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Gahmuret als idealisierter Ritter? - Analyse der Herkunft, der Tugenden und des Turnierwesens

Hausarbeit 2007 16 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gahmuret
2.1 Vorraussetzung für die Aventiure
2.2 Tugenden
2.3 Das Turnier am Beispiel des Vorabendturniers von Kanvoleis

3. Vergleich mit dem Ritterbild um 1200
3.1 Herkunft des Ritters
3.2 Das ritterliche Tugendsystem
3.3 Das Turnierwesen

4. Zusammenfassung und Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Gahmuret-Handlung aus Wolfram von Eschenbachs Parzival. Anlass dazu gab mir die Problematik mit dem Umgang mittelalterlicher Literatur. Zum einen kann sie als fiktionale Erzählung angesehen werden, zum anderen als Geschichtsquelle gelesen werden.[1] Somit stellte sich mir die Frage, wie der Ritter in der höfischen Epik dargestellt wird. Durch die Überlegung, dass literarische Texte oftmals idealisierte Figuren hervorbringen, ergab sich mir die Arbeitshypothese: „Gahmuret als idealisierter Rittter?“.

Die Figur des Gahmuret bietet sich in vielerlei Hinsicht für die Betrachtung an. Erstens: Die Gahmuret-Handlung ist mit circa 3300 Versen relativ kurz und ist deshalb für den Umfang dieser Arbeit geeignet. Zweitens: Bei Gahmuret hat die christliche/göttliche Komponente nicht annähernd einen so hohen Stellenwert, wie sie ihn beispielsweise bei Parzival hat. Beispielsweise taucht das Motiv der Demut vor Gott bei Gahmuret gar nicht auf, während es für Parzival zentral ist. Die Untersuchung dieses Themenfeldes hätte ebenfalls den Umfang dieser Arbeit gesprengt. Somit fällt unter 2.2 die Betrachtung der saelde weg, die ansonsten einen großen Stellenwert im ritterlichen Tugendsystem einnimmt. Drittens: Gahmuret ist keine Figur in Chrétien de Troyes nicht vollständigem Werk „Le roman de Perceval ou le conte du Graal”, das Wolfram von Eschenbach als Vorlage diente.[2] Somit muss nicht beachtet werden, welche Eigenschaften als Anlage bereits bei Chrétien vorhanden waren.

Zur Bearbeitung des Problementwurfs analysiere ich zunächst die Figur Gahmuret in den Themenfeldern Herkunft, Tugend und Turnier. Danach folgt die Betrachtung des Ritters um 1200 unter den selben Punkten und der Vergleich mit Gahmuret. Das anschließende Fazit beschäftigt sich mit der Beantwortung der Fragestellung.

Da der Begriff „Ritter“ nicht eindeutig festgelegt werden kann, wird sich der Vergleich, vor allem unter 3.1 und 3.2, auf vier Teildefinitionen verteilen: Amt, Würde, Stand und Idee.[3]

2. Gahmuret

2.1 Vorraussetzung für die Aventiure

Gahmuret wurde als zweiter Sohn in eine adelige Familie geboren. Sein Vater war Gandin von Anjou, seine Mutter Schoette und sein älterer Bruder Galoes von Anjou. Diese Adelsfamilie hatte eine lange Tradition und stammte laut Wolfram von Eschenbach von den Elfen ab:

„des vater leit die selben nôt: der was geheizen Addanz: sîn schilt beleip vil selten ganz. der was von arde ein Bertûn: er und Utepandragûn wâren zweier bruoder kint, die bêde alhie geschriben sint. daz was einer, Lazaliez: Brickus der ander hiez der zweier vater hiez Mazadân. den vuorte ein feie in Feimurgân: diu hiez Terdelaschoye: er was ir herzen boye.“[4] („Dessen [Gandins] Vater namens Addanz traf das gleiche Schicksal; denn er brachte seinen Schild niemal heil nach Hause zurück. Von Geschlecht war er ein Bretone. Er und Utepandragun waren Söhne zweier Brüder, über die folgendes gesagt sei: Der eine hieß Lazaliez, der andere Brickus. Ihren Vater Mazadan entführte die Fee Terdelaschoye, deren Herz er gefesselt hatte, ins Land Feimurgan.“)[5].

