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Pornographie als 'mal de siècle' - Literarische Inszenierungsstrategien bei Michel Houellebecq und Virginie Despentes

Examensarbeit 2006 91 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. Situation der französischen Gegenwartsliteratur
2.1. Geschlechtsspezifische Unterschiede
2.2. Die neue Autorengeneration

3. literarische inszenierungsstrategien bei michel houellebecq und virginie despentes
3.1. Les Particules élémentaires
3.1.1. Formale Analyse
3.1.1.1. Genre
3.1.1.2. Figuren und Figurenkonstellation
3.1.1.3. Narrative Strategien
3.1.1.3.1. Romanaufbau
3.1.1.3.2. Zeit- und Raumgefüge
3.1.1.3.3. Erzählsituation
3.1.1.3.4. Erzähltechniken
3.1.1.4. Stil
3.1.2. Inszenierung von Sexualität in Les Particules élémentaires
3.1.2.1. Die Effekte der sexuellen Libertinage auf die Darstellung von Geschlechtlichkeit
3.1.2.2. Brunos und Michels Sexualität
3.1.2.3. Relation des weiblichen Geschlechts zur Sexualität und ihre Symbolik
3.1.2.4. Zur Ausformung von Geschlechtlichkeit
3.1.2.5. Künstliche Existenzen als Lösung aller zwischenmensch-lichen Probleme?
3.2. Baise-moi
3.2.1. Formale Analyse
3.2.1.1. Genre
3.2.1.2. Figuren und Figurenkonstellation
3.2.1.3. Narrative Strategien
3.2.1.3.1. Romanaufbau / Zeit- und Raumgefüge
3.2.1.3.2. Erzählsituation
3.2.1.4. Stil
3.2.2. Inszenierung von Sexualität in Baise-moi
3.2.2.1. Die Kombination von Sex und Gewalt
3.2.2.1.1. Zur simultanen Inszenierung
3.2.2.1.2. Zur Gewaltanwendung nach intimen Handlungen
3.2.2.2. Sexualität zur reinen Bedürfnisbefriedigung
3.2.2.3. Die sexuelle und ökonomische Dominanz
3.2.3. Exkurs: Mediale Inszenierungsstrategien des Pornographischen im Film Baise-moi
3.2.3.1. Ein Film mit Prädikat X
3.2.3.2. Synopse der Schlüsselszenen
3.2.3.3. Baise-moi als pornographischer Film

4. Schlussbetrachtung

5. Bibliographie

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Figurenkonstellation in Les Particules élémentaires, verändert nach Mecke (2003:199)

Abbildung 2: Figurenkonstellation in Baise-moi

1. EINLEITUNG

Michel Houellebecqs Roman Les Particules élémentaires und Virginie Despentes Werk Baise-moi wurden beide in einem Abstand von nur vier Jahren publiziert.[1] Obwohl die Inhalte divergieren, weisen die zwei Bücher eklatante Analogien auf. Beide Schriftsteller generieren durch ihre Erzählungen Tabubrüche, wie sie die Welt bis dahin schon lange nicht mehr gesehen hatte und das, nachdem eines der gängigsten Vorurteile besagte, es gebe keine Hemmschwellen mehr.[2] Diese provozierende Art der écriture wird vor allem in der Inszenierung von Sexualität sichtbar.

Die zeitliche Nähe ihrer Publikationen sowie die ihnen gemeinsame durch Desillusionismus geprägte Darstellung von Geschlechtlichkeit lassen daher Rückschlüsse auf ein ähnliches Understatement zu: Es handelt sich hier anscheinend um eine Anklage der Autoren an eine Gesellschaft, die durch Massenkonsum geprägt ist und für die im Laufe der Zeit Werte und Normen irrelevant wurden. Die Bezeichnung ‚Gesellschaft’ erscheint dabei wie ein Paradoxon, denn die beiden Schriftsteller konstatieren in ihren Werken, dass die Menschen zu singulären, ignoranten Individuen degeneriert sind, die außer sich selbst niemanden im Raum mehr registrieren.

Doch wie kam es zu einer für die Autoren offenbar unisono negativen Evolution der Gesellschaft? Houellebecq führt dieses Thema in seinem Roman deutlich aus: Für ihn ist die sexuelle Libertinage der ‚achtundsechziger Revolution’ als Ursache für die Unerträglichkeit des Seins, für den ennui und den Hass der heutigen Bevölkerung zu sehen. Für Despentes wird der Rückschluss auf die sexuelle Liberalisierung durch den Meta-Text evident, obgleich dieser nicht, wie bei Houellebecq, explizit ausformuliert wird. Demnach scheinen diese Autoren der Gesellschaft mittels einer pornographischen Inszenierung ihren Überdruss am Leben und damit an dieser Welt, das heißt ihren mal de siècle, zu signalisieren. Durch die literarische Verarbeitung ihres Weltschmerzes unternehmen die Schriftsteller schließlich den Versuch, den perfiden Menschen einen Spiegel vorzuhalten, um ihnen so den Verfall der Werte und Normen vorzuführen.

In einem ersten Schritt möchte ich in dieser Arbeit die Situation der französischen Gegenwartsliteratur generell aufzeigen. Hierbei wird zudem auf geschlechtsspezifische Differenzen eingegangen, die sich auch am Beispiel der behandelten Autoren manifestieren. Im Anschluss daran soll die neue Autorengeneration Nouvelle Génération mit ihren signifikanten Vertretern und Themen präsentiert werden.

