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Alexander der Große und Aristoteles

Seminararbeit 2005 25 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Zur Problematik des Gegenstandes
1.2. Zu den Quellen
1.3. Zur Vorgehensweise

2. Die Erziehung Alexanders
2.1 Die Jugend am makedonischen Königshof
2.2. Der Schüler des Philosophen
2.3. Verlorene Quellen

3. Der Feldherr und der Philosoph
3.1. Die Schule der Peripatetiker
3.2. Alexanders philosophische Neigung
3.3. Entfremdung von seinem Lehrer
3.3.1 Das Problem „Kallisthenes“

4. Vorübergehende Beantwortung der eingangs gestellten Frage
4.1. Aristoteles, der Erzieher
4.2. Aristoteles, der Philosoph

5. Alexander und die aristotelische Philosophie
5.1. Der ideale Staat
5.2. Alexander und die Barbaren
5.3. Offene Fragen - Perspektiven

6. Abschluss und Aussicht

Anhang
Quellen
Quelleneditionen
Literatur
Artikel aus Nachschlagewerken

1. Einleitung

1.1. Zur Problematik des Gegenstandes

Die Geschichte neigt gelegentlich dazu, sich in einzelnen Namen zu zentrieren. Es ist dabei nicht so, dass diese Personen den Verlauf der Geschichte alleine bestimmen, doch finden sie sich in einer Position, die mit soviel Autorität verbunden ist, dass sie ihren Visionen eine gewisse Stosskraft verleihen können. Der Verlauf der Geschichte, wie wir ihn aus der Retrospektive betrachten können, gibt uns dann die Möglichkeit, erreichte Zustände oder einschneidende Ereignisse mit konkreten Namen in Verbindung zu bringen. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich gleich mit zwei solchen historischen Persönlichkeiten, ohne deren Einfluss die Welt heute eine andere wäre: Alexander, den die Nachwelt infolge seiner unglaublichen militärischen Erfolge den Grossen nennen wird, und Aristoteles, dessen philosophische Schriften das abendländische Denken entscheidend geprägt haben. Staunend und fasziniert entnehmen wir den Quellen, wie der berühmte Philosoph an den makedonischen Königshof gerufen wurde, um den Welteroberer zu unterrichten. Nur zu leicht vergessen wir dabei, dass weder Alexander zu jener Zeit bereits sein Schicksal kannte, noch Aristoteles dieses Ansehen genoss, das ihm heute zuteil wird. Wir, die wir versuchen die Vergangenheit zu verstehen und zu erklären, können erkennen, wie Entscheidungen einzelner Personen, die Zusammenkunft verschiedener Charaktere, materielle Einflüsse oder auch der blosse Zufall sich im Nachhinein zu dem verdichten, was wir den Verlauf der Geschichte nennen. Die Geschichtsschreibung sieht sowohl die Ergebnisse als auch die Umstände ihrer Entstehung aus einer Perspektive, die es erlaubt Kausalketten zu erstellen, welche den Protagonisten so nicht bewusst waren. Wenn Droysen schreibt, Aristoteles gebühre der Ruhm, dem leidenschaftlichen Knaben die Weihe und Grösse der Gedanken, ja sogar den Gedanken der Grösse gegeben zu haben[1], setzt das den Verlauf der Geschichte voraus. Ebenso zeigt sich in der Aussage von Schachermeyr, Aristoteles habe gleich aller Welt in Alexander den zukünftigen Hegemon der Hellenen erblickt, ja überhaupt den dereinst mächtigsten Herrscher Europas[2], vor allem das Wunschdenken des Autoren und nicht etwa historische Faktizität. Denn zu dem Zeitpunkt, als Aristoteles als Lehrer an den makedonischen Hof gerufen wurde, war dessen Schüler nicht mehr als ein potenzieller Thronanwärter und hätte nicht der verfrühte Tod seines Vaters Alexander an die Spitze der hellenischen Koalition gebracht, wäre Philipp derjenige gewesen, der den Rachefeldzug gegen die Perser geführt hätte.[3] Somit wäre die Geschichte Alexanders eine gänzlich andere geworden und die Nachwelt hätte ihn wohl kaum den Grossen genannt. Diese zwei Beispiele zeigen deutlich, welchen Gefahren der Verfasser eines Geschichtswerkes ausgesetzt ist, wenn er dank der Kenntnis aller Auswirkungen Rückschlüsse auf Ursachen oder Motive zieht.

