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Auf der Suche nach dem Ich - der Erzähler in "Das Treffen in Telgte"

Seminararbeit 2004 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Allgemeine Hinweise zur Erzählperspektive

3. Einige Anmerkungen zu Rezensionen und Kommentaren
3.1 Bestandsaufnahme
3.2 Ergebnis der Bestandsaufnahme

4. Das Rätsel nicht lösen, nicht abtun, sondern als Verfahren erhellen

5. Johann Matthias Schneuber: Der Ich-Erzähler in Günter Grass’ „Das Treffen in Telgte

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis
Sekundärliteratur

Anhang 1: Ich-Belegstellen aus dem Text

Zitat

1. Einleitung

„Ich, das bin ich jederzeit.“ – Des Autors Selbstbestimmungssatz[1], der uns aus dem Butt wohlvertraut ist, hinterlässt nach der Lektüre des Treffen in Telgte beim Leser vor allem eine Frage: Aber welcher? 21 barocke Dichter versammelt Grass in Telgte nach dem 300 Jahre jüngeren Vorbild der Gruppe 47 zu Ehren und anlässlich des 70. Geburtstags des Mannes, der die Gruppe 47 initiiert und am Leben erhalten hatte: Hans-Werner Richter, der einzige im Übrigen, dem mit Simon Dach eindeutig eine Figur in der Erzählung zugeschrieben ist. Nun läge es freilich nahe, sich auch bei den anderen barocken Persönlichkeiten auf die Suche nach ihren Entsprechungen des 20. Jahrhunderts zu begeben, doch ganz so einfach ist es nicht. Wenngleich Grass in einem Brief an Hans-Werner Richter im Frühjahr 1978 schreibt, „Es macht mir Schreibspaß, Dich und uns alle, einen verqueren barocken Haufen, während drei Tagen zwischen Münster und Osnabrück zu versammeln.“[2], so bleibt doch der Versuch, eindeutige Zuordnungen zu finden, zum Scheitern verurteilt ob der Genialität, mit der Grass Zeitgeschichte des 17. Jahrhunderts, Fiktion und Erlebnisse der Gruppe 47 verwoben hat. Wenn sogar intime Kenner, selbst Mitglieder der Gruppe 47, beim Entwirrungsversuch nach kaum einem halben Dutzend Figuren die Segel streichen müssen[3], wende ich mich im Folgenden lieber einer etwas überschaubareren aber nicht minder spannenden Frage zu, zudem es auch noch der Erzähler selbst ist, der sie uns gestellt hat:

„Woher ich das alles weiß? Ich saß dazwischen, war dabei. [...] Wer ich gewesen bin?“ (S. 106)[4]

Wie hat man diese Frage zu verstehen? Ist es tatsächlich so, dass sich unser Erzähler in den wenigen Passagen, in denen er sich zu erkennen gibt, hinter einem der anwesenden Namen verbirgt? Oder spricht er, ähnlich wie im Butt, aus vielen Figuren zugleich und doch aus keiner ausschließlich[5] ? Der Text gibt uns auf diese Frage keine klare Antwort und ich darf jetzt bereits vermerken, dass auch am Ende dieser kleinen Arbeit keine eindeutige Lösung stehen kann, so dass ich es mir lediglich zum Ziel machen kann, einen Überblick über verschiedene Lösungsansätze zu geben und diese trotz der gebotenen Kürze so gründlich wie möglich zu beurteilen. Grass spricht in seinem Brief (s.o.) auch von dem Spaß, den er dabei hatte, dieses Geburtstagsgeschenk fertig zu stellen. Die Leichtigkeit, mit der er spielerisch die verschiedensten Zeiten und Figuren vermischt, lässt den Leser an dieser Freude teilhaben. In diesem Sinne lade ich herzlich dazu ein, auch der Suche nach einer Antwort auf unsere Frage etwas Spielerisches abzugewinnen und es dabei unter Umständen auch zu wagen, „wie Zesen bei der Auslegung der Figurendichte Birkens in Telgte das Risiko von ‚verstiegenen Deutungen’“[6] einzugehen.

Ich werde dazu im Folgenden nach wenigen allgemeinen Hinweisen zur Erzählperspektive zunächst einige Entschlüsselungsversuche aus Rezensionen und Kommentaren zusammenfassen und im Anschluss daran etwas ausführlicher auf die Aufsätze von Ruprecht Wimmer[7] und Alexander Weber[8] eingehen, die sich beide explizit mit der Frage nach dem Erzähler-ich beschäftigen, dabei aber zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Als eine Grundlage meiner Überlegungen dient dazu auch eine kleine Zusammenstellung einiger für die Untersuchung relevanter Zitate aus dem Text.[9]

2. Allgemeine Hinweise zur Erzählperspektive

Den Rahmen für die Handlung bilden Aussagen von Grass selbst, er beginnt die Erzählung als Ich, „der zu Ehren von H. W. Richter diese Erzählung geschrieben hat“[10], um sofort darauf den Sprung durch die Zeit zu wagen und als auktorialer Erzähler die Geschichte zu beginnen. Über weite Teile der Handlung bleibt dieser allwissende Erzähler erhalten, unterbrochen wird diese Perspektive jedoch immer wieder von kurzen Einblendungen eines sich selbst bewussten Erzähler-Ich[11], welches großen Wert darauf legt, dabei gewesen zu sein, dazwischen gesessen zu sein (S. 106) und selbst in die Handlung eingreifen zu können (S. 116). Erst zum Schluss kommt Grass selbst wieder zu Wort, nimmt er sein Publikum an die Hand, begleitet es die 300 Jahre zurück in die Gegenwart und schlägt die Brücke vom Dichtertreffen in Telgte zur Gruppe 47: „Ich weiß, wie sehr uns weitere Treffen gefehlt haben. Ich weiß, wer ich damals gewesen bin.“ (S.165).