Die Romane Les Particules élémentaires und Baise-moi möchte ich schließlich im dritten Kapitel nacheinander untersuchen. Die Werke werden zunächst anhand formaler Kriterien analysiert, um konstatieren zu können, wie die Autoren durch narrative Strategien einen retour à la vraie vie zu erzielen versuchen.[3]

In Folge der formalen Analyse schließt sich die Frage nach der Inszenierung der Sexualität an. Bei Michel Houellebecq wird dieses Thema ausgehend von der achtundsechziger Revolution entwickelt, daher soll dem Effekt der sexuellen Libertinage auf die Sexualität zuerst Aufmerksamkeit geschenkt werden. Anschließend werden die Geschlechtlichkeit von Männern und die Relation des weiblichen Geschlechts zur Sexualität sowie ihre Symbolik in den Particules élémentaires dargestellt. Des Weiteren möchte ich die Ausformung von Geschlechtlichkeit näher betrachten, bevor zuletzt die Frage im Vordergrund steht, ob künstliche Existenzen die Lösung aller zwischenmenschlichen Probleme sind.

Bei Virginie Despentes wird zunächst die Kombination von Sex und Gewalt näher beleuchtet. Hierbei stehen ihre simultane Inszenierung sowie die Gewaltanwendung nach intimen Handlungen im Zentrum des Interesses. Danach wende ich mich der Sexualität zur reinen Bedürfnisbefriedigung zu, bevor abschließend das Verhältnis von sexueller und ökonomischer Dominanz aufgezeigt werden soll.

Interessant für die Analyse von Baise-moi ist überdies die mediale Inszenierung des gleichnamigen Films aus dem Jahre 2000. Diese Verfilmung geht offenbar auf einen generellen Trend der neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts in Frankreich zurück, der von einem deutlichen Interesse an der Pornographie geprägt war. Marie-Hélène Bourcier stellt hierzu fest, dass dieses Thema von psychologischem, politischem, medialem, literarischem und künstlerischem Interesse gewesen sei.[4] Die Verfilmung von Virginie Despentes’ Debütroman polarisierte schließlich nicht nur die Medienwelt, sondern auch Politik und Gesellschaft. Daher scheint es interessant in einem Exkurs einen Blick auf die mediale Umsetzung zu werfen. Innerhalb dieser Analyse stehen sich die beiden Szenen gegenüber, die auf Grund ihrer Symbolik korrelieren. Anschließend wird noch auf die Frage eingegangen, inwiefern Baise-moi tatsächlich als pornographisch klassifiziert werden kann.

Zuletzt möchte ich in einer kurzen Schlussbetrachtung den Versuch unternehmen, die gemeinsame Ausgangsposition von Michel Houellebecq und Virginie Despentes darzustellen um dadurch die pornographischen Inszenierungsstrategien der Autoren als Anklage an eine Gesellschaft des Massenkonsums und des Wertevakuums zu verdeutlichen.

2. Situation der französischen Gegenwartsliteratur

2.1. Geschlechtsspezifische Unterschiede

In der heutigen Zeit könnte angenommen werden, dass die Zahl von Schriftstellern und Schriftstellerinnen im Literaturbetrieb gleich verteilt sei. Morello und Rodgers stellten jedoch in der Einleitung ihres Sammelbandes Nouvelles écrivaines: nouvelles voix? heraus, dass es in den letzten circa zehn Jahren keinen signifikanten Anstieg von Autorinnen im Literaturbetrieb gegeben hat, auch wenn dies oftmals anders dargestellt wird. Der nahezu stagnierende Zustand ist nicht nur an der Zahl der Veröffentlichungen feststellbar, sondern ebenfalls im Bereich der Kritiken und Literaturpreise evident. So fielen Frauen weder besonders durch ihr literarisches Schaffen auf, noch haben sie je „totalement conquis le monde“[5], wie es unter anderem von Jean-Marie Rouart dargestellt wurde.[6] Marcelle Marini widerlegte bereits 1992 Rouarts Aussagen durch die Angabe, dass nur 8% der Persönlichkeiten in der Literaturwissenschaft, dem so genannten Who’s Who, Frauen sind. Für die Preisverleihung konnte durch Elisabeth Fallaize ebenfalls festgestellt werden, dass Literaturpreise, die in den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts vergeben wurden, reine Männersache waren. Margaret Atack und Phil Powrie stellten zudem 1990 in ihrem Buch Contemporary French Fiction by Women: Feminist Perspectives fest, dass es kaum Untersuchungen zu zeitgenössischen Autorinnen gibt.

In den letzten zehn Jahren hat sich diese Situation nur unwesentlich verändert: Bei einer Analyse der Daten des Livre-Hebdo: un an de nouveautés, janvier-décembre 1999 durch Morello und Rodgers stellte sich heraus, dass im Bereich „romans et nouvelles français“[7] nach wie vor die Texte der Männer mit 70% dominieren. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass sich in den letzten zwanzig Jahren keine signifikante Änderung ergab. Der Stand von 1980 ist somit noch immer aktuell.

Im Bereich der Literaturpreise kann zudem festgestellt werden, dass die Anzahl der Preisträgerinnen nach den achtziger Jahren weiterhin abgenommen hat. Dies soll nun anhand der fünf wichtigsten französischen Literaturpreise bezogen auf die Jahre 1999-2000 verdeutlicht werden: Beim Prix Goncourt waren gerade einmal 2 Frauen von insgesamt 11 Personen unter den Preisträgern, beim Renaudot war es 1 von 11, ebenso 1 von 11 beim Interallié, 2 von 13 beim Médicis und 6 von 11 beim Fémina. Dies ergibt insgesamt 21% Preisträgerinnen verglichen mit der noch etwas größeren Anzahl von 30% im Jahre 1980.

