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Die Urbanisierung im Inneren Europas am Beispiel der deutschen Stadt des Spätmittelalters

Hausarbeit 2007 21 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Zur Vorgeschichte der mittelalterlichen Stadt

2. Zur Entstehung der europäischen Stadt im Mittelalter
2.1 Voraussetzungen für die Urbanisierung im Mittelalter
2.1.1 Demographische Voraussetzungen
2.1.2 Ökologische und ökonomische Voraussetzungen
2.1.3 Politische Voraussetzungen
2.2 Orte der Entstehung europäischer Städte im Mittelalter
2.2.1 Stadtentstehung an Bischofssitzen, Klöstern und Kirchen
2.2.2 Stadtentstehung an Herrschaftssitzen
2.2.3 Stadtentstehung an Markt- und Handelsplätzen
2.3 Weiterentwicklung europäischer Städte

3. Merkmale der deutschen Stadt im Spätmittelalter
3.1 Rechtliche Merkmale
3.2 Merkmale der Stadtverfassung
3.3 Soziale Merkmale
3.3.1 Soziale Schichten
3.3.2 Sozialformen
3.3.2.1 Die Familie
3.3.2.2 Kaufmannsgilde und Trinkgesellschaften
3.3.2.3 Handwerkerzünfte

4. Zum Verhältnis von Stadt und Land

5. Zum Verhältnis von Stadt und Kirche

Literaturverzeichnis

Quellen

Sekundärliteratur

Einleitung

Die Urbanisierung im Inneren Europas ist ein vielschichtiges und auch komplexes Thema. Es ist keineswegs erschöpfend und ausführlich im Rahmen dieser Arbeit behandelbar. Deshalb werde ich den Prozess der Urbanisierung eher skizzenhaft darstellen und mich außerdem auf die deutsche Stadt des Spätmittelalters beschränken. Allerdings kann der Urbanisierungsprozess einer deutschen Stadt als typisch für Europa gelten.

Nach der Vorgeschichte werde ich auf die notwendigen Voraussetzungen eingehen, die gegeben sein mussten, damit eine mittelalterliche Stadt entstehen konnte. Anschließend gehe ich auf die Merkmale ein, die erfüllt sein mussten, damit man von einer Stadt sprechen konnte.

Städte existieren nicht isoliert für sich. Deswegen ist ein weiterer Aspekt meiner Untersuchung das Verhältnis zwischen Stadt und Land. Abschließend werde ich das Verhältnis Laien-Kleriker bzw. Stadt-Kirche erörtern, wie es sich im Mittelalter darstellt.

Das Spannungsverhältnis zwischen Staatlichkeit und Kirchlichkeit soll dann in einem kurzen Ausblick auf die weitere Entwicklung betrachtet werden.

1. Zur Vorgeschichte der mittelalterlichen Stadt

Städte gibt es nicht erst seit dem Mittelalter. Bereits im 7.Jh.v.Chr. ist im Vorderen Orient ein Übergang zu städtischen Hochkulturen nachweisbar[1].

Mit der römischen civitas (Bürgerschaft) beginnt die früheste Stadtentstehung in Mitteleuropa. Mit der Erweiterung des römischen Reiches fand vom 2.Jh.v.Chr. bis zum 1.Jh.n.Chr. ein Urbanisierungsprozess statt: Das Modell der civitas verbreitete sich vom östlichen Mittelmeerraum bis zum Rhein. Sie war das „Organisationsprinzip des öffentlichen Lebens und der ständige Sitz der Priester und Magistrate“[2]. Vor allem die pax Romana (Der römische Frieden) sowie neue Handelswege förderten die Urbanisierung innerhalb des wachsendenden Reiches. Mit dem Zerfall des römischen Reiches ab dem 5.Jh.n.Chr. verloren die Kolonialstädte aber an Bedeutung. Eine sich an den Zerfall anschließende Stadtflucht und die Völkerwanderungszeit haben einen weitreichenden Rückgang an Stadtbewohnern und sogar das „Aussterben“ vieler Städte zur Folge[3].

Neue Städte entstehen an der Schwelle von der Antike zum Mittelalter (etwa 700 n.Chr.) aus Handelsemporien, Burgen und Märkten (siehe Kapitel 2.2). Ob verbliebene römisch-antike Städte bis ins Mittelalter weiter besiedelt wurden, müsste für jede Stadt einzeln betrachtet werden. Die mittelalterliche Stadt mag zwar nicht immer eine kontinuierliche Fortführung römischer Siedlungen gewesen sein[4], dennoch knüpft sie durch innere, äußere und funktionelle Merkmale an ihren römischen Vorläufer an. Wieder „erwachte“ römische Siedlungen können daher auch als „Keimzelle mittelalterlicher Städte“[5] gesehen werden.