Im Bewusstsein dieser Gefahr will ich mit dieser Arbeit untersuchen, was sich berechtigterweise über den Einfluss aussagen lässt, den Aristoteles auf den jungen Alexander ausübte. Dies ist zugegebenermassen keine einfache Aufgabe, denn auch ich bin von der Faszination des Umstandes ergriffen, dass der sagenumwobene Welteneroberer von einem der einflussreichsten Weltbelehrer überhaupt mit erzogen wurde und wünschte mir, es fände sich in Alexander aristotelisches Gedankengut verwirklicht.

1.2 Zu den Quellen

Erschwert wird mein Unterfangen dadurch, dass die Quellenlage einige Probleme in sich birgt. Im Gegensatz zum Peloponnesischen Krieg beispielsweise, wo die moderne Geschichtswissenschaft dank dem Buch von Thukydides eine vollständige Darstellung der Ereignisse aus der Sicht eines Zeitzeugen vor sich hat, verfügen wir bezüglich Alexander über kein solches Dokument. Pearson sieht darin ein Privileg für die Historiker, ihrer Imagination mehr Freiraum zu lassen. Geht es aber darum, tatsächliche Bezüge aufzuzeigen, kann ich diesen Mangel nicht als Privileg, sondern nur als erschwerendes Faktum hinnehmen. Die vorliegenden Monographien sind alle einige Jahrhunderte nach Alexanders Tod verfasst worden. Wir finden darin wohl Hinweise auf die Quellen, die von den antiken Autoren verwendet wurden, doch wissen wir nie mit absoluter Sicherheit, wo die Fakten aufhören und die Interpretation beginnt.[4] Eine vollständige Darlegung der Quellen, wie sie von der modernen Geschichtswissenschaft gepflegt wird, war den antiken Autoren noch kein so wichtiges Anliegen und auch sie erlagen sicher der Versuchung, Ursachen, Motive und Wirkungen so in einen Zusammenhang zu stellen, wie es nur aus der Retrospektive möglich ist. Im Grunde genommen müsste man die die Alexandermonographien von Diodor, Plutarch oder Arrian bereits als Literatur bezeichnen und meine Aufgabe würde demzufolge nicht darin bestehen, den konkreten Einfluss von Aristoteles auf Alexander zu untersuchen, sondern die Wahrnehmung dessen zur Zeit des frühen römischen Kaiserreiches.

Dennoch müssen wir, wenn wir die Beschäftigung mit Alexander nicht als gänzlich sinnlose Aufgabe abtun wollen, davon ausgehen, dass in den genannten literarischen Werken, die ich fortan wieder Quellen nennen will, einiges an tatsächlich Ereignetem niedergeschrieben ist. Dass jeder Autor bestrebt war, seine Sicht des Helden, sei es eine philosophische, eine militärische oder eine theologische, versuchte glaubhaft zu machen, müssen wir uns immer vor Augen halten und so finden wir in der Überlieferung vieles, was wohl einen wahren Kern hat, aber durch literarische Elemente im Bereich der Übertreibung und Dramaturgie anzusiedeln ist.[5] Legenden und Lügen über Alexander waren schon zu seinen Lebzeiten von seinen Zeitgenossen in den Umlauf gebracht worden, sei es um dem König zu gefallen oder auch um die eigene Sicht der Dinge ins rechte Licht zu rücken. Alexander wurde seit Kallisthenes dargestellt als ein Halbgott, als ein Supermensch, als ein Wesen, dessen Taten unter anderen Gesichtspunkten zu begutachten sind, als die Taten eines normalen Menschen.[6] So gilt es also festzuhalten, dass es anhand der Quellen nur bedingt möglich ist, eine historische Abhandlung über den tatsächlichen Menschen Alexander zu schreiben – die Grenzen zwischen Mensch und Mythos sind in der Überlieferung seiner Taten und seines Wesens fliessend.