Selbst in der Académie française finden sich nach wie vor hauptsächlich männliche Vertreter. So repräsentierte Marguerite Yourcenar 1980 die erste Frau der Académie française seit deren Gründung im Jahre 1635. Auch im Jahre 2005 finden sich unter den 40 immortels lediglich 3[8] weibliche Mitglieder.[9]

Gleichermaßen ist bei den allgemeinen wissenschaftlichen Untersuchungen zum französischen Gegenwartsroman in den neunziger Jahren festzustellen, dass allein Texte von Männern im Zentrum der Recherchen stehen. Zwar wird der einen oder anderen sehr bekannten Autorin von Zeit zu Zeit ein Kapitel gewidmet, doch sind Schriftstellerinnen in der wissenschaftlichen Literaturkritik noch immer deutlich unterrepräsentiert. Dies erweckt zudem den Eindruck, dass die Werke der Autorinnen nicht gleich bedeutend sind wie diejenigen ihrer männlichen Kollegen.[10]

Dieses Missverhältnis kann ebenso in dieser Arbeit aufgezeigt werden: Bei den Recherchen zu den Autoren Michel Houellebecq und Virginie Despentes konnte festgestellt werden, dass eine Vielzahl an Kritiken, Aufsätzen und sogar Monographien über Michel Houellebecq existiert, jedoch kaum ein wissenschaftlicher Aufsatz über Virginie Despentes. Diese Diskrepanz erzeugt beim Leser ad hoc den Eindruck, das literarische Schaffen Houellebecqs lohne mehr der Betrachtung als dasjenige Despentes’. Findet sich dennoch eine Publikation über Despentes, dann ist sie zumeist über den Film Baise-moi. Obgleich der Film im Wesentlichen der Grundlage des Debütromans Despentes’ entspricht, wurde allein er rezensiert − dem Roman jedoch kaum Beachtung geschenkt. Das bedeutet letztlich, dass es erst durch die mediale Inszenierung, die einen Aufsehen erregenden Skandal provozierte, gelang, dass sich die Gesellschaft mit dem ersten Roman Despentes auseinander setzte. Wäre das nicht geschehen, wäre Baise-moi − vor allem außerhalb Frankreichs − möglicherweise gar kein Interesse geschenkt worden.

Diese sehr unterschiedliche Akzeptanz der Werke von Houellebecq und Despentes ist nicht zuletzt deshalb erstaunlich, da beide Schriftsteller zu derselben neuen Generation von Autoren gehören, die nun vorgestellt werden soll.

2.2. Die neue Autorengeneration

Von Jahr zu Jahr erscheinen immer mehr Romane zur jährlichen französischen rentrée littéraire im September. Waren es 1989 noch 205 Neuerscheinungen, so erschienen im Jahre 2001 schon 347 Romane, worunter 76 Romandebüts waren. 2005 ist nun ein neuer Rekord aufgestellt worden: 663 Romane, also fast doppelt so viele wie noch 4 Jahre zuvor, sind auf der rentrée littéraire präsentiert worden. Darunter sind allein 449 französische Werke zu verzeichnen. Die Medien werten dies als eine veritable „inondation du marché littéraire“[11]. Erstaunlich ist aber, dass die meisten Romane der rentrée vollkommen unbemerkt bleiben.[12]

Auch die letzte rentrée bestätigte, dass sich in der Literatur eine Neuorientierung vollzieht, bei der es nicht mehr um politische Engagements[13], ideologische Dogmatik[14] und formale Strenge[15] geht. Die zeitgenössischen Schriftsteller, die so genannte „Nouvelle génération“, bedienen sich anderer literarischer Modelle und lassen sich nun nicht mehr eindeutig bestimmten literarischen Bewegungen zuschreiben. Die Themen der Autoren und Autorinnen sind hierbei vielfältig. So zählen die französische Geschichte − und hier insbesondere Vichy und die Kolonialzeit − sowie die Geschlechterverhältnisse zu den wichtigsten Themen. Musik, Film und Comic haben gleichermaßen Einfluss auf das literarische Schaffen. Des Weiteren gibt es bei der Autobiographie einen deutlichen Trend: Sie entwickelt sich zusehends zur Autofiktion, was zudem „von einem veränderten schriftstellerischen Selbstverständnis“[16] zeugt.

Es ist daher nicht erstaunlich, dass sich die großen Verlage diesem neuen Trend in der Literatur angepasst haben, indem sie neue Label in ihr Produktportfolio aufnahmen. So bringt zum Beispiel der Taschenbuchverlag J’ai lu seit 1996 eine Reihe zeitgenössischer Literatur unter dem Label Nouvelle Génération[17] heraus. Das Pendant hierzu kommt von dem Taschenbuchverlag Havas-Pocket, dessen neue Linie Nouvelle voix[18] heißt.

Bei diesen Publikationen handelt es sich oft um junge Autoren zwischen fünfundzwanzig und fünfunddreißig Jahren, deren Werke von einem Gefühl der Leere und Machtlosigkeit geprägt sind. Dabei sieht es so aus, als ob von den großen Idealen der 68er nichts mehr übrig geblieben ist.[19] Im Gegenteil: Diese Autorengeneration scheint „in einer zukunftslosen Gegenwart ohne Erwartungen [förmlich] dahin zu treiben“[20].

Genau diese neue Generation von Autoren und Autorinnen wie Marie Darrieussecq, Frédéric Beigbeder, Christine Angot, Michel Houellebecq oder Virginie Despentes gelingt es, einen Medienskandal nach dem anderen zu provozieren. Diese Skandalautoren haben viele Gemeinsamkeiten: Neben ihres recht homogenen Alters, fällt dem Leser „die bewusste Überschreitung herkömmlicher Grenzen zwischen Höhenkamm- und Unterhaltungsliteratur sowie ein literarästhetischer Standort jenseits der Theoriedebatten um einen Nouveau Nouveau Roman und die so genannte Postavangarde ins Auge“[21]. Laut Mignon Wiele sei allen eine von Pessimismus und Negation getragene Haltung gemeinsam. Sie produziere in fast allen Romanen eine Atmosphäre der Verzweiflung, welche aber auch Härte und Gewalt spürbar werden lasse.[22] So entstanden für diese Art Literatur viele Bezeichnungen, wie „nouveau roman social“, „deprimisme littéraire“ oder „littérature nihiliste“[23]. Doch reichen die genannten Konstanten sicher nicht aus, um von einer homogenen Autorengeneration zu sprechen, denn die Texte sind zu disparat. Als gemeinsamen Nenner dieser Schriftsteller und Schriftstellerinnen könnte daher allenfalls das mal de siècle[24] gelten.

