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Gewalt in den Medien

Wirkungen, Probleme und Bedeutung für die Sozialisation Jugendlicher im wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs

Magisterarbeit 2003 137 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Gliederung:

1. Eine kleine Einführung

2. Zentrale Thesen meiner Arbeit

3. Die relevanten Disziplinen
3.1. Soziologie
3.2. Psychologie
3.3. Kommunikations-/ Medienwissenschaft
3.4. (Medien) Pädagogik

4. Gewalt
4.1. Was ist eigentlich Gewalt?
4.2. Begriffsdefinitionen und Wahrnehmung
4.3. Aggressions- und Gewalttheorien:
4.4. Reale (Jugend) Gewalt:
4.5. Die Disposition zur Radikalität
4.6. Fernsehgewalt
4.7. Reale vs. Fiktionale Gewalt in den Medien
4.8. Gewalt in Kino- und Videoproduktionen
4.9. Handlungsmotive in violenten Genres und ihre sozialen Bezugsrahmen

5. Bestandsaufnahme „Jugend heute“
5.1. Ergebnisse der Shell-Jugendstudie
5.2. Körperliche und kognitive Entwicklung im Jugendalter
5.3. Was fasziniert Jugendliche an Gewaltfilmen? Motive der Zuwendung und lebensweltliche Bezüge
5.4. Der Einfluss gesellschaftlicher Individualisierungstendenzen

6.Medienwirkungsforschung
6.1.Theorie
6.1.1. Wirkungsarten und Bereiche
I. physische Wirkung
II. emotionale Wirkung
III. Wirkungen auf Einstellungen und Überzeugungen
IV. Veränderungen des Verhaltens
6.1.2. Die Entwicklung der Medienwirkungsforschung
6.1.3. Theoretische Konzepte zu Sozialisation und Medienwirkung
I. Sozialisationstheorie
II. Lerntheorie
III. Ökologische Theorien
IV. Der dynamisch-transaktionale Ansatz
6.1.4. Theorien zur Wirkung medialer Gewalt auf Rezipienten
I. Katharsis
II. Inhibition
III. Stimulation
IV. Nachahmung
V. Habitualisierung
VI. Rechtfertigung und Bestätigung
VII. Fazit - These der Wirkungslosigkeit?
6.2. Praxis Eine Auswahl empirischer Studien und Positionen zu Auswirkungen medialer Gewalt auf Jugendliche
6.2.1. Medienkonsum und Delinquenz
I. Die Analyse von direkten Nachahmungstaten
II. Filmgewalt und Delinquenz
6.2.2. Geschlechtsspezifische Rezeption/Geschlechterrollen Unterschiede im Erleben medialer Gewalt von Mädchen und Jungen
6.2.3. Perspektive der Rezipienten
I. Vogelgesang: eine Untersuchung jugendlicher Action- und Horrorfilmfans als neue „Medien- Szene“
II. Action Serien in der Bewertungen jugendlicher Zuschauer
6.2.4. Die Bedeutung sozialer Netzwerke Mediale und reale Gewalt in Netzwerken Jugendlicher
6.2.5. Reale Gewalt im Fernsehen Schorb: Mordsbilder
6.2.6. Gewalt als (reales) soziales Problem Die Schulstudie
6.2.7. Subjektive (Gewalt-) Wahrnehmung Das wahrgenommene Gewaltpotential im Fernsehprogramm
6.2.8. Das Verhältnis von Filmgewalt und Aggression Die „Unschärferelation“ zwischen Medien und Gewalt
6.3. Fazit und Diskussion der empirischen Ergebnisse:

7. Jugendschutz / Medienpädagogik
7.1. Kontrolle
7.1.1 Rechtliche Hintergründe der Maßnahmen - Beurteilung und Wirksamkeit
7.1.2. Zensur
7.1.3. Internationaler Vergleich regulativer Maßnahmen
7.1.4. neue Medien
I. Internet
II. DVD
7.2. Medienpädagogik
7.2.1. Folgerungen für die pädagogische Praxis
7.2.2. Das Problem der unterschiedlichen Perspektiven

8.Diskussion / Fazit
8.1. Die Konzentration auf Gewalt - Heldenbilder und Selbstjustiz Die Hintergründe der Bedenken
8.2. Was fasziniert die Erwachsenen an der Gewaltdebatte?

