Lade Inhalt...

Exegese: Der Turmbau von Babel (Gen 11, 1-9)

Quellenexegese 2004 25 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Annäherung
2.1 Abgrenzung und Kontext:
2.2 Übersetzungsvergleich:

3. (Gesamt-)gestaltung, (Fein-)gestaltung
3.1. Aufbau und Bewegung:
3.2. Gefüge
3.3. Künstlerischer Ausdruck

4. Gehalt
4.1. Inhalt
4.2. Werthaltungen

5, Narrative Analyse

6. Intertextualität

7. Literarkritik

8. Einordnung in den historischen Kontext

9. Theologische Gesamtdeutung

10. Schlussteil

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Wer an die Geschichte vom Turmbau zu Babel denkt, assoziiert damit wahrscheinlich gleich Völkerzerstreuung und Sprachenvielfalt. Die Erzählung vom Turmbau zu Babel will nach Walther Zimmerli Antworten auf verschiedene Fragen geben: „Schwere Menschheitsfragen: Woher kommt die Zerspaltung des Menschengeschlechtes? Aber in Verbindung damit auch auf einfachere, geschichts- und kulturkundliche Fragen: Woher kommt das geräumliche Wohnen der Menschen? Woher kommen die vielen Sprachen?“[1]

Das allein macht die Turmbauerzählung jedoch nicht so interessant, da die Wissenschaft bereits Antworten auf diese Fragen lieferte. Mich reizte vielmehr die Aktualität dieser Geschichte, in der die Menschen einen Turm bauen wollen, dessen Spitze bis zum Himmel reichen soll. Dadurch wollen sie sich einen Namen machen und verhindern, dass sie über die ganze Erde zerstreut werden.

Grenzüberschreitung, menschliche Hybris und Streben nach Macht sind neben Sprachverwirrung und Völkertrennung weitere Themen der Turmbauerzählung. Der Bezug der Erzählung zu unserer heutigen Welt ist leicht herzuleiten. Im Zeitalter von Gentechnik (Klonen) stellt sich schnell die Frage, ob nicht auch hier manchmal Grenzen überschritten werden. Heutzutage geht es den meisten Menschen darum, hoch hinaus zu kommen und Ruhm zu ernten. Die Turmbauerzählung scheint sehr tiefgründig und immer noch aktuell zu sein. Auf Grund dessen habe ich dieses Thema gewählt.

Im Folgenden werde ich die Bibelstelle Gen 11, 1-9 nach den im Seminar behandelten Methodenschritten auslegen. Als Basis meiner Exegese verwende ich hier die Übersetzung Martin Luthers.

2. Annäherung

2.1 Abgrenzung und Kontext:

Die Erzählung vom Turmbau zu Babel gehört im Rahmen des Pentateuchs[2] zur Urgeschichte, welche die Genesiskapitel 1-11 umfasst.[3] Die Turmbauerzählung, Gen 11, 1-9, ist klar von den anderen Erzählungen abgegrenzt. Auffällig ist, dass zuvor in der Völkertafel (Gen 10) von der Aufspaltung des Stammes Noah in verschiedene Völker gesprochen wird, während die Erzählung in Gen 11 die Einheit der gesamten Menschheit thematisiert: „Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.“ (Gen 11, 1) Dies zeigt, dass es einige Unstimmigkeiten in der jahwistischen Urgeschichte gibt.[4]

Die Turmbauerzählung ist einerseits durch den Kontext abgegrenzt, sie stellt weder eine Völkertafel noch ein Geschlechtsregister (Gen 12) dar, andererseits ist sie auch sprachlich von Gen 10 und 12 abgegrenzt, da es sich hierbei nicht um eine Aufzählung handelt. Die Turmbauerzählung bildet zugleich den Schluss der jahwistischen Urgeschichte. Nach der Aufeinanderfolge von sündhaften Handlungen der Menschen, endet die Urgeschichte mit einer Strafe Gottes, wodurch die Menschen über die ganze Erde zerstreut werden. Nun beginnt Gott „einen neuen Weg mit der Menschheit, (…), nicht in der Universalität, sondern partikular, buchstäblich im Wege eines einzelnen Menschen, des Abraham, des ersten der Erzväter Israels.“[5]

2.2 Übersetzungsvergleich:

Beim Vergleich von Lutherbibel, Elberfelder Bibel, Gute Nachricht Bibel, Einheitsübersetzung und der Übersetzung Martin Bubers fällt auf, dass die zuerst genannten vier Bibeln einige Ähnlichkeiten aufweisen, während die Übersetzung von Martin Buber viele Unterschiede enthält.