Als wären der Erschwernisse noch nicht genug genannt, kommt hinzu, dass sich in den überlieferten, zusammenhängenden Alexanderdarstellungen, ausser bei Plutarch, kaum Informationen finden, die für die vorliegende Untersuchung von grossem Nutzen wären. Es scheint so, dass sich die antiken Autoren nur wenig oder gar nicht für Themen der Erziehung oder der philosophischen Positionierung Alexanders interessierten. Meine wichtigste Quelle muss daher Plutarch sein, denn nur er hat uns längere Textpassagen über die Erziehung Alexanders und den Einfluss, den Aristoteles auf ihn ausgeübt hat, hinterlassen. Sein Werk ist im ersten Jahrhundert nach Christus entstanden und seine zahlreichen Verweise auf frühere Autoren, die ihm als Quellen dienten, erhöhen einerseits seine Glaubwürdigkeit und geben uns andererseits auch Grund, uns mit eben diesen Verweisen auseinander zu setzen, was ich im Verlaufe der Arbeit auch tun werde. Daneben zeigt sich ein Buch von Diogenes Laertius als wertvolle Informationsquelle. Er hinterliess uns ein Werk mit einer Vielzahl von Kurzbiographien über berühmte Philosophen. In seinen Ausführungen über Aristoteles erfahren wir auch einiges über dessen Verhältnis zu seinem Schüler. Dass das Buch erst im dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung verfasst wurde, muss uns natürlich zu Vorsicht mahnen.

1.3 Zur Vorgehensweise

Die Basisaufgabe, die sich mir stellt, ist herauszufinden, welche konkreten Berührungspunkte sich zwischen Alexander und Aristoteles aus den Quellen erschliessen lassen. Als Leitfaden dienen mir die Ausführungen von Helmut Berve.[7] Auch bei ihm zeigt sich deutlich, dass Plutarch die wichtigste Quelle für die vorliegende Untersuchung ist. Seine Angaben über andere Autoren, die ihm als Vorlage dienten, werden im Verlaufe meiner Untersuchungen immer wieder Gegenstand einer kurzen Prüfung sein. Da mir die griechischen Texte, welche ich zur Überprüfung meiner Aussagen herbei ziehen müsste, infolge mangelnder Sprachkenntnisse nicht im Original zugänglich sind, stütze ich mich bei der Analyse der Fragmente auf die Übersetzungen von C. A. Robinson[8] und Janick Auberger.[9] Beide Autoren haben bei der Nummerierung der Fragmente das System von Jacoby[10] übernommen, so dass es für den Leser problemlos möglich sein sollte, die zitierten Stellen auch auf Griechisch einzusehen.

Sind die Eckpunkte der Zusammenkunft von Alexander und Aristoteles anhand der konkreten Quellenauszüge gesetzt, geht es im Weiteren darum, den Einfluss des Philosophen auf den Königssohn zu ergründen. Es gehört ebenfalls zur Arbeit des Historikers die Lücken, welche die Quellen hinterlassen, mit seinen Interpretationen zu füllen. Auf die Gefahren, die dabei auf einen Autoren warten, habe ich weiter oben aufmerksam gemacht. Ich bin mir also deren bewusst und will versuchen, mich nur im Bereich der gut begründeten Aussagen zu bewegen und allzu weit schweifende Spekulationen zu vermeiden. Natürlich stütze ich mich dabei auf die Vorarbeit zahlreicher Historiker, deren Ausführungen mein Alexanderbild entscheidend geprägt haben. Inwiefern meine Interpretationen sich mit der Wahrheit decken, mag der Leser selbst entscheiden. Und vielleicht sollte man bezüglich Alexanders Wesen auf den Begriff Wahrheit gänzlich verzichten, denn rund zweieinhalb Jahrtausende der Tradierung haben die Grenzen zwischen Wahrheit und Verklärung endgültig verwischt.

