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Heinrich Bölls Kritik an den Restaurationstendenzen der Nachkriegszeit. Die Figurenkonstellation in der Kurzgeschichte "Nicht nur zur Weihnachtszeit"

Seminararbeit 2001 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. Heinrich Bölls Kritik an den Restaurationstendenzen innerhalb der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft am Beispiel von Nicht nur zur Weihnachtszeit. Eine Interpretation unter Akzentuierung des
Rollenensembles
2.1. Inhaltsangabe
2.2. Charakteristik des Rollenensembles
2.2.1. Der Erzähler
2.2.2. Tante Milla
2.2.3 Vetter Franz
2.2.4. Onkel Franz, Johannes, Lucie

III. Schluss

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Einschätzungen und Wertungen über das Schaffen des Nobelpreisträgers Heinrich Böll (1917-1985) hatten zurecht wie im folgenden einen in hohen Maße lobenden Charakter: „Er war, alles in allem, der meistgelesene und –diskutierte, auch im Ausland bekannteste und geachtetste, kurz der ´erfolgreichste` Schriftsteller der Bundes-republik.“[1] In den USA galt er als „most interesting German writer“[2] und auch in den ehemals sozialistischen Ländern war Böll der meistgelesene Autor der BRD[3]. Kontinuierlich begleitete er seit seinen ersten Veröffentlichungen von 1947 kritisch-produktiv die westdeutsche Gesellschaft, und sein gesamtes Werk lässt sich am besten als ein fortlaufender Kommentar zur Geschichte Nachkriegsdeutschlands und der Bundesrepublik verstehen.[4]

Im Zentrum von Bölls ersten veröffentlichen Arbeiten stand der Krieg, bzw. die Wunden, die der Krieg bei den Menschen verursacht hatte, sowie die Nachkriegszeit mit Trümmern, Schwarzmarkt, Not und Entwurzelung[5], weshalb diese frühe Schaffensperiode im Allgemeinen mit den Schlagwörtern Kriegs-, Heimkehr und Trümmerliteratur in Verbindung gebracht wurde. Böll ging es nicht um die Darstellung des Krieges als Krieg, im Sinne von Schilderungen von Gefechten, Kämpfen und Schlachten als Mittelpunkt des Geschehens mit grauenhaften Detailschilderungen, wie etwa bei Erich Maria Remarques oder Gert Ledig. Der tatsächliche Krieg, zwar Handlungsursache und Ausgangspunkt des Geschehens, blieb meistens im Hintergrund seiner Werke.[6] Durch die Währungsreform als Beendigung des unmittelbaren Nachkriegschaos und der einsetzenden Restauration der bürgerlichen Verhältnisse erfolgte 1952 eine Zäsur in dem Schaffen Bölls. Ausdruck fand dies in seinem literaturtheoretischen Essay „Bekenntnis zur Trümmerliteratur“ und vor allem in der satirischen Kurzgeschichte. „Nicht nur zur Weihnachtszeit“.[7]

Das Essay beginnt mit einem Resümee über die ersten Jahre seines Schaffens, die wie der Titel schon sagt, in einem Bekenntnis oder Bejahung seines bisherigen schriftstellerischen Materials mündet: „Wir schrieben also vom Krieg, von der Heimkehr und dem, was wir im Krieg gesehen hatten und bei der Heimkehr vorfanden: von Trümmern (...).“[8] Die Konfrontation mit der Katastrophe des 2. Weltkrieges war natürlich immens wichtig, um mit Hilfe der Literatur eine größtmögliche Verarbeitung dieses Einschnittes zu erreichen. Im weiteren Verlauf leitet Böll über zu den neuen Aufgaben eines Schriftstellers, die mit einer neuen Standortbestimmung des Materials einhergehen. Mittels verstärkt humoristischen und satirischen Elementen will er sich kritisch mit der Wirklichkeit auseinandersetzen. Er sieht sich als Gegner einer Schriftstellerei, welche ihre „Zeitgenossen in die Idylle“[9] führt. An dieser Stelle verweist er auf die französischen Adligen vor der Revolution, die äußerlich idyllisch lebten und prunkvolle Feste auf ihren Anwesen abhielten, die aber, „innerlich verfault von Verderbnis wie von einer fressenden Krankheit“[10] waren. Die Aufklärer leiteten neue Denkperspektiven ein, erkannten aber auch die tatsächlichen Missstände, prangerten diese an und schufen somit den Willen für Reformen, welche Ausdruck in der Französischen Revolution fanden. „Das Bekenntnis zur Wirklichkeit als Aufgabe ... für den Schriftsteller“[11] wird zum Programm und in dem Sinne erweitert auch eventuell künftige Kritikpunkte und Missstände vorauszusehen, denn zum Handwerkzeug eines Schriftstellers gehört „ein gutes Auge (...), ein Auge, gut genug, ihn auch Dinge sehen zu lassen, die in seinem optischen Bereich noch nicht aufgetaucht sind.“[12] Nach der intensiven Beschäftigung mit dem Kriege in all seinen Erscheinungen, erfolgt also jetzt Hinwendung zur Wirklichkeit und die Prüfung derselbigen. Es liegt dabei auf der Hand, die Literaturform der Satire zu wählen, die als Kernproblem den Widerspruch von Sein und Schein, Ideal und Wirklichkeit aufzudecken versucht.[13] Einen gelungenen Ausdruck fand dies in der Kurzgeschichte „Nicht nur zur Weihnachtszeit“, die Böll erstmals der Öffentlichkeit auf einer Tagung der „Gruppe 47“ vom 31.10. bis zum 2.11. 1952 auf Burg Berlepsch vorstellte. Die Erstpublikation erfolgte im Dezember des gleichen Jahres bei der Frankfurter Verlagsanstalt. 1970 fand die Bearbeitung des Stoffes als Fernsehfilm für das ZDF statt (Regie: Vojtech Jasny). Für meine Hausarbeit habe ich die Erzählung aus dem DTV Sammelband „Heinrich Böll: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Erzählungen“ entnommen, welche in dieser Form erstmals 1977 veröffentlicht wurde.