Als sein Vater im ritterlichen Kampf starb, änderte sich Gahmurets Leben schlagartig. Da im Königreich Anjou das französische Erbrecht galt, das den Erstgeborenen als alleinigen Erben vorsah, entschloss sich Gahmuret auszuziehen und Ruhm zu erlangen. Zwar bot ihm sein Bruder, auf Vorschlag der Mutter, an, das Erbe zu teilen, doch ließ sich dieser nicht von seinem Beschluss abbringen, auf Aventiure zu gehen. Er zog aber nicht mittellos in die Welt, sondern wurde von Mutter und Bruder reichlich beschenkt. So machte er sich mit zwanzig Knappen, fünf Pferden, acht Saumschreinen, von denen die eine Hälfte mit Gold und Edelsteinen, die andere mit kostbaren Stoffen gefüllt war, auf den Weg. Außerdem bekam er noch Gegenstände im Wert von 1000 Mark von einer Freundin[6] geschenkt.

Nachdem Gahmuret dem Kalifen von Bagdad, dem Baruc, gedient hatte und nach Zazamanc kam, hielt er seinen Einzug in der Hauptstadt des Landes, Patelamunt. Dieser wurde von Musikern, die er mit sich führte, begleitet.

„nâch den selben reit pusûner, der man ouch bedarf. ein tambûrer sluog unde warf vil hôhe sîne tambûr den hêrren nam vil untûr dane riten floitierre bî, und gouter videlaere drî.“ [7] (Im Anschluß daran ritten die unentbehrlichen Posaunenbläser. Ein Tamburinschläger schlug sein Instrument und warf es zuweilen hoch in die Luft. Dies aber genügte unserem Helden noch nicht; denn nun folgten Flötenspieler und drei kunstreiche Fiedler“ [8] ).

Später verließ Gahmuret das Heidenland und kehrte nach Europa zurück. Nach dem Vorabendturnier von Kanvoleis schildert Wolfram von Eschenbach die Beziehung zur französischen Königin Ampflise, wodurch der Leser auch etwas über Gahmurets Erziehung erfährt:

„ich brâhte in Anschouwe ir rât und mîner zühte site: mir wont noch hiute ir helfe mite, dâ von daz mich mîn vrouwe zôch, die wîbes missewende ie vlôch. wir wâren kinder beidiu dô, unt doch ze sehen ein ander vrô.“[9] („Nach Anjou brachte ich eine ritterliche Erziehung, die ich ihrem klugen Rat verdanke. Noch heute erfreue ich mich der Wohltat, dass mich meine edle Gebieterin heranbildete, die frei ist von allem Makel. Wir waren damals noch Kinder und freuten uns doch, einander zu sehen.“[10] )[11].

2.2 Tugenden

Gahmuret, der Vater Parzivals, verfügte über ein regelrechtes Tugendarsenal, weshalb ich mich auf die Tugenden beschränke, die für den Vergleich unter 3.2 von Bedeutung sind: zuht (2.1), triuwe, mâze, milte.[12]

Die triuwe hatte viele Bedeutungen und kann zunächst mit Treue übersetzt werden. Sie bezeichnete aber auch die Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit, sowie das konkrete Versprechen.[13] Gahmurets triuwe wird besonders im Dialog zwischen seinen Söhnen Parzival und Feirefix deutlich:

„dâ von der touf noch gêret ist pflag er, triuwe ân wenken: er kunde ouch wol vercrenken alle valschlîche tât: herzen staete im gap den rât.“[14] („Ihn zeichnete aus, was einem Christen noch heute zur Ehre gereicht: unverbrüderliche Treue. Untreue und Verrat waren ihm wesensfremd, sein allzeit treues Herz wies ihm stets den rechten Weg.“[15] ).

Außerdem ist sie eine der Eigenschaften, die in seinem Epitaph[16] erwähnt wurde.

„er hete der valscheit an gesigt.“[17] („Treulosigkeit kannte er nicht.“[18] ).

Die Falschheit ist das Gegenteil der triuwe im Sinne der Aufrichtigkeit.

Die mâze meinte die Mäßigung, das Maßhalten.[19] Gahmuret bekam diese Eigenschaft bereits am Beginn seiner Aventiure zugeschrieben:

„Gahmuret der site pflac, den rehtiu mâze widerwac, und ander schanze deheine. sîn rüemen daz was cleine, grôz êre er lîdenlîchen leit, der lôse wille in gar vermeit.“[20] („Gachmuret ließ sich stets vom Gebot rechten Maßhaltens leiten; andere Möglichkeiten nutzte er nicht. Von sich selbst machte er nicht viel Aufhebens; große Komplimente nahm er gelassen hin, und unüberlegter Übermut war ihm fremd.“[21] ).