9. Exkurse: Konzepte gegen reale Jugendgewalt
1. Exkurs
Kulturvergleich:
Deutsche und japanischen Studien zu Jugend und Gewalt
Situation und Probleme mit jugendlicher Delinquenz in Japan
Sanktion und Prävention im Vergleich
2.Exkurs
ein praktisches Beispiel:
Das AgAG (Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt)

10. Schlussworte

11. Literatur:

„´Erschreckend´,´beunruhigend´,´beängstigend´.´schockierend´.´befremdend´:

das sind (...) die gängigen Prädikate professioneller wie nicht-professioneller Erzieher für Qualität und Quantität jugendlichen Videokonsums. Weniger ironisch betrachtet herrscht bei der Ansicht jugendlichen Videoverhaltens im pädagogischen Lager Hilflosigkeit und emotionale Berührtheit vor, fast durchgängig gepaart mit Un- oder höchstens Halbwissen über die Konsumrealität von Kindern und Jugendlichen. Und es liegen auch tatsächlich nur wenige, singulär erhobene Daten über das Video- Nutzungsverhalten vor. (...) Die große Mehrheit der Beiträge, die sich mit jugendlichem Videokonsum befassen, kennzeichnen sich durch Spekulationen, aus Ängsten geborenen Vorurteilen und puren Behauptungen ohne empirischen bzw. wissenschaftlichen Nachweis. Die disqualifizierenden Wertungen jugendlichen Videokonsums wie die verängstigten und/oder moralisierenden Aufgeregtheiten erschweren die verantwortliche Sichtung dieser wenigen Daten, die aus Befragungen und Interviews vorliegen.“ (Herrath 1987 S.201)

1. Eine kleine Einführung

Die spezielle Thematik meiner Arbeit konzentriert sich auf den gesellschaftlichen Umgang mit medialer Gewalt und soll Phänomene der Zuwendung, Ablehnung, Problematisierung und Auswirkung unter Einbezug eines kontrastierenden Blickes auf reale Gewaltphänomene betrachten. Die kritische Sichtung von Theorien, Untersuchungen und Ergebnisse verschiedener Zweige empirischer Sozialforschung bilden die Basis für dieses Vorhaben und sollen Anhaltspunkte für pädagogische Strategien gegen Jugendgewalt bieten.

Bei der Betrachtung des (Untersuchungs-) Gegenstandes „mediale Gewalt“ begegneten mir die gegensätzlichsten Positionen. Zunächst fallen die unterschiedlichen Perspektiven auf den Themenkomplex auf. Hier berücksichtigt werden sollen: soziologische, psychologische, kommunikationswissenschaftliche und pädagogische Argumentationen, die zwar im folgenden unterschieden werden, sich aber meistens, aufgrund der inderdisziplinären Ausrichtung der aktuellen Forschung, nicht scharf trennen lassen. Eine zweite Unterscheidung ist über die Qualität oder den wissenschaftlichen Anspruch der einzelnen Veröffentlichungen möglich. Das Spektrum erstreckt sich hierbei von Forschungsberichten mit harter empirischer Basis bis hin zu rein ideologischen „Kampfschriften“. Wenn auch in dieser Arbeit, zugunsten der Übersichtlichkeit, eine Betonung der ersten Herangehensweise stattfindet, erscheint mir zumindest die Erwähnung einzelner besonders auffälliger Vertreter aus der zweiten Gruppe für sinnvoll, ist doch zu bemerken, dass die häufige Instrumentalisierung einzelner Positionen im öffentlichen Streit zwischen Medienwächtern, -kritikern und -machern sowie die Verbreitung bestimmter Alltagshypothesen1 auf eine unverdient große Bedeutung solcher Literatur speziell in Laien- aber teilweise auch in Fachkreisen hinweist.

Innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses variieren die verschiedenen Positionen vor allem in der Annahme bzw. Untersuchung spezieller Medienwirkungs-, Handlungs- oder Lerntheorien und erlauben dadurch eine Klassifikation, die ich im Kapitel 6.2. vornehmen werde.

