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Grounded Theory - Implizite Gütekriterien in Forschungslogik und Rolle des Forschers

Hausarbeit 2005 29 Seiten

Soziologie - Methodologie und Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungslogik der Grounded Theory
2.1 Grundlegende Merkmale
2.2 Die Datenanalyse

3. Die Rolle des Forschers in der Grounded Theory
3.1 Überzeugtheit des Forschers
3.2 Theoretische Sensibilität
3.3 Heuristische Konzepte vs. Voraussetzungslosigkeit
3.4 Fazit

4. Schlussbetrachtung

5. Literatur

1. Einleitung

„nur Gottes Interpretationen

können ‚absolute Vollständigkeit‘ beanspruchen“

(Strauss 1991: 37)

Diese Arbeit geht aus einem Seminar zur „Einführung in die qualitative Sozialforschung“ hervor. Im Kontext dieses Seminars waren wiederholt Gütekriterien Thema, die innerhalb der qualitativen Sozialforschung eine Rolle spielen. Gütekriterien können entweder postuliert bzw. eingefordert werden oder sie liegen implizit in der Anlage einer Methodologie verborgen.

In dieser Arbeit soll nun untersucht werden, welche Gütekriterien in der von Barney Glaser und Anselm Strauss in den sechziger Jahren entwickelten Methodologie der Grounded Theory implizit verborgen liegen und welche Herausforderungen das für die Arbeit mit der Grounded Theory bedeutet. Dazu wird in einem ersten Schritt die Forschungslogik bzw. das Vorgehen nach der Grounded Theory vorgestellt und diskutiert. Ein zweiter Schritt bildet dann die Auseinandersetzung mit einem im Rahmen der qualitativen Sozialforschung meist wichtigen Thema: der Rolle des Forschers im Forschungsprozess.

Um das Anliegen der Grounded Theory knapp zusammenzufassen hilft ein Zitat aus dem Lehrbuch, das Anselm Strauss Anfang der neunziger Jahre mit seiner Kollegin Juliet Corbin verfasst hat: : „Die Grounded Theory ist eine qualitative Forschungsmethode bzw. Methodologie, die eine systematische Reihe von Verfahren benutzt, um eine induktiv abgeleitete, gegenstandsverankerte Theorie über ein Phänomen zu entwickeln.“ (Strauss/Corbin 1996: 8)[1]

Zwei Randbemerkungen seien eingangs gestattet: Zum einen ist diese Arbeit immer mit Blick auf die Forschungslogik der Grounded Thoery verfasst, nicht mit Blick auf ihre konkrete Handhabung. Beispiele für die erläuterten Verfahren, die die einzelnen Arbeitsschritte näher erläutern finden sich zur Genüge in den Lehrbüchern von Strauss (1991) und Strauss und Corbin (1996). Zum anderen ist im Verlauf dieser Arbeit von der Grounded Theory immer nur als einer Methode die Rede, nie als dem Ergebnis einer Untersuchung mit dieser Methode. Das führt mitunter zu etwas gestelzten Formulierungen. Ich halte diese Einschränkung aber in Bezug auf begriffliche Klarheit und auch in Bezug auf das, was Grounded Theory eigentlich ausmacht, für geboten.

Als letztes sei noch darauf hingewiesen, dass sich über die Jahre und Veröffentlichungen zwei unterschiedliche Richtungen der Grounded Theory entwickelt haben, eine im Stil von Barney Glaser und eine im Stile von Anselm Strauss (und später Juliet Corbin). Während Glaser diese Unterschiede für eklatant und unvereinbar hält (vgl. Kelle 1994: 333ff.), sind sie für Strauss „geringfügige“ (Strauss 1991: 22), wobei man erwähnen sollte, dass diese Einschätzung von Strauss vor einer Veröffentlichung von Glaser liegt, in der er Strauss und Corbin aufs Heftigste anklagt.[2] In dieser Arbeit ist es die Variante von Strauss und Corbin, der der Vorzug gegeben wird. Sie soll im Folgenden entfaltet werden.