Bölls Weihnachtssatire hat große Beachtung gefunden, enorme Zustimmung erfahren, aber auch starke Kritik ausgelöst. Für Johannes Wilhelm Schwarz beleuchtet Böll unbarmherzig „die Restaurationstendenz nach dem Kriege, mit der man alles wieder einzurichten suchte, wie es vor der Katastrophe war.“[14] Karl Korn tendiert in die selbe Richtung, indem er schreibt: „Die grausige Komödie ... enthüllt durch die groteske Erfindung die Verlogenheit einer sozialen Schicht, die sich sofort nach der Katastrophe in den Trümmern mit allen bourgeoisen Komfortgerümpel des Leibes und der Seele wieder einrichtete.“[15] Für Edgar Neis verspottet Böll dagegen vor allem „den Formalismus des kleinbürgerlichen Weihnachtsfestes, das mechanische Abhaspeln des weihnachtlichen ´Programms` (...) die Feiersucht, die zur Zeitkrankheit geworden ist und den wahren Sinn des Weihnachtsfestes verkennt und entstellt.“[16] Wie auch Bernhard Sowinski, der in der Satire nicht einen Angriff auf den Weihnachtgedanken sieht, „wohl aber gegen das Beharren oder Rückfallen in äußeren Festprunk, in Konsumdenken und leeren Traditionen, sowie gegen das Diktat der konventionellen Familienfeiern und die bloße kirchliche Ornamentik des Festes.“[17] Und für Hans Magnus Enzensberger steht die Kritik an der „Pseudoreligiosität“ im Vordergrund.[18]

Starke Kritik erfolgte von der Seite der Kirche, so wurde am 12.1. 1953 in der Zeitschrift „Kirche und Rundfunk“ ein offener Brief des Leiters der kirchlichen Rundfunkzentrale Hans-Werner von Meyenn veröffentlicht, in welchem er „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ angreift. Anlass war zuvor die Lesung der Erzählung im Norddeutschen Rundfunk vom 31. 12. 1952. Obwohl Meyenn die Kulturkritik Bölls für berechtigt ansah und sie für literarisch sehr gut geschrieben hielt, ging sie ihm in ihrer Schärfe, welche die literarische Form der Satire bedingt, zu weit, außerdem entbehre sie in seien Augen „jedes wirklich helfenden Hinweises“[19]. Böll musste sich als Katholik sogar mit dem Vorwurf der Blasphemie konfrontiert sehen[20], weshalb er Stellung zu dieser Öffentlichen Kritik nahm und entgegnete:

[...]


[1] J. Vogt: Heinrich Böll (1987). In: Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Loseblattsammlung. Hrsg. v. Heinz Ludwig. Arnold München 1983 ff. S.2.

[2] F. Lennartz: Deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts im Spiegel der Kritik. Bd. 1. Stuttgart 1984, S. 192.

[3] Ebd., S. 195.

[4] Vogt: Böll. In: KLG. S. 2.

[5] B. Balzer: Heinrich Bölls Werke. Anarchie und Zärtlichkeit. Köln 1977, S. 15.

[6] Ebd., S. 16.

[7] Ebd., S. 34.

[8] H. Böll: Bekenntnis zur Trümmerliteratur. In: Zur Verteidigung der Waschküchen. Schriften und Reden 1952-1959. München 1985, S.27.

[9] Ebd., S. 27.

[10] Ebd., S. 28.

[11] Balzer: Bölls Werke. S. 35.

[12] Böll: Trümmerliteratur. S. 29.

[13] N. Feinäugle: Heinrich Böll: “Nicht nur zur Weihnachtszeit“. Satiren. In: Literatur im Unterricht. Modelle zu erzählerischen und dramatischen Texten in der Sekundarstufe I und II. Hrsg. v. Gerhard Haas. Stuttgart 1982, S.159.

[14] J. W. Schwarz: Der Erzähler Heinrich Böll. Bern/München 1967, S. 25.

[15] zit. n. R. C. Conrad: Heinrich Böll´s “Nicht nur zur Weihnachtszeit“: A Satire for All Ages. In: The Germanic Review (1984) H. 3. S. 97.

[16] E. Neis: Heinrich Böll-Romane, Erzählungen und Kurzgeschichten. 6. erweit, Aufl. Hollfeld, S. 48.

[17] Sowinski: Heinrich Böll. S. 55.

[18] H. M. Enzensberger: Satire als Wechselbalg. In: Merkur (1958) H. 125. S. 687.

[19] Meyenn, Hans-Werner von: Ein offener Brief zu einer Sendung des NWDR Hamburg. In: Heinrich Böll: Zur Verteidigung der Waschküchen. Schriften und Reden 1952-1959. München 1985, S. 321.

[20] B. Sowinski: Heinrich Böll. Stuttgart/Weimar 1993, S. 55.

Details

Seiten
16
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638825382
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77627
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
2,0
Schlagworte
Heinrich Böll Kurzgeschichte Nachkriegsliteratur Nachkriegsgesellschaft Restauration

Autor

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