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Der Fußballsport als Spiegelbild der Kultur in den deutschen Staaten

Hausarbeit 2002 20 Seiten

Medien / Kommunikation - Interkulturelle Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Nationalmannschaft(en)
2.1. BRD: 1954 - Wir sind wieder wer!
2.2. BRD: Die Nationalmannschaft als Instrument der Politik?
2.3. DDR: Fußball von der Ideologie vereinnahmt

3. Die Ligen
3.1. Die Bundesliga - Im Zeichen des wirtschaftlichen Aufschwungs
3.1.1. Die 60er Jahre - Die Gründung der Bundesliga
3.1.2. Die 70er Jahre - Ära neuer Werte
3.1.3. Die 80er und 90er Jahre - Die neue Unübersichtlichkeit und unaufhaltsame Kommerzialisierung
3.2. Die Oberliga - Spielball der Staatsmacht
3.2.1. Der Staat und die Vereine
3.2.2. Der Staat und die Spieler

4. Fazit: Wie findet die Kultur Ausdruck im Fußballsport?

1. Einleitung

Die Geschichte eines Landes prägt das kollektive Gedächtnis seiner Bürger. Dieses Gedächtnis ist Basis der Verhaltensnormen, Wertvorstellungen und Lebensweisen eines Volkes bzw. einer Kultur. In allen Bereichen des Lebens spiegeln sich diese Charakteristika, die eine Kultur von der anderen unterscheiden, wieder: Kein Gebiet ist davon ausgenommen, auch nicht der Sport. Ob die Menschen nun aktiv Sport treiben oder einer Veranstaltung als Zuschauer beiwohnen, schon anhand der Tatsache, dass je nach Kulturkreis unterschiedliche Sportarten eine große Bedeutung spielen, ist ersichtlich, dass Sport in einer Interaktion mit der Kultur steht und Teil ihrer ist.

Der Fußballsport ist dabei im letzten Jahrhundert, von der britischen Insel ausgehend, von immer mehr Kulturen Bestandteil geworden. Fußball wird auf der ganzen Welt gespielt - nicht überall gleich, sondern immer entsprechend des jeweiligen kulturellen Hintergrundes. Nicht anders verhält es sich in Deutschland, wo es bis zur Wende 1989/90 neben den zwei entgegengesetzten politischen Systemen, auch zwei grundverschiedene fußballerische Realitäten gab, die hin und wieder sogar aufeinander trafen. In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich diese gegensätzlichen Gegebenheiten beschreiben und immer wieder verdeutlichen, wie sehr der Fußball „made in West“ Spiegelbild der bundesrepublikanischen Lebenseinstellung war und inwieweit dem Fußball in der DDR seine Ausschlachtung zum Zwecke der marxistischen Ideologie zum Verhängnis wurde.

Die Literatur, die es zu diesem Thema gibt, ist meist neueren Datums, denn sozialwissenschaftliche Publikationen über Fußball haben erst eingesetzt, als die Kommerzialisierung des Fußball ein Thema für die Medien wurde. In sehr geringem Maße hat sich die Wissenschaft darüber hinaus bislang dem Fußball in der DDR angenommen.

2. Die Nationalmannschaft(en)

2.1. BRD: 1954 - Wir sind wieder wer!

Die Kultur bzw. die Lebensweise der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg war in nie da gewesener Art und Weise drangsaliert und von Ängsten und Zweifeln durchsetzt. Jeglicher Halt war den Menschen genommen, eine Identifikation war weder mit der furchtbaren Vergangenheit noch mit der ungewissen Zukunft möglich. Das Land stand vor einem Scherbenhaufen, dessen Beseitigung nicht mehr in seiner Hand lag, und an persönliche Erfolge und Glücksgefühle, gar an Erfolge einer großen Einheit, dem Volk, war auf lange Sicht nicht zu denken.

