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Konflikte im „Helmbrecht“ Wernhers dem Gartenaere

Eine Sichtweise mit modernen soziologischen Konflikttheorien

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 32 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Das Märe „Helmbrecht
2.1 Lehre

3. Historische Einordnung
3.1 ordo -Lehre

4. Soziologische Theorien
4.1 Emile Durkheim
4.1.1 Durkheims Anwendung auf das Märe
4.2 Georg Simmel
4.2.1 Simmels Anwendung auf das Märe
4.3 Max Weber
4.3.1 Webers Anwendung auf das Märe
4.4 Talcott Parsons
4.4.1 Parsons’ Anwendung auf das Märe
4.5 Ralf Dahrendorf
4.5.1 Dahrendorfs Anwendung auf das Märe

5. Fazit

6. Literaturangaben

1. Einleitung

Die Verserzählung „Helmbrecht“ von Wernher dem Gartenaere aus der Zeit um 1280 gilt als eine der wichtigsten Schriften ihrer Zeit. In ihrer stilistischen Komplexität, kunstvollen Vielschichtigkeit und herausragenden Dichtkunst steht sie den hochmittelalterlichen Klassikern von Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach oder Gottfried von Straßburg in nichts nach. Vielmehr hebt sich dieses spätmittelalterliche Werk von seinen Gegenübern der höfischen Dichtkunst ab. Denn erstmals wirft der Autor sein Hauptaugenmerk nicht auf das Leben am Hof oder auf die Erlebnisse der Ritter auf aventûre, wie bei den Artusromanen zu sehen ist, sondern ganz im Gegenteil: Wernher der Gartenaere richtet seinen Blickwinkel auf den niederen Stand und zeigt als Hauptpersonen Bauern sowie Wegelagerer, Raubritter oder niederen Adel. Diese sozialen Gruppen „des fortgeschrittenen 13. Jahrhunderts tauchen in solch sachlicher Ernsthaftigkeit so gut wie niemals über den Horizont aller sonstigen literarischen Darstellung empor.“[1] Das Märe des Helmbrechts stellt somit die „erste deutsche Dorfgeschichte“ ihrer Zeit dar, die ihren Handlungsort im bäuerlichen Milieu hat und nicht im Heroischen oder Höfischen.[2]

Völlig neu in dieser Art und Weise, abgesehen von „Seifried Helbling“, bleibt auch die Thematik des Märe: soziale Mobilität als die Totalität der göttlichen Ordnung gefährdendes Element. Aufbauend auf einen Gesellschafts- bzw. Klassen- oder Ständekonflikt kommt es zu weiteren Konflikten, die die ordenunge verletzen. Der Ausbruch aus dem von Gott gegebenen für das ganze Leben geltenden Stand stellt das Motiv der Handlung. So ist die Erzählung „Helmbrecht“, „im Hinblick auf die Thematik sozialer Mobilität [der] wohl wichtigste Text des deutschen Spätmittelalters […].“ Als Lehrgedicht verdeutlicht „Helmbrecht“ einerseits historische Sachverhalte und andererseits aber sehr eindrucksvoll die Meinung des Autors, der jeglichen Wandel ablehnt, sogar als Sünde und Gottesverrat ansieht.