Es war auch möglich auf Turnieren das Maß zu halten, indem man beispielsweise Gefangene freiließ ohne ein Lösegeld zu verlangen. Diese Eigenschaft wurde jedoch durch das Worte milte gekennzeichnet und kann allgemein mit Güte und Freundlichkeit übersetzt werden.[22] Bei der Freilassung von Gefangen ist eine Übersetzung mit Gnade treffender. Auch durch milte zeichnete sich der Ritter von Anjou aus:

„Von Azagouc die vürsten hêr nâmen den Schotten Hiutegêr und Gaschiern den Orman, sie giengen vür ir hêrren sân: der liez sie ledic umbe ir bete.“[23] (Die Fürsten von Azagouc führten jetzt den Schotten Hüteger und den Normannen Gaschier vor ihren Gebieter; beiden gab er auf ihre Bitte die Freiheit.“[24] ).[25]

Die mildekeit bezog sich des Weiteren auf den Reichtum des Ritters. So beschenkt ihn seine Mutter mit den Worten:

„lieht gesteine, rôtez golt, liute, wâpen, ors, gewant, des nim sô viel von mîner hant, daz du nâch dinem willen varst unt dîne mildekeit bewarst.“[26] („Nimm an glänzenden Edelsteinen, rotleuchtendem Gold, Bediensteten, Waffen, Pferden und Gewändern so viel, dass du deinen Wunsch erfüllen und ritterliche Freigebigkeit üben kannst.“[27] ).

Diese Freigebigkeit bezieht sich rückwirkend wieder auf die Möglichkeiten Gefangene freizulassen, seinem Gefolge die Beute aus Turnieren zu überlassen[28] oder reiche Geschenke zu machen[29]. Somit bedingten sich mildekeit und milte, was die enge Wortverwandtschaft bereits zeigt.

[...]


[1] Zur Problematik: Bumke, Joachim, Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen

Mittelalter Band 1, München 1992, S. 17-26.

[2] Bumke, Joachim, Wolram von Eschenbach, Stuttgart 2004, S. 40.

[3] Vgl. hierzu das Modell von Werner Parvicini. Paravicini, Werner, Die ritterlich-höfische

Kultur des Mittelalters (=Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 32), München 1994, S. 3f.

[4] Parzival 56, 8-20.

[5] Wolfram von Eschenbach, Parzival mhd. / nhd., übers. von Wolfgang Spiewok, Stuttgart

1981, S. 99.

[6] Die Freundin ist an dieser Stelle nicht näher beschrieben. Es handelt sich vermutlich um die

später erwähnte Königin von Frankreich, Ampflise. Vgl. Parz. 95,1-2.

[7] Parzival 19,6-13.

[8] Eschenbach, Spiewok, S. 37.

[9] Parz. 94,22-28.

[10] Eschenbach, Spiewok, S. 165.

[11] Zur zuht vgl. auch Parz. 12, 23-25.

[12] Nicht beachtet werden: muot, küene, manheit und staete (siehe 1.).

[13] Lexer, Matthias von, s.v. triuwe, in: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch 2 (1979), Sp. 1520.

[14] Parz. 751, 12-16.

[15] Eschenbach, Spiewok, S. 543.

[16] Das Epitaph bildete sein, mit einer Inschrift verzierter, Helm.

[17] Parz. 108, 26.

[18] Eschenbach, Spiewok, S. 187.

[19] Lexer, Matthias von, s.v. mâze, in: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch 1 (1979), Sp. 2064-2065.

[20] Parz. 13, 3-8.

[21] Eschenbach, Spiewok, S. 27.

[22] Lexer, Matthias von, s.v. milte, in: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch 1 (1979), Sp. 2139.

[23] Parz. 52, 17-21.

[24] Eschenbach, Spiewok, S. 93.

[25] Vgl. auch Parz. 100, 19-20.

[26] Parz. 9, 6-10.

[27] Eschenbach, Spiewok, S. 21.

[28] Vgl. Parz. 72, 13-16.

[29] Parz. 100, 26 – 101, 6.

Details

Seiten
16
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638812269
ISBN (Buch)
9783638814324
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v76717
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Geschichtswissenschaften, Philosophie und Theologie
Note
2,7
Schlagworte
Gahmuret Ritter Analyse Herkunft Tugenden Turnierwesens Krieg Militär Männlichkeit Parzival milte zucht zuht

Autor

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