Vers 1 weist semantisch gesehen keine herausragenden Differenzen auf. Im Wesentlichen geht es um die Beschreibung der Ausgangssituation, in der alle Menschen die gleiche Sprache sprechen. Im Gegensatz zu der Übersetzung Bubers, sprechen die anderen Bibeltexte von derselben „Sprache“, während Buber die Worte „Mundart“ und „Rede“ gebracht.

Auffällig ist es bei Vers 2, dass zum Einen davon gesprochen wird, die Menschen zogen nach Osten (Lutherbibel) oder wanderten nach Osten (Buber), zum Anderen heißt es in Elberfelder Bibel, Gute Nachricht und Einheitsübersetzung, dass die Menschen von Osten aufbrachen. Dies hat mich am Anfang etwas verwirrt. Ich denke, dass diese Textstelle sehr wichtig ist, damit man weiß, wo die Menschen damals gelebt haben und von welchem Ort sie losgezogen sind. Hierbei handelt es sich um ein Problem der Übersetzung des hebräischen Textes. „Der hebräische Ausdruck ‚mikädäm’ kann sowohl mit ‚ostwärts’ als auch mit ‚von Osten her’ übersetzt werden. Die Angabe „ostwärts“ beschreibt die Wanderung von Palästina, vom heutigen Israel aus gesehen, nach Osten. Die sprachliche Form des Begriffs und vergleichbare Konstruktionen in Ägypten machen allerdings die Übersetzung „von Osten aus“ wahrscheinlicher.“[6]

Vers 3 ist bei allen Bibeln mehr oder weniger unterschiedlich übersetzt worden. Schon die Einleitungsworte sind anders gewählt: „Wohlauf“, „Wohlan“, „Ans Werk“, „Auf“, „Heran“. Diese verschiedenen Übersetzungen spielen jedoch für das Sinnverständnis keine herausragende Rolle. Lutherbibel und Elberfelder Bibel weisen im weiteren Verlauf Ähnlichkeiten auf. Beide Texte sprechen von „Ziegeln streichen und (hart) brennen“ und davon, dass die Ziegel den Menschen als Stein dienen. Während in der Lutherbibel jedoch von „Erdharz als Mörtel“ die Rede ist, steht in Elberfelder Bibel sowie in Gute Nachricht Bibel, dass der „Asphalt als Mörtel“ diente. Letztere erklärt außerdem, dass die Menschen die Ziegel aus Lehm herstellen, was die beiden anderen Bibeln nicht erwähnten. Auch die Einheitsübersetzung spricht von „Lehmziegeln“. Interessant ist die Übersetzung von Martin Buber: „Backen wir Backsteine und brennen wir sie zu Brande! So war ihnen der Backstein statt des Bausteins und das Roherdpech statt des Roterdmörtels.“ Es fällt auf, dass dieser Text sich stark von den anderen unterscheidet. Buber benutzt zwei figura etymologica: „backen wir Backsteine und brennen wir sie zu Brande“. Dadurch erfolgt eine Betonung des geplanten Vorgangs. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Ziegelbauweise scheinbar wirklich von den Babyloniern erfunden wurde. Während im Bergland Palästina ausreichend Steine zum Bau vorhanden waren, gab es in der Ebene Babylons keine. Daher baute man die Hütten zunächst aus Rohr, doch schon früh erkannte man die Technik der Ziegelherstellung. Für die einfachen Bauten verwendete man luftgetrocknete Ziegel und für Großbauten wurden hartgebrannte Ziegeln benutzt.[7] Dies zeigt bereits den Erfindergeist und den Fortschrittsgedanke der Babylonier.