3. Einige Anmerkungen zu Rezensionen und Kommentaren

3.1 Bestandsaufnahme

Kurz nach Erscheinen der Erzählung schreibt Arnd Rühle über Grass im Münchner Merkur:

„Weil er aber eine Erzählung schreiben will über seine eigenen Erfahrungen, Leiden und Freuden mit der eigentlichen Gruppe 47, unserer jüngst vergangenen Tage, reist er selber auch an aus Deutschlands Norden, nennt sich G. Greflinger; [...]“[12]

Neben Rühle lässt sich auch „Jürgen P. Wallmann und mit ihm einige Zeitungs-Rezensenten“[13] vom Gleichklang der Initialen auf diese Fährte locken. Als weiteren Hinweis auf Greflinger könnte man auch folgende Stelle deuten: „Wir Jungen hatten den Alten schon tot geglaubt.“(S. 149). Als die Jungen werden im Text stets Birken, Scheffler und Greflinger genannt. Alle drei liegen aber während des Zotenreißens am zweiten Abend mit den Mägden im Stroh, während unser Erzähler darüber klagt, dass er sich habe mitreißen lassen beim Geschichten erzählen:

„Und ich hatte mitgelacht, hatte mir Geschichten einfallen lassen, hatte Anstoß geben und – wenn schon dabei – zwischen den Spöttern sitzen wollen.“ (S. 53)

Zudem verbringt Greflinger die dritte Nacht des Treffens am Fluss beim Fischfang und versäumt so wesentliche Teile der Diskussion zwischen den Dichtern, während das Motto unseres Erzählers klar lautet: „Nur nichts versäumen.“ (S. 144).

Rolf Schneider schreibt im Spiegel:

„Nun ist spätestens seit Goethes „Tasso“ das Verfahren erprobt, daß Dichter über Dichter schreiben und, natürlich, dabei immer nur sich selbst meinen. [...] Hauptfigur der Erzählung neben Simon Dach ist der junge Grimmelshausen. Daß er Günter Grass zur Identifikationsfigur dient, ist ganz gerecht; der eine schrieb den ersten großen pikarischen Roman unserer Literatur, der andere den derzeit letzten.“[14]

Dem aufmerksamen Leser dürfte nicht entgangen sein, dass unser Erzähler freilich große Sympathie für den Gelnhausen hegt, wie, um nur ein Beispiel zu nennen, hier deutlich wird: „Und auch ich hätte dem Stoffel nachwinken mögen [...]“ (S. 144). Dennoch spricht einiges gegen diese Vermutung: Unser Erzähler sieht sich selbst, wie im vorhergehenden Absatz schon angedeutet ist, als Protokollant der ganzen Veranstaltung („Abseits in Gruppen sahen die Poeten das alles; und ich schrieb mit.“, S. 102), der seine Augen immer und überall offen hat und dabei auch die Dinge sieht, die kein anderer mitbekommt („Nur ich sah, wie die drei Mägde den einen Maulesel [...] beluden.“, S. 164). Außerdem könnte man gegen die Figur des Gelnhausen auch die Beobachtung anführen, dass unser Erzähler während der gesamten Dauer des Treffens dabei ist: „Weil von Anfang an dabei, wollte ich auch den Schluss bezeugen.“ (S. 144). Gelnhausen hingegen ist derjenige, der mit Abstand am meisten unterwegs ist, sei es, um für das Festmahl am dritten Abend zu fouragieren, sei es, weil er in dringendem Auftrag die Versammlung früher verlassen muss.[15] Zuletzt sei noch angemerkt, dass der Erzähler selbst bekennt, „weder Logau noch Gelnhausen“ (S. 106) gewesen zu sein.[16]

[...]


[1] Vgl. Arnold 1981, S.74.

[2] Zit. aus Füssel 1999, S.104.

[3] Vgl. Schmidt 1985, S.145.

[4] Die in Klammern stehenden Seitenzahlen beziehen sich jeweils auf den Primärtext in folgender Ausgabe: Grass, Günter, Das Treffen in Telgte. Eine Erzählung und dreiundvierzig Gedichte aus dem Barock, München 1994.

[5] Vgl. Ruprecht 1985, S. 139.

[6] Haberkamm 1979, S. 68.

[7] Wimmer 1985.

[8] Weber 1986.

[9] Vgl. Anhang 1.

[10] Crimmann 1986, S.11.

[11] Vgl. Anhang 1.

[12] Rühle, Arnd: Was macht die Gruppe 47 im 30jährigen Krieg?, in: Münchner Merkur vom 7./8. April 1979, zit. aus Füssel 1999, S. 108.

[13] Weber 1986, S.99.

[14] Schneider, Rolf, Eine barocke Gruppe 47, in: Der Spiegel 14/1979, zit. aus Füssel 1999, S. 112.

[15] Vgl. Weber 1986, S. 98.

[16] Was wiederum Haberkamm dazu veranlasst, genau hinter diesen beiden einen Doppelerzähler zu erkennen. Vgl. auch die Gegenrede bei Weber 1986, S. 99.

Details

Seiten
17
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638825832
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77123
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Deutsche Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Suche Erzähler Treffen Telgte NdL-Proseminar Günter Grass

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