Diese Nouvelle génération lässt sich überdies als eine französische Variante der Generation X verstehen – eine Autorengeneration, die durch Douglas Coupland und dessen gleichnamigen Roman Generation X. Tales for an Accelerated Culture (1991) initiiert wurde und aus dem angloamerikanischen Raum stammt. Auch bei der Generation X gilt das Alter der Autoren − zwischen 1960 und 1980 geboren − als Zugehörigkeitskriterium.[25]

Die Nouvelle génération versuche, laut Mignon Wiele, eine antiformalistische Rückkehr zu traditionellen Erzählverfahren, sowie eine stilistische und strukturelle Einfachheit zu erreichen. Diese bilde demnach den retour à la vraie vie auf der narrativen Ebene ab.[26] Doch vor allem wolle sie der perfiden Gesellschaft einen Spiegel vorhalten, für die Brutalität und Grausamkeit offensichtlich zu einem Teil der Alltagsbanalität wurden.[27] Michel Houellebecq bringt seine Absichten in Rester vivant zum Ausdruck:

Toute société a ses points de moindre résistance, ses plaies. Mettez le doigt sur la plaie, et appuyez bien fort. Creusez les sujets dont personne ne veut entendre parler. L'envers du décor. Insistez sur la maladie, l'agonie, la laideur. Parlez de la mort, et de l'oubli. De la jalousie, de l'indifférence, de la frustration, de l'absence d'amour. Soyez abjects, vous serez vrais.[28]

Nachfolgend sollen nun einige wichtige Vertreter dieser neuen Autorengeneration näher betrachtet werden:

Frédéric Beigbeder wurde durch die Veröffentlichung seines Romans 99 Francs im Jahre 2000 über Nacht zum Star der französischen Literaturszene. ‚Geld regiert die Welt’ könnte kurz und knapp den Inhalt seines Romans resümieren: Beigbeder beschreibt eine Welt voller Kälte und Zynismus, die unter dem Diktat des Konsums steht, in der alles und jeder zur Ware verkommt.

Bei den weiblichen Schriftstellerinnen ist der retour du sujet ein beliebtes Thema der Nouvelle génération, weshalb einige Texte autobiographischer Natur sind. So sind seit den ersten Überlegungen über die Autobiographie von Philippe Lejeune in Le Pacte autobiographique viel komplexere Formen aufgetaucht, besonders die bereits erwähnte Autofiktion.[29] Diese Gattung geht ursprünglich auf den Literaten Serge Doubrovsky zurück. Sie ist ein Genre mit einem vielschichtigen Verhältnis von Fiktionalität und Realität, denn Fiktionalität und historische Authentizität können nicht mehr klar voneinander getrennt werden. Der Begriff ist überdies „ein Geniestreich, weniger aus streng theoretischen Gründen − der Begriff ist unscharf und vielfältig deutbar − als wegen seiner Fähigkeit, sich einem Zeitgeist anzuschmiegen, der sich just durch seine Unschärfe in theoretischen Belangen charakterisiert“[30].

Die bekannteste Vertreterin dieser écriture d’autofiction ist zweifellos Christine Angot. Ihre Bücher handeln ausnahmslos von und über Christine Angot[31]. In L’Inceste (1999) berichtet sie über ihr Leben, das durch das Trauma einer inzestuösen Beziehung zu ihrem Vater wieder und wieder in Verwirrung gerät.[32] Zudem thematisiert sie ihre gleichgeschlechtliche Liebe zu einer Ärztin und spricht dabei in detaillierter Art und Weise über sexuelle Annäherungen – Vorlieben und Abneigungen.

Sexualität und der weibliche Körper spielen auch bei Marie Darrieussecq eine Rolle. Darrieussecq, Absolventin einer französischen Eliteuniversität und Dozentin an einer französischen Hochschule, wurde durch ihren ersten Roman Truismes (1996) über Nacht bekannt.[33] In diesem Text schildert sie die Metamorphose[34] einer jungen Frau in ein Schwein, ein Dasein, das sie je nach Umfeld ständig wechselt. Sie beschreibt ähnlich wie Michel Houellebecq „menschliche Schicksale in einer von allen Werten losgelösten Postmoderne auf“[35]. Trotz ihrer Umgangsprache gelingt es ihr, den Einsatz von derber, vulgärer Sprache zu vermeiden.[36] Zudem vereinigt Truismes mehrere Genres in sich. Es handelt sich bei diesem Werk um einen pornographischen, politischen und phantastischen Text, beziehungsweise um eine moralische Fabel oder einen Liebesroman.[37]

Angot, Darrieussecq und nicht zuletzt Despentes, Autorinnen der ère du soupçon[38], sprechen in ihren Texten auf überraschende, gar schockierende Art über ihren Körper. Realistische Beschreibungen werden in ihren Werken oft gepaart mit der Darstellung sexueller Gewalt. Diese haben die Intention den Leser zu schockieren, um ihn zum Nachdenken zu bewegen. Gerade bei den Schriftstellerinnen kommt hinzu, dass sie versuchen, auferlegte Grenzen zu durchbrechen, indem sie sich genuin männlicher Genres bedienen, wie beispielsweise dem pornographischen Roman oder dem Krimi. Diese Schriftstellerinnen möchten nicht erreichen, zum Kanon des bon goût gezählt zu werden. Daher brechen sie die letzten Tabus in der Darstellung des weiblichen Körpers und der weiblichen Sexualität.[39] Auf diese Art und Weise zeigen die Autorinnen „qu’elles peuvent tout écrire, même l’insoutenable“[40].

