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Die pädagogische Bedeutung der Nikomachischen Ethik von Aristoteles

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 15 Seiten

Didaktik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Der Gegenstand der Nikomachischen Ethik
2.1. Der Gegenstand der Untersuchung
2.2. Das Wesen des Glücks

3. Die Anthropologie des Menschen
3.1. Die Aufteilung der Seel
3.2. Die Trefflichkeit des Mensche

4. Die zwei Wege des Lernen
4.1. Der wissenschaftliche Weg
4.2. Der pädagogische Weg

5. Die ethische Trefflichkeit: Erziehung zu einem tugendhaften Leben
5.1. Das Mittlere
5.2. Lust und Unlust: Bedeutung für die Erziehung
5.3. Die Bedeutung der Strafe
5.4. Handeln: Praxis lernt man nur durch Praxis
5.5. Die Rolle der Gesetzgebung
5.6. Die Bedeutung der Einzelerziehung

6. Die dianoëtischen Tüchtigkeiten: Unterricht und Erziehung
6.1. Das Lehr- und Lernbare: Episteme und techne
6.2. Unterschied zwischen areté und techne
6.3. Die Bedeutung der phronesis für die menschliche Lebensführung
6.4. Die Bedeutung der nous für die Erkenntnis der Prinzipien

7. Zusammenfassung und Kritik

Literatur

1. Einleitung

Die Zunahme der Gewalt an Schulen ist ein Anzeichen dafür, dass die Schule zwar ihrem Lehrauftrag nachkommt (wenn auch dies seit der PISA-Studie in Frage ge­stellt wird), dass sie aber in der ethischen Erziehung ihrer Schützlinge stellenweise extrem versagt hat. Im Hinblick auf die heutigen Probleme, mit denen sich nicht nur das Unterrichtswesen, sondern auch unsere Gesellschaft konfrontiert sieht, mangelt es dem über zwei Jahrtausende alten Werk von Aristoteles nicht an Aktualität. In der Nikomachischen Ethik wird die Notwendigkeit einer Erziehung zur sittlichen Treff­lichkeit immer wieder betont. Die vorliegende Arbeit behandelt die pädagogische Relevanz der Nikomachischen Ethik von Aristoteles.

Zunächst werde ich den Gegenstand dieses Werkes skizzieren (Kapitel 2). Im dritten Kapitel erläutere ich die Anthropologie des Menschen und den Aufbau der mensch­lichen Seele nach Aristoteles. Diese Darstellung ist wichtig für das Verständnis der ethischen und dianoëtischen Trefflichkeit. Bevor ich diese jedoch behandle, gehe ich auf die zwei Wege des Lernens ein (Kapitel 4). Das fünfte und das sechste Kapitel haben jeweils die ethische und die dianoëtische Trefflichkeit zum Inhalt. In beiden Kapiteln verweise ich immer wieder auf die pädagogische Bedeutung der aristotelischen Thesen. Mit einer kurzen Zusammenfassung, in der ich nochmals gesondert die pädagogisch relevanten Punkte aufzähle, schließe ich diese Arbeit (Kapitel 7).

2. Der Gegenstand der Nikomachischen Ethik

2.1. Das oberste Gut

Aristoteles stellt in seinem Werk die Frage nach dem höchsten aller Ziele. Zunächst definiert er dieses Ziel, zu dem alles hinstrebt, als ein Gut (Aristoteles 2004: 5). Jede Tätigkeit, das praktische Können, die wissenschaftliche Untersuchung, das Handeln und das Entscheiden, streben zu diesem Gut hin (ebd.). Dabei kann das Ziel ent­weder das Tätigsein an sich sein oder das Ergebnis des Handelns, das Werk (ebd.). Die unterschiedlichen Tätigkeiten verfolgen unterschiedliche Ziele. So ist es das Ziel des Tischlers, gute Möbel herzustellen, das Ziel des Sattlers, gutes Reitzeug zu pro­duzieren. Alle Ziele stehen dabei in einem Zusammenhang und sind hierarchisch angeordnet (ebd.). Untere Ziele werden verfolgt, um damit zur Verwirklichung der nächst höheren Ziele beizutragen. So dient das Sattlerhandwerk der Reitkunst, diese dient der Kriegskunst, diese wiederum der Feldherrenkunst (ebd.). Es gibt jedoch ein Endziel, das oberste Ziel, zudem alles Bestreben hin gerichtet ist (ebd.: 6). Dieses Ziel ist das oberste Gut (ebd.). Die Wissenschaft, die dieses Ziel zum Gegen­stand hat, und die somit die oberste Wissenschaft darstellt, ist die Staatskunst, da sie die Formen des praktischen Könnens und die Beschäftigungen der Bürger festlegt (ebd.). Alle anderen Künste und Wissenschaften sind der Staats­kunst untergeordnet und sind deren Mittel (ebd.). So ist auch die Pädagogik, deren Ziel die Bildung ist, unter der Staatskunst angeordnet.

