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Messung von Antisemitismus

Praktikumsbericht / -arbeit 2006 45 Seiten

Psychologie - Religionspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0. Bedingungen von Antisemitismus

2.0. Antisemitismus und Israelkritik

3.0. Konservatismus

4.0. Konservatismus und Ambiguitäts(in)toleranz

5.0. Antisemitismus und Nationalismus/Patriotismus

6.0. Studentische Anmerkungen

Anhang

Literaturangaben

1.0. Bedingungen von Antisemitismus

Ein großer Teil der empirischen Antisemitismusforschung beschäftigt sich mit der Frage nach den Eigenschaften der Menschen, die Vorurteile gegenüber Juden haben. Hierbei haben sich v.a. drei Arten von Variablen als relevant herausgestellt:

1. Religiöse Variablen (vgl. Glock and Stark, 1966; Selznick and Steinberg, 1969; Kersten, 1970; Stark et al., 1971; Roof, 1974; Hoge and Carroll, 1975; MacGréil, 1977/1980; Martire and Clark, 1982; Silbermann, 1982; Weil, 1990; Bergmann and Erb, 1991; Brym and Lenton, 1991);
2. Sozialpsychologische Variablen (vgl. Adorno et al., 1950; Selznick and Steinberg, 1969; Lutterman and Middleton, 1970; Middleton, 1973; Roof, 1974; Hoge and Carroll, 1975);
3. Sozial-Strukturelle Variablen (vgl. Selznick and Steinberg, 1969; Middleton, 1973; Roof, 1974; Hoge and Carroll, 1975; MacGréil, 1977/1980; Panahi, 1980; Martire and Clark, 1982; Silbermann, 1982; Weil, 1985; 1990; Bergmann and Erb, 1991; Brym and Lenton, 1991).

Einige Autoren (z.B. Glock und Stark, 1966) unterscheiden zwischen religiösen Vorurteilen (z.B. Juden als verantwortlich für die Hinrichtung Jesu) und säkularen Vorurteilen (z.B. Juden als geldorientiert, raffgierig oder unmoralisch) gegenüber Juden, andere Autoren tun dies nicht (z.B. Adorno et al., 1950).

Konig, Ruben, Eisinga und Scheepers (2000) etwa stützen sich bei ihrer niederländischen Untersuchung zur Beziehung zwischen christlichem Glauben und Antisemitismus auf die Unterscheidung von Glock und Stark (1966). Zur Erhebung des religiösen bzw. säkularen Antisemitismus verwendeten sie 3 bzw. 7 auf Kersten (1970), Buikhuisen et al. (1976), Selznick und Steinberg (1969), Martire und Clark (1982) u.a. zurückgehende Fünf-Punkte-Items, welche traditionelle antisemitische Einstellungen zum Ausdruck bringen sollen. Eine Faktorenanalyse ergab, dass religiöser und säkularer Antisemitismus als zwei verschiedene, wenn auch hoch miteinander korrelierte Phänomene zu betrachten sind. Um Liekert-Skalen für religiösen und säkularen Antisemitismus zu erhalten wurden die Summen-Scores berechnet. Das Cronbach Alpha für religiösen Antisemitismus lag in dieser Studie (mit einem niederländischen Datensatz aus der Studie Social and Cultural Developments in the Netherlands von 1990/91, n = 700) bei 0.84, für säkularen Antisemitismus bei 0.92.

Folgende Items wurden zur Erhebung des religiösen Antisemitismus verwendet:

The Jews have so much trouble because God punishes them for their rejection of Jesus.

The Jews have so much trouble because they have the wrong faith.

Jews remain responsible for the death of Jesus.

Folgende Items wurden zur Erhebung des säkularen Antisemitismus verwendet:

When you do business with Jews, you have to be extra careful.

Jews have too much power in the financial world.

Jews are often pushy.

Jews are always after money.

Jews often use unfair methods to obtain their goals.

Jews always want to be on top of things.

Jews prefer to associate only with other Jews.

Trotz einiger unterschiedlicher Forschungsergebnisse lassen sich durchaus Aussagen zu den Begleitbedingungen von Antisemitismus machen.

So erweisen sich zwei der religiösen mit Antisemitismus in Verbindung gebrachten Variablen (Kirchenangehörigkeit/Konfession und Orthodoxie/Fundamentalismus) als unabhängig von der Unterscheidung zwischen religiösen und säkularen Formen von Vorurteilen gegenüber Juden.