In Vers 4 sind mir keine gravierenden Unterschiede aufgefallen. Lutherbibel, Erlberfelder Bibel, Gute Nachricht und die Einheitsübersetzung sprechen vom Bau einer Stadt und einem Turm, dessen Spitze bis zum Himmel reicht. Dadurch wollen sich die Menschen einen Namen machen und verhindern, dass sie über die Erde zerstreut werden. In der Gute Nachricht Bibel steht jedoch: „Dann wird unser Name in aller Welt berühmt.“ Diese Bibel erklärt den Plan der Menschen genauer. Während die genannten Bibeln von der Spitze des Turmes sprechen, ist in der Übersetzung Martin Bubers die Rede vom „Haupt bis an den Himmel“.

In Vers 5 weichen die Gute Nachricht Bibel und die Einheitsübersetzung von den anderen ab. Während es in der Lutherbibel „Da fuhr der Herr hernieder“, bei Buber „ER fuhr hernieder“ und in der Elberfelder Bibel „Und der Herr fuhr herab“ heißt, steht in der Gute Nachricht Bibel „Da kam der Herr vom Himmel herab“ und in der Einheitsübersetzung „Da stieg der Herr herab.“

Die Lutherbibel gibt in Vers 6 wieder „jetzt wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können“. Das klingt ähnlich wie bei den anderen Bibeln: „jetzt wird ihnen nichts unmöglich sein“ (Elberfelder Bibel), „wenn sie diesen Bau vollenden, wird ihnen nichts mehr unmöglich sein“ (Gute Nachricht Bibel), „jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein“ (Einheitsübersetzung). Die Übersetzung Martin Bubers weicht erneut ab: „nichts nunmehr wäre ihnen zu steil“. Im Gegensatz dazu erklären die anderen Bibeln deutlicher die unbegrenzten Fortschrittsmöglichkeiten der Menschheit. Es fällt in diesem Vers besonders auf, dass die Gute Nachricht Bibel einen erzählerischen Charakter hat.

Auch in Vers 7 weist die Übersetzung Bubers signifikante Unterschiede auf. Während sich die anderen Bibel sehr ähneln und von der Verwirrung der Sprache sprechen, gibt Buber wieder: „vermengen wir dort ihre Mundart, daß sie nicht mehr vernehmen ein Mann den Mund des Genossen“. Hier zeigt sich wieder, dass die Übersetzung Martin Bubers einen komplett anderen Sprachstil aufweist, der manchmal schwer verständlich ist.

In Vers 8 gibt Martin Buber wieder: „ER zerstreute sie von dort übers Antlitz aller Erde, dass sie es lassen mussten, die Stadt zu bauen.“ Die anderen Bibelübersetzungen weisen den gleichen Inhalt auf, sprachlich betrachtet unterscheiden sie sich jedoch von der Übersetzung Bubers. In der Lutherbibel heißt es z.B.: So zerstreute sie der Herr von dort, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen.“ Elberfelder Bibel, Gute Nachricht Bibel und Einheitsübersetzung sind in diesem Vers der Lutherbibel sehr ähnlich.

Abschließend sind in Vers 9 noch Unterschiede zu erkennen. Während Elberfelder Bibel, Lutherbibel und Gute Nachricht Bibel auf die Erklärung des Wortes Babel verzichten, wird in der Einheitsübersetzung die Erläuterung „ Wirrsal“ gegeben. Buber hingegen übersetzte Babel mit „Gemenge“.

Zusammenfassend kann man sagen, dass sich Elberfelber Bibel, Lutherbibel, Gute Nachricht Bibel und Einheitsübersetzung bis auf ein paar Unterschiede relativ ähnlich sind. Die Gute Nachricht Bibel wirkt jedoch manchmal wie Unterhaltungsliteratur, da sie oft erzählerische Elemente enthält. Das wird schon an der Überschrift deutlich: „Die Menschheit will es mit Gott aufnehmen (Der babylonische Turm)“. Sie ist leicht verständlich, da sie das Geschehen genau erläutert. Über ihre Worttreue zum hebräischen Grundtext kann ich leider keine Aussagen machen. Die Elberfelder Bibel zeichnet sich dadurch aus, dass Worte in eckigen Klammern angegeben sind, die als Verständnishilfen dienen (s. Vers 6). Die Übersetzung Martin Bubers fand ich sprachlich sehr interessant, sie ist jedoch auch schwer zu verstehen. Des Weiteren unterscheidet sie sich sehr stark von den anderen Bibeln.

