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Franz Kafka – Ein Hungerkünstler? Eine Untersuchung von Kafkas Bezug zur Nahrung auf Grundlage seiner Tagebuchaufzeichnungen

Hausarbeit 2003 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung – oder: Von der (Un)möglichkeit, das Hungern zur Kunst zu machen – Was ist los mit dem „Hungerkünstler“ Kafka?

2. Kafkas Bezug zur essbaren Nahrung
2.1 Kafka auf der Suche nach einer „anderen“ Nahrung
2.2 Erster Aspekt: Hungern als Kunst?
2.3 Zweiter Aspekt: Sich zum Außenr hungern?
2.4 Dritter Aspekt: „Echte“ Nahrung auch innerhalb des Lebens?

3. Schlussüberlegungen

4. Quellenangaben

1. Einleitung – oder: Von der (Un)möglichkeit, das Hungern zur Kunst zu machen – Was ist los mit dem Hungerkünstler Kafka?

In Franz Kafkas Tagebüchern finden wir zahlreiche Stellen, in denen er sich mit Nahrung beschäftigt. Dieses Thema scheint Kafka vor allem mit zunehmendem Lebensalter immer mehr zu beschäftigen.

Dabei scheint es ihm in erster Linie nicht allein um materielle Nahrung, also die Essensaufnahme, zu gehen. Lesen wir Kafkas Tagebücher aufmerksam, so erhalten wir eine Menge Anspielungen und Hinweise auf eine „andere“ immaterielle Nahrung, der Kafka auf der Spur zu sein scheint.

Zusätzlich findet diese spezielle Form der Nahrung ihren Wiederklang in einigen von Kafkas Werken. Somit scheint das Thema „Nahrung“ eine wichtige Rolle in Kafkas Leben und Werk zu spielen.

Deshalb möchte ich es mit dieser Arbeit näher untersuchen.

Dazu werde ich zunächst Kafkas Verhältnis zur „natürlichen“ Nahrung herausstellen, um dann darauf einzugehen, wie Kafka eine andere Nahrung definiert, und welche Rolle sie in seinem Leben spielt.

Um dies herauszufinden, untersuche ich einig „auffällige“ Stellen aus seinen Tagebüchern.

Am eingehendsten beschäftigt sich Kafka meiner Meinung nach in dem „Hungerkünstler“, einer seiner späteren Erzählungen, mit der Bedeutung von Nahrung. Deshalb gehe ich dazu parallel auf den „Hungerkünstler“ ein, um Kafka dadurch noch besser zu verstehen.

Dabei sollen zentrale Aussagen im Hungerkünstler in Beziehung zu denen der Tagebücher gestellt werden, um übereinstimmende oder auch konstrastierende Aussagen zu erhalten.

Ich möchte Kafka aus dem „Hungerkünstler“ heraus und gleichzeitig den Hungerkünstler aus den Tagebuchstellen zu verstehen. Dabei arbeite ich einige Aspekte heraus, die ich zur besseren Übersicht in verschiedene Kapitel unterteilt habe.

Letztendlich geht es darum, ob Kafka selbst als möglichen Hungerkünstler begriffen werden kann, bzw. dass er als Hungerkünstler erklärt werden kann.

2 Kafkas Bezug zur essbaren Nahrung

Zunächst ist interessant, das Franz Kafka Vegetarier war. Das geht vielfach aus seinen Tagebüchern hervor, etwa wenn er sich Gedanken über das Essen macht.[1]

Dazu kommt, dass Kafka krankheitsbedingt häufig unter Magenproblemen litt. So beschreibt er den Zustand seines Magens oft als „verdorben“, dabei erlegt ihm sein Magen manchmal auch das Hungern auf.[2]

Es fällt zudem auf, das der Begriff „Appetitlosigkeit“ bei Kafka eine große, immer wiederkehrende Rolle spielt. Kafka selbst klagt das ein oder andere Mal darüber, appetitlos zu sein; die Figuren in seinen Erzählungen werden in die Kategorien „mit“ und „ohne“ Appetit eingeteilt.[3]