Noch heute lassen sich zahlreiche interessante und ertragreiche Ansatzpunkte aus der Erzählung ziehen, um mittelalterliche Konflikte und somit die Gesellschaft zu untersuchen. Konflikte und demgegenüber Integration beschäftigen seit rund einem Jahrhundert die Soziologie. Sie versucht anhand verschiedener Theorien Aufschlüsse über den gesellschaftlichen Wandel zu bekommen, in dem Konflikte eine große Rolle spielen. Sie möchte die Ursache, das Entstehen von Konflikten in abstrakte Muster setzen, um daraus Transfermöglichkeiten zu anderen Wissenschaften zu schaffen und die moderne Gesellschaft beschreiben zu können. Der erste Vertreter, nicht auf soziologischer Seite, der sich mit Konflikten befasste war Karl Marx. Seine Klassentheorie gilt als Grundlage vieler weiterer Gesellschaftstheorien und später auch Konflikttheorien. Für die Hauptströmung der Soziologie ist jedoch die Ablehnung des Marxschen Klassenkampfes charakterisierend, deshalb wird auf eine Betrachtung seiner Ideologie in dieser Arbeit verzichtet.[3] Im Folgenden soll vielmehr ein Überblick geschaffen werden, der es erlaubt, die großen Konflikttheorien zu verstehen und auf das Märe „Helmbrecht“ anzuwenden. Hierbei kann natürlich kein vollständiges Spektrum zu erwarten sein, da besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Vielzahl neuer soziologischer Betrachtungsweisen entstanden ist. Es soll sich in dieser Arbeit auf die bedeutendsten Denkansätze konzentriert werden, auf die sich eine Vielzahl nachfolgender Soziologen gestützt hat. Es wurden jene Konflikt- bzw. Gesellschaftstheorien ausgesucht, die erstens innerhalb der Soziologie einen hohen Stellwert besitzen und in einem gewissen kausalen bzw. entwicklungstheoretischen Zusammenhang stehen. Zweitens sollen jene soziologischen Ansätze auch für den mediävistischen Diskurs zu gebrauchen sein und möglichst viele Rückschlüsse auf die spätmittelalterliche Gesellschaft bzw. Weltanschauung erlauben. Die Auswahl der Soziologen wurde größtenteils thematisch vorgenommen und möchte einen weitgehenden Überblick über die Zusammenhänge der einzelnen Theorien schildern. Chronologischerweise wird versucht werden, Entwicklungslinien und Abhängigkeiten der Denkansätze untereinander festzustellen. Zunächst werden also die drei Gründungsväter der Soziologie Durkheim, Simmel und Weber betrachtet, die zunächst eine Eigenlogik der Gesellschaft studieren, um anschließend ihrem Ziel der vernünftigen Gesellschaftsordnung näher zu kommen. Darauf bauen einige Jahre später die modernen „Antagonisten“ Parsons und Dahrendorf auf, indem sie zwei gegensätzliche Gesellschaftstheorien entwerfen.

Damit wird schon das Ziel dieser Arbeit deutlich, eine Erkenntnis aus zwei unterschiedlichen Richtungen zu erlangen: einerseits das Aufdecken einer Signifikanz der soziologischen Denkansätze für die Betrachtung des Mittelalters und andererseits umgekehrt eine Anwendung der soziologischen Hypothesen auf die mittelalterliche Gesellschaft zur Veranschaulichung und Überprüfung jener Theoreme.

Um diese Arbeit auch für fachfremde Leser zugänglich zu machen, wie es die Aufgabe aller Geistes- und Sozialwissenschaftler sein sollte, wird im folgenden Kapitel kurz auf den Stoff des Märe eingegangen und die Handlung knapp umrissen.

2. Das Märe „Helmbrecht“

Die Verserzählung „Helmbrecht“ ist, wie in der Einleitung schon erwähnt, zwar vom Umfang her zu den kleineren mittelhochdeutschen Dichtungen zu zählen, jedoch von seiner Wirksamkeit und von seinem späteren literarischen Interesse nicht zu unterschätzen. Innerhalb der Versepen des 13. und 14. Jahrhunderts ist es „am ehesten der moralischen Exempeldichtung zuzuordnen.“[4]

Sein dreiteiliges Grundthema, als gängiges Schema, bestehend aus Auszug – Fremde – Heimkehr, erinnert an verschiedene andere mittelalterliche Epen, wie zum Beispiel „Iwein“, „Erec“, „Tristan und Isolde“, u.a. sowie an das biblische Motiv des Gleichnisses „Der verlorene Sohn“ (Lukas 15). In dem Märe des Helmbrecht wiederholt sich diese Struktur zweimal, sei hier aber nur kurz wiedergegeben:

Der Meierssohn Helmbrecht will entgegen sînes vâter rat aus seinem Stand ausbrechen, um sein Glück als Ritter zu versuchen. Er sieht deutlich, dass das Leben am Hof angenehmer ist, dass er den schweren Arbeiten eines Bauern nicht mehr nachkommen will und aufgrund seines Aussehens an den Hof gehört. Er akzeptiert nicht, dass ihm qua Geburt dieser Weg verwehrt bleiben soll, gerade weil für ihn seine Schönheit Zeichen genug ist, dass für ihn ein besseres Leben vorgesehen ist.[5] In langen Diskussionen möchte der alte Helmbrecht seinen Sohn zurückhalten, weil es in seiner traditionellen Sichtweise unmöglich ist, seine Herkunft zu verleugnen – also seinen von Gott gegebenen Stand zu verlassen. Qua Geburt ist man an seine Klasse gebunden und hat seine Pflichten im Sinne der Gesellschaft zu erfüllen. Alles andere wäre, so der Vater, ein Vergehen an Gott, ein Verstoß gegen die geltende Ständeordnung und zum Scheitern verurteilt.

Trotz allen Klagens bricht der junge Helmbrecht auf, teuer eingekleidet von seiner Familie, um sich einer Gruppe von Raubrittern bzw. Wegelagerern anzuschließen.[6] In dieser Gemeinschaft verstößt er gegen die Bestimmungen des Landfriedens, wird durch Raub, Mord und Vergewaltigung ein Ehr- und Rechtloser. Im Laufe seines Raubzuges begeht er alle sieben Todsünden: Superbia, Avaritia, Invidia, Ira, Luxuria, Gula, Acedia. In Äquivalenz zu dem Gleichnis des verlorenen Sohnes kehrt Helmbrecht nach Hause zurück und wird herzlich aufgenommen. Der junge Helmbrecht kündigt seiner Familie dennoch den Frieden auf, kehrt zu seinen Kumpanen zurück und verheiratet seine Schwester Gotelint mit einem Komplizen. Schon während der hôchzîten werden Helmbrecht und seine Verbündeten von dem schergen gefangen genommen und vor Gericht gestellt, wo der junge Meierssohn als einziger vor dem Galgen bewahrt wird, jedoch mit Blindheit und Verstümmelung bestraft wird. Reumütig kehrt er nun das zweite Mal nach Hause zurück, diesmal als Geächteter und Ausgestoßener. Wenn auch mit schwerem Herzen, verweist ihn sein Vater vom Gut und stößt ihn endgültig ab. Darauf wandert der Geschundene ziellos, hilflos und verkommen umher, bis er von einer Gruppe Bauern, die er zuvor beraubt und misshandelt hatte, entdeckt wird. Qualvoll geht Helmbrecht an der Rache seiner ehemaligen Standesgenossen zugrunde.