Hierbei scheinen Menschen, die einer Kirche und konservativeren Konfessionen angehören mehr Vorurteile zu haben als Personen ohne religiöse Zugehörigkeit bzw. Menschen liberalerer Konfessionen. Christen mit orthodoxerem bzw. fundamentalistischerem Glauben tendieren zu mehr Vorurteilen gegenüber Juden als Christen gemäßigten Glaubens (Gorsuch and Aleshire, 1974; Batson and Ventis, 1982; Batson et al., 1993).

Eine dritte religiöse Variable im Zusammenhang mit der Untersuchung von Antisemitismus stellt die Häufigkeit der Kirchenbesuche dar. An dieser Stelle erweist sich die Unterscheidung zwischen religiösem und säkularem Antisemitismus als sinnvoll: Die Beziehung zwischen der Anzahl der Kirchgänge und religiösen Vorurteilen gegenüber Juden scheint linear zu verlaufen, i.S. von mehr Vorurteilen mit steigender Zahl der berichteten Kirchgänge (z.B. Hoge and Carroll, 1975). Die Beziehung zwischen der Häufigkeit der Kirchenbesuche und säkularen Vorurteilen scheint hingegen kurvilinearer Natur zu sein; hierbei zeigen Personen, die nie oder fast nie zur Kirche gehen und Personen, die mindestens einmal pro Woche den Kirchgang antreten weniger Vorurteile gegenüber Juden als Menschen, deren Häufigkeit der Kirchgänge im mittleren Bereich dazwischen liegen (Gorsuch and Aleshire, 1974; Batson and Ventis, 1982; Batson et al., 1993).

Als sozialpsychologische Variablen im Zusammenhang mit Vorurteilen gegenüber Juden konnten Autoritarismus, Anomie und Lokalismus/Lokalpatriotismus ermittelt werden. Hohe Ausprägungen in Autoritarismus, Anomie oder Lokalismus gehen einher mit weitreichenderen antisemitischen Vorurteilen (z.B.Adorno et al., 1950; Lutterman and Middleton, 1970; Roof, 1974), wobei die Differenzierung zwischen religiösen und säkularen Vorurteilen keinen Einfluss zu haben scheint. Auch die alternative Verwendung der Konstrukte Dogmatismus (z.B. Hoge and Carroll, 1975) oder „simplism“ (z.B. Selznick and Steinberg, 1969) anstelle des Autoritarismus bestätigt die gefundene Beziehung der sozialpsychologischen Variablen mit dem Ausmaß an Vorurteilen gegenüber Juden.

Die sozial-strukturellen Variablen im Kontext der Erfassung antisemitischer Vorurteile scheinen die Wohndauer in der gegenwärtigen Nachbarschaft, die politische Orientierung, Alter, Bildungsstand, Geschlecht und sozioökonomische Klassenzugehörigkeit zu sein. Hierbei korrelieren eine lange Wohndauer in ein und derselben Nachbarschaft (z.B. Roof, 1974) wie auch eine rechte politische Orientierung (z.B. Martire and Clark, 1982) positiv mit einer hohen Ausprägung von Vorurteilen gegenüber Juden. Jüngere Menschen weisen weniger Vorurteile auf als ältere (z.B. Martire and Clark, 1982), Personen mit höherem Bildungsstand weisen weniger Vorurteile auf als Personen niedrigeren Bildungstandes (z.B. Weil, 1985; 1990). Bei der Variable Geschlecht ist die empirische Forschungslage uneindeutig; eine Mehrheit von Autoren berichtet von keinen Geschlechterunterschieden (z.B. Martire and Clark 1982), andere Autoren verweisen auf die Tendenz von Männern hin, zu mehr Vorurteilen gegenüber Juden zu neigen (z.B. Middleton, 1973; Bergmann and Erb 1991; Brym and Lenton 1991).

Bis auf die Variable sozioökonomische Zugehörigkeit bleibt auch bei den sozial-strukturellen Variablen kein Einfluss der Differenzierung zwischen religiösen und säkularen Vorurteilen gegenüber Juden zu verzeichnen. Bauern und Arbeiter zeigen mehr säkulare Vorurteile als Angehörige anderer Gesellschaftsschichten (z.B. Selznick and Steinberg 1969). Religiöse Vorurteile gegenüber Juden werden nur von den Bauern berichtet (z.B. Silbermann, 1982).