Die Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 und die Unterzeichnung des Pariser Vertrags 1951 zur Mitgliedschaft in der EGKS waren erste Schritte aus der Isolation. Zumindest die westdeutsche Bevölkerung erlebte einen wirtschaftlichen Aufschwung, der später gar in einem „Wirtschaftswunder“ mündete. Selbstbewusstsein oder gar Selbstwertgefühl konnten jedoch nicht offen artikuliert werden, dazu war es verfrüht und fehlte ein veritabler Anlass. „Die Deutschen, Im Bewusstsein des Verlierens aufgegangen, lebten damit jahrelang, ohne das sie die Lage als beunruhigend oder gar beschämend empfanden. Ihr politisches Selbstbewusstsein war noch vollständiger verschwunden als ihre politische Selbstbehauptungskraft.“1

Allein Sportliche Wettbewerbe wie die Olympischen Spiele oder die Fußball- Weltmeisterschaften eigneten sich in dieser Zeit dazu, das Selbstwertgefühl eines Landes zu steigern. Doch die ersten Olympischen Spiele für Deutschland nach dem Krieg (an den ersten Spielen 1948 durfte Deutschland nicht teilnehmen) verliefen ohne eine einzige Gold-Medaille enttäuschend und verstärkten das Verlierer-Image, so dass die Fußball-Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz die nächste Gelegenheit bot, das Land würdig zu repräsentieren, nachdem auch in diesem Wettbewerb Deutschland bei der WM 1950 in Uruguay noch ausgeschlossen war.

Als es dann nach einem grandiosen Finale „Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!“ aus den Radiogeräten schallte, da war das „wie ein Schrei der Befreiung, der Entlastung, für Millionen Zuhörer Ausdruck der unsicheren, jetzt bestätigten Hoffnung: So, wie es begonnen hatte, könnte es vielleicht weitergehen, ganz anders als alles Frühere. Darin stimmten der Zehnjährige und der Vierzigjährige am Rundfunkgerät plötzlich überein, ohne das darüber hätte ein Wort fallen können. Es war ja nur Fußball.“2

Doch trotz eines im Grunde genommen glücklich errungenen Sieges in einer simplen Mannschaftssportart hatte dieses Ereignis eine Bedeutung für die Menschen dessen Wirkung nach Jahrzehnten auch von etlichen Wissenschaftlern, wie vom Historiker Dr. Klaus Hildebrand, bestätigt wurde:

„Nach Jahren der Leiden, des Schreckens, der Entbehrungen hatten die Deutschen, die apolitischen Deutschen, jetzt die Gelegenheit, sich mit einem Ereignis zu identifizieren, das positiv war, das sie beklatschen durften, das zur Identifizierung geradezu einlud. Denn diese sogenannten Heroen von Bern waren ja friedliche Helden. Sie trugen dazu bei, dass Deutschland, das ja nach wie vor beargwöhnt wurde, in die Familie der Völker zurückkehren konnte. Sie bauten an einem Stück Normalität mit, nach der man sich sehnte, sie schweißten die Nation geradezu zusammen. Das entsprach einem tiefen Bedürfnis, das kam einer Sehnsucht entgegen, und insofern hatte das auch seinen gesellschaftspolitischen Stellenwert.“3

Daher wird man Schulze zustimmen müssen, wenn er behauptet, dass dem 3:2 im Finale eine politisch-psychologische Dimension wie kein anderer Fußball-Sieg innewohnt.4 Deutschland war wieder wer, jedenfalls im Fußball, und so wurde die deutsche Politik darauf aufmerksam, dass diese Fußballer mehr waren als nur Sportler, nämlich auch Botschafter und Hoffnungsträger eines Volkes, das seine Identität suchte.

2.2. BRD: Die Nationalmannschaft als Instrument der Politik?

Die hohe Politik hatte mit der Nationalmannschaft und dem dahinterstehenden Deutschen Fußball-Bund also einen Adressaten entdeckt, der in der Bevölkerung eine gut Reputation genoss. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte sollte das Verhältnis inniger werden, so dass Grenzen zwischen Sport und Politik verwischten. Bereits zur WM 1958 in Schweden sendeten Politiker Glückwunschtelegramme bereits nach dem ersten Spiel, was zu der damaligen Zeit noch ein beachteter Vorgang war, und beim WM-Finale 1966 in England saßen erstmals deutsche Minister auf der Ehrentribüne im Londoner Wembleystadion. Doch zumindest galten diese Herren als ausgemachte Fußballanhänger, was sie von späteren Volksvertretern unterschied, die sich dem Fußball ohne jegliche Kenntnis anbiederten. Im Glanze einer erfolgreichen Fußballnationalmannschaft sonnten sich vermehrt blasse oder opportunistische Politiker. Sei es die SPD geführte Regierung, die sich 1974 freute, dass Deutschland im von ihr regierten Land Weltmeister geworden war, oder auch die CSU- Opposition, die rasch bemerkte, dass die Stützen des Teams aus Bayern kamen.5 Im Bundestags-Wahlkampf 2002 wetteiferten die Kandidaten Schröder und Stoiber sogar darum, wer denn nun der bessere „erste Fan der Nation“ sei. Fußball war vor einer Instrumentalisierung durch die hohe Politik also nicht gefeit.