2.1 Lehre

Die Meinung Wernhers des Gartenaeres verkörpert der Vater. Auf abschreckende Weise soll klargemacht werden, dass seinen Platz in der Gesellschaft zu verlassen, „ohne allgemeine Störung der ordenunge, nicht möglich [ist]. […] Die Störung der ordenunge durch den jungen Helmbrecht besteht also nicht nur darin, daß er ausbricht und aufzusteigen strebt, sondern vor allem darin, daß er durch sein Handeln eine allgemeine Gefährdung der bestehenden gesellschaftlichen Beziehungen heraufbeschwört und seine Klassengenossen schindet“.[7] Offensichtlich ist für Wernher sozialer Aufstieg mit Unrecht verbunden. Denn die Verletzung eines Teils des dreiteiligen Ordnungsgefüges Familie, Stand und Recht führt für ihn zu einer „Lawine von Ordnungslosigkeit, ja Ordnungsfeindlichkeit, die zuerst die Standes-, schließlich die Rechtsordnung und damit das ganze irdische Ordnungssystem bedroht“.[8] So gesehen ist Wernhers Erzählung zwar auch „als eine Wendung gegen das Raubritterwesen, gegen einzelne Mißstände einer chaotischen Zeit zu verstehen“, aber auch „als Parteinahme gegen eine Änderung der bestehenden Verhältnisse, eine Verschiebung etwa der sozialen Machtverteilung.“[9] Es spielen also zwei Faktoren zum Verständnis des Märe eine übergeordnete Rolle: Einerseits die befürchtete Bedrohung der Ständeordnung durch soziale Mobilität und andererseits die krankende Gesellschaft, die hier, wenn nicht kritisiert, jedoch als solche beschrieben wird. Die Entwicklung von Helmbrecht und seiner Schwester Gotelint hin zu Kriminellen ist nur dadurch möglich: Beides, der Willen des Aufstiegs sowie das Ziel Helmbrechts, werden von Wernher angeprangert. Aus heutiger Sicht könnte man das erste als die subjektive Kritik Wernhers verstehen, da es seine persönliche Meinung ist – die zwar auch die vorherrschende Meinung zu dieser Zeit war – sozialen Aufstieg nicht zu dulden und als Verstoß gegen die göttliche Ordnung zu werten. Die Kritik an dem Verfall des Ritterstandes wäre dann nach dieser Interpretation eher als objektiv anzusehen, weil diese Entwicklung historisch belegt ist und natürlich verurteilt werden muss. „Wernhers Kritik an Helmbrecht wie an der Gesellschaft ist somit mehrdimensional, was sie wirkungsvoll macht und es erlaubt, sie in ganz unterschiedliche historisch-politische Zusammenhänge einzusetzen.“[10]

Festzuhalten bleibt, dass der junge Helmbrecht die Krise der Gesellschaft nicht auslöst, sondern dass ein bestimmter Verfall der Normen schon gegeben war. Dies wird am Beispiel der Nonne und an den Berichten Helmbrechts über das Verhalten der Ritter deutlich.

Interessanterweise beschreibt Wernher den individuellen Gegensatz zwischen Vater und Sohn gleichzeitig als Kontrast zwischen traditioneller und modernistischer Sichtweise. Der Alte und damit die von ihm repräsentierten Bauern stehen dem jungen Helmbrecht diametral gegenüber. Erst durch Helmbrechts Taten wird sein Vater in einen Konflikt verwickelt, nämlich zwischen der Liebe zu seinem Sohn und seiner Überzeugung, seiner Position in der Gesellschaft und seiner damit einhergehenden Pflicht.[11]

3. Historische Einordnung

Wichtig zum Verständnis und für die spätere Anwendung auf soziologische Theorien ist die historische Einordnung des „Helmbrecht“ sowie ein kurzer Umriss der spätmittelalterlichen Gesellschaft. Wie oben schon erwähnt, entstand das Märe um das Jahr 1280, also im frühen Spätmittelalter bzw. im ausgehenden Hochmittelalter. Diese Einordnung ist wichtig, da das Schicksal Helmbrechts stark mit den Veränderungen von Hoch- zu Spätmittelalter zusammenhängt. Wäre der junge Bauernsohn einhundert Jahre eher zu seinem Unternehmen aufgebrochen, wäre er wohl nicht klagvoll gescheitert, sondern hätte ohne große Probleme seine Karriere durchsetzen können.

Ungefähr ab dem Jahre 1230 vollzog sich eine rückschrittliche Entwicklung. Hochmittelalterliche Fortschritte, wie Auflockerung der Standesgrenzen, Urbanisierung, Besitzerwerb von Bauern, also die agrarische Revolution und die ersten Zeichen von Marktwirtschaft, waren in der Zeit des Helmbrechts rückläufig – ja es kam sogar zu einer Verknöcherung der Gesellschaft. Der Aufstieg der Bauern war nun nicht mehr ohne weiteres möglich, da sich der mittlerweile verarmte Landadel gegen das aufsteigende Bauerntum abschottete. Zwar konnten sich manche Bauern Besitz ansammeln oder ihr Glück in der Stadt versuchen, doch entspricht dies nur einer vorübergehenden Besserung ihrer Lage. Gerade die Meier waren im 13. Jahrhundert die besser gestellten Bauern, sie hatten große Flächen Land, welches sie unter eigener Regie leiteten und waren finanziell gut gestellt und somit in keiner starken Abhängigkeit eines Lehnsherrn mehr. Dies ist auch am Meier Helmbrecht abzulesen, der seinen Sohn mit teuren Dingen auszustatten in der Lage ist und ihm selbstständig den Hof vererben kann.