2. Die Erziehung Alexanders

Dass die Kindheits- und Jugendjahre eine entscheidende Rolle spielen für die Entwicklung des individuellen Charakters, lehrt uns die Psychologie. Dieses Faktum gilt unabhängig von der Kultur und der Epoche, in die ein Mensch hineingeboren wird. Ich will daher, bevor ich mich dem eigentlichen Thema zuwende, kurz skizzieren, in welche Welt Alexander hinein geboren wurde. Denn wollen wir erkennen, welchen Einfluss Aristoteles auf den jungen Königssohn hatte, müssen wir in groben Zügen wissen, wen er vor sich hatte.

2.1 Die Jugend am makedonischen Königshof

Die Zeit, in der Alexander seine Kindheit und Jugend erlebte, war geprägt von politischen Umwälzungen, bei denen sein Vater eine führende Rolle spielte. Während Philipps Regierungsjahren entwickelte sich Makedonien von einer Randexistenz zur bestimmenden Macht in der griechischen Welt.[11] All die grossartigen Taten Philipps beschreibt Arrian mit den folgenden Worten, die er Alexander bei der Meuterei von Opis in den Mund legt: „Als dieser [Philipp] die Regierung bei euch übernahm, habt ihr euch noch in Armut und ohne feste Wohnsitze herumgetrieben. (…) Er aber hat euch Gewänder anstelle von Ziegenfellen zu tragen gegeben, hat euch aus den Bergen in die Ebene geführt und zu gleichwertigen Gegnern für die benachbarten Barbaren gemacht. (…) Er war es, der euch zu Bewohnern von Städten machte und euer Leben durch Gesetze und brauchbare Einrichtungen geregelt hat. Über die gleichen Barbaren, die euch und eure Habe vordem nach Herzenslust ausplünderten, hat er euch, ihre einstigen unterdrückten Sklaven, zu Herren gesetzt.“[12]

Der junge Alexander aber beobachtete die Taten seines Vaters eifersüchtig und schon in seiner frühesten Kindheit muss sich das Bewusstsein heraus gebildet haben, dass eben dieses kriegerische Heldentum, das den späteren Feldherren Alexander u.a. auszeichnet, die höchste Aufgabe sei, die einem Mann zukommen kann. Auf die Siegesmeldungen seines Vaters habe er einst zu seinen Altersgenossen gesagt: „Ihr Jungen, alles wird uns der Vater vorwegnehmen, und mir wird er keine grosse, glänzende Tat mit euch zu vollbringen übriglassen.“ Und weiter erfahren wir, dass Alexander meinte , „mit der zunehmenden Macht würden die Möglichkeiten zur Tat durch den Vater erschöpft, und er wünschte vielmehr, eine Herrschaft zu erben, die ihm nicht Reichtum, Wohlleben und Genuss, sondern Kämpfe, Kriege und Gelegenheiten zur Befriedigung seines Ehrgeizes brächte.“[13] Leider erwähnt Plutarch nicht, woher er diese Zitate genommen hat, so dass wir sie, wenn auch mit einer gewissen Skepsis, da Plutarch dazu neigt, Alexander zu verherrlichen und ebenfalls der Gefahr unterliegt, den Verlauf der Geschichte vorauszusetzen, lediglich als Hinweis auf das Wesen Alexanders hinnehmen können.

Nebst den kriegerischen Erfolgen scheint Alexanders Vater auch ein sehr kultivierter Mensch gewesen zu sein. Philipp führte die griechische Bildung in Makedonien ein und auf ihn geht vermutlich die Einrichtung der königlichen Schule der Pagen zurück, eine Institution, in der die Knaben des makedonischen Adels in die hellenische Bildung und in die makedonische Kriegskunst eingeführt wurden.[14] So sorgte Philipp dafür, den Adel und seinen Nachwuchs eng an seine Person zu fesseln und für die Aufgaben im Dienste des Königs vorzubereiten.[15] Auch Alexander trat in die Schule der Pagen ein, wo sich Erzieher, Hofmeister und Lehrer um seine geistig intellektuelle Entwicklung kümmerten. Ein Verwandter der Olympias, Leonidas, ein Mann von „ ernstem und strengem Charakter“, hatte dabei die höchste Stellung: Er war Hofmeister und Pädagoge. Von den anderen Bediensteten wurde er „Erzieher und Lehrmeister Alexanders “ genannt. Daneben ist namentlich Lysimachos als Pädagoge erwähnt.[16] Alexander genoss also das Privileg einer für damalige Verhältnisse ausgezeichneten schulischen Ausbildung.