Andererseits nahm der Fußball laufend Entwicklungen aus der Politik auf, so wie die Nationalmannschaft der Adenauer-Ära, bei der „nach der Wandlung vom forschen Angriffsfußball der späten fünfziger zum taktischen Defensivspiel der frühen sechziger Jahre sture Sicherung im Vordergrund“6 stand, womit „Herbergers Elf (...) Adenauers einfallslose Wahlkampfformel „Keine Experimente“ noch nachträglich auf das Spiel (zu) übertragen“7 schien. Als dann 1968 die Regierung wechselte, übertrug sich der frische Wind der sozialliberalen Koalition auch auf den Fußball: „Netzers Traumpässe öffnen wie Willy Brandts Ostpolitik den Raum, hier verbinden sich „Reformvisionen und Ballästhetik“.“8 Die Entwicklung läuft folglich Hand in Hand; Der Titelgewinn 1954 illustriert den wirtschaftlichen Aufschwung; während der spießigen Adenauer-Zeit ist der Fußball von Kampf geprägt; als die Sozialliberalen das Motto „Mehr Demokratie wagen“ verkünden, spielen sich Individualisten und Techniker in den Vordergrund; und nach der Bonner Wende Anfang der 80er Jahre wird „wieder Kraftfußball gebolzt - auf dem Platz der Pfälzer Briegel, auf dem Thron sein Landsmann Kohl“9.

Der Fußball und seine Spieler sind jedoch auch Spiegelbild der gesamtgesellschaftlichen Umstände und Lebensweisen. Bekamen die Weltmeister von 1954 gerade einmal 2000 DM und eine Polstergarnitur,10 pokerte die neue Spielergeneration 1974 um eine möglichst hohe Siegprämie bereits vor dem Turnier.11 Leistung musste sich in barer Münze auszahlen, so sah es auch die Wohlstandsgesellschaft: „Die nationalen Emotionen (...) blieben diesmal überschaubar, weil die Erfolgsgesellschaft den Triumph erwartete, geradezu forderte, ohne die Unwägbarkeiten des Spiels zu beachten.“12 Die Allgemeinheit sah in den fußballerischen Erfolgen in wachsendem Maße nur noch die Bestätigung des eigenen Fortschritts.

Ließ sich der Fußball manches mal von der Politik instrumentalisieren, so waren die Nationalmannschaft und der DFB auch selbst aufgrund ihrer gesellschaftlichen Bedeutung politisch aktiv. Nach dem Krieg wirkten die Spieler und Funktionäre bei ihren Auslandsreisen wie „Diplomaten in Trikots“. Schon Bundestrainer Herberger machte seiner Mannschaft klar, dass sie Botschafter ihres Landes seien und durch einwandfreies Auftreten in der Lage waren mehr Freunde für das Land zu gewinnen als ein Diplomat in vielen Jahren.13 „Die besten Fußballer waren (...) oft auch die besten Botschafter. Damals in der Schweiz, 1955 in Moskau, später in Tel Aviv oder Kapstadt.“14 Der Volkssportcharakter bürdete ihm die große Verantwortung auf Völker zu verbinden. Mit der Kommerzialisierung des Fußballs wurde dann der DFB auch finanziell einflussreicher. Mit einer Vielzahl von Projekten wurden und werden der Nachwuchs ebenso gefördert wie die Vielzahl der kleinen Vereine - die Basis des Fußballsports also, in der auch grundlegende Werte wie Fairness und Achtung des anderen vermittelt werden. Schließlich kommt dem Sport insgesamt eine gesellschaftspolitische Rolle zu.15

Sport und Politik lassen sich daher nicht vollständig trennen, auch wenn der DFB sich einige Male über die Politik hinwegsetzen wollte. Die Teilnahme an einer WM in der Junta Argentiniens 1978 brachte ihm Kritik ein, wie das sture Festhalten an einem Freundschaftsländerspiel gegen England am Geburtstag von Adolf Hitler. Bisweilen war und ist Fußball ein Politikum.