Einher gingen mit dieser Entwicklung eine Pervertierung adliger Lebens- und Herrschaftsmethoden der hôvewise und der Verfall der ritterlichen Pflichten, wie tugent, êre, milte, staete, triuwe und mâze . Anfang des 13. Jahrhunderts gerät der Feudalismus als politisches Ordnungsprinzip nach dem Tod Heinrichs VI. zusätzlich aus den Bahnen. „Der ständig präsente und immer nur mühsam entschiedene Gegensatz zwischen partikularischen und zentralen politischen Gewalten führt mit dem Ende der staufischen Dynastie zum politischen Chaos. Rechtssicherheit und ein Minimum an ‚innerer’ Sicherheit sind immer weniger garantiert.“[12] Diese Zeit des Interregnums wird im Laufe der Arbeit noch weiter an Bedeutung gewinnen, da sich darin ein Grund für die „Verwahrlosung“ der Gesellschaft ablesen lässt. Vor diesem Hintergrund wird zudem die Bedeutung deutlich, mit welcher Vehemenz Wernher die bisherige Ständeordnung verteidigt und postuliert.

So eindrucksvoll und brutal hier von Wernher der Wunsch nach sozialem Aufstieg auch verurteilt und zerschmettert wird, so darf doch nicht der Eindruck entstehen, dass soziale Mobilität in dieser Zeit völlig undenkbar und utopisch war. Gerade das Aufnehmen dieser Thematik als Stoff einer Verserzählung verdeutlicht, wie aktuell diese Problematik war. Der reine Vollzug des sozialen Aufstiegs ist dennoch „eher als Ausnahme anzusehen im Spätmittelalter.“[13]

3.1 ordo -Lehre

Wie oben schon kurz erwähnt, ist es also die göttliche Ordnungslehre, die der mittelalterlichen Gesellschaft zugrunde lag und sie zusammenhielt. Das gesamte mittelalterliche Leben basierte auf der göttlichen Instanz. Jegliche Formen des Miteinanders, der Herrschaft sowie der Moral gingen auf Gott zurück und waren auf ihn begründet. Alles Geschehene war richtig, so lange es mit Gott und der Heiligen Schrift im Einklang stand. Alles war von Gott geschaffen und war auf ihn zurückzuführen. Unkonformes Verhalten ging gegen Gott und wurde von ihm in irgendeiner Weise bestraft. Diese ordo -Lehre wurde „durch Grundregeln des Zusammenlebens stabilisiert, die sich allenfalls sehr selten, meist aber überhaupt nicht in schriftlich fixierten Statuten, Gesetzen oder gar Verfassungen nachlesen lassen. Und dennoch befanden sich diese Gesellschaften keineswegs in einem rechtlosen, anarchischen Zustand.“[14] Denn diese ungeschriebenen Gesetze wurden auf anderen Wegen eingehalten oder sanktioniert. Der Begriff der êre spielt hier eine große Rolle. Ein Verstoß gegen die Ordnung ging mit Verlust des Ansehens und der Ehrwürdigkeit einher. Starke Verletzungen des Rechts führten zu einem kompletten Entzug der Ehrbarkeit – man wurde zu einem Ehr- und Rechtlosen. Jener sah sich schutzlos jeglichen Untaten ausgesetzt, der soziale Kontakt wurde abgebrochen, und die wirtschaftliche Zusammenarbeit, ohne die ein Überleben unmöglich war, eingestellt: Ein Ehrloser war also kein Mitglied der Gesellschaft mehr, sondern vielmehr ein von Gott bestrafter, ausgegrenzter Sünder.