Virginie Despentes, wie Darrieussecq 1969 geboren, stammt aus dem Milieu, das ihr auch den Stoff für ihre Werke liefert. Mit Kurzzeitjobs als Putzfrau oder Kassiererin und Tätigkeiten als Stripperin in einer Peepshow verdient sie ihren Lebensunterhalt, bis sie 1994 mit 24 Jahren ihren Debütroman Baise-moi publiziert.[41] Die Protagonistinnen in Baise-moi[42] leben die sex drugs and rock’n’roll -Zeit der neunziger Jahre exzessiv aus. Despentes wird ebenso wie Houellebecq zum Trend des déprimisme gezählt. Dieser Deprimismus „kritisiert die technokratische Gesellschaft, in der menschliche Beziehungen versagen und der Alltag vom Zwang zum wirtschaftlichen Erfolg überschattet wird“[43]. Daraus ist die moralische Leere schließlich die Folge. Jener Tatsache erlag die Autorin von BM jedoch selbst, wofür sie noch heute von vielen Journalisten kritisiert wird: Despentes wechselte aus finanziellen Gründen vom kleineren Verlag Florent Massot zum renommierteren und zahlkräftigeren Grasset-Verlag. Ähnlich wie Houellebecq wirft Despentes konsequent alle Werte und Normen, die sich im Gefolge der sexuellen Revolution der sechziger Jahre gebildet haben, über Bord.

Michel Houellebecq, mit bürgerlichem Namen Michel Thomas, wird nach wie vor als der Skandal-Autor Frankreichs gefeiert. Der 1955 auf La Réunion geborene ist der zwischenzeitlich meistgelesene französische Autor und der dark star der Gegenwart.[44] Seinen großen Durchbruch hatte Houellebecq mit seinem zweiten Roman Les Particules élémentaires[45], nicht zuletzt wegen des fulminanten Ausschlusses von der Gruppe Perpendiculaire, der er angehörte. LPE beschäftigt sich insbesondere mit dem Thema der Gentechnik und schafft eine an Brave New World[46] erinnernde Welt. Wie ein Pathologe seziert der oft „Revolutionär“[47] genannte Houellebecq unsere Gesellschaft und stellt die Gründe ihres Sterbens fest. Das Grundübel ist für Houellebecq die Libertinage, durch die der Sex im ausgehenden zwanzigsten und beginnenden einundzwanzigsten Jahrhundert zu einem gesellschaftlichen Zwang wird, gar zu einem Statussymbol. Denn schon die Werbung diktiert den Menschen, wie sie aussehen sollen. Diese assoziiert gutes Aussehen auch immer mit sexueller Aktivität und Attraktivität. Das bedeutet, dass eigentlich nur schöne (und junge) Menschen Sex haben (dürfen) – hässliche (und alte) jedoch nicht.

3. literarische inszenierungsstrategien bei michel houellebecq und virginie despentes

3.1. Les Particules élémentaires

Auf Grund seines überwältigenden Erfolges, der sich in einer erstaunlich hohen Auflagenhöhe[48] und einem ungewöhnlich großen Interesse der Presse manifestierte, wurde der Roman Les Particules élémentaires 1998 für den Prix Goncourt, den wichtigsten Literaturpreis Frankreichs, vorgeschlagen. Der Roman gewann jedoch wider Erwarten nicht, da er als zu skandalträchtig erachtet wurde. Dennoch bekam Houellebecq im selben Jahr den Prix Novembre zugesprochen.

Der Skandal um die PE hängt eventuell auch mit der Neuartigkeit zusammen, die Houellebecq für den Literaturbetrieb darstellte, denn dessen Hauptinteresse galt lange Zeit einzig der Literaturtheorie. Gesellschaftskritische Literatur hatte auch deshalb seit den siebziger Jahren zusehends abgenommen. Houellebecq publizierte mit den PE einen kritischen Gesellschaftsroman, der sich loslöst von einer zu sehr auf die écriture -fixierten Literaturwissenschaft. Er verfasste damit einen Roman, der viele Leser an Balzac und Zola, diejenigen Autoren, die schon früher Fiktion in der Realität verankerten, erinnerte.[49]

Auch im Jahre 2005 verfehlte Houellebecq mit La possibilité d’une île, seinem vierten Roman, wieder nur knapp den Prix Goncourt, der zugunsten von François Weyergans mit dem Roman Trois jours chez ma mère vergeben wurde. Ein Mal mehr wurde Houellebecq aber mit einem anderen Preis getröstet, dem Prix Interallié.

3.1.1. Formale Analyse

3.1.1.1. Genre

Die Rezeption der PE zeigt, dass der Roman auf unterschiedliche Art und Weise kategorisiert wird. Die Gattung der Particules wird häufig aus den ‚inakzeptablen’ beziehungsweise ‚skandalösen’ Genres gewählt, wie zum Beispiel dem pornographischen Roman, dem Thesenroman oder dem experimentellen Roman nach Zola.[50] Außerdem stammen die Gattungen ebenso aus den literarischen (Unter-)Genres wie der Familiensaga, der Poesie, dem Erziehungsroman, dem literarischen Essay, dem Liebes- und dem Science-Fiction-Roman. Zudem aber auch aus den diskursiven Gattungen wie dem wissenschaftlichen Artikel, der Meditation, dem soziologischen und historischen Exposé.[51]

