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Kaiser Nero und der Brand Roms

Seminararbeit 2007 19 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Brandverlauf und die Schäden

3. Die Brandbekämpfung

4. Kaiserliche Pflichten und Maßnahmen

5. Nero in der Kritik
5.1 Der Kaiser als Sänger
5.2 Der Kaiser als Brandstifter
5.3 Neros Gegenmaßnahmen

6. Schlussbetrachtung

7. Literatur- und Quellenverzeichnis
7.1. Antike Quellen
7.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

In einer der letzten Szenen des 1951 erschienenen Films Quo Vadis betritt der von Peter Ustinov gespielte Kaiser Nero den Balkon des kaiserlichen Palastes. Das Flammenmeer unter sich betrachtend beginnt er auf der Kithara zu spielen und das Feuer zu besingen. Der Monumentalfilm zog viele Millionen Zuschauer in seinen Bann, und Ustinov sollte für seine schauspielerische Leistung für den Oscar nominiert werden. Der Film ist eines der vielen Beispiele für den ikonischen Charakter des Bildes Neros als singender Kaiser. Kein anderes Ereignis der vierzehnjährigen Regentschaft Neros hat sich so sehr in das kollektive Gedächtnis der europäisch-abendländischen Zivilisation eingebrannt und zu Neros Platz in der Geschichte beigetragen, wie der Brand Roms im Sommer des Jahres 64 n. Chr. „This legend of Nero fiddling while Rome burned has taken on a life of its own over the centuries, acquiring proverbial status along the way.“[1]

Die folgende Arbeit hat das Ziel, die verschiedenen Darstellungen und Analysen des Brandes und seiner Folgen sowohl bei antiken Autoren, als auch in der modernen Geschichtsforschung zu beleuchten. Dabei soll durch die Analyse der Maßnahmen Neros während und nach dem Brand eruiert werden, inwieweit die gegen den Kaiser erhobenen Anschuldigungen zutreffen und er tatsächlich – wie Cassius Dio behauptet – den Brand vom Dach seines Palast besungen hat[2], oder ob es Indizien gibt, die die Vorwürfe der Nachlässigkeit und Brandstiftung entkräften. Danach sollen die Reaktionen Neros auf den durch Gerüchte entstandenen innenpolitischen Druck untersucht und die Gründe ermittelt werden, warum die stadtrömischen Christen als Sündenböcke prädestiniert waren. Aufgrund der großen Komplexität des Themas und des eingeschränkten Rahmens, den diese Arbeit zur Verfügung hat, kann dieser letzte Punkt allerdings nur verkürzt behandelt werden.

2. Der Brandverlauf und die Schäden

Der Brand Roms des Jahres 64 n. Chr., dem zehnten Jahr des neronischen Prinzipats, stellt den größten Stadtbrand in der Geschichte Europas bis zu den Feuerinfernos Dresdens und Hamburgs im zweiten Weltkrieg dar.[3] In der antiken Historiographie ebenso wie in der modernen Geschichtsforschung besteht im wesentlichen Konsens hinsichtlich des Verlaufs des Brandes. Sowohl zeitnahe Autoren wie Tacitus, Sueton und Plinius der Ältere, als auch Cassius Dio im dritten Jahrhundert und Orosius[4] in der Spätantike beschreiben – abgesehen von kleineren Abweichungen – den Brand übereinstimmend. Bezüglich der Brandursache besteht dagegen Dissens; während alle antiken Autoren – abgesehen von Tacitus, der sich nicht festlegt und von einer „...clades, forte an dolo principis incertum (nam utrumque auctores prodidere)“[5] spricht – Nero für den Verursacher des Brandes halten, so bestehen in der modernen Geschichtsforschung doch erhebliche Zweifel an dieser Version der Ereignisse. Bereits Theodor Mommsen glaubte, dass es „...fraglich [sei], wer die Schuld am Brand hatte. [...] Ganz allgemein bezeichnete man Nero als schuldig, [...] [a]ber es ist doch unwahrscheinlich.“[6]