Der Begriff Recht kann im mittelalterlichen Zusammenhang also nicht in der heutigen Bedeutung verstanden werden, sondern wird eher durch das Begriffspaar „Ordnung und Konflikt“ beschrieben.[15] „Kurzum ‚Konflikt und Ordnung’ verweisen auf ‚soziale Regeln’ überhaupt und akzentuieren damit die dazugehörigen Strategien der Konfliktbewältigung und die besonderen Mittel der Ahndung abweichenden Verhaltens.“[16] Wie dieses mithilfe von modernen soziologischen Theorien untersucht werden kann, welche Aufschlüsse daraus in Bezug auf die mittelalterliche Gesellschaft und das damalige System entstehen bzw. ob sich eine neue Lesart des „Helmbrecht“ ergibt, soll im Folgenden analysiert werden.

[...]


[1] Fritz Tschirch: Einführung. In: Wernher der Gärtner: Helmbrecht. Herausgegeben, übersetzt und erläutert von ebd. Stuttgart 1974, S.6.

[2] Ebd. S.5.

[3] Vgl. Günter Endruweit, Gisela Trommsdorff (Hg.): Wörterbuch der Soziologie. 2. völlig neu bearbeitete und überarbeitete Auflage. Stuttgart 2002, S.281.

[4] Petra Höfels: Helmbrecht als Lehrgedicht. Die didaktische Wirkung der Versdichtung in ihrer zeitgenössischen Rezeption. Aachen 1995.

[5] Vgl. dazu Wernher der Gärtner: Helmbrecht V.259ff., 299ff., 570ff der Reclam-Ausgabe von 1978. Im Folgenden abgekürzt mit HE und der Verszahl.

[6] In der Literatur ist es umstritten, ob es sich hierbei um Raubritter oder Wegelagerer handelt. Dieser Diskussion möchte ich aus dem Weg gehen und darauf hinweisen, dass es darauf ankommt, dass Helmbrecht sich nicht einer traditionellen vom ere-Begriff geleiteten höfischen Rittergesellschaft anschließt.

[7] Hanns Fischer: Gestaltungsschichten im „Meier Helmbrecht“. In: Karl-Heinz Schirmer (Hg.): Das Märe. Die mittelhochdeutsche Versnovelle des späteren Mittelalters. Darmstadt 1983, S.399.

[8] Ebd. S.363.

[9] Ebd. S.378.

[10] Volker Honemann: Gesellschaftliche Mobilität in Dichtungen des deutschen Mittelalters. In: Kurt Andermann, Peter Johanek: Zwischen Nicht-Adel und Adel. In: Vorträge und Forschungen. Hg. vom Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte. Band LIII. Stuttgart 2001, S.39.

[11] HE 1775-1778.

[12] Bracker Helmut, Fry Winfried, Seitz Dieter: Nachwort zu: Wernher der Gartenaere: Helmbrecht. In: Karl-Heinz Schirmer (Hg.): Das Märe. Die mittelhochdeutsche Versnovelle des späteren Mittelalters. Darmstadt 1983, S.382.

[13] Gerhard Fouquet: Zwischen Nicht-Adel und Adel. Eine Zusammenfassung. In: Kurt Andermann, Peter Johanek: Zwischen Nicht-Adel und Adel. In: Vorträge und Forschungen. Hg. vom Konstanzer Arbeitskreis für mittelaterliche Geschichte. Band LIII. Stuttgart 2001, S.433.

[14] Matthias Lentz: Konflikt, Ehre, Ordnung. Untersuchungen u den Schmähbriefen und Schandbildern des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit (ca. 1350 bis 1600), Mit einem illustrierten Katalog der Überlieferung. Hannover 2004, S.28.

[15] Vgl. Simon Roberts: Ordnung und Konflikt. Eine Einführung in die Rechtsethnologie. Stuttgart 1981, S.28

[16] Ebd. S.30.

Details

Seiten
32
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638818926
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77551
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Institut für Literaturwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Konflikte Wernhers Gartenaere Hauptseminar Gegenwart Mittelalters

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