Bei diesen Forschungsergebnissen bleibt neben dem Alter einiger Studien zu beachten, dass viele Ergebnisse mit US-amerikanischen Stichproben gewonnen wurden, deutlich weniger Resultate stammen aus deutschen, französischen, österreichischen und irischen Untersuchungen. Dies mag die Repräsentativität bzw. Übertragbarkeit der aufgeführten Studien auf alle westlichen Länder einschränken.

Einen interessanten Ansatz zur Messung von Antisemitismus könnten auch die Untersuchungen von Kowner (1997) bieten. In seinen Korrelationsstudien untersucht der Autor Vorurteile bzw. Einstellungen von japanischen Studenten gegenüber Juden, Angehörigen der westlichen Welt, generell Ausländern, Israelis und Arabern. Hierzu bedient er sich einer von Peabody (1987) entlehnten Adjektivliste (ähnlich der Forschung mit dem Semantischen Differential), welche Stereotypen bezüglich der Eigen- und jeweiligen Fremdgruppen erheben soll (insgesamt 57 bipolare Adjektive). Diese Herangehensweise, welche Eigengruppen- und Fremdgruppenbewertung miteinander in Beziehung setzt könnte bei Übertragung auf die Messung von Antisemitismus evtl. Informationsträchtige Differenzierungen zutage fördern.

Im Folgenden sind die von Peabody (1987) verwendeten Adjektivpaare dargestellt:

Peabody Traits

(Peabody, 1987)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auch Petzold (2003) verwendete eine Adjektivliste, um Einstellungen gegenüber Juden mit Einstellungen gegenüber Christen und Moslems zu vergleichen:

Christen Juden Moslems

niemals… …immer niemals… …immer niemals… …immer

ehrlich

überheblich

erfolgreich im Geschäftsleben

hinterhältig

religiös

geldgierig

tapfer

schwach

zerstörerisch

gerissen

ehrgeizig

halten fest zusammen

unversöhnlich

machthungrig

zersetzend

hässlich

klug

raffgierig

politisch radikal

geizig

nachtragend

schlau

rücksichtslos

unheimlich

verschwörerisch

intelligent

feige

empfindlich

falsch

traditionsbewusst

fleißig

2.0. Antisemitismus und Israelkritik

Spätestens seit den Anschlägen des 11. Septembers 2001 ist der Nahostkonflikt erneut Schauplatz medialer Weltöffentlichkeit und die USA und Israel bzw. dessen Nahostpolitik erneut in Kritik geraten. Diese Kritik an Israel wäre an sich genommen nichts Ungewöhnliches in demokratischen Staatengemeinschaften, wären da nicht die historischen Eigenheiten der Gründung des Staates Israel wie auch die historischen Realitäten eines alt verwurzelten Antisemitismus (Klug, 2004). V.a. die Überlegung, dass offen vertretene Israelkritik sich als ein Ventil für eine Art modernen Antisemitismus erweisen könnte wird von vielen Autoren getragen (z.B. Wistrich, 2004; Klug, 2004; Kovacs, 1999).

Wistrich (2004) sieht einen Grund für diese „neue“ Form des Antisemitismus u.a. in der Art und Weise wie z.B. auch deutsche Medien über den Nahostkonflikt berichten. So sei Israel des Öfteren als Aggressor dargestellt, während palästinensischer Terrorismus verharmlost werde. Diese Darstellung verstärke nun die alten, bereits vorhandenen Vorurteile und Stereotypen gegenüber Juden und ihrem (wirtschaftlichen) Einfluss in der (deutschen) Gesellschaft und fördere den oft vertretenen Vorwurf, die Juden würden sich der Tragödie des Holocaust bedienen bzw. sie missbrauchen, um ihre heutigen Ziele durchzusetzen und ihre Politik zu rechtfertigen. Letzteres könne auch darauf verweisen, dass der heutige Antisemitismus in Deutschland von einer Vorstellung des Rollentauschs geprägt sei, welche Israelis/Juden nun als „Täter“ und die Deutschen als „Opfer“ darstellen könne.