2.2. Das Wesen des Glücks

Je nach Handlung und praktischen Können gibt es ein unterschiedliches Gut (ebd. 14). Es gibt aber auch ein Gut, das jeder Mensch verfolgt und um dessen Willen alles andere unternommen wird: das oberste Gut oder das Endziel (ebd.: 14f.). Was ist nun das höchste aller Ziele? Nach Aristoteles ist es das Glück bzw. das geglückte Leben (eudaimonia)[1] (ebd.: 15). Dieses ist vollkommen, da es um seiner selbst willen erstrebt wird, und nicht Mittel zum Zweck ist. Es ist kein Mittel um andere Güter zu erlangen (ebd.). Somit ist es „für sich allein genügend“ (ebd.: 16).

Doch worin genau besteht dieses Glück? Um darauf eine Antwort zu bekommen, fragt Aristoteles nach der eigenen Leistung des Menschen, nach der Tätigkeit, die den Menschen ausmacht, sein Wesen bestimmt (ebd.). Dieses ist das Leben als Wirken des rationalen Seelenteiles, denn gerade der Gebrauch der Vernunft unter­scheidet uns von allen anderen Lebewesen (ebd.: 17). Genauer definiert Aristoteles das Glück als „ein Tätigsein der Seele gemäß dem rationalen Element oder jeden­falls nicht ohne dieses“ (ebd.). Da das rationale Element das Wesen der menschlichen Seele ausmacht, lässt sich das Glück auch folgendermaßen beschreiben:

„Das oberste dem Menschen erreichbare Gut stellt sich dar als ein Tätigsein der Seele im Sinne der ihr wesenhaften Tüchtigkeit“ (ebd.).

Wörtlich benutzt Aristoteles an dieser Stelle den griechischen Begriff areté, der in der vorliegenden Ausgabe mit „Tüchtigkeit“ übersetzt wird, den man aber auch als Trefflichkeit bezeichnen kann[2]. Die menschliche Trefflichkeit oder areté besteht folg­lich darin, ein treffliches Leben zu führen, gemäß der areté des Menschen zu handeln. Das Tätigsein oder Handeln des Menschen bezeichnet Aristoteles im griechischen als energeia, was soviel bedeutet wie „in der angemessenen Weise am Werk sein“, und bei dem es auch um das Streben hin zu einem Gut geht. Die energeia ist dem Menschen jedoch nicht angeboren; er muss sie erst durch Übung und Gewöhnung verwirklichen (ebd.: 34). Lediglich die Fähigkeit zum Tätigsein (dynamis) besitzt jeder Mensch von Natur aus (ebd.).

Bedenkt man das bereits gesagte, so wird deutlich, dass es sich beim Glück als oberstes Gut nicht um etwas zufälliges handelt, das einem zufällt oder eben nicht. Vielmehr ist das Glück eine sittliche Vortrefflichkeit, die der Mensch erst erwerben muss (ebd.: 22). Glück und sittliche Vortrefflichkeit sind kein Zustand, sondern verwirk­lichen sich erst durch und im richtigen Handeln (ebd.: 20 & 22). Durch Lernen und Bemühen kann sich der einzelne das Glück aneignen (ebd.: 22). Für die Päda­gogik bedeutet das, dass ein großer Teil der Erziehung aus Gewöhnung und Übung besteht. Der Pädagoge muss neben dem Lehren auch Gewohnheiten hervorbringen und üben lassen.

3. Die Anthropologie des Menschen

3.1. Die Aufteilung der Seele

Da die sittliche Vortrefflichkeit aus einem Tätigsein der Seele besteht, bedarf es der näheren Analyse der Seele um erstere besser bestimmen zu können. Aristoteles unterteilt die Seele in ein irrationales und ein rationales Element. Beide Elemente werden abermals in einen irrationalen und einen rationalen Teil untergliedert (s. Abb. 1). Das irrationale Element besitzt einen irrationalen Teil, den die menschliche Seele mit allen anderen Lebewesen gemein hat und der für das Wachstum und die Ernäh­rung zuständig ist. Der rationale Teil des irrationalen Elements ist das Begehrungsvermögen oder Strebevermögen, also die Triebe. Diese haben aber Teil am rationalen Element, da sie diesem Gehorsam leisten und von diesem gebändigt und gesteuert werden können. Das rationale Element besteht einmal aus dem ratio­nalen Wesen an sich und zum anderen aus dem Vermögen rational zu handeln (irrationaler Teil).[3]

[...]


[1] Im Folgenden werde ich den deutschen Begriffen zur genaueren Unterscheidung immer wieder die griechischen Begriffe in Klammern anfügen. Manchmal werde ich die griechischen Begriffe alleine verwenden. Griechische Wörter sind immer kursiv geschrieben.

[2] Um wörtliche Wiederholungen zu vermeiden, verwende ich im Text alle drei Begriffe „Trefflichkeit“, „Tüchtigkeit“ und „areté“ abwechselnd, ohne damit unterschiedliche Bedeutungen zu implizieren.

[3] vgl. Aristoteles 2004: 30-33.

Details

Seiten
15
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638829328
ISBN (Buch)
9783656346319
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77478
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth – Pädagogik
Note
sehr gut
Schlagworte
Bedeutung Nikomachischen Ethik Aristoteles Hauptseminar

Autor

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