Der Vollständigkeit wegen werde ich die mehr oder weniger unterschiedlichen Bibeltexte noch einmal aufführen.

Lutherbibel:

11,1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. 11,2 Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. 11,3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! - und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel 11,4 und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder. 11,5 Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. 11,6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns, nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. 11,7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe! 11,8 So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. 11,9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.

Elberfelder Bibel

11,1 Und die ganze Erde hatte ein und dieselbe Sprache und ein und dieselben Wörter. 11,2 Und es geschah, als sie von Osten aufbrachen, da fanden sie eine Ebene im Land Schinar und ließen sich dort nieder. 11,3 Und sie sagten einer zum anderen: Wohlan, laßt uns Ziegel streichen und hart brennen! Und der Ziegel diente ihnen als Stein, und der Asphalt diente ihnen als Mörtel. 11,4 Und sie sprachen: Wohlan, wir wollen uns eine Stadt und einen Turm bauen, und seine Spitze bis an den Himmel! So wollen wir uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Fläche der Erde zerstreuen! 11,5 Und der HERR fuhr herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. 11,6 Und der HERR sprach: Siehe, ein Volk sind sie, und eine Sprache haben sie alle, und dies ist [erst] der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts unmöglich sein, was sie zu tun ersinnen. 11,7 Wohlan, laßt uns herabfahren und dort ihre Sprache verwirren, daß sie einer des anderen Sprache nicht [mehr] verstehen! 11,8 Und der HERR zerstreute sie von dort über die ganze Erde; und sie hörten auf, die Stadt zu bauen. 11,9 Darum gab man ihr den Namen Babel; denn dort verwirrte der HERR die Sprache der ganzen Erde, und von dort zerstreute sie der HERR über die ganze Erde.

Gute Nachricht Bibel

11,1 Die Menschen hatten damals noch alle dieselbe Sprache und gebrauchten dieselben Wörter. 11,2 Als sie nun von Osten aufbrachen, kamen sie in eine Ebene im Land Schinar und siedelten sich dort an. 11,3 Sie sagten zueinander: »Ans Werk! Wir machen Ziegel aus Lehm und brennen sie!« Sie wollten die Ziegel als Bausteine verwenden und Asphalt als Mörtel. 11,4 Sie sagten: »Ans Werk! Wir bauen uns eine Stadt mit einem Turm, der bis an den Himmel reicht! Dann wird unser Name in aller Welt berühmt. Dieses Bauwerk wird uns zusammenhalten, sodass wir nicht über die ganze Erde zerstreut werden.« 11, 5 Da kam der Herr vom Himmel herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, die sie bauten. 11, 6 Als er alles gesehen hatte, sagte er: »Wohin wird das noch führen? Sie sind ein einziges Volk und sprechen alle dieselbe Sprache. Wenn sie diesen Bau vollenden, wird ihnen nichts mehr unmöglich sein. Sie werden alles ausführen, was ihnen in den Sinn kommt.« 11, 7 Und dann sagte er: »Ans Werk! Wir steigen hinab und verwirren ihre Sprache, damit niemand mehr den anderen versteht!« 11,8 So zerstreute der Herr sie über die ganze Erde und sie konnten die Stadt nicht weiterbauen. 11,9 Darum heißt diese Stadt Babel, denn dort hat der Herr die Sprache der Menschen verwirrt und von dort aus die Menschheit über die ganze Erde zerstreut.

[...]


[1] Zimmerli, Urgeschichte, S. 405

[2] Pentateuch ist die griechische Bezeichnung für die ersten fünf Bücher des AT (Genesis, Exodus, Leviticus, Numeri und Deuteronomium). Vgl. Hermann/Klaiber, Schriften, S. 46

[3] Vgl. Schmidt, Einführung, S. 41

[4] Vgl. Smend, Entstehung, S. 88

[5] A.a.O., S. 91

[6] Bräumer, Mose, S. 215

[7] Vgl. Zimmerli, Urgeschichte, S. 399

Details

Seiten
25
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638815727
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77354
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,3
Schlagworte
Exegese Turmbau Babel

Autor

Zurück

Titel: Exegese: Der Turmbau von Babel (Gen 11, 1-9)