Eine rezente Studie von Kaplan und Small (2006) scheint darauf hinzudeuten, dass zwischen einer geäußerten anti-israelischen Meinung und Antisemitismus tatsächlich eine Beziehung besteht. Dabei konzentrierten sich die Autoren nicht darauf, ob extreme anti-israelische Äußerungen oder Standpunkte als antisemitisch gelten können, sondern darauf, ob Individuen mit extremen anti-israelischen Positionen zugleich antisemitische Meinungen vertreten. Die Ergebnisse der Untersuchung an 5000 europäischen Bürgern aus 10 verschiedenen Ländern sprechen, selbst nach Kontrolle diverser (potentiell) konfundierender Variablen, für diese Annahme: Der Grad der antisemitischen Einstellung steigt mit zunehmend extremerer anti-israelischer Position.

Der Datensatz für diese in Zusammenarbeit mit der Anti-Defamation League (Anti-Defamation League 2004) realisierte empirische Untersuchung entstammt einer Stichprobe von insgesamt 5004 telefonisch befragten europäischen Bürgern aus 10 europäischen Ländern (jeweils ca. 500 pro Land).

Insgesamt 11 Items wurden zur Erhebung von Antisemitismus herangezogen (Tabelle 1), für die Erhebung anti-israelischer Positionen wurden 4 Items verwendet (Tabelle 2).

Tabelle 1

Statements Comprising the Anti-Semitic Index with Corresponding Response

Frequency in Agreement (of n = 5,004)

Statement Response Frequency

Jews don’t care what happens to anyone but their own kind.

1,052

Jews are more willing than others to use shady practices to get what they want.

784

Jews are more loyal to Israel than to this country.

2,200

Jews have too much power in the business world.

1,309

Jews have lots of irritating faults.

545

Jews stick together more than other

(CITIZENS OF RESPONDENT’S COUNTRY OF RESIDENCE).

2,942

Jews always like to be at the head of things.

1,150

Jews have too much power in international financial markets.

1,460

Jews have too much power in our country today.

500

Jewish business people are so shrewd that others do not have a fair chance to compete.

884

Jews are just as honest as other business people.

485a

a. Frequency of respondents that disagreed with this statement.

Tabelle 2

Statements Comprising the Anti-Israel Index with Corresponding Response

Frequency in Agreement (of n = 5,004)

Statement/Question Response Frequency

1. The Israeli treatment of the Palestinians is similar to South Africa’s treatment of blacks during apartheid.

705a

2. Who do you think is more responsible for the past

three years of violence in Israel, the West Bank and

the Gaza Strip, the Israelis, or the Palestinians?

1,254b

3. In your opinion, during military activities inside the West Bank and Gaza Strip, do the Israeli Defense Forces intentionally target

Palestinian civilians, or are civilian casualties an accidental outcome

of Israel’s military response?c

1,765c

4. In your opinion, is there any justification for Palestinian suicide bombers

that target Israeli civilians?

a. Frequency of respondents that agree a lot with this statement.
b. Frequency of respondents stating Israelis.
c. Frequency of respondents stating that the Israeli Defense Forces intentionally target civilians.
d. Frequency of respondents stating yes.

426d

Wie auch schon in früheren ADL-Studien (Anti-Defamation League 1998, 2002) wurde jeweils für die Skala Antisemitismus und die Skala anti-israelische Position ein Index gebildet, der sich aus der jeweiligen Anzahl der Zustimmungen der Befragten über die Items hinweg zusammensetzt.

Hierbei stellt die Survivor-Verteilung des Antisemitismus-Indexes den Anteil der Befragten dar, deren Index-Scores x (bei x von 0 bis 10) übersteigen. In Anlehnung an frühere ADL-Studien wird bei einem Befragten eine antisemitische Sichtweise zugrunde gelegt, wenn er oder sie mehr als 5 der insgeamt 11 Items zustimmt. Der Gesamtanteil der Personen mit antisemitischen Ansichten betrug in dieser Untersuchung 14 Prozent.

Ähnlich wurde beim Anti-Israel-Index verfahren; je höher der Index-Wert (Anzahl der zugestimmten Items), umso stärker kann die geäußerte Israelkritik angesehen werden. Insgesamt weisen knapp die Hälfte der Befragten einen Anti-Israel-Index-Score von 0 auf, was auf keine anti-israelischen Ansichten hindeutet, wohingegen nur 1 Prozent der Befragten allen 4 anti-israelischen Items zustimmt.

