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Friedrich Schillers "Maria Stuart" und Bernhard Greiners These einer negativen Ästhetik

Hausarbeit 2007 14 Seiten

Germanistik - Gattungen

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Schillers Theorie der erhabenen Tragödie

Bernhard Greiners These einer negativen Ästhetik

Formale und inhaltliche Analyse 3. Aufzug, 4. Auftritt

Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Vorwort

Diese Arbeit befasst sich mit Schillers Theorie der erhabenen Tragödie. Sie stellt eine Tragödienkonzeption dar, welche auf den Erhabenheitsbegriff nach Kant rekurriert. Bernhard Greiner hat in seinem Aufsatz „Negative Ästhetik: Schillers Tragisierung der Kunst und Romantisierung der Tragödie“ Schillers Tragödienkonzeption zum Anlass genommen, ein Konzept des Tragischen zu formulieren, welches im Bereich der „negativen Ästhetik“ angesiedelt ist. Dieses Konzept bezieht Greiner auf Schillers Trauerspiel „Maria Stuart“. Seine These einer Tragödie als ästhetischer Zustand im Negativen verdeutlicht er anhand der zentralen Szene 3. Aufzug 4. Auftritt, dem Aufeinandertreffen der Hauptfiguren Maria und Elisabeth. Eine Analyse dieser Szene wird zeigen, inwieweit man Greiners Position zustimmen kann.

Schillers Theorie der erhabenen Tragödie

Schillers Theorie der erhabenen Tragödie entfaltet eine moderne Auffassung des Tragischen, die nicht auf antike Vorbilder zurückgreift – das Erhabene spielt im Tragödiendiskurs der Antike keine Rolle. Die Konzeption des Tragischen, welche Schiller in seinen theoretischen Schriften, hauptsächlich in seiner Abhandlung „Über das Erhabene“ (1801) entwirft, bezieht sich auf Kants Kategorie des Erhabenen.

Voraussetzung für die erhabene Tragödie nach Schiller ist die Determination des Subjekts und dessen Befreiung aus derselben. Das Subjekt erscheint zunächst in seiner Selbsterfahrung als ohnmächtig (Determination) und richtet sich daraufhin im Innewerden und Stark-Machen seines Vermögens zur Vernunft wieder auf (Freiheit). Diesen Vorgang hat Schiller in seinen beiden Fundamentalgesetzen aller tragischen Kunst zusammengefasst. Das erste Gesetz bezeichnet er als „Darstellung der leidenden Natur“[1]. Das Subjekt oder der Held, und damit indirekt der Leser soll, laut Schiller, die „ganze volle Ladung des Leidens“ erfahren. Aus diesem Leiden befreit sich schließlich der Protagonist, was Schiller im zweiten Gesetz der tragischen Kunst als „Darstellung der moralischen Selbständigkeit im Leiden“[2] (später in umgearbeiteter Formulierung: „Darstellung des moralischen Widerstandes gegen das Leiden“[3] ) formuliert hat.

Im Leiden, welches nie Selbstzweck, im Sinne einer Zurschaustellung, sein darf, zeigt das Subjekt seine moralische Selbständigkeit. Das Leiden dient dabei als Voraussetzung (erstes Fundamentalgesetz aller tragischen Kunst) zur moralischen Befreiung (zweites Fundamentalgesetz aller tragischen Kunst). Bernhard Greiner formuliert dies in seinem Aufsatz „Negative Ästhetik: Schillers Tragisierung der Kunst und Romantisierung der Tragödie“ wie folgt:

„Die Konfrontation mit dem leidenden Menschen lasse sich ästhetisch nur rechtfertigen, wenn im Leiden auch die mögliche Erhebung über das Leiden gezeigt werde“[4]

Die Tragödie erscheint unter den Bedingungen der beiden Fundamentalgesetze aller tragischen Kunst als eine „pathetische“ Tragödie, welche das Subjekt zunächst in seinem Leiden darstellt, aber zur moralischen Selbständigkeit im Leiden führt. Die wechselseitige Ermöglichung der beiden Fundamentalgesetze zeigt Schiller im Begriff des „Pathetischerhabenen“ an.