2. Forschungslogik in der Grounded Theory

„Fieldwork allows researchers to plunge into social settings

where the important events

(about which they will develop theory)

are going on ‚naturally‘.

The researchers watch these events as they occur.“

(Glaser/Strauss 1970: 288)

2.1 Grundlegende Merkmale

Als erstes entscheidendes Merkmal kennzeichnet die Grounded Theory, dass die mit ihr verbundenen - im Folgenden in Auszügen dargestellten - Arbeitstechniken und Handlungsanweisungen nicht als aufeinanderfolgende Schritte in einem linearen Prozess anzusehen sind, sondern dass eine enge Verknüpfung von Datenerhebung und Datenanalyse besteht. Konzeptuelle Dichte und inhaltliche Relevanz sollen dadurch erreicht werden, dass im Verlauf der Abstrahierung der Begriffe und Konzepte auf dem Weg zu einer Theorie immer wieder die Rückbindung an die Daten als Ausgangsbasis erfolgt (vgl. Glaser/Strauss 1984: 95). Im Verlauf der Entwicklung einer Theorie verändern sich dabei die Prioritäten und methodischen Zugriffe auf die Daten, aber die ständige Überprüfung der Datenanalyse findet zu jedem Zeitpunkt statt: „In such qualitative analysis, there tends to be blurring and intertwining of coding, data collection and data analysis, from the beginning of the investigation until near its end.“ (Glaser/Strauss 1970: 288). Deswegen kann man bei der Grounded Theory auch nicht von einem rein induktiven Verfahren sprechen, auch wenn es nach Lamnek (1993: 124) insgesamt gesehen als induktiv anzusehen ist.

Die Darstellung der einzelnen Bestandteile einer Datenanalyse nach der Grounded Theory suggeriert vermutlich eine lineare Abfolge des Forschungsprozesses. In Schriftform und mit dem Ziel einer systematischen Darstellung lässt sich das auch kaum vermeiden. Zu sagen bleibt, dass auf der einen Seite selbstverständlich nicht alle Komponenten der Grounded Theory gleichzeitig zur Anwendung kommen. Auf der anderen Seite gibt es jedoch ein ständiges Wechselspiel zwischen den einzelnen Techniken und auch wenn sich im Verlauf der Verdichtung einer Theorie die Verfahren ändern, mit denen man mehrheitlich arbeitet, ist der Übergang zwischen ihnen doch fließend. Geschuldet ist all dies dem Ziel, die Verbindung zwischen Daten und entstehender Theorie möglichst eng zu halten.

In ihrem Lehrbuch „Grundlagen qualitativer Sozialforschung“ (Strauss/Corbin 1996) nennen Strauss und Corbin drei Methoden, mit Hilfe derer der Analyseprozess durchzuführen ist. Die erste ist das Stellen von Fragen (ebd.: 57ff.), die zweite die Analyse kleinstmöglicher Dateneinheiten – eines Wortes, einer Phrase oder eines Satzes (ebd.: 61ff.) – und die dritte ist das konstante Anstellen von Vergleichen (ebd.: 63ff.). Die Methode des ständigen Vergleichens veranschaulicht von diesen am stärksten, was das Vorgehen nach der Grounded Theory ausmacht und erfüllt gleich mehrere Zwecke.

Die Methode des ständigen Vergleichens wird bei allen unterschiedlichen Arten des Kodierens von Daten angewandt, was im nächsten Abschnitt erläutert wird; sie hilft bei der Auswahl der nächsten zu untersuchenden Daten (Theoretisches Sampling), und die ständige Suche nach Ähnlichkeiten und Unterschieden dient dazu, aus einer bereichsbezogenen Theorie eine Theorie mit einem höheren Allgemeinheitsgrad zu entwickeln (vgl. Kelle 1994: 293). Das permanente Vergleichen dient weiter zur Validierung von Daten und entwickelten Konzepten, zur Erarbeitung neuer Theorien und zur Spezifizierung der erarbeiteten Theorien (vgl. Lamnek 1993: 113ff.): „Verschiedene Fälle werden zum Vergleich herangezogen, um über die Unterschiede die Eigenschaften und Elemente des eigentlich behandelten Falles besser verdeutlichen und hervorheben zu können.“ (Lamnek 1993: 115)