Neben der Übersicht über die klassischen theoretischen Positionen und einer Diskussion, ausgewählter Beispiele aus der Forschung, soll auch eine Gegenüberstellung mit tatsächlicher (Jugendschutz und Medienpädagogischer) Praxis erfolgen und auf psychoanalytischer Ebene versucht werden, sich den Hintergründen der unversöhnlich verstrittenen Positionen zu nähern.

2. Zentrale Thesen meiner Arbeit

- Die Ergebnisse empirischer Forschung zum Thema „Wirkung medialer Gewalt“ sind höchst widersprüchlich, so dass eine allgemeine Theorie nicht formuliert werden kann.
- Qualitative Studien sind daher besser geeignet (individuelle) Medienwirkungen zu erfassen, haben aber den großen Nachteil niedriger Erklärungskraft, da sie sich schwer zu Gesetzes-Aussagen verallgemeinern lassen.
- Fundierte wissenschaftliche Ergebnisse sind somit in der öffentlichen und offiziellen Debatte aufgrund ihrer Widersprüchlichkeit gar nicht gefragt, weil eine praktische Umsetzung (z.B. in Gesetzen zum Jugendschutz) mit großen Schwierigkeiten verbunden ist.
- Die vorrangig am „Risiko von Nachahmungseffekten“ orientierte und von Verboten und Schnittauflagen geprägte Praxis des deutschen Jugendschutzes kann aus wissenschaftlicher Sicht als „Programm mit degenerativem Modell kritisiert“2 und als verfehlt kritisiert werden.
- Der Einfluss „realer“ medialer Gewaltdarstellungen spielt im, auf fiktionale Gewalt konzentrierten, Wirkungsdiskurs nur eine untergeordnete Rolle, muss aber im Sinne der möglichen Generierung verzerrter, „ängstlicher Weltbilder“ als gefährlicher eingeschätzt werden.
- Aus psychoanalytischer Perspektive können Jugendschutzbemühungen oft als „kollektive Abwehrstrategie“ Erwachsener zur Verdrängung eigener, realer Gewalttendenzen betrachtet werden.

3. Die relevanten Disziplinen

3.1. Soziologie

Die Soziologie als empirische Sozialwissenschaft beschäftigt sich grundsätzlich mit allen Ebenen der für diese Arbeit relevanten Themen. In der Abgrenzung zur Psychologie findet jedoch eine Betonung von Theorien auf der Makroperspektive, mit dem Streben nach der Formulierung möglichst allgemeingültiger Aussagen statt. Das Spektrum der soziologischen Theorien, die auf diesen Themenkomplex angewendet werden können, erstreckt sich von Sozialisationstheorien, Handlungstheorien über Gesellschaftstheorien, bis hin zu Theorien Abweichenden Verhaltens.

Theorien:

Interessante Theorien für eine Vertiefung des in dieser Arbeit behandelten Themas sind z.B.: die Sozialisationstheorie von K. Hurrelmann, aber auch die Systemtheorie von Parsons mit einer Konzentration auf die Sozialisation als „Vergesellschaftung“ (im Sinne Durkheims) über die Verinnerlichung von Rollenstrukturen. Besser geeignet erscheint mir aber noch Luhmann´s Weiterentwicklung, welche Sozialisation nicht nur als Übertragung von Strukturen von einem System auf ein anderes versteht, sondern eine gegenseitige Durchdringung psychischer und sozialer Systeme annimmt, stellen theoretische Ansätze für die Analyse der Vermittlungsprozesse zwischen Gesellschaft und Individuum dar.

Die Handlungs- und Kommunikationstheorie von G.H. Mead beschreibt unter starker Betonung der Rolle von „Symbolen“ grundsätzlich jene Charakteristika individuellen menschlichen Handelns, die auch bei der Analyse von Medienverhalten oder allgemeinen Interaktions- und Kommunikationszusammenhängen brauchbar sind.

Die Gesellschaftstheorie von J. Habermas versucht in ihrer interdisziplinären Ausrichtung, Sozialisation sowohl gesellschaftlich als auch individuell zu betrachten und legt mit der Konzeption der „kommunikativen Kompetenz“ einen Grundstein für die Kommunikations- und Medienwissenschaften.