Ein weiteres konstituierendes Element für Alexanders Wesen war der Glaube ein Abkömmling der Götter zu sein. Seiner Mutter Olympias verdankt er die Überzeugung, er stamme von Achilleus ab und sein Vater leitete seinen Stamm von Herakles her.[17] Für die Hellenen war dieser Umstand wohl nicht gerade alltäglich, jedoch im Bereich des Denkbaren, da alle ihre Götter eine für uns eher befremdliche Äquivalenz von menschlichen und göttlichen Eigenschaften aufwiesen und der Götter Treiben auf Erden ein fester Bestandteil der alltäglichen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit war. Von frühester Kindheit an muss Alexander sich selbst mit den Göttern verglichen haben und sein Umfeld hat diese Überzeugung genährt. So präsentiert uns die Überlieferung einen Alexander, der mit den Göttern wetteifert und sich seinen Platz unter ihnen sichern will.[18]

2.2. Der Schüler des Philosophen

Als Alexander dreizehn Jahre alt war, rief sein Vater Philipp den Philosophen Aristoteles an den makedonischen Königshof. Als Begründung dafür gibt Plutarch an, dass Alexanders Charakter „nicht leicht zu beugen war und sich gegen jeden Zwang zur Wehr setzte, sich aber durch vernünftigen Zuspruch leicht zum Rechten führen liess“, so dass die Wahl Philipps, den „berühmtesten und gelehrtesten Philosophen“[19] , der uns in seinen erhaltenen Schriften als Meister des vernünftigen Argumentierens entgegentritt, als sinnvoll erscheint. Leider spiegelt sich in dieser Aussage mehr das Wunschdenken Plutarchs als die Realität, denn Aristoteles hatte in den Jahren 343/342 noch nicht jenen Bekanntheitsgrad, den diese Aussage voraussetzt. Seine wichtigsten Werke, welche seinen Ruhm als Philosoph begründeten, entstanden wahrscheinlich erst nach der Episode am makedonischen Königshof.[20] Auch wenn ich nicht in Abrede stellen will, dass Aristoteles zu diesem Zeitpunkt bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hatte, ist die Aussage von Plutarch sicher übertrieben. Vielmehr erscheint mir die Wahl des aufstrebenden Philosophen eine Option gewesen zu sein, die sich aus dem Beziehungsnetz von Philipp ergab. Bereits der Vater von Aristoteles, Nikomachos, lebte „ am Hofe des Makedonerkönigs Amyntas als dessen Arzt und Freund“,[21] und dieser Amyntas III müsste der Vater von Philipp gewesen sein[22], womit sich der Kreis schliesst. Gercke vermutet zudem, dass Aristoteles nebst seiner Lehrtätigkeit auch als persönlicher Berater des Königs an den Hof gerufen wurde,[23] ein weiteres Zeichen für die Kultiviertheit Philipps.