Darüber hinaus lassen sich die PE zur neueren Gattung der autofiction rechnen, da die autobiographischen Züge evident sind: Houellebecq selbst wurde − wie die beiden Helden Michel und Bruno − von seinen Eltern vernachlässigt und der Großmutter zur Erziehung überlassen. Wie der jüngste Halb-Bruder im Roman wurde auch der Autor der Particules im Jahre 1958 geboren. Er hat eine Halb-Schwester, die er zuerst nicht kannte und diese erst, wie Michel und Bruno, recht spät kennen lernte. Arbeitslosigkeit, ein Leben als Angestellter, Depressionen und Aufenthalte in Psychatrien sind für ihn ebenfalls nicht unbekannt. Darüber hinaus ist es zum Beispiel auffällig, dass es in allen seinen Romanen[52] einen Protagonisten namens Michel gibt. Im Jahre 2001 erklärte Michel Houellebecq gegenüber Dominique Guiou, dass er die Identifikation mit dem Protagonisten als Initialzündung benötigt, um überhaupt mit dem Schreiben anfangen zu können. Ferner würde er seinen Helden als eine Art Projektionsfläche persönlicher Phantasien, Obsessionen oder Wunschvorstellungen benutzen.[53] Es entstehe folglich laut Schober ein „Wechselspiel von ‚identification’ und ‚répulsion’“. Dies schaffe einen „rapport complexe“ zwischen dem Autor und seinem Protagonisten.[54] Dadurch entsteht überdies eine unmittelbare Kommunikation mit dem Rezipienten. Zuletzt sei noch angemerkt, dass Houellebecq deshalb vom heterodiegetischen Erzählmodus zugunsten einer auto-referentiellen Perspektive abkam, damit er sich vom dem klassischen Erzählmuster etwas loslösen konnte.[55]

Durch die Vielzahl an verschiedenen Gattungen, die Houellebecq in seinem Roman zu vereinen scheint, kann LPE nicht auf nur ein Genre festgelegt werden. „Dieser Genrewechsel kommt einem Generalangriff auf einen festgelegten, einheitlichen Gattungsstatus gleich“[56]. Dennoch gibt es eine Anzahl von Autoren, die hier nur exemplarisch genannt werden können, die sich bei der Gattung festgelegt haben: Dion und Haghebaert rechnen die PE zur „catégorie du roman d’anticipation“[57]. Er ist jedoch sehr stark mit dem Thesen- und dem experimentellen Roman verbunden.[58]

Jochen Mecke sieht die Particules als reinen Thesenroman, da der Text überwiegend Thesencharakter besitze.[59] Demnach ist für Houellebecq die sexuelle Revolution von 1968 Schuld am gegenwärtigen Werteverlust. Den einzigen Ausweg für den Fortbestand der menschlichen Rasse sieht er im Klonen. Diese Hypothese wird in den PE durch Daniel Macmillan aufgestellt, der angeblich ein Buch namens From Lust to Murder: a generation geschrieben haben soll:

Selon Daniel Macmillan, la destruction progressive des valeurs morales au cours des années soixante, soixante-dix, quatre-vingt puis quatre-vingt-dix était un processus logique et inéluctable. Après avoir épuisé les jouissances sexuelles, il était normal que les individus libérés des contraintes morales ordinaires se tournent vers les jouissances plus larges de la cruauté; deux siècles auparavant, Sade avait suivi un parcours analogue. En ce sens, les serial killers des années quatre-vingt-dix étaient les enfants naturels des hippies des années soixante.[60]

Susan Rubin Suleiman erklärt in ihrem Buch Le roman à thèse ou l’autorité fictive jedoch noch einen weiteren Punkt als wichtigen Bestandteil eines Thesenromans: „Le roman à thèse est un genre narratif où l’action est constamment doublée d’une parole interprétative. Que ce soit le narrateur ou des personnages ou les deux ensemble, ‘on’ parle beaucoup dans un roman à thèse, et on ne parle pas pour ne rien dire.“[61] Demnach wären die PE laut Suleiman eindeutig als roman à thèse zu qualifizieren.

Eine genaue Analyse mit der Fragestellung, ob LPE ein postmoderner Thesenroman[62] ist, unternahm Liesbeth Korthals Altes. Sie stellte ihrerseits fest, dass es sich um einen Roman handelt, der nur gewisse Züge eines roman à thèse hat, jedoch keiner ist. So schreibt sie: „Le livre [= LPE ] prend nettement position et possède à beaucoup d’égards la structure nécessaire d’un roman à thèse. Par contre, il lui manque l’univocité.“[63]

Für Wolfgang Matz wiederum handelt es sich bei den PE um einen Bildungsroman des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts, der als exemplarischer Lebenslauf eines Individuums zum Ausdruck kommt, das in einem „spannungsvollen Wechselverhältnis zwischen [seiner] Entwicklung […] und den Ansprüchen der Gesellschaft [lebt]“[64]. Diese Aussage lässt sich dadurch bestätigen, dass LPE den Menschen tatsächliche eine Lösung anbietet – das Klonen –, auch wenn dies als ironisch und utopisch angesehen werden kann.

Die Unmöglichkeit einer eindeutigen Kategorisierung, das ‚Non-Genre’, scheint aber gerade eines der Merkmale der neuen Autorengeneration zu sein. Die Vermischung der verschiedenen oft traditionellen, klassischen Romanformen unterläuft sie zugleich und produziert so einen Illusionsbruch und unterbricht daher den literarischen Diskurs.[65] Es ist das Kennzeichen eines Stilpluralismus’, das darüber hinaus für die Mehrheit der Vertreter der Nouvelle génération als eigenes Stilelement angesehen werden kann.