Der Labeling Approach Ansatz der sich aus interaktionistischer Sicht mit der Setzung von Normen und der Klassifikation abweichenden Verhaltens beschäftigt, bietet Erklärungsansätze für Gewalt, die durch einen Perspektivwechsel den Focus auf soziale „Etikettierungsprozesse“ und misslingender Identitätsbildung als Ursachen lenkt. Das Spektrum interessanter Ansätze erstreckt sich bis hin zu Bordieu´s Theorie klassenspezifischer Geschmackskonstellationen und Lebensstile, die als (post-) moderner Ansatz der Lebensstilanalyse auf die Beziehung zwischen ökonomischen Klassengrenzen, Bildungskapital und „ästhetischen Geschmacksformationen“ eingeht. Diese Theorie beleuchtet die oft gewonnene Erkenntnis, dass (mediale) Geschmackspräferenzen stark mit dem Bildungsniveau korrelieren. Hierbei wird in der Tradition der klassischen soziologischen Schicht- Theorien (z.B. M. Weber) der distinktive Charakter von ästhetischen und kulturellen Vorstellungen mit der Klassenzugehörigkeit in drei Ausprägungen (legitimer, mittlerer und populärer Geschmack) unterteilt und dessen Bedeutung für eine alle Lebensbereiche umfassende Wechselwirkung dargestellt. Die schichtspezifische Abgrenzung erfolgt demnach über Kleidung, Sprache, Einrichtung und kulturellen Konsum und ist daher hilfreich bei der Erklärung von Präferenzstrukturen bei der Mediennutzung und durchaus als interessante theoretische Bereicherung für die Fragestellungen dieser Arbeit anzusehen.

3.2. Psychologie

In der Psychologie dominiert die Mikroperspektive, d.h. untersucht werden in der Regel individuelle Einzelfälle. Die Durchdringung des betrachteten Falls ist dabei naturgemäß ungleich höher als in der auf die Erforschung von Kollektivphänomenen und sozialen Effekten ausgelegten Soziologie.

Eine umfassende Diskussion der Thematik aus psychoanalytischer Sicht findet sich z.B. bei U. Benz3. Zentral in dieser sehr praxisbezogenen Arbeit steht der für die Pädagogik als Aufgabe gesetzte (Problem-) Begriff des „visuellen Analphabetismus“4, der analog zum weit verbreiteten Medienkompetenzkonzept zu verstehen ist. Der Focus liegt gemäß der Disziplin beim Individuum bzw. individuellen Kompetenzen und Dispositionen, insbesondere aber auch bei der Frage nach der Faszination des Rezipienten, der Motivation sich medialen Angeboten (z.B. Gewalt) auszusetzen.

Die psychologische Perspektive eröffnet interessante Theorien für die Probleme der öffentlichen Diskussion über Gewaltbilder. So kann sie Theorien liefern zu:

- Überzeugungen und Motiven der Medienkritiker und Anhängern des bewahrpädagogischen Schutzgedankens,
- der Instrumentalisierung von Positionen im Gewaltdiskurs,
-oder der Erklärung von Ursachen und Ausprägungen jugendlichen Aggressionsverhaltens.

Theorien:

Triebtheorie von Freud

Lerntheorie von Bandura

Entwicklungstheorie von Piaget

ökologische Theorie von Bronfenbrenner

3.3. Kommunikations-/ Medienwissenschaft

Bedeutet meistens Medienwirkungsforschung. Diese von Anfang an interdisziplinär arbeitende „junge“ Disziplin soll den Bereich eingrenzen, der sich mit der Untersuchung direkt mit dem Medium verbundener Effekte beschäftigt. Die Forschungsfragen entstehen aus unterschiedlichen Perspektiven und beziehen sich (speziell im Zusammenhang mit Gewalt) auf folgende Dimensionen:

- Gesellschaftlicher Kontext 1: Nutzungsmuster und Verbreitung von (violenten) Medien,
- Gesellschaftlicher Kontext 2: wie reagiert die Gesellschaft auf Mediengewalt als Phänomen, Ansätze offizieller Regelungen,
- Kommunikatoren: Umgang der Medien mit Gewalt,
- Medien und Inhalte: qualitative und quantitative Ausprägung dargestellter Gewalt in den Medien,
- Rezipienten: hinsichtlich 1.Nutzung, 2. Rezeption, 3. Effekte/Medienwirkungen.