Essen scheint bei Kafka auch eine große Rolle im Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen zu spielen. So etwa verkehren Vater und Sohn in Kafkas Erzählung „Das Urteil“ nur noch während der gemeinsamen Mahlzeiten miteinander. Es fällt auf, dass Kafkas Helden irgendwie immer „ausgehungert“ sind. Gregor Samsa („Die Verwandlung“) etwa hat nach der Verwandlung in einen Käfer keinen Appetit auf die Nahrung, die seine Familienmitglieder zu sich nehmen, und wird sodann von seinen Familie ausgeschlossen. Dabei geht es zwar oberflächlich um die nicht-schmeckende materielle Nahrung, aber eigentlich wird der Weg zu der „ersehnten unbekannten Nahrung“ gesucht. Ebenso passt auch der Hungerkünstler in der gleichnamigen Erzählung auf Dauer nicht in die „essende“ Gesellschaft, er lebt ausgestoßen (?) in einem Käfig, die Menschen „besichtigen“ ihn.

Immer wieder können wir das gleiche Muster erkennen. Der Nicht-Essende wird von den Menschen nicht verstanden und zum Sonderling.

Da diese Erzählfiguren (und mit ihnen auch Kafka) nicht der gewöhnlichen Nahrung zugeneigt sind, bleibt die Frage, nach welcher Art von Nahrung sie verlangen. Es scheint sich schon einmal nicht um irgendeine materielle Form von Nahrung zu handeln.

2.1 Kafka auf der Suche nach einer „anderen“ Nahrung

In seinen Tagebüchern häufen sich die Stellen, an denen Kafka von Hunger in dem nicht herkömmlichen Sinne schreibt, und uns damit auf die Spur einer anderen Nahrung führt.

So etwa erzählt er einmal von einem Mann, der außerhalb der Menschheit steht, der immer nur „seine Schmerzen“ hat und damit immerfort „ausgehungert“ ist. Es gibt jedoch im ganzen Umkreis der Welt „[…] kein Zweites, dass sich als Medizin aufspielen könnte[…]“, d. h. keine „Ersatznahrung“ für diesen Menschen.

Hier schon deutet Kafka an, dass er auf der Suche nach einer Nahrung (=„Medizin“) außerhalb der Welt ist. Mehrfach berichtet er davon, verlassen und ausgewiesen von anderen Menschen zu sein, weil er anders sei, in dem Sinne, dass er nach einer anderen, wie er einmal schreibt, essbaren Nahrung, ebf. nach atembarer Luft, suche.[4] An andereren Stellen tritt ganz klar zum Vorschein, dass Kafka sowohl nach irdischer als auch übersinnlicher Nahrung verlangt. Seine „Wurzeln“ bräuchten sowohl „unten“ (also irdisch) als auch „oben“ (übersinnlich) Nahrung, schreibt er.[5] Die irdische Nahrung genügt ihm nicht, weil seine Hauptnahrung von „[…]andern Wurzeln in anderer Luft kommt, auch diese Wurzeln kläglich, aber doch lebensfähiger“[6].

Übertragen auf sein Leben, fühlt sich Kafka hin- und hergerissen zwischen zwei „Welten“, wovon die eine diejenige ist, in der er lebt, in der einen „vernünftigen“ Beruf hat, sich oberflächlich in die Gesellschaft eingliedert, aber innerlich in einer Art Verbannung lebt. Er sehnt sich nach etwas anderem, ist auf dem Weg in eine andere Welt, wo er aber auch kaum lebensfähig ist. So befindet er sich immer in einer Schwebe zwischen diesen beiden Welten.

Bis jetzt steht also fest, dass es für Kafka auch eine andere Art von Nahrung gibt, der er eine hohe Bedeutung beimisst. Was für eine Nahrung kann das sein und gibt es sie? Er scheint ja selbst auf der Suche danach zu sein.