3.1.1.2. Figuren und Figurenkonstellation

Houellebecqs Figuren entsprechen laut Jochen Mecke Stereotypen: Bruno Clément ist ein zweiundvierzigjähriger sexbesessener Lehrer – ein veritabler Erotomane –, der schließlich auch seine Schülerinnen zu verführen versucht. Bereits zu Beginn der Particules − Bruno befindet sich en seconde − schreibt Houellebecq: „Bruno se branlait trois fois par jour.“[66] Dies genügt ihm auf lange Sicht gesehen aber nicht: „Il [=Bruno] finit par montrer sa bite à une vendeuse de supermarché − qui, heureusement, éclata de rire.“[67] Später, als Lehrer, bekommt er eine Stelle an seiner alten Schule in Meaux, doch hat er auch hier lediglich sexuelle Hintergedanken:

J'avais trois classes: une seconde, une première A, une première S. […] il y avait trois mecs et une trentaine de filles. Une trentaine de filles de seize ans. Blondes, brunes, rousses. Françaises, beurettes, asiatiques - toutes délicieuses, toutes désirables. Et elles couchaient, ça se voyait, elles couchaient, elles changeaient de garçon, elles profitaient de leur jeunesse; tous les jours je passais devant le distributeur de préservatifs, elles ne se gênaient pas pour en prendre devant moi.[68]

Bruno rechnet sich schließlich Chancen bei seinen Schülerinnen aus und wird immer obsessiver. Dies führt dazu, dass er ohne Slip in die Schule geht.[69] Seine Lage spitzt sich soweit zu, dass es zu einem kaum abwendbaren Eklat im Klassenzimmer kommt, bei dem er eine seiner Schülerinnen belästigt.[70] Durch seine Sexbesessenheit steht diese Figur in den Particules für „Sexualität ohne Fortpflanzung“[71].

Ihm gegenüber steht sein zwei Jahre jüngerer Bruder Michel Djerzinski. Er ist ein hochintelligenter Wissenschaftler, der keine Form von Liebe kennt. Im Gegensatz zu Bruno lebt diese Figur weitgehend ohne Geschlechtlichkeit. Er führt ein gänzlich intellektuelles Dasein[72] und zeigt nur wenige Emotionen.[73] Er verschreibt sein Leben der Gentechnologie und steht daher in den PE für „Fortpflanzung ohne Sexualität“[74]. Für Bruno ist er absolut unmenschlich.[75] Doch schließlich trifft Michel auf seine Jugendliebe Annabelle, die ihn fragt:

’Tu veux que je te prenne dans ma bouche?’ II réfléchit un moment, répondit finalement: ‘Oui.’ C'était agréable, mais le plaisir n'était pas très vif (au fond il ne l'avait jamais été; le plaisir sexuel, si intense chez certains, reste modéré, voire insignifiant chez d'autres; est-ce une question d'éducation, de connexions neuronales ou quoi?).[76]

Annabelle wird als sehr schön und sensibel dargestellt. Schon als Jugendliche stellt sie sich eine Zukunft mit Michel vor: „Annabelle savait maintenant qu'un jour ou l'autre Michel aura envie de l'embrasser, de caresser ce corps dont elle sentait la métamorphose. Elle attendait ce moment sans impatience, sans trop de crainte non plus; elle avait confiance.“[77] Allerdings wird sie ungewollt von einem Hippie schwanger, verliert den Kontakt zu Michel und wird ihr Leben lang von allen Männern enttäuscht.

Christiane, die spätere Partnerin Brunos, sucht im Lieu de Changement sexuelle Abenteuer. In diese Art der Zerstreuung flüchtet sie sich nicht zuletzt deshalb, weil sie zu Hause offenbar von ihrem eigenen gewalttätigen Sohn tyrannisiert wird:

‚Il va falloir que j'envoie du fric à mon fils, dit-elle. Il me méprise, mais je vais encore être obligée de le supporter quelques années. J'ai juste peur qu'il ne devienne violent. Il fréquente vraiment de drôles de types, des musulmans, des nazis... S'il se tuait en moto j'aurais de la peine, mais je crois que je me sentirais plus libre.’[78]

Diese unterdrückte Position innerhalb der Familie drückt sich auch in ihrem devoten sexuellen Verhalten aus, denn sie tut alles dafür, dass Bruno befriedigt wird.

Brunos und Michels Mutter Janine, die sich später in Jane umbenennen lässt, ist eine egozentrische Hippie-Anhängerin. Ihre beiden Söhne schiebt sie jeweils zu deren Großmüttern ab, um sich selbst entfalten zu können.

Dieser kurze Abriss über die Figuren in LPE zeigt rasch, dass sie sehr transparent sind.[79] Bruno und Michel sind komplex angelegt, während die Frauen sehr eindimensional dargestellt werden. Trotz stereotyper Inszenierung der Protagonisten wirken sie dennoch tiefgründiger als die übrigen Figuren. Zudem sind Bruno und Michel offen angelegt, denn sie haben grundsätzlich Entwicklungspotenzial in sich und ihren sozialen Beziehungen. So simpel wie die Figuren sind aber auch deren Konstellationen gehalten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Figurenkonstellation in Les Particules élémentaires, verändert nach Mecke (2003:199)

Die Grafik zeigt, dass die Figuren eine strenge Symmetrie in ihrer Konstellation aufweisen: Bruno und Michel sind komplementäre Figuren, die sich gegenüberstehen und denen jeweils eine komplementäre Frauenfigur − Christiane beziehungsweise Annabelle − zugeschrieben ist, die schließlich durch einen Suizid sterben. Bruno flüchtet sich in die Psychiatrie, Michel vertieft sich immer mehr in seine Wissenschaft.

[...]


[1] Baise-moi 1994 und Les Particules élémentaires 1998.

[2] Vgl. Federmair (2002:293).

[3] Vgl. Fußnote 22.

[4] Vgl. Bourcier (2004:13).

[5] Morello & Rodgers (2002:8).

[6] 1989 veröffentlichte Jean-Mari Rouart den Artikel mit dem Titel „Les 80 femmes qui dominent les lettres“.

[7] Morello & Rodgers (2002:11).

[8] Jacqueline Worms de Romilly (seit 1988); Hélène Carierre d’Encausse (seit 1990); Florence Delay (seit 2000).

[9] Vgl. Académie française (05.11.2005).

[10] Vgl. Morello & Rodgers (2002:8-13).

[11] Evene (25.11.2005).