In der historischen Abfolge verschiedener, für eine Ära bestimmender Wirkungstheorien, gibt die Medienwirkungsforschung, in ihrer mal stärkeren mal schwächeren Konzeption des Mediums, häufig den Ausschlag für pädagogische Konsequenzen. Oft können die überprüften Zusammenhänge nur über die theoretischen Position des Auftraggebers interpretiert werden, da die Medienwirkungsforschung die widersprüchlichsten und missbräuchlichsten Ergebnisse liefert. Eine sehr umfassende und übersichtliche Zusammenfassung der wichtigen Theorien und Ergebnisse findet man bei Bonfadelli5.

3.4. (Medien) Pädagogik

Die Bemühungen der Pädagogik liegen in der Umsetzung der theoretischen Forschungsergebnisse in praktische Konzepte der Vermittlung zwischen Medium, Rezipient und Gesellschaft. Medienpädagogische Programme tragen häufig den Charakter einer „Schadensbegrenzung“, erwachsen sie doch häufig aus einem globalen Risiko, oder einer Krisenwahrnehmung im Zusammenhang mit vermuteten Medienwirkungen. Der ausgeprägte Praxisbezug macht diese Perspektive an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft besonders interessant.

Die wichtigsten Aufgabenfelder der Disziplin sind:

- Normative Medienpädagogik: die sich mit der Kontrolle oder Beschränkung von Medienkonsum zum Zwecke der Verhinderung negativer Auswirkungen beschäftigt,
-Technologische Medienpädagogik: die sich mit den Möglichkeiten der Nutzung von Medien zur Wissens-, Informations- oder Kompetenzvermittlung beschäftigt, sowie
- Handlungsorientierte Medienpädagogik: Ziel: Kommunikative Kompetenz - Weg: handelndes Lernen. Diese wichtige Teildisziplin entwickelt praktische Programme zur Vermittlung von Medienkompetenz. Geeignete Ansätze dazu:
- Reflexiv praktische Medienaneignung zur Förderung der Nutzungskompetenzen der Medien als Kommunikationsinstrumente,
- Erweiterung der Wahrnehmungs-, Reflexions- und Handlungsfähigkeiten im selbstbestimmten Umgang mit den Massenkommunikationsmitteln. Eine äußerst lesenswerte Zusammenfassung der Entwicklung, Positionen, Aussichten und des Selbstverständnisses der Medienpädagogik findet sich bei Schorb.6

4. Gewalt

4.1. Was ist eigentlich Gewalt?

Gewalt ist ein zentraler Begriff in dieser Arbeit. Ihre Erscheinungsformen gelten meist als sozial unverträgliches Verhalten, obwohl auch die „friedliche“ Gesellschaft durchaus gewalttätige Strukturen legitimiert und mehr oder weniger versteckt beinhaltet. „Die Bedrohung, die der Mensch für den Menschen darstellt, ist durch die Bildung von Gewaltmonopolen einer strengen Regelung unterworfen und wird berechenbarer. Der Alltag wird freier von Wendungen, die schockartig hereinbrechen. Die Gewalttat ist kaserniert; und aus ihren Speichern (...) bricht sie nur noch im äußersten Falle, in Kriegszeiten und in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs, unmittelbar in das Leben der Einzelnen ein.“7

Die Verdrängung der Aggression aus dem Alltag ist eigentlich ein Paradox, gelang sie doch nur durch den Aufbau starker Institutionen, also der Schaffung struktureller Ungleichheit in der die Aggressionschancen hierarchisch verteilt sind und die Aggressionstendenz durch neue Aggressionen brach. Trotz scheinbarer historischer Notwendigkeit darf nicht außer Acht gelassen werden, dass nach der Frustrations- Aggressionshypothese eben jenes Gewaltmonopol und die damit verbundene strukturelle Gewalt, mit ihrer Chancenungleichheit bei der Durchsetzung individueller Ziele, gleichzeitig den Ausgangspunkt für neue Aggressionen bilden. Ein These, die, wenn man sie weiterverfolgt, den historisch legitimierten „konstruktiven“ Gewaltformen die Unschuld nimmt8.

