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Zu: Ovid - Heroides 17, 75-90

Seminararbeit 2006 16 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Übersetzung der Textstelle Her. 17, 75 – 90

3. Einordnung der Textstelle Her. 17, 75 – 90 in den Kontext

4. Zeilenkommentar der Textstelle Her. 17, 75 – 90
4.1 Verse 75 – 80
4.2 Verse 81-82
4.3 Verse 83-90

5. Bibliographie

1. Einleitung

Publius Ovidius Naso (43. v. Chr. – 17 n. Chr.), der eine offizielle politische Karriere zu Gunsten der Dichtung aufgab, zählt zu den spätaugusteischen Dichtern. Durch seine Neuentwicklung der römischen erotischen Elegie schuf er sich eine Reputation, die er in den „großen“ Gattungen von Tragik, Epik und aitiologischer Elegie weiter konsolidierte. Zu seiner Liebeselegie zählen auch die Heroides, eine Sammlung von insgesamt 21 fiktiven Briefen, die sich in zwei Gruppen einteilen lassen: In den Briefen 1 – 14 schreiben berühmte mythische Frauen an ihre abwesenden Männer oder Geliebten. Der Stoff für diese Briefe entstammt hauptsächlich der griechischen Epik und Tragik, stützt sich aber auch auf die Werke Catulls und Vergils. Bei den Briefen 16 – 21 handelt es sich um die so genannten Doppelbriefe, in denen ein Mann schreibt und eine Frau antwortet. Die Quellen für diese Briefpaare sind Homer, Euripides und Kallimachos[1]. Eine Sonderstellung nimmt der 15. Brief ein, in dem Ovid die griechische Dichterin Sappho Phaon ihr Liebesleid klagen lässt. Dieser Brief stammt nicht von Ovid. Sind die Briefe 1 – 14 und 16 – 21 noch in einem Corpus erschienen, so ist der 15. Brief separat überliefert. Kenney schreibt in seiner Einleitung zu Heroides XVI – XXI, dass Daniel Heinsius diesen Brief in seiner Edition zwischen die Briefe 14 und 16 eingegliedert hatte, und dieser somit Einzug in die Sammlung gefunden hatte.[2]

Die zu analysierende Textstelle 17, 75 - 90 stammt aus den Doppelbriefen. Hierbei handelt es sich um den Antwortbrief der Helena an Paris. In einem ersten Schritt werde ich die Textstelle übersetzen, anschließend in den Kontext des Doppelbriefes einordnen und sie schließlich in einem Zeilenkommentar inhaltlich, sprachlich und metrisch analysieren.

Meine Ausführungen und Erläuterungen stützen sich auf die maßgeblichen Ausgaben von Kenney, Palmer und Bornecque. Die Bezeichnungen der Handschriften sind in Analogie zu den Siglen dieser drei Ausgaben verwendet worden.

2. Übersetzung der Textstelle Her. 17, 75 – 90

Ich bemerke auch das, wenn ich auch noch so versuche, es nicht zu beachten, was du jetzt tust, Schamloser, wenn das Essen aufgetragen ist, wenn du, Zügelloser, mich bald mit deinen frechen Augen betrachtest, die, obwohl sie beharrlich verlangen, meine Augen kaum treffen, und bald seufzest, bald den nächsten Becher nach mir nimmst und du auch an der Stelle ansetzt, an der ich getrunken habe (Verse 75 – 80). Ah, wie oft habe ich bemerkt, dass geheime Zeichen mit Fingern gegeben wurden, wie oft, dass welche mit einer beinahe sprechenden Augenbraue gegeben wurden, und oft habe ich befürchtet, dass mein Mann sie sähe, und ich errötete bei den Zeichen, die nicht ausreichend verborgen waren, oft sagte ich entweder mit schwachem oder mit gar keinem Gemurmel: „er schämt sich nicht“, und diese Äußerung von mir war nicht falsch (81 – 86). Auch las ich auf dem runden Tisch unter meinem Namen, der mit Wein geschrieben war, „ich liebe (dich)“, dennoch weigerte ich mich, dies zu glauben und verneinte dies mit einem abweisenden Blick; weh mir, schon habe ich gelernt, so sprechen zu können (87 – 90)!