Um zu untersuchen, ob anti-israelische Standpunkte einen Vorhersagewert für antisemitische Ansichten haben wurde die Survivor-Verteilung des Antisemitismus-Indexes für jede der 5 Stufen des Anti-Israel-Indexes erhoben, wobei sich herausstellte, dass der gemessene Antisemitismus je nach Ausmaß der anti-israelischen Äußerungen variiert, präziser: der Anteil der Befragten, die mehr als x antisemitischen statements zustimmen steigt mit dem Wert des Anti-Israel-Indexes ausnahmslos an (nur 9 Prozent derer, die auf dem Anti-Israel-Index einen Score von 0 haben weisen antisemitische Ansichten auf; jedoch wächst der Anteil der antisemitisch Belasteten mit steigendem Anti-Israel-Index-Wert von 1 bis 4 auf jeweils 12, 22, 35 und 56 Prozent an).

Da Einflüsse von Drittfaktoren auf diese Ergebnisse nicht ausgeschlossen werden können wurden zusätzliche Informationen zum Ausmaß des sozialen Kontaktes der Befragten mit Juden und Einstellungen anderen gegenüber (z.B. anderen Religionen, Immigranten, antisemitische Stereotype) sowie demographische Daten (z.B. Alter, Geschlecht, Einkommen, Land, in dem die Befragten leben) erhoben.

Der Einbezug dieser Daten ließ die Beziehung zwischen Antisemitismus und Israelkritik jedoch gänzlich unbeeinflusst, wenn auch die Ausprägungen der Variablen hinsichtlich des Einflusses auf den Grad des Antisemitismus und der Israelkritik zusammen (z.B. über verschiedene Länder hinweg) eine Rolle zu spielen scheinen.

Zur genaueren Untersuchung dieses Einflusses wurde der erhobene Datensatz einem multiple- logistic-regression-Modell angepasst, um das Ausmaß des Antisemitismus als Funktion des Anti-Israel-Indexes bei gleichzeitiger Berücksichtigung der möglicherweise konfundierenden Faktoren zu schätzen und die möglichen Effekte letzterer zu bestimmen. Auch hier erwies sich der Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Israelkritik über alle Faktoren hinweg als intakt (der Einfluss der potentiell konfundierenden Variablen ist vernachlässigbar).

Allerdings weisen die einzelnen Faktoren jeweils wichtige Beziehungen zum Antisemitismus auf. So zeigen v.a. ältere Personen sowie Männer stärkere antisemitische Ausprägungen als jüngere Personen und Frauen.

Im Vergleich zu Christen vertreten Muslime weitaus mehr antisemitische Ansichten, signifikante Unterschiede zwischen antisemitische Äußerungen vertretenden Juden, Vertretern anderer Religionen und Religionslosen im Vergleich zur Gruppe der Christen ergaben sich nicht, obgleich auch diejenigen, die keine Angaben zu ihrer Religion machten antisemitische Ansichten innezuhaben scheinen.

Mit steigendem Einkommen hingegen sinkt die antisemitische Ausprägung.

Das Ausmaß des Kontaktes mit Juden hat keinen signifikanten Einfluss auf den Antisemitismus, diejenigen Befragten jedoch, die über das Ausmaß ihres Kontaktes zu Juden keine Angabe zu geben wussten zeigen geringe Tendenz zu einer antisemitischen Haltung.

Je weniger die Befragten glaubten mit anderen Rassen/Religionen gemeinsam zu haben, desto größer ist ihre Neigung zu antisemitischen Ansichten; je intoleranter sie sich gegenüber Immigranten zeigten, desto stärker ihre antisemitische Ausprägung.

Kaplan und Small verweisen darauf, dass die ADL-Studie die möglicherweise konfundierende und möglicherweise wichtige Variable der Bildung der Befragten nur unzureichend erhebt.

Um die mögliche Abhängigkeit der Untersuchungsergebnisse von der willkürlichen Operationalisierung des Antisemitismus (Antisemitismus-Index-Werte größer 5) zu erheben, wandten die Autoren ein ordered-logistic-Modell zur Schätzung der Wahrscheinlichkeit, dass ein Befragter eher irgendein bestimmtes Ausmaß des Antisemitismus-Indexes als eines größer 5 erreicht, auf den Datensatz an. Auch dieses Vorgehen zeigte keinen Einfluss auf die bzw. Minderung der Beziehung zwischen erhobenem Antisemitismus und Israelkritik.