Tacitus, dessen Darstellung des Brandes die Ausführlichste ist, datiert den Ausbruch des Brandes auf die frühen Morgenstunden des 19. Juli 64 n. Chr., des Jahrestages der Eroberung und Zerstörung Roms durch die keltischen Senonen 390 v. Chr.[7] Der Brand brach auf der Nordostseite des circus maximus inmitten der unzähligen hölzernen Buden und kleinen Wirtshäuser aus und griff auf den circus maximus über.[8] Aufgrund der großen Sommerhitze sowie der von Regenmangel herrührenden Trockenheit breitete sich das Feuer, durch einen starken Südostwind getragen,[9] von dort durch die engen, verwinkelten Gassen Roms schnell Richtung Norden aus.[10] Cassius Dio hält es für möglich, dass es zwei oder mehr Brandherde in verschiedenen Bezirken (regiones) Roms gab.[11] Gerhard Waldherr verortet einen dieser Brandherde auf den Nordhang des kapitolinischen Hügels.[12] Das Feuer kann sich allerdings von dort nicht in Richtung Nordwesten zum Marsfeld ausgebreitet haben, da dort viele Bewohner Roms Schutz vor den Flammen fanden.[13] Sueton, Tacitus und Orosius berichten übereinstimmend, dass der Brand erst nach sechs Tagen gelöscht wurde; Cassius Dio kann den Zeitraum nicht näher eingrenzen und spricht daher von „καί ημέρας καί νύκτας.“[14] Tacitus zufolge brach das Feuer kurze Zeit später erneut aus, dieses Mal in den praedia Tigellini Aemilianis [15], einem Grundstück des verhassten Prätorianerpräfekten Tigellinus, woraufhin die Stadt weitere drei Tage brannte.[16]

Während das Ausmaß des Schadens genau dokumentiert wurde, existieren über die Höhe der Opfer nur Schätzungen. Die Einwohnerzahl Roms betrug zur Zeit Neros etwa eine Million. Ungefähr zweihunderttausend Menschen wurden obdachlos, die Zahl der Todesopfer ist unbekannt, lag bei wahrscheinlich mehr als fünfzig Prozent der stadtrömischen Bevölkerung. Etwa zwei Drittel der Stadt waren verbrannt; von den vierzehn regiones der Stadt wurden drei – nämlich die Bezirke XI Circus Maximus, X Palatium und III Isis et Serapis [17] – völlig zerstört, vier (I, V,VI, XIV) blieben unversehrt und „...septem reliquis pauca tectorum vestigia supererant, lacera et semusta.“[18] Zahlreiche Tempel, Statuen, Säulenhallen und ungefähr zehntausend Wohnhäuser (insulae) fielen den Flammen zum Opfer.[19]

3. Die Brandbekämpfung

Aufgrund der Sorglosigkeit römischen Stadtbevölkerung, der engen Bauweise der Häuser und der für den Bau verwendeten z. T. leichtentflammbaren Materialien (Holz, Stroh) kam es in der Antike immer wieder zu Bränden in Rom. Augustus führte nach dem Brand des Jahres 23 v. Chr. eine städtische Feuerwehr (vigiles) ein, die zunächst aus sechshundert Sklaven bestand. Nach einer Reihe von Feuern, die großen Schaden anrichteten, wurden die vigiles 6 n. Chr. reorganisiert und verstärkt. Die siebentausend Freigelassenen, die von nun an in ihr dienten, wurden in sieben Kohorten zu je sieben Zenturien eingeteilt, mit Spritzen, Äxten, Eimern, Leitern und Haken ausgerüstet und in den Stadtteilen in stationes / excubitoria untergebracht. Jede Kohorte war für zwei regiones zuständig. Brände stellten trotz des umfangreichen Feuerwehrsystems eine latente Gefahr für die Stadtbevölkerung dar, da sie aufgrund der Primitivität der Brandbekämpfungsmittel nur schwer unter Kontrolle zu bringen waren.[20] Der Lohn der vigiles, die nach sechs Dienstjahren volle römische Bürgerrechte erhielten, ist ein Indiz für die Gefährlichkeit bei der antiken Brandbekämpfung.[21]

4. Kaiserliche Pflichten und Maßnahmen

Dem Princeps kam bei Katastrophen wie etwa größeren Bränden eine wichtige Rolle zu. Von ihm wurde erwartet, dass er die Löscharbeiten – wie einst Augustus und Claudius – persönlich überwachte und leitete und die Menschen durch seine Anwesenheit motivierte und ihnen Beistand leistete.[22] Nero konnte diese Erwartungen beim Brand des Jahres 64 n. Chr. teilweise bzw. nur verspätet erfüllen, da er sich am 18. Juli im sechzig Kilometer entfernten Antium aufhielt und laut Tacitus „...non ante in urbem regressus est, quam domui eius, Palatium et Maecenatis hortos continuaverat, ignis propinquaret“[23], also erst im Laufe des (vermutlich) nächsten Tages nach Rom zurückkehrte. Bei der Betrachtung dieser von Tacitus unterstellten Pflichtverletzung des Prinzeps muss allerdings beachtet werden, dass die Reise von Antium nach Rom auf Pferden zur damaligen in etwa einen halben Tag in Anspruch nahm und Nero frühestens – wenn Tacitus den ersten Ausbruch des Feuers korrekt verzeichnet[24] – am Morgen des 19. Juli in seiner Geburtsstadt Antium vom Großbrand erfuhr. Demzufolge hätte Nero frühestens am (Nach-)Mittag des 19. Juli in der Hauptstadt eintreffen können. Richard Holland behauptet sogar, dass Nero sofort nach dem Erhalt der Nachricht auf ein Pferd sprang und nach Rom galoppierte.[25] Jedoch finden sich für die Richtigkeit dieser These keine Belege bei den römischen Historiographen.