Glaser und Strauss schlagen darüber hinaus die Bildung von „multiple[n] Vergleichsgruppen“ (Glaser/Strauss 1984: 97) vor, um die Glaubwürdigkeit der Theorie zu erhöhen. Erst aus den beim Vergleich erkannten Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen den verschiedenen Vergleichsgruppen entstehen die theoretischen Kategorien, ihre Reichweite, Dimensionen, Geltungsbedingungen und Konsequenzen (vgl. ebd.: 98). Vergleiche führen zu „einer generalisierenden Analyse der Beziehungen zwischen Kategorien“ (ebd.: 98) und Vergleiche zeigen, wo in der Analyse theoretische Lücken bestehen, die es noch zu schließen gilt (vgl. ebd.). Und schließlich hält der permanente Vergleich den Forscher dazu an, sich bei der Betrachtung der Daten konsequent auf Ähnlichkeiten und Unterschiede zu konzentrieren, denn diese allein bringen die Entwicklung der Theorie voran. (vgl. ebd.)

Ebenfalls ist es wichtig, im Zusammenhang mit der Grounded Theory die Prozessualität, Vorläufigkeit und Veränderbarkeit erhobener Daten, entwickelter Theorien und der sozialen Wirklichkeit zu berücksichtigen. Corbin und Strauss sagen dazu: „Identifying and specifying change or movement in the form of process is an important part of grounded theory research. Any change must be linked to the conditions that gave rise to it. Process may be described as stages or phases and also as fluidity or movement of action/interaction over the passage of time in response to prevailing conditions.“ (Corbin/Strauss 1990: 426)

Diese Berücksichtigung der Prozesshaftigkeit in der Forschung erfordert deshalb zuallererst „eine in die Tiefe gehende Untersuchung“ (Strauss/Corbin 1996: 122), die nicht voreilige Schlüsse zieht. Dann muss man einerseits Prozessualität auf den Forschungs prozess beziehen, denn in ihm „kristallisiert sich ein theoretischer Bezugsrahmen heraus, der schrittweise modifiziert und vervollständigt wird“ (Mayring 1990: 77; Hervh. J.B.). Man muss also von der Vorstellung Abschied nehmen, dass zuerst eine Datenerhebung erfolgt, dann in einem zweiten Schritt die Analyse der Daten und dann in einem letzten Schritt an einem Zeit punkt die Formulierung der Theorie. Ausdrücke wie „Entstehung“ und „Entwicklung“ einer Theorie machen deutlich, dass Theoriegenese einen Prozess darstellt, in dem es einen nur „relativen Stellenwert von Theorien als zu reformulierende Versionen des Gegenstandes“ (Flick 2002: 74) gibt. Darüber hinaus trägt die Prozessualität der Erkenntnis Rechnung, dass die Formulierung einer Theorie immer eine „Konstruktion von Wirklichkeit“ (ebd.) ist, die deswegen vorläufig und reformulierbar bleiben muss.

Zum anderen ist Theoriegenerierung nur prozesshaft möglich, weil auch in der sozialen Wirklichkeit Veränderungen stattfinden. Somit kann mit einer prozessual entstehenden Theorie, in deren Entstehung Datenerhebung und –analyse gleichzeitig ablaufen, „eine optimale Anpassung der Theorie an die soziale Wirklichkeit erfolgen, weil diese Theorie offen gehalten wird für laufende Überprüfungen, Veränderungen und Weiterentwicklungen, weil sie in permanenter, offener Auseinandersetzung mit dem empirischen Daten-material entsteht“ (Lamnek 1993: 119). Lamnek sagt allerdings auch, dass die bei dem Abstrahierungs- und Kodierungsprozess der Grounded Theory entstehenden Kategorien und Dimensionen relativ konstant bleiben, „während sich die zugrundeliegenden Daten und Fakten verändern können, denn die Kategorien und Dimensionen bleiben relevante Konzepte für die soziale Wirklichkeit, auch wenn das Leben der sie initiierenden Daten vielleicht kurz sein mag“ (Lamnek 1993: 115).