Einen weiteren Grund für die Berufung eines neuen Erziehers können wir auch darin sehen, dass Philipp seinen Sohn dem Einfluss von Olympias entziehen wollte, denn wie bereits erwähnt, war der wichtigste Erzieher Alexanders bis zu diesem Zeitpunkt bezeichnenderweise einer ihrer Verwandten. Alexanders Mutter tritt uns in der Überlieferung als exzessives Weib entgegen, die dem Kult des Dionysos mehr zugetan war als man einer Frau in ihrer Position zugestand. Mit „barbarischer Wildheit“ steigerte sie sich in „Gottesbesessenheit“ hinein und pflegte zudem, was sie besonders unheimlich erschienen liess, zahme Schlangen mit sich zu tragen.[24] Schon während der Schwangerschaft scheinen sich die Eltern von Alexander entzweit zu haben und Olympias wird nachgesagt, dass sie ihren Sohn gegen Philipp aufhetzte. Der Umstand, dass sie keine Makedonien war, sorgte für Missmut in Philipps Freundeskreis, der sich schliesslich in der Auseinandersetzung bei der Hochzeit von Philipp mit Kleopatra entlud. Alexander, von Attalos als Bastard verschrien, floh in der Folge gar für kurze Zeit ins Exil nach Illyrien, so dass seine Thronfolge in Frage stand und Olympias ging zeitweilig zurück in ihre Heimat nach Epirus. Der Vermittlertätigkeit des Demaratos aus Korinth war es zu verdanken, dass sich die Wogen wieder glätteten und Alexander bald wieder an den Hof zurückkehrte.[25] Der Einfluss, den Olympias auf ihren Sohn hatte, wirkte auch nach dessen Thronübernahme weiter und immer wieder versuchte sie, Alexanders Entscheidungen in ihrem Sinne zu beeinflussen.[26]

Wir sehen also, dass es genügend Gründe gab für die Berufung des Philosophen an den königlichen Hof, ohne seine Berühmtheit anzunehmen. Als Aristoteles nach dem Tode Platons die Stelle als Schulleiter an dessen Akademie nicht bekam, zog er sich nach Mysien zurück.[27] Die Stelle als Lehrer des jungen Alexanders mag für den mittlerweile rund vierzigjährigen, arbeitslosen Philosophen eine willkommene Aufgabe gewesen sein, zumal die Ansicht, das Staatsoberhaupt müsse für eine kollektive Bildung im Sinne des Staatswesens sorgen und diese Aufgabe optimalerweise von Philosophen übernommen werde, sich mit der persönlichen Überzeugung von Aristoteles deckte.[28] Jedenfalls nahm Aristoteles das Angebot an, das auch mit angemessener finanzieller Entschädigung verbunden war.[29] Auch der Bitte, seine Vaterstadt, die von Philipp zerstört worden war, wieder aufzubauen, wurde entsprochen.[30] Als Schul- und Aufenthaltsort wurde ihnen das Nymphenheiligtum im Mieza zugewiesen und Plutarch berichtet, dass man dort die Sitzbänke und schattigen Promenaden, wo einst Alexander in die Lehren des Aristoteles eingeweiht wurde, ähnlich einer Touristenattraktion, immer noch betrachten könne.[31]

In den folgenden rund zweieinhalb Jahren wurde Alexander zusammen mit anderen Jünglingen des makedonischen Adels von Aristoteles in den verschiedensten Disziplinen unterrichtet. Nebst den philosophischen Fächern wie Politik und Ethik, gehörten Medizin und Geographie genau so zum Lehrplan wie auch die Auseinandersetzung mit der griechischen Literatur. Alexander habe eine glühende Begeisterung für die hellenische Dichtkunst entfaltet, besonders für die Ilias, die er als Lehrbuch militärischen Könnens betrachtete und sogar ein in einem von Aristoteles durchgesehenen Exemplar mit auf seinen Feldzug nahm.[32] In dieser Zeit hat Alexander seinen „tiefen Sinn für die hellenische Kultur “ empfangen, „ der stets (…) neben allen seinen ungriechischen Neigungen in seinem Leben und Wirken bestimmend hervortrat.“[33]

Im Jahre 340 nahm die unbeschwerte Jugendzeit Alexanders ein Ende, denn er wurde von seinem Vater mit der Aufgabe betraut, Makedonien stellvertretend zu regieren, während Philipp gegen die Byzantier ins Feld zog.[34] Es ist davon auszugehen, dass der regelmässige Unterricht damit beendet war aber Alexander möglicherweise, wenn er dazu Zeit fand, bis nach der Schlacht von Chaironeia weiterhin den Ausführungen des Philosophen zuhörte.[35] Spätestens aber nach Philipps Ermordung und der Thronbesteigung Alexanders endete das Lehrer-Schüler-Verhältnis definitiv. Für Aristoteles war nun die Zeit gekommen, nach Athen zurückzukehren um dort seine Philosophenschule zu gründen. Zuvor empfahl er Alexander seinen Neffen Kallisthenes auf seinen Feldzug mitzunehmen[36], da dieser zu jenem Zeitpunkt bereits einen ausgezeichneten Ruf als Verfasser historischer Schriften genoss.[37]

[...]