Aus den Untersuchungsergebnissen, die besagen, dass eine Zunahme der Israelkritik selbst bei gleichzeitiger Kontrolle möglicher konfundierender Variablen mit einer Zunahme der antisemitischen Einstellungen einhergeht, ziehen die Autoren den Schluss, dass man durchaus anti-israelische Ansichten haben kann ohne antisemitische Meinungen zu vertreten (weniger als ein Viertel derer mit einem Anti-Israel-Index-Score von 1 oder 2 vertreten auch antisemitische Standpunkte); jedoch zeigen 56 Prozent der Befragten mit einem (extremen) Anti-Israel-Index-Wert von 4 eine antisemitische Tendenz. Somit kann folglich davon ausgegangen werden, dass eine allzu extreme geäußerte Israelkritik ein Hinweis auf zugrunde liegende antisemitische Einstellungen sein kann.

Ähnlich wie Kaplan und Small (2006) konnten Frindte, Wettig und Wammetsberger (2005) neben traditionellen Aspekten antisemitischer Einstellungen in Deutschland (wie sie sich etwa im manifesten Antisemitismus äußern) auch neuere Formen antisemitischer Haltungen wie einen latenten Antisemitismus, Ablehnung der Verantwortung für Juden (auch: sekundärer Antisemitismus; vgl. Schönbach, 1961), Antiisraelische Einstellungen sowie Antizionismus identifizieren.

Die Autoren fanden zudem heraus, dass sich Individuen mit antisemitischen Einstellungen hinsichtlich des Ausmaßes an Autoritarismus (vgl. Adorno, Frenkel-Brunswik, Levinson & Sanford, 1950; Altemeyer, 1998; Weiss, 1999; Rippl, Seipel, & Kindervater, 2000; Funke, 2002; Wagner, van Dick & Zick, 2001), Gewaltbereitschaft/akzeptanz, Zustimmung zur Wiederholung des Nationalsozialismus und der politischen Orientierung (links-rechts) von Nicht-Antisemiten unterscheiden. Der diesbezügliche Vergleich der Konstrukte Autoritarismus und Soziale Dominanzorientierung SDO (vgl. Sidanius & Pratto, 1993, 1999) deutet auf einen größeren Erklärungswert des Autoritarismus hin, verschiedene Aspekte alter wie neuer Formen des Antisemitismus betreffend (Frindte, Wettig und Wammetsberger (2005).

Die erste der beiden von den Autoren durchgeführten Studien (Frindte, Wammetsberger & Wettig, 2003) umfasste die Erhebung antisemitischer Einstellungen bei 14-18-jährigen deutschen Jugendlichen (n = 2130) mittels einer dreidimensionalen Antisemitismusskala (12 Items; Cronbach’s Alpha: .88), eine eindimensionale Skala zur Messung von Einstellungen gegenüber Ausländern (9 Items; Cronbach’s Alpha: .87), 9 Items zur Erhebung der Gewaltakzeptanz (Cronbach’s Alpha: .64), 5 Items zur Gewaltbereitschaft (Cronbach’s Alpha: .73), eine Kurzversion von Altemeyers (1988) eindimensionaler Right-Wing-Authoritarism-Scale (RWA, Cronbach’s Alpha: .76) sowie die Erhebung der individuellen politischen Orientierung mithilfe der Left-Right Self-anchoring Scale und einer Erhebung der Zustimmung zur Wiederholungswürdigkeit des Nationalsozialismus.

Die faktorenanalytisch erhaltenen Ergebnisse (Hauptkomponentenanalyse mit Varimax-Rotation) bestätigen die Annahme der Dreidimensionalität von Antisemitismus (alle drei extrahierten Faktoren erklären zusammen 62,7% der Varianz). Hierbei beinhaltet Faktor 1 alle Items zu ‚manifestem Antisemitismus’ und klärt 43,5% der Gesamtvarianz auf, Faktor 2 bezieht sich auf die Subskala ‚Ablehnung der Verantwortung gegenüber Juden’ (10,7%), Faktor 3 umfasst die Items zum ‚latenten Antisemitismus’ (8,6%).

Im Folgenden sind die von den Autoren verwendeten Items zur Erhebung der drei Antisemitismusfaktoren abgebildet:

[...]

Details

Seiten
45
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638830249
ISBN (Buch)
9783638831925
Dateigröße
662 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77830
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
Schlagworte
Messung Antisemitismus

Autor

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Titel: Messung von Antisemitismus