Es ist an dieser Stelle nicht ganz klar, wie lange eine Theorie noch als „zu reformulierende Version“ angesehen werden muss und wann aus ihr eine abgeschlossene Theorie entstanden ist, bzw. ob dies jemals möglich ist. Einige Hinweise dazu geben die Autoren der Grounded Theory unter dem Stichwort der „Theoretischen Sättigung“, auf das später eingegangen wird.

An dieser Stelle zeigt sich unter anderem der Anspruch der Grounded Theory, soziale Phänomene in ihrer Komplexität wahrzunehmen und zu analysieren. Was auf der einen Seite Anspruch ist, wird im Umkehrschluss zu einer Anforderung an jede mit der Grounded Theory entwickelte Theorie: „Aus diesem Grunde legen wir bei der Methodologie der Grounded Theory großen Wert darauf, daß viele Konzepte einschließlich ihrer Bezüge untereinander erarbeitet werden. Damit fangen wir einen großen Teil der Variation ein, durch die die im Mittelpunkt des Forschungsprojekts stehenden Phänomene charakterisiert sind.“ (Strauss 1991: 31) Komplexität ist somit sowohl ein Kennzeichen der sozialen Wirklichkeit als auch für Glaser und Strauss direkt dadurch bedingt Kennzeichen der Theorien über soziale Phänomene. Die Beschreibung der Realität mittels einer Theorie muss, „wenn man eine vereinfachende Darstellung der untersuchten Phänomene vermeiden will, konzeptuell dicht sein“ (Strauss 1991: 36). Letztlich zielen alle mit der Grounded Theory verbundenen Arbeitstechniken und Grundhal-tungen auf diese konzeptuelle Dichte, die allein die enge Verbindung zu den Daten sicherstellt.

Abschließend bleibt in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass die Grounded Theory eine Menge an Verfahren und Leitlinien vorstellt, eine bestimmte und dezidiert ausgeführte Grundhaltung gegenüber den zu untersuchenden Daten und dem Forschungsprozess vermittelt und in ihren grundlegenden Aufsätzen eine Fülle von Fallbeispielen bespricht. Aus der eben angesprochenen Komplexität der sozialen Wirklichkeit ergibt sich jedoch, dass diese Darstellungen zwangsläufig nicht alle Situationen, in denen sich ein Forscher befinden kann, im Detail abdecken. Qualitative Sozialforschung bleibt deswegen ein Wechselspiel zwischen Forscher und Daten, in dem viel von der Fähigkeit des Forschers abhängt, mit den Daten und mit der Grounded Theory in großer Kreativität umzugehen: „Recollect that there is an interplay between the researcher and the data, and no method, certainly not the grounded theory one, can insure that the interplay will be creative." (Corbin/Strauss 1990: 426). Auf die Rolle, die der Forscher in der Grounded Theory spielt, wird später noch ausführlich eingegangen. Hier muss der Hinweis genügen, dass zwischen Kreativität und fehlender Objektivität bzw. Wissenschaftlichkeit nur ein schmaler Grad liegt. Dieser Gedanke sollte jedoch präsent bleiben, wenn jetzt – nach den grundlegenden Merkmalen der Grounded Theory – einzelne Analyseschritte vorgestellt werden.

[...]


[1] Wo nicht audrücklich angemerkt, sind die Zitate in ihrer Rechtschreibung, ihren Hervorhebungen und ihren Fehlern beibehalten.

[2] Barney Glaser: Basics of grounded theory analysis: Emergence vs. forcing. Mill Valley, CA: Sociology Press, 1992

Details

Seiten
29
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638812726
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v76734
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Grounded Theory Implizite Gütekriterien Forschungslogik Rolle Forschers Seminar Qualitative Methoden Sozialforschung

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Titel: Grounded Theory - Implizite Gütekriterien in Forschungslogik und Rolle des Forschers