Greiner formuliert die Aufgabe der Kunst in Schillers Theorie der erhabenen Kunst folgendermaßen:

„Der letzte Zweck der Kunst ist die Darstellung des Übersinnlichen, und die tragische Kunst insbesondere bewerkstelligt dieses dadurch, dass sie uns die moralische Independenz von Naturgesetzen im Zustand des Affekts versinnlicht.“[5]

Die pathetischerhabene Kunst der Tragödie bezieht sich auf die Doppelnatur des Menschen als sinnliches und sittliches Wesen. Im Gegensatz zum Schönen, welches beide Wesensanteile des Menschen in einem „freien Spiel“ aufeinander bezieht, gibt es, laut Schiller, beim Erhabenen einen Übergang vom einen Anteil als dem beherrschenden zum anderen:

„Das Erhabene verschafft uns also einen Ausgang aus der sinnlichen Welt worin uns das Schöne gern immer gefangenhalten möchte.“[6]

Das Erhabene kann sich plötzlich und „durch eine Erschütterung“ aus den Fesseln der Sinnlichkeit befreien.

In dieser Möglichkeit der Befreiung des Erhabenen vom Sinnlichen sieht Schiller die Aufgabe der Kunst. Der „Keim zum Erhabenen“ ist in jedem Menschen angelegt, nur muss der Entwicklung dieser Anlage nachgeholfen werden. Die Kunst, insbesondere die tragische Kunst, entwickelt, so Schiller, die Empfindungsfähigkeit für das Erhabene, denn sie versinnlicht, wie oben schon erwähnt, „die moralische Independenz von Naturgesetzen im Zustand des Affekts“.

Die Befreiung der erhabenen Kunst von den sinnlichen Fesseln der schönen Kunst führt aber zu einem Ungleichgewicht der Wesensanteile des Menschen. Die Vernunftbestimmung (oder der sittliche Wesensanteil) überwiegt gegenüber der Naturhaftigkeit (oder dem sinnlichen Wesensanteil). Schiller beabsichtigt jedoch eine Versöhnung von Erhabenheit und Schönheit in der Kunst des „Idealschönen“:

„Nur wenn das Erhabene mit dem Schönen sich gattet, und unsre Empfänglichkeit für beides in gleichem Maß ausgebildet worden ist, sind wir vollendete Bürger der Natur, ohne deswegen ihre Sklaven zu sein und ohne unser Bürgerrecht der intelligibeln Welt zu verscherzen.“[7]

Schillers Ansatz vom Erhabenen in der Kunst ist nicht, wie noch bei Kant, vom Rezipienten, sondern vom Kunstwerk her gedacht. Schiller geht damit über Kant hinaus und formuliert einen „objektiven“ Begriff des Erhabenen. Wenn das Kunstwerk erhabene Situationen beziehungsweise Reaktionen darstellt, dann kann man Analoges vom Rezipienten erwarten. Die erhabene Tragödie gibt ein „künstliches Unglück“ vor und lässt gerade durch dieses (bloß) fiktive Leiden genügend Raum um erhabene Regungen beim Leser/Zuhörer zu entwickeln. Greiner fasst die Aufgabe der Kunst wie folgt zusammen:

„Und eben dies wird als Aufgabe der tragischen Kunst bestimmt, Empfindungsfähigkeit für das Erhabene zu entwickeln, bis diese Haltung zu einem Habitus werde und wir auf diesem Wege unsere Sittlichkeit so befestigt haben, dass wir auch in realer Erfahrung des Leidens moralisch widerstehen können.“[8]

[...]


[1] „Vom Erhabenen“, in: Friedrich Schiller: „Sämtliche Werke“, hrsg. von Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfert, Bd. 5, München 1967, S. 512

[2] Ebda., S. 513

[3] Ebda., S. 515

[4] Greiner, Bernhard: Negative Ästhetik: Schillers Tragisierung der Kunst und Romantisierung der Tragödie, in: Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur, München: Richard Boorberg 2005, S. 54

[5] „Vom Erhabenen“, in: Friedrich Schiller: „Sämtliche Werke“, hrsg. von Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfert, Bd. 5, München 1967, S. 512

[6] Ebda., S. 513

[7] „Vom Erhabenen“, in: Friedrich Schiller: „Sämtliche Werke“, hrsg. von Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfert, Bd. 5, München 1967, S. 517

[8] Greiner, Bernhard: Negative Ästhetik: Schillers Tragisierung der Kunst und Romantisierung der Tragödie, in: Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur, München: Richard Boorberg 2005, S. 57

Details

Seiten
14
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638819312
ISBN (Buch)
9783638820165
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77376
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,0
Schlagworte
Maria Stuart These negative Ästhetik Friedrich Schiller Bernhard Greiner Kant Klassik Schiller Elisabeth Erhabenheit Tragödie

Autor

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Titel: Friedrich Schillers "Maria Stuart" und Bernhard Greiners These einer negativen Ästhetik