3. Einordnung der Textstelle Her. 17, 75 – 90 in den Kontext

Die zu analysierende Textstelle stammt aus dem Antwortbrief der Helena an Paris. Dieser hat sie mit seinem Brief beleidigt, dennoch antwortet Helena ihm, um seinen Triumph über sie zu vermeiden (Verse 1 – 2). Sie führt ihm sein unsittliches Verhalten als Gast vor Augen und fragt ihn gezielt, ob er als Freund oder als Feind in ihr Land gekommen sei (3 – 10). Sie habe stets ehrenhaft und sittsam gelebt und ihr Ruf sei bislang makellos gewesen, weshalb sie sich wundert, warum Paris sich offenbar Hoffnungen auf eine Liaison mit ihr macht. Sie erklärt sich sein Verhalten damit, dass sie bereits einmal in früherer Zeit von Theseus geraubt wurde, und dass aus diesem Grund vielleicht auch für Paris ein Raub in Frage käme. Sie führt aber weiterhin aus, dass der Raub durch Theseus erfolglos blieb, da die Götter ihr wohlwollend gestimmt waren, und dass Theseus sein Handeln offenkundig bereut habe (11 – 34). Dennoch zürnt sie Paris für sein Verhalten nicht, da einem Liebenden nicht gezürnt werden könne. Allerdings glaube sie nicht an die Liebe, die Paris ihr bekundet hat, da man sich auf seine Worte nicht verlassen könne (35 – 40). Helena überlegt, ob Paris denken könnte, dass sie sich ihre Mutter Leda zum Vorbild nähme, die ihrerseits, wie viele andere Frauen auch, nicht keusch lebte. Diese sei jedoch von Jupiter getäuscht worden und erlag somit nur einem Irrtum. Nur durch die Täuschung Jupiters konnte Leda ihre Ehre wieder herstellen, da sie unwissend handelte. Helena hingegen könne nicht den Vorwand einer Täuschung nutzen, da sie im vollen Bewusstsein handeln würde (41 – 50).

Da Paris sich in seinem Brief mit seinen Ahnen gerühmt hat, zählt Helena ihm auch ihre Vorfahren auf, um ihm vor Augen zu führen, dass auch ihr Haus für seinen Adel berühmt ist; zudem sei sie näher mit Jupiter verwandt als er es ist (51 – 60). Ebenfalls stellt sie in Frage, ob sein Reich wirklich mächtiger ist als das ihre, und nennt sein Land barbarisch (61 – 64).

In seinem Brief machte Paris ihr allerlei Versprechungen und erwähnte die Aussicht auf Wohlstand und zahlreiche Geschenke, falls Helena mit ihm nach Troja käme, doch stellt Helena klar, dass sie, wenn sie die Grenzen der Sittsamkeit überschreiten sollte, dies nicht für Geschenke und Reichtümer, sondern um seinetwillen täte. Für sie sei seine Liebe zu ihr mehr wert als jedes Geschenk (65- 74).

Im Folgenden kritisiert sie sein ungebührliches Verhalten bei Tisch. Obwohl sie während der Mahlzeiten vorgab, die schamlosen Zeichen und Andeutungen nicht wahrgenommen zu haben, habe sie sie sehr wohl bemerkt (75 – 82). Sie habe befürchtet, ihr Mann könnte ebenfalls auf sie aufmerksam werden, und sei bei zu offensichtlichen Anspielungen errötet. Meist schweigend nannte sie ihn schamlos, was keine falsche Bemerkung war (83 – 86). Auch fand sie unter ihrem Namenszug auf dem Tisch das Wort „amo“, doch glaubte sie dem Wortgehalt nicht und ignorierte ihn. Helena ist über sich selbst verwundert, dass sie in der Lage ist, so zu sprechen (87 – 90).

4. Zeilenkommentar der Textstelle Her. 17, 75 – 90

4.1 Verse 75 – 80

In diesem ersten Abschnitt äußert sich Helena über das unziemliche Verhalten des Paris bei Tisch. Damit bezieht sie sich eindeutig auf Paris’ Äußerungen aus 16, 217–234 und 16, 241–258. An diesen Stellen des Paris-Briefes schildert Paris Helena, wie schwer und unerträglich die Gegebenheiten bei Tisch für ihn gewesen wären und wie er sich, ihnen entsprechend, verhalten hatte. Er habe Helena während des Essens stets beobachtet (conspiceris), habe den Anblick der Zärtlichkeiten, die zwischen Menelaus, Helenas Ehemann, und ihr ausgetauscht wurden, nicht ertragen können (rumpor et invidia) und habe sich von der Szenerie abgewendet, um sein Inneres Leid und seine Eifersucht zu besänftigen (versa cervice recumbo). Auf dieses Verhalten antwortet Helena nun in den Versen 75 – 90 ihres Briefes. Auf den ersten Blick scheint es, dass sie Paris für sein Gebaren kritisiert, doch stellt sich die Frage, ob sie dies wirklich so meint oder ob sich vielleicht eine andere Aussage hinter ihren kritisierenden Worten verstecken könnte.

[...]


[1] Der Neue Pauly, Bd. 9 (2000), s.v. Ovid

[2] Kenney, E. J.: S. 26

Details

Seiten
16
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638833325
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77810
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für Altertumskunde
Note
2,0
Schlagworte
Ovid Heroides Seminar

Autor

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