2. Zur Entstehung der europäischen Stadt im Mittelalter

2.1 Voraussetzungen für die Urbanisierung im Mittelalter

Warum im Mittelalter Städte wie „Pilze aus dem Boden schießen“ konnten, soll im Folgenden geklärt werden. Die Voraussetzungen für die Urbanisierung sind nicht als chronologische Abfolge zu verstehen, sondern erst ihr Zusammenspiel ermöglicht die Urbanisierung im Mittelalter.

2.1.1 Demographische Voraussetzungen

Für den Beginn des 6. Jahrhunderts ist ein enormer Bevölkerungszusammenbruch in Europa festzustellen. Der Bevölkerungsrückgang um ca. 40% wird von einigen Historikern auf Pestepidemien zurückgeführt[6]. Als bewiesen gilt dies jedoch nicht. Es steht aber fest, dass es sich um eine verheerende Infektionskrankheit gehandelt haben muss.[7] Die Bevölkerungszahl Europas wird für 600 n.Chr. auf 11,9 Millionen Einwohner geschätzt.[8]

Die europäische Bevölkerung konnte sich anschließend schnell regenerieren: Viele überschüssige Ressourcen an Anbauflächen schufen die Bedingungen für überlebensfähige Nachkommen. Vor allem ökologische und ökonomische Voraussetzungen (siehe Kapitel 2.1.2) förderten ein kontinuierliches expansives Bevölkerungswachstum. Politische Maßnahmen begünstigten diese Entwicklung (siehe Kapitel 2.1.3).

Besonders im 12. und 13. Jahrhundert nahm die Einwohnerzahl drastisch zu, wenn auch Wucherpreise und Hungersnöte um 1300 eine Populations- und Kapazitätsgrenze darstellten[9]. Für das Jahr 1340 wird die Bevölkerungszahl Europas auf 53,9 Millionen geschätzt, d.h. auf eine Verdoppelung innerhalb von ungefähr 200 Jahren.

Aufgrund hoher Bevölkerungszahlen arbeiteten mehr Menschen in der Landwirtschaft als es für die Versorgung und Ernährung notwendig war. Infolgedessen wurden Überschüsse erwirtschaftet. Die Idee ist dann nahe liegend, diese Produkte auf dem Markt anzubieten. Wie später auszuführen sein wird, ist aber die Entstehung von Märkten eine wesentliche Voraussetzung für die Stadtentstehung.

Einen demographischen Rückschlag erlebte Europa in der Mitte des 14. Jahrhunderts: Ungefähr ein Drittel der europäischen Bevölkerung erlag an den Folgen der Pest.[10] Erst 100 Jahre später stiegen die Bevölkerungszahlen erneut.

2.1.2 Ökologische und ökonomische Voraussetzungen

Mit dem Anstieg der Bevölkerungszahlen ab dem Frühmittelalter stellt sich die Frage, wie sich die Menschen ernähren und versorgen konnten.

Um Ressourcen zu erweitern und Landflächen neu zu erschließen, setzte schon ab dem 7. Jahrhundert eine Rodungsperiode ein. Man brannte Wälder ab, um neue Ackerflächen zu schaffen. Aus vielen Viehfeldern wurden Getreidefelder, was man auch „Vergetreidung“ nennt. Ein Feld, das für den Getreideanbau verwendet wurde, war ökonomisch effektiver als ein Viehfeld.

Klimatische Veränderungen, besonders ab der Jahrtausendwende, führten dazu, dass unfruchtbare Flächen fruchtbar wurden. So konnte aufgrund der erhöhten Temperatur z.B. Wein in England angebaut werden, wo es vorher nicht sinnvoll war. Vorher einsame Gegenden wurden bevölkert und bewirtschaftet.

Zur Neuerschließung von Ackerflächen traten agrartechnische Verbesserungen hinzu: „bessere Geräte, Pflüge und Egge, Dreschflegel, Zunahme der Wassermühlen“[11]. Die Dreifelderwirtschaft erhöhte zudem die Produktivität um ein Viertel: Man stieg nämlich von einer unregelmäßigen auf eine systematische Nutzung der Böden um. Zwei Jahre lang wurde ein Feld bewirtschaftet. Im dritten Jahr ließ man es zur Regenerierung brach liegen.

Durch diese „agrargeschichtliche Revolution“ war die Möglichkeit gegeben, die Menschen weitreichend zu ernähren und zugleich das Bevölkerungswachstum zu fördern. Man widmete sich zunehmend der Herstellung gewerblicher Erzeugnisse. Den Absatz überschüssiger Produktionen gewährleisteten die Händler. An Markplätzen und Häfen fanden die Handwerker die Möglichkeit, ihre Waren zu verkaufen. Man nennt die Handwerker daher auch „Städtefüller“[12]. Auf diesem Wege (siehe Kapitel 2.2.3) entstand eine wesentliche Voraussetzung für die Entstehung von Städten. Denn das Marktangebot wurde erheblich durch gewerbliche Erzeugnisse erweitert.

