / Franzmeyer, Fritz: Weltwirtschaft und internationale Arbeitsteilung, in: Alexander, Nicole u. a. (Hrsg.): Globalisierung, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 280, Bonn 2003, S. 13.

[37] Vgl. O´Rourke, Kevin: Globalization in Historical Perspective, in: Wagner, Helmut (Hrsg.): Globalization and Unemployment, Heidelberg 2000, S. 40.

[38] Vgl. Bergsdorf, Wolfgang: Antworten auf die Globalisierung, in: Die politische Meinung, 422 (1/2005), S. 34.

[39] Vgl. Osterhammel, Jürgen / Petersson, Niels P.: Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen, 3. Auflage, München 2006, S. 37-39.

[40] Vgl. ebenda, S. 46-51.

[41] Vgl. www.weltpolitik.net/print/1864.html, abgerufen am 30.09.2005.

[42] Vgl. Osterhammel, Jürgen / Petersson, Niels P.: Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen, 3. Auflage, München 2006, S. 54-55.

[43] Vgl. ebenda, S. 67.

[44] Vgl. Greven, Thomas / Scherrer. Christoph: Globalisierung gestalten. Weltökonomie und soziale Standards, Bonn 2005, S. 20.

[45] Vgl. Samuelson, Paul A. / Nordhaus, William D.: Volkswirtschaftslehre. Grundlagen der Makro- und Mikroökonomie, Band 2, 8. Auflage, Köln 1987, S. 636 f.

[46] Vgl. www.weltpolitik.net/print/1864.html, abgerufen am 30.09.2005.

[47] Vgl. Thurow, Lester: Die Zukunft der Weltwirtschaft, Frankfurt am Main 2004, S. 23.

[48] Vgl. Osterhammel, Jürgen / Petersson, Niels P.: Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen, 3. Auflage, München 2006, S. 61.

[49] Vgl. Greven, Thomas / Scherrer. Christoph: Globalisierung gestalten. Weltökonomie und soziale Standards, Bonn 2005, S. 20.

[50] Vgl. Madison, Angus: The World Economy: A Millennial Perspective, Paris 2001, S. 126.

[51] Vgl. Osterhammel, Jürgen / Petersson, Niels P.: Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen, 3. Auflage, München 2006, S. 68.

[52] Vgl. ebenda, S. 69.

[53] Vgl. Abelshauser, Werner: Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945, München 2004, S. 37.

[54] Vgl. Landemann, Oliver: Die Globalisierung: Wachstumsmotor oder Job-Killer?, Freiburg i. Br. 1999, S. 7

[55] Vgl. Osterhammel, Jürgen / Petersson, Niels P.: Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen, 3. Auflage, München 2006, S. 80-81.

[56] Vgl. Koopmann, Georg / Franzmeyer, Fritz: Weltwirtschaft und internationale Arbeitsteilung, in: Alexander, Nicole u. a. (Hrsg.): Globalisierung, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 280, Bonn 2003, S. 15.

[57] Vgl. www.weltpolitik.net/print/1864.html, abgerufen am 30.09.2005.

[58] Vgl. ebenda.

[59] Vgl. Abelshauser, Werner: Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945, München 2004, S. 38.

[60] Vgl. ebenda, S. 38.

[61] Vgl. Osterhammel, Jürgen / Petersson, Niels P.: Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen, 3. Auflage, München 2006, S. 93.

[62] Vgl. Abelshauser, Werner: Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945, München 2004, S. 39.

[63] Vgl. Osterhammel, Jürgen / Petersson, Niels P.: Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen, 3. Auflage, München 2006, S. 96.

[64] Vgl. www.weltpolitik.net/print/1864.html, abgerufen am 30.09.2005.

[65] Vgl. Müller, Klaus: Globalisierung, Frankfurt am Main 2002, S. 88.

[66] Vgl. Koopmann, Georg / Franzmeyer, Fritz: Weltwirtschaft und internationale Arbeitsteilung, in: Alexander, Nicole u. a. (Hrsg.): Globalisierung, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 280, Bonn 2003, S. 15.

[67] Vgl. Däubler, Wolfgang: Die Europäische Union als Wirtschafts- und Sozialgemeinschaft, in: Weidenfeld, Werner (Hrsg.): Die Europäische Union. Politisches System und Politikbereiche, Bonn 2004, S. 273 f.

[68] Vgl. Koopmann, Georg / Franzmeyer, Fritz: Weltwirtschaft und internationale Arbeitsteilung, in: Alexander, Nicole u. a. (Hrsg.): Globalisierung, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 280, Bonn 2003, S. 15.

[69] Vgl. Landemann, Oliver: Die Globalisierung: Wachstumsmotor oder Job-Killer?, Freiburg i. Br. 1999, S. 3.

[70] Vgl. Müller, Klaus: Globalisierung, Frankfurt am Main 2002, S. 88.

[71] Vgl. Osterhammel, Jürgen / Petersson, Niels P.: Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen, 3. Auflage, München 2006, S. 93-95.

[72] Vgl. ebenda, S. 98.

[73] Vgl. Osterhammel, Jürgen / Petersson, Niels P.: Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen, 3. Auflage, München 2006, S. 10.

[74] Vgl. Koopmann, Georg / Franzmeyer, Fritz: Weltwirtschaft und internationale Arbeitsteilung, in: Alexander, Nicole u. a. (Hrsg.): Globalisierung, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 280, Bonn 2003, S. 13.

[75] Vgl. von Auer, Ludwig: Internationale Wirtschaftsbeziehungen, Vorlesungsskript an der TU-Chemnitz 2005, Kapitel 4, S. 25 f.

[76] Vgl. Wolf, Martin: Why Globalization Works, London 2004, S. 33.

[77] Vgl. Schneider, Gerald: War in the Era of Globalization, University of Konstanz 2006, S. 2.

[78] Vgl. Greven, Thomas / Scherrer. Christoph: Globalisierung gestalten. Weltökonomie und soziale Standards, Bonn 2005, S. 32.

[79] Vgl. Weidenfeld, Werner: Europa – aber wo liegt es, in: Weidenfeld, Werner (Hrsg.): Die Europäische Union. Politisches System und Politikbereiche, Bonn 2004, S. 24-26.

[80] Vgl. Greven, Thomas / Scherrer. Christoph: Globalisierung gestalten. Weltökonomie und soziale Standards, Bonn 2005, S. 33.

[81] Vgl. ebenda, S. 33.

Details

Seiten
126
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638780735
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77976
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1,0
Schlagworte
Auswirkungen Globalisierung Arbeitsmarkt

Autor

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Titel: Die Auswirkungen der Globalisierung auf den deutschen Arbeitsmarkt