In seinen Tagebüchern finden wir dazu interessante Stellen. Kafka schreibt etwa, dass er in sich eine „[…] Konzentration auf das Schreiben hin erkennt, (…)das (…) die ergiebigste Richtung (seines) Wesens sei[…]“[7]. Ganz deutlich wird Kafkas „Gier nach Büchern“[8] unter dem 11. November 1911, da heißt es: „Es ist, als ob diese Gier vom Magen ausgienge, als wäre sie ein irregeleiteter Appetit[9]. Hier bekommen wir erste Hinweise auf die andere Nahrung, die Kafka sucht.

In einer seiner letzten Erzählungen, dem „Hungerkünstler“, hat sich Kafka ausführlich mit dem Thema der Nahrungssuche beschäftigt. Kafkas „Hungerkünstler“, so erfahren wir am Ende der Erzählung, war auch Zeit seines Lebens auf der Suche nach der Speise, „[…] die (ihm) schmeckt“[10].

Um nochmals die oben gestellte Frage aufzugreifen: Warum hat Kafka das Gefühl, zu hungern, bzw. andere Nahrung zu brauchen, um sich über seine „[…] Tagesnotdurft hinaus ohne Schädigung des Ganzen“ nähren zu können?

Betrachten wir zunächst den „Hungerkünstler“. Vielleicht er uns helfen, Kafkas „Nahrungs“verständnis näher kommen.

Hungern als Kunst?

Oberflächlich betrachtet, ist es nichts Besonderes, wenn jemand über kürzere oder längere Zeit hungert. Hungerstreikende Menschen etwa gibt es oft genug.

Bei dem Hungerkünstler von Kafka jedoch liegen die Dinge anders: Er hungert als Künstler, sein Hungern wird als eine Kunst, die „Hungerkunst“ bezeichnet. Was können wir uns darunter vorstellen? Diesen Ausdruck, ein eigenartiger Widerspruch in sich, können wir so leicht nicht zuordnen. „Hunger“, damit verbinden wir etwas Negatives, wir hungern nach einer Speise. Definiert wird Hunger etwa als „[…]unterschieden vom Appeti t, der einen bloßen Reiz nach der Speise bezeichnen will, der Hunger geht vom Magen, der Appetit vom Gaumen aus“[11]. Hunger hat man, wenn man nicht das Nötige hat, sich zu sättigen. Hunger kann im übertragenen Sinne auch „irgendein heftiges seelisches Verlangen“[12] sein.

[...]


[1] Kafka, Franz: Tagebücher, hg. v. Hans-Gerd Koch, Michael Müller und Malcolm Pasley, Frankfurt a. M. 1990, S. 140 Z. 12 f.; S. 508 Z, 23 f. beispielsweise.

[2] vergl ebd. S. 266, Z. 1 und Z.14f. ; S. 279, Z.10f.

[3] vergl. ebd. S. 441, Z.19; S. 472 Z. 10f.

[4] vgl. Franz Kafka: Tagebücher, S. 903, Z. 19.

[5] vgl. ebd. S. 895, Z. 23-25.

[6] ebd. S. 896, Z. 1ff.

[7] ebd- S- 341, Z. 1-4.

[8] ebd. S. 243, Z. 3f.

[9] vgl. Franz Kafka: Tagebücher , S. 243, Z.23 – S. 244, Z. 1.

[10] Franz Kafka: Ein Hungerkünstler, in: Franz Kafka: Erzählungen, Stuttgart 1995, S. 279, Z. 17.

[11] Deutsches Wörterbuch von Jakob Grimm und Wilhelm Grimm, Bd. X, Sp. 1943 bis 1945), Artikel „Hunger“.

[12] DWB von Jakob Grimm und Wilhelm Grimm, Bd. X, Sp. 1943 bis 1945), Artikel „Hunger“.

Details

Seiten
15
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638740494
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77046
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Franz Kafka Hungerkünstler Eine Untersuchung Kafkas Bezug Nahrung Grundlage Tagebuchaufzeichnungen

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Titel: Franz Kafka – Ein Hungerkünstler? Eine Untersuchung von Kafkas Bezug zur Nahrung auf Grundlage seiner Tagebuchaufzeichnungen