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Zu Alfred Adlers Persönlichkeitstheorie

Seminararbeit 2006 17 Seiten

Psychologie - Persönlichkeitspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Biographie

III. Alfred Adlers Persönlichkeitstheorie
1. Minderwertigkeit
2. Streben nach Überlegenheit
3. Lebensstil
4. Kreatives Selbst und Bewusstsein
5. Fiktiver Finalismus und tendenziöse Apperzeption
6. Gemeinschaftsgefühl

IV. Schlussbetrachtung

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Es liegt „ein Dreifaches vor: das Lebendige ist Körper, im Körper (als Innenleben oder Seele) und außer dem Körper als Blickpunkt, von dem aus es beides ist. Ein Individuum, welches positional derart dreifach charakterisiert ist, heißt >Person<. Es ist das Subjekt seines Erlebens, seiner Wahrnehmungen und seiner Aktionen, seiner Initiative. Es weiß was es will.“[1]

Ebenso wie Helmuth Plessner, beeinflußt von Edmund Husserls Transzendentaler Phänomenologie in seinem Werk „Stufen des Organischen“ (1928) aus philosophischer Sicht den individuellen Lebensvollzug des Einzelorganismus vom utopischen Standpunkt aus untersuchte und zu oben angeführten Schlussfolgerungen über die Person kam, beschäftigte sich Alfred Adler aus psychologischer Perspektive mit der Frage nach Persönlichkeit und der Verortung des Individuums in der Gesellschaft. Folge seiner jahrelangen Forschungen und Studien war ein stets komplexer ausgestaltetes Theoriegebilde, untermauert durch Erfahrungen aus seiner therapeutischen Tätigkeit, das unter dem Namen der Individualpsychologie in die Geschichte der Psychologie eingehen und eine eigene Schule entwickeln sollte. Die teleologische Ausrichtung der Individualpsychologie und die Überwindung des bis dahin gültigen Kausalitätsdogmas der Wissenschaft, sollte Adlers Konzeption zu einem einzigartigen, revolutionären und bedeutendem Novum der Psychologie machen.

Nach einem kurzen Überblick über die Biographie Alfred Adlers soll im folgenden seine Persönlichkeitstheorie näher in Augenschein genommen werden. Zunächst soll auf das widersprüchlich wirkende Begriffspaar von Minderwertigkeit und Überlegenheit eingegangen werden, um Adlers Anschauung über den Lebensstil zu erörtern. Hierbei soll auch auf Fragen der Fehlentwicklung und der Positionspsychologie eingegangen werden, um anschließend das Postulat von kreativem und bewußtem Selbst zu veranschaulichen. Desweiteren soll Adlers Idee des „fiktiven Finalismus“ in Abgrenzung zum Kausaliätsdogma aufgegriffen und in seiner geisteswissenschaftlichen Fundierung betrachtet werden. Nach dem Ausblick auf die Auswirkungen der Adlerschen Theorie auf die Wahrnehmung des Menschen, soll abschließend das Konzept des Gemeinschaftsgefühls untersucht werden, um letztendlich eine abschließende Bewertung der Persönlichkeitstheorie Alfred Adlers vornehmen zu können. Hierbei kann diese Arbeit aufgrund des begrenzten Rahmens nur Einblicke gewähren. Dennoch bleibt zu hoffen, dass trotz der räumlichen Begrenzung die Grundzüge der Adlerschen Konzeption verständlich werden.

II. Biographie

Alfred Adler wurde am 7. Februar 1870 in Wien als zweiter Sohn von sieben Kindern eines kleinbürgerlichen, jüdischen Getreidehändlers geboren. Bereits mit vier Jahren stand sein Entschluss, Arzt zu werden, fest. Sicherlich beförderte die frühe Konfrontation mit dem Tod des Bruders, der in seinem Bett starb diese Entscheidung. Doch auch der Wunsch, die „kränkelnde“ Mutter heilen zu können, wie auch die Tatsache, dass er selbst ein schwaches, an Rachitis leidendes Kind war, trugen zu seiner Berufswahl bei. Gemäß seinen frühen Plänen, studierte Adler von 1888 bis 1895 Medizin in Wien, um dann zunächst als Augenarzt, später Internist und letztendlich als Neurologe tätig zu sein.1897 heiratete er die Russin Raissa Timofejevna Epstein, mit der er später vier Kinder (Valentine, Alexandra, Nelly, Kurt) haben sollte. Nachdem Adler einmal für den damals in Wiener Ärztekreisen noch unbeachteten Sigmund Freud Stellung bezog, erhielt er von diesem eine legendär gewordene Postkarte mit der Einladung, sich an Freuds Studiengruppe zu beteiligen. Adler ging auf das Angebot ein und veröffentlichte 1907 seine „Studie über Minderwertigkeit von Organen“, den ersten Grundbaustein seiner später ausgearbeiteten Individualpsychologie. Nachdem Adler 1911 seine Schrift „Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie des Seelenlebens“ veröffentlicht hatte, kam es zu einem irreparablen Bruch in der Zusammenarbeit mit Freud. Bereits ein Jahr danach veröffentlichte Adler seine Untersuchungen „Über den nervösen Charakter“. 1914 gründete er die „Zeitschrift für Individualpsychologie“ und betätigte sich in den folgenden zwei Jahren als Militärarzt in Krakau, Brünn und Wien. Nach Kriegsende wurde er 1920 Direktor der ersten Klinik für Kinderpsychologie und beteiligte sich maßgeblich an dem Aufbau eines Netzes von Erziehungsberatungsstellen.[2] Seine Werke „Menschenkenntnis“ (1927), „Lebenskenntnis“ (1929) und „Der Sinn des Lebens“ (1933) bilden den Kern einer von Adler entwickelten Individualpsychologie, die sich bemüht „jedes individuelle Leben als etwas Ganzes zu sehen, als Einheit, und nach ihrer Auffassung ist jede einzelne Reaktion, jede Bewegung und jeder Impuls, ein klar erkennbarer Bestandteil einer individuellen Lebenseinstellung“.[3] Im Zentrum von Adlers Forschungen stehen demnach die Persönlichkeitsentwicklung als Sozialisationsprozess, der Umgang mit Umweltanforderungen im Lichte des Strebens nach Anerkennung und die beständigen Auseinandersetzungen mit Benachteiligungen bzw. Minderwertigkeiten.