2.1.3 Politische Voraussetzungen

Mit der Vermehrung von Marktplätzen änderte sich auch das Marktrecht. Das königliche Marktrecht im Deutschen Reich sei hier als Beispiel genannt. Im 10. und 11. Jahrhundert erhielten Orte Marktprivilegien. Diese Sonderrechte beschrieben einen „umfriedeten Bezirk“[13]. Den Marktbesuchern wurde nämlich für den Aufenthalt sowie für An- und Abreise der Königsfriede zugesichert.[14]

Durch diesen Frieden fiel den Marktplätzen bei Stadtbildungen oft eine entscheidende Rolle zu. Als Konsumzentren boten sie den Gewerbetreibenden gute Absatzmöglichkeiten und einen durch den König gesicherten Frieden. Die Territorialherren nutzten gleichzeitig Stadtgründungen, um Herrschaft auszubauen und um sich finanziell zu bereichern[15]. Marktplätze spielen für die Entstehung der Städte eine große Rolle. Rechtssicherheit und wirtschaftliche Attraktivität führten dazu, dass die Märkte immer interessanter und begehrter wurden.

Auf dem Land gewährten die „Landfrieden“ eine gewisse Rechtssicherheit Diese knüpften an den „Gottesfrieden“ an, stellten im Wesentlichen aber die Einschränkung des Fehderechts dar. Demnach durfte die Fehde, eine Art der Selbstjustiz, an folgenden Orten nicht ausgeführt werden: auf Kirchengütern, auf Friedhöfen, auf Pflugäckern, in Mühlen und in umzäumten Dörfern sowie auf Straßen[16]. Dadurch erhielt die Landbevölkerung Schutzrechte und war nicht mehr rechtlos der Willkür untereinander und der der Territorialherren ausgesetzt.

Für die Stadtentwicklung ist das deswegen von Bedeutung, weil diese Schutzrechte das Freiheitsbewusstsein und –modern gesprochen- das Gefühl für die eigene Würde geweckt wurden. Von der Stadt, was später auszuführen sein wird, versprach sich die Landbevölkerung noch größere Rechtssicherheit und Freiheiten. Die Märkte dürften in diesem Sinne auch ein Ort gewesen sein, an dem ein kommunikativer Austausch über Rechte und Freiheiten stattgefunden hat.

2.2 Orte der Entstehung europäischer Städte im Mittelalter

Mittelalterliche Städte waren meist eine Fortführung bestehender Einrichtungen an einem Ort. Die Stadtbildung geht auf drei Hauptfaktoren zurück: kirchlich, militärisch-herrschaftlich und vor allem wirtschaftlich.

Allen Orten der Stadtbildung ist gemeinsam, dass sie „wegen der Absatzmöglichkeiten in größerer Zahl Gewerbe- und Handeltreibende anzogen.“[17] Die verkehrsgünstige Anbindung spielte natürlich eine erhebliche Rolle.

[...]


[1] vgl. Ahlhaus, Joseph: Civitas und Diözese, S. 25.

[2] Ennen, Edith: Die europäische Stadt des Mittelalters, S.13.

[3] vgl. hierzu: Gregor der Große, Homiliae in Hiezechielem prophetam, S.310f..

[4] vgl. Goetz, Hans-Werner:: Leben im Mittelalter, S.205.

[5] Ennen, Edith: Die europäische Stadt des Mittelalters, S. 39.

[6] vgl. Biraben, J.-N. und J. LeGoff: La Peste dans le Haut Moyen Age, S.1484-1510.

[7] vgl. Grupe, Gisela: Umwelt- und Bevölkerungsentwicklung im Mittelalter, S. 27ff..

[8] vgl. Boockmann, Hartmut: Stauferzeit und spätes Mittelalter, S. 15f..

[9] vgl. Odum, E.P.: Grundlagen der Ökologie, Bd. 1.

[10] vgl. Grupe, Gisela: Umwelt- und Bevölkerungsentwicklung im Mittelalter, S. 29.

[11] Ennen, Edith: Die europäische Stadt des Mittelalters, S. 73.

[12] ebd., S. 78.

[13] Schmieder, Felicitas: Die mittelalterliche Stadt, S. 49.

[14] vgl. Ennen, Edith: Die europäische Stadt des Mittelalters, S. 75.

[15] vgl. Planitz, Hans: Die deutsche Stadt im Mittelalter, S. 35ff..

[16] vgl. „Königlicher Landfriede von 1224, Treuga Henrici“, in: Quellen zur Deutschen Verfassungs-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, S.399-401.

[17] Goetz, Hans-Werner:: Leben im Mittelalter, S.207.

Details

Seiten
21
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638818674
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77347
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte
Note
1,0
Schlagworte
Urbanisierung Inneren Europas Beispiel Stadt Spätmittelalters Erneuerung Apostolischen Lebens Armutsbewegungen Mittelalter

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