[12] Ein Grund hierfür ist, dass sich die Franzosen nur zu gerne ausschließlich auf „grands noms“ des Literaturbetriebs konzentrieren, vgl. hierzu Evene (25.11.2005).

[13] Vgl. Jean-Paul Sartre.

[14] Vgl. die Tel quel -Gruppe.

[15] Vgl. Vertreter des Nouveau Roman.

[16] Metz & Naguschewski (2001:6).

[17] In Nouvelle Génération kamen unter anderem die Werke von Michel Houellebecq und Virginie Despentes heraus.

[18] In Nouvelle voix erschienen die Werke von Christine Angot.

[19] Vgl. Wiele (2003:111f.).

[20] Wiele (2003:111).

[21] Wiele (2003:112).

[22] Vgl. Wiele (2003:112).

[23] Wiele (2003:112) zit. n. Mazauric, Marion: Introduction à la Nouvelle Génération, unveröffentlichte verlagsinterne Ankündigung April 1999.

[24] Vgl. hierzu die Ausführungen in der Einleitung.

[25] Vgl. Wiele (2003:121).

[26] Vgl. Wiele (2003:121) zit. n. Bourdieu, Pierre: „Une révolution conservatrice dans l’édition“. In: Actes de la recherche en science sociales 126-127 (1999), S. 20.

[27] Vgl. Wiele (2003:122).

[28] Houellebecq (1991:42).

[29] Vgl. Morello & Rodgers (2002:26f.).

[30] Farron (31.05.2003).

[31] Repräsentativ ist hierfür der Titel ihres Werks Sujet Angot.

[32] Vgl. Metz & Naguschewski (2001:9ff.).

[33] Vgl. Metz & Naguschewski (2001:60).

[34] Truismes verweist hier eindeutig auf Die Metamorphose von Franz Kafka.

[35] Metz & Naguschewski (2001:60).

[36] Vgl. Metz & Naguschewski (2001:60ff.).

[37] Vgl. Morello & Rodgers (2002:31).

[38] Dieser Begriff wurde ursprünglich von Nathalie Saurraute geprägt, deren Essayband diesen Titel trug.

[39] Vgl. Morello & Rodgers (2002:33).

[40] Morello & Rodgers (2002:34).

[41] Vgl. Metz & Naguschewski (2001:68) & Authier (2002:15) & Jordan (2002:128).

[42] Nachfolgend BM genannt.

[43] Metz & Naguschewski (2001:70).

[44] Vgl. hierzu das Vorwort eines Vertreters des DuMont Verlags anlässlich der Lesung von Houellebecq neuestem Werk La Possibilité d’une île am 13.09.2005 in Stuttgart, sowie Krause, Tilman: „Der Dreckspatz von Paris. Eine Begegnung mit Michel Houellebecq, dem Dark Star der französischen Gegenwartsliteratur“. In: Steinfeld, Thomas (Hrsg.): Das Phänomen Houellebecq. Köln: DuMont 2001, S. 27-32.

[45] Nachfolgend sollen die Abkürzungen LPE, PE sowie Particules synonym verwendet werden.

[46] Huxley, Aldous: Brave New World. London: 1932.

[47] Bardolle (2004:74).

[48] 2000 waren es nach Schober (2003:156) 400000 Exemplare.

[49] Vgl. Schober (2003:156).

[50] Vgl. Dion & Haghebaert (2001:510).

[51] Vgl. Dion & Haghebaert (2001:516), vgl. hierzu auch Authier (2002:56).

[52] Extension du domaine de la lutte; Les Particules élémentaires & Plateforme.

[53] Vgl. Schober (2003:282) zit. n. Guiou, Dominique: „Je suis l’écrivain de la souffrance ordinaire“. In: Le Figaro (04.09.2001).

[54] Schober (2003:282) zit. n. Guiou, Dominique: „Je suis l’écrivain de la souffrance ordinaire“. In: Le Figaro (04.09.2001).

[55] Vgl. Schober (2003:281f.).

[56] Schober (2003:289).

[57] Dion & Haghebaert (2001:517).

[58] Vgl. Dion & Haghebaert (2001:519).

[59] Vgl. Mecke (2003:196).

[60] Houellebecq (1998a:211).

[61] Clément (2003:179) zit. n. Suleiman, Susan Rubin: Le roman à thèse ou l’autorité fictive. Paris: PUF 1983, S. 224.

[62] Vgl. hierzu auch Korthals Altes (2004:29ff.).

[63] Clément (2003:177) zit. n. Korthals Altes, Liesbeth: „Over de dubbelzinnigheid van het betogende in de roman. Een analyse van Michel Houellebecq Les Particules élémentaires“. In: Literatuurwetenschap tussen betrokkenheid en distantie. Assen: Van Gorcum 2000, S. 373.

[64] Matz (2001:115).

[65] Vgl. Schober (2003:290).

[66] Houellebecq (1998a:60).

[67] Houellebecq (1998a:60).

[68] Houellebecq (1998a:190f.).

[69] Vgl. Houellebecq (1998a:192).

[70] Vgl. Houellebecq (1998a:198).

[71] Steinfeld (12.10.1999).

[72] Vgl. Houellebecq (1998a:119).

[73] Vgl. Houellebecq (1998a:155).

[74] Steinfeld (12.10.1999).

[75] Vgl. Houellebecq (1998a:180).

[76] Houellebecq (1998a:235).

[77] Houellebecq (1998a:58).

[78] Houellebecq (1998a:214).

[79] Vgl. Mecke (2003:198f.).

Details

Seiten
91
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638780544
Dateigröße
706 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77599
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Institut für Romanische Literaturen I
Note
2,0
Schlagworte
Pornographie Literarische Inszenierungsstrategien Michel Houellebecq Virginie Despentes

Autor

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Titel: Pornographie als 'mal de siècle' - Literarische Inszenierungsstrategien bei Michel Houellebecq und Virginie Despentes