1934 wanderte Adler nach New York aus und arbeite dort als Psychotherapeut, Dozent und Vortragsredner. Bei einer Vortragsreise in Aberdeen, Schottland, erlag er am 28. Mai 1937 mit 67 Jahren den Folgen eines Herzinfarkts.[4]

III. Adlers Persönlichkeitstheorie

1. Minderwertigkeit

Verfolgt man Adlers Schriften, so fällt auf, dass sein ursprüngliches Gedankenkonzept der Organminderwertigkeit einer steten Metamorphose unterliegt und zu immer komplexeren Theorien ausgestaltet wird, bis es schließlich in der Trias von „Menschenkenntnis“ , „Lebenskenntnis“ und „Der Sinn des Lebens“ seinen finalen Höhepunkt erreicht und unter dem Schlagwort der „Individualpsychologie“ ein eigenes Genre der Psychologie eröffnet.

Ausgangspunkt waren Adlers frühe Studien zur Organminderwertigkeit. Hierunter versteht Adler, frei von pejorisierender Konnotation , „unfertige, in der Entwicklung zurückgebliebene oder im Wachstum gehemmte oder veränderte Organe“[5]. Adler ging davon aus, dass der Mensch mit einem potentiell schwachen Organ geboren werde, das abhängig von den Belastungen des natürlichen Lebensablaufes oder durch verschiedene Umweltkombinationen versagen könnte. Daraus resultiere dann der Versuch dieses Defizit zu kompensieren. Ist beispielsweise die Herztätigkeit durch einen Herzklappenfehler beeinträchtigt, kann es zu einer Vergrößerung des Herzens kommen, um durch die Mehrleistung die Funktionsminderung auszugleichen. Ebenso kann die Funktion eines gestörten Organs durch andere Organe übernommen und so kompensiert werden. Hierbei kann es sogar zu einer Überkompensation kommen, das bedeutet, dass trotz vorliegender Organminderwertigkeit eine höhere Funktionsfähigkeit erreicht wird, als dies bei einem gesunden Organ der Fall wäre. Darüber hinaus besteht auch die Möglichkeit biologisch bedingte Minderwertigkeit im psychischen Bereich zu kompensieren oder in seiner sozialen Existenz auszugleichen. So kann zum Beispiel ein organisch gehandikaptes Kind seine intellektuellen Fähigkeiten verstärkt ausbilden und im kulturellen, musischen oder auch künstlerischen Bereich mit anderen in Konkurrenz treten. Andererseits kann aber auch die Minderwertigkeit eines Organs zum Mittel der Überwindung von subjektiv unangenehmen oder schmerzhaften Situationen mißbraucht werden. Der Verweis auf Magengeschwüre, Migräne, Asthma oder ähnliches kann als Ausrede dienen, um Scheitern zu rationalisieren oder sich aus unangenehmen Situationen zurückzuziehen. Welches Organ hier eine besondere Relevanz erfährt, ist natürlich individuell verschieden.