2.3. DDR: Fußball von der Ideologie vereinnahmt

Auch in der DDR hatte der Sport eine große gesellschaftspolitische Aufgabe. Aber neben der Vermittlung von Werten, respektive einer Ideologie, instrumentalisierte die DDR-Führung den Sport und seine Aktiven dazu, das Land international zu vertreten und dessen Leistungsstärke durch das Erreichen guter Platzierungen - insbesondere das Gewinnen von Edelmetall bei Olympischen Spielen - hervorzuheben. Aufgrund dieser Intention wurde der Fußballsport in der DDR von der Führung nicht sonderlich geliebt, sondern wegen seiner Popularität lediglich geduldet. Wie Eduard Geyer, letzter Trainer der DDR-Nationalmannschaft feststellte, spielte „die Volkssportart Nr.1 (...) in der DDR nie eine Rolle, die ihr eigentlich zukommt. Der Fußball rangierte innerhalb der Sportarten auf den beschämenden Stellen 12 bis 15.“16 Hauptgrund dafür waren die Unwägbarkeiten, mit dieser Mannschaftssportart international auftrumpfen zu können. Die DDR-Führung wollte Erfolge planbar machen, Sport war nichts anderes als Teil einer Planwirtschaft, und so förderte die Staatsmacht die Individualsportarten. Selbst als es den Fußballern gelang 1976 in Montreal die Goldmedaille zu gewinnen, hatte der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees „nur ein müdes Lächeln übrig“ und verwies darauf, „dass 22 Kader vonnöten waren, um der Statistik lediglich einmal Gold zuzufügen.“17

[...]


1 Busche, Jürgen, Der Mythos von 1954, in: APuZ (1994), B 24, S. 12.

2 Ebd., S. 12.

3 Michel, Rudi, Vom alten Jahrhundert ins neue Jahrtausend. Zeitzeugnisse des deutschen Fußballs, in: Deutscher Fußball-Bund (Hrsg.), 100 Jahre DFB: die Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes, 2. Aufl., Berlin 1999, S. 269.

4 Vgl. Schulze, Ludger, Vom Pickelhauben-Fußball zur Kunstform. Die Geschichte der Nationalmannschaft, in: Deutscher Fußball-Bund (Hrsg.), 100 Jahre DFB: die Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes, 2. Aufl., Berlin 1999, S. 157.

5 Vgl. Seitz, Norbert, Von Bern bis Los Angeles. Die politische Geschichte der Fußball Weltmeisterschaft, in: ApuZ (1994), B 24, S. 7.

6 Ebd., S. 5.

7 Ebd., S. 5.

8 Schmid, Josef/ Widmaier, Ulrich, Warum ist der Ball nicht rund? Der Homo ludens in vergleichender Perspektive, in: ApuZ (1994), B 24, S. 16.

9 Müllender, Bernd, Angeschnittener Kopfball, in: Bornemeier, Uwe (Hrsg.), Lob der Bundesliga. Bekenntnisse und Ansichten über die wichtigste Sache der Welt, Essen 1998, S. 92.

10 Vgl. Schulze, S. 158.

11 Vgl. Michel, S. 272.

12 Ebd., S. 272.

13 Vgl. Seitz, S. 9.

14 Braun, Egidius, Das Spiel der Spiele. Vorwort des Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), in: Deutscher Fußball-Bund (Hrsg.), 100 Jahre DFB: die Geschichte des Deutschen FußballBundes, 2. Aufl., Berlin 1999, S. 9.

15 Siehe auch: Meier, Rolf, Neokorporatistische Strukturen im Verhältnis von Sport und Staat, in: Winkler, Joachim/ Weis, Kurt (Hrsg.), Soziologie des Sports: Theorieansätze, Forschungsergebnisse und Forschungsperspektiven, Opladen 1995, S. 101, zitiert nach: Bundesminister des Innern (1987), sechster Sportbericht der Bundesregierung, Bonn, S. 27.

16 Querengässer, Klaus, Fußball in der DDR 1949-1989. Teil 1: Die Liga, Kassel 1994, S. 12.

17 Ebd., S. 12.

Details

Seiten
20
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638829847
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77605
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Schlagworte
Fußballsport Spiegelbild Kultur Staaten Wirtschaftsbezogene Kulturgeschichte Deutschlands

Autor

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Titel: Der Fußballsport als Spiegelbild der Kultur in den deutschen Staaten