In Rom angekommen leistete Nero freilich tatkräftige Hilfe und handelte – so weit wie es die chaotischen Zuständen zuließen – bei der Brandbekämpfung, Opferversorgung und dem Wiederaufbau äußerst umsichtig und überlegt. So ließ er umgehend die öffentlichen Gebäude und Tempel auf dem Marsfeld, die Gebäude des Agrippa und seine eigenen Gärten für Verletzte und Obdachlose öffnen.[26] Ferner wurden Lebensmittel per Schiff aus Ostia und aus anderen benachbarten Städten herbeigebracht, Notunterkünfte errichtet und der Preis des Getreides auf drei Sesterzen gesenkt. Die Schiffe, die Getreide nach Rom brachten, transportierten bei der Rückfahrt nach Ostia die Massen an Brandschutt ab.[27] Laut Holland beaufsichtigte Nero die Löscharbeiten in allen Stadtbezirken sogar persönlich. Auch eine 2006 erschienene Dokumentation der britischen BBC über Nero schließt sich dieser These Hollands an. Diese Annahme ist allerdings ungesichert, da sie – wie Egon Flaig richtig bemerkt – nicht mithilfe von Quellen belegen werden kann.[28] Folglich kann sie nicht bedenkenlos als zutreffend erachtet werden.

[...]


[1] Richard Holland: Nero. The Man Behind the Myth, Stroud 2000, S. 164.

[2] Cass. Dio 62, 18, 1.

[3] Holland: Nero, S. 163.

[4] Orosius’ Historiae adversus paganos basiert allerdings im wesentlichen auf den Werken Tacitus, Suetons und Plinius und kann daher nicht als eigenständige, unabhängige Quelle betrachtet werden.

[5] Tac. Ann. 15, 38.

[6] Theodor Mommsen: Römische Kaisergeschichte. Nach den Vorlesungs-Mitschriften von Sebastian und Paul Hensel 1882/86, ND München 1992, S. 201.

[7] Tac. Ann. 15, 41.

[8] Tac. Ann. 15, 38; Vgl. Gerhard Waldherr: Nero. Eine Biografie, Regensburg 2005, S. 210-212; Jürgen Malitz: Nero, München 1999, S. 70-72; Holland: Nero, S. 160-163.

[9] Holland: Nero, S. 161.

[10] Waldherr: Nero, S. 211.

[11] Cass. Dio 62, 16, 2.

[12] Waldherr: Nero, S. 211.

[13] Tac. Ann. 15, 39.

[14] Cass. Dio 62, 17, 1.

[15] Tac. Ann. 15, 40.

[16] Vgl. Holland: Nero, S. 162; Malitz: Nero, S. 71.

[17] Vgl. Waldherr: Nero, S. 212; Holland: Nero, S. 162; B. H. Warmington: Nero. Reality and Legend, London 1969, S. 123. Tacitus benennt die zerstörten Bezirke nicht. Waldherr und Warmington glauben, dass III Isis et Serapis einer der drei völlig zerstörten Bezirke war, Holland behauptet dagegen es sei IV Templum Pacis gewesen.

[18] Tac. Ann. 15, 40.

[19] Siehe Tac. Ann. 15, 41; Cass. Dio 62, 18, 2; Suet. Nero 38, 2 für eine detaillierte Auflistung der zerstörten Gebäude.

[20] Vgl. Waldherr: Nero, S. 210f.; Malitz: Nero, S. 70f.; Holland: Nero, S. 161f.

[21] Holland: Nero, S. 162.

[22] Vgl. Malitz: Nero, S. 71; Waldherr: Nero, S. 212.

[23] Tac. Ann. 15, 39.

[24] Tac. Ann. 15, 41.

[25] Holland: Nero, S. 161.

[26] Tac. Ann. 15, 39.

[27] Tac. Ann. 15, 43; Suet. Nero 38, 3.

[28] Siehe Holland: Nero, S. 162; Egon Flaig: Wie Kaiser Nero die Akzeptanz bei der Plebs Urbana verlor. Eine Fallstudie zum politischen Gerücht, Historia 52, 2003, S. 351-372 (S. 365).

Details

Seiten
19
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638804219
ISBN (Buch)
9783638807630
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77041
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Historisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
Nero Brand Roms Proseminar rom alte geschichte antike christenverfolgung kaiser

Autor

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