Neben dieser individuell biologisch determinierten Minderwertigkeit, lässt sich zusätzlich von einer objektiven Minderwertigkeit sprechen, wenn man davon ausgeht, dass jeder Mensch mit einem Gefühl der Unvollständigkeit und Mangelhaftigkeit geboren wird. Die gesamte Lebensumwelt des Neugeborenen ist besser, stärker, größer und kompetenter als es selbst. In den ersten Lebensjahren wird sich das Kleinkind seiner Abhängigkeit und seiner minderwertigen Rolle in der Gesellschaft bewußt und mit jeder neu erreichten Entwicklungsstufe eröffnet sich ein neues noch nicht erreichtes (Entwicklungs-) Feld, das das Kind anstrebt.[6] Adlers Vorüberlegungen zu einer allgemeinen und ererbten Minderwertigkeit, zeigen sich in seinem Konzept vom „Männlichen Protest“. In patriarchalischen Kulturen wird das Merkmal weiblich als Synonym für minderwertig und unten verstanden und demnach negativ beurteilt. Folglich ergibt sich ein Streben nach Männlichkeit bzw. nach Überlegenheit, das sich entweder in aktiv-aggressiven oder in passiv-regressiven Mitteln äußern kann. Die erste Strategie zeigt sich bei Männern im Karrieretyp, Abenteurer, Kriminellen, Zuhälter, Sadisten oder Don-Juanisten. Bei Frauen hingegen wäre dies der burschikose Typ, der die „Hosen anhat“ und „seinen Mann stehen“ kann oder auch „aktive Lesbierinnen“. Die zweite Strategie hingegen beschreibt den „typischen Neurotiker“, der versucht, sein Ziel auf verschlungenen Wegen zu erreichen oder den „passiv-femininen Homosexuellen“, der sich einen starken Partner sucht, der das Ideal der Männlichkeit verkörpert bzw. den heterosexuellen Mann mit einer starken Frau an seiner Seite. Frauen hingegen bedienen sich oft der Mittel der Schwäche und Hilflosigkeit, um andere an sich zu binden und so indirekt zu „herrschen“. Nicht selten entwickelt sich auch eine ausgeprägte Distanzierungstendenz (äußere oder innere Regression), die sich in Phobien, Sexualproblemen, Gemütsschwankungen und disjunktiv-affektiven Zuständen, wie Angst und Mutlosigkeit, zeigt. Eine weitere Strategie des männlichen Protestes ist die Verniedlichungstendenz, die vor allem in Beziehungen relevant erscheint, denn eine Verniedlichung, zum Beispiel durch Kosenamen, impliziert eine Verkleinerung und damit eine Entwertung und Herabsetzung des potentiell stärkeren Partners.[7]

Nimmt nun ein subjektiv empfundenes Minderwertigkeitsgefühl, verstanden als psychische Folge der Überzeugtheit von der eigenen psychischen und/oder physischen Unzulänglichkeit einen übermäßigen Grad an, lässt sich von einem Minderwertigkeitskomplex sprechen.[8] Adler übernahm den Begriff von C.G. Jung, um damit ein besonders starkes bzw. pathologisch relevantes Minderwertigkeitsgefühl benennen zu können. Charakteristikum des Minderwertigkeitskomplexes ist die „Erstarrung“ jeglicher dynamisch-aktiver Lebensbewältigung, sowie die Suche nach (Über-) Kompensation im Bereich privater Phantasiewelten.[9]

[...]


[1] Haucke, Kai,, Plessner zur Einführung, Hamburg 2000, S.146.

[2] Adler, Alfred, Menschenkenntnis, Frankfurt a.M. 1973, S.7-15.

Bischof, Ledford L., Persönlichkeitstheorien, Darstellungen und Interpretationen, Bd.1, Paderborn 1983, S.199.

[3] Adler, Alfred, Lebenskenntnis, 8. Aufl., Frankfurt a.M. 2005, S.13.

Pervin, Lauwrence A., Persönlichkeitstheorien, München 1987, S.149-151.

[4] Fröhlich, Werner D., Wörterbuch der Psychologie, 23. Aufl., München 2000, S.238.

Mohr, Franzjosef, Adler und seine Zeit, Daten zu Leben und Werk, in: Eicke, Dieter (Hrsg.), Die Psychologie des 20. Jahrhunderts, Bd.3, Freud und die Folgen (II), Zürich 1977, S.513-515.

[5] Seelmann, Kurt, Adlers Individualpsychologie, in: Eicke, Dieter (Hrsg.), Die Psychologie des 20. Jahrhunderts, Bd.3, Freud und die Folgen (II), Zürich 1977, S.555.

[6] Seelmann, Kurt, Adlers Individualpsychologie, in: Eicke, Dieter (Hrsg.), Die Psychologie des 20. Jahrhunderts, Bd.3, Freud und die Folgen (II), Zürich 1977, S.555-558.

Bischof, Ledford L., Persönlichkeitstheorien, Darstellungen und Interpretationen, Bd.1, Paderborn 1983, S.200-205.

Jacoby, Henry, Alfred Adlers Individualpsychologie und dialektische Charakterkunde, Frankfurt a.M.1974, S.41ff

Titze, Michael, Lebensziel und Lebensstil: Grundzüge der Teleoanalyse nach Alfred Adler, München 1979, S.77ff.

[7] Titze, Michael, Lebensziel und Lebensstil: Grundzüge der Teleoanalyse nach Alfred Adler, München 1979, S.79-92.

[8] Adler, Alfred, Lebenskenntnis, 8. Aufl., Frankfurt a.M. 2005, S.41ff.

Fröhlich, Werner D., Wörterbuch der Psychologie, 23. Aufl., München 2000, S.298.

[9] Titze, Michael, Lebensziel und Lebensstil: Grundzüge der Teleoanalyse nach Alfred Adler, München 1979, S.71ff.

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638825771
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v77032
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,0
Schlagworte
Alfred Adlers Persönlichkeitstheorie

Autor

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