[1] Droysen, Johann Gustav; Geschichte des Hellenismus, Darmstadt 1998; Band 1, Seite 66

[2] Schachermeyr, Fritz; Alexander der Grosse - Ingenium und Macht, Graz – Salzburg – Wien 1949; Seite 68

[3] Diese Arbeit setzt voraus, dass der Leser wenigstens in den Grundzügen mit der Geschichte Alexanders vertraut ist.

[4] Vergleiche dazu: Pearson, Lionel; The lost Histories of Alexander the Great; New York – Oxford 1960; Im Vorwort setzt sich Pearson ausführlich mit der Problematik der Geschichtsschreibung über Alexander auseinander.

[5] Pearson; Seite 6

[6] Pearson; Seite 5

[7] Berve, Helmut; Das Alexanderreich auf prosopographischer Grundlage; München 1926

[8] Robinson, Charles Alexander; The History of Alexander the Great; Rhode Island 1953

[9] Auberger, Janick; Historiens d’Alexandre; Paris 2005

[10] Jacoby, Felix; Die Fragmente der Griechischen Historiker, Teil IIB; Berlin 1929

[11] Errington, R. Melcolm; Grosse Gestalten der Griechischen Antike; München 1999; Seite 374

[12] Arrian; VII 9

[13] Plutarch; 5 (Zürich 1994)

[14] Hammond, Nikolas; Alexander der Grosse; München – Berlin 2001; Seite 19

[15] Droysen; I, Seite 61

[16] Plutarch; 5 (Zürich 1994)

[17] Plutarch; 2 (Zürich 1994)

[18] Diodor; XVII 1, 57, 97 / Arrian, I 12; III 3, V 2 , um nur einige Beispiele anzufügen, die nicht aus meiner wichtigsten Quelle stammen

[19] Plutarch; 7 (Zürich 1994)

[20] Gercke (RE, II, 1016) verweist auf eine Schrift von Philodemus, welche eindeutig bezeugen soll, dass die wichtigsten Arbeiten von Aristoteles erst entstehen konnten durch die Auseinandersetzung mit der Realpolitik am makedonischen Hof und somit nach seiner Berufung zum Lehrer Alexanders.

[21] Diogenes Laertius; V 1

[22] Bengtson, Hermann; Griechische Geschichte; München 1965; Seite 281

[23] Gercke; RE, II, 1015

[24] Plutarch; 2 (Zürich 1994)

[25] Plutarch; 9 (Zürich 1994)

[26] z.B. Arrian; VII 12 / Plutarch; 39

[27] Diogenes Laertius, V 2; Gercke; RE II, 1014

[28] Aristoteles; Politik (AP), VIII 1337a ; II 1263b

[29] Plutarch; 7 (Zürich 1994)

[30] Plutarch; 7 (Zürich 1994) / Diogenes Laertius, V5

[31] Plutarch; 7 (Zürich 1994)

[32] Plutarch; 8 (Zürich 1994) / Strabo XIII 1,27; in Robinson; I, Seite 51; entspricht FGrHist IIb 124, T 10

[33] Berve; II, Seite 71

[34] Plutarch; 9 (Zürich 1994) / Diodor, XVI, 77

[35] Berve; II, Seite 71 / Gercke, RE, II, 1017

[36] Diogenes Laertius; V 4

[37] Pearson; Seite 9

Details

Seiten
25
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638813266
ISBN (Buch)
9783638825665
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v76953
Institution / Hochschule
Universität Zürich
Note
angenommen
Schlagworte
Alexander Große Aristoteles

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Titel: Alexander der Große und Aristoteles