Eine umfassende Betrachtung des Zusammenhangs zwischen Gewalt und Zivilisation könnte Thema einer deutlich umfangreicheren Literaturarbeit sein und kann an dieser Stelle leider nicht erschöpfend behandelt werden. Die Bedeutung des Begriffs Gewalt hat sich historisch immer wieder verändert. Heute steht er fast schon symbolisch verdichtet für alle unliebsamen gesellschaftlichen Probleme, obwohl je nach Kontext durchaus ein weiter Interpretationsrahmen zwischen positiven bis negativen Bewertungen und normalen bzw. abweichenden Verhaltensformen zur Verfügung steht. Oft ist der Ausgangspunkt der modernen Gewaltforschung im öffentlichen Diskurs um den befürchteten Verlust sozialer Werte und Verhaltensweisen, angesichts neuerer und angeblich ständig steigender (Kriminalitäts-) Entwicklungen zu finden, führt aber historisch mindestens bis zur „vertraglichen“ Bildung des staatlichen Gewaltmonopols und dem damit verbundenen (freiwilligen) Verzicht auf individuelles Gewalthandeln zurück. Im Sinne des allgemeinen Wohls unterdrückt das Individuum seine aggressive Triebhaftigkeit gemäß sozialer Normen, deren Nichtbeachtung durchaus von staatlicher Seite mit harten Konsequenzen sanktioniert werden. Gesellschaftliche Umbrüche verändern immer wieder die vorherrschenden Gewaltdispositionen. Auf eine Phase gemeinschaftlich orientierter gesellschaftlicher Strömungen bis in die 70er Jahre folgt in Deutschland (und anderen westlichen Industriestaaten) nun eine Zeit der Individualisierung. Diese gesamtgesellschaftliche Entwicklung ist für die Untersuchung moderner (Jugend-) Gewaltphänomene von außerordentlicher Bedeutung und wird deshalb an verschiedenen Stellen dieser Arbeit angesprochen werden. Die häufig zu lesenden Stichworte im Zusammenhang mit Individualisierungstheorien sind: „Egoismus“, „Verlust von sozialen Bindungen und Vertrauen“, aber auch Zuwachs an „individuellen Entfaltungsmöglichkeiten“. Nach den in Kapitel 4.3 vorgestellten Theorien ist unter bestimmten Bedingungen ein Zusammenhang zwischen diesen Makrophänomenen und der Entstehung abweichender und auch gewalttätiger Verhaltensweisen auf der Individualebene wahrscheinlich. Die wiederholt bei aktuellen empirischen Untersuchungen9 deutscher Jugendlicher festgestellte subjektive Unzufriedenheit mit der derzeitigen persönlichen und gesellschaftlichen Situation, könnte nach verschiedenen anerkannten Theorien zu einem erhöhten Frustrationsniveau und dadurch möglicherweise auch zu einem höheren Aggressionspotential führen. Bevor ich mich jedoch intensiver mit diesen Konzepten auseinandersetze, soll zunächst eine Diskussion des Gewaltbegriffes erfolgen.

4.2. Begriffsdefinitionen und Wahrnehmung

Ein besonderes Defizit bei Untersuchungen von Wirkungen medialer Gewalt stellt oftmals der Verzicht auf eine exakte Definition des Begriffs „Gewalt“ dar. Die verschiedenen Bedeutungskontexte in denen der Begriff verwendet wird, machen eine Verständigung über verschiedene Forschungsergebnisse schwierig. Eine sehr umfassende und differenzierte Definition findet sich bei Schorb10 und wird auch an anderer Stelle oft verwendet.

[...]


1 Die Annahme einer Gefährlichkeit violenter Medien scheint weit verbreitet; z.B.. gaben bei einer Focus Umfrage 1993 84 % der Befragten an, „Gewalt im Fernsehen“ trage besonders zur Zunahme realer Gewalt unter Kindern und Jugendlichen bei. vgl. Bonfadelli Bd.2 S.226

2 vgl. Eisermann S. 61

3 vgl. Benz 1997

4 Benz 1997 S. 12f

5 Bonfadelli „Medienwirkungsforschung“ Band 1,2

6 vgl. Schorb 1995

7 Elias Bd. 2 S.325

8 vgl. Neidhardt S.32 f

9 u.a. Melzer, Schubarth, Forschungsgruppe Schulevaluation S. 12ff

10 Schorb 1995 S. 115

Details

Seiten
137
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638770484
ISBN (Buch)
9783638901406
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77356
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,5
Schlagworte
Gewalt Medien

Autor

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Titel: Gewalt in den Medien