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Vertrauen in der modernen Gesellschaft

Hausarbeit 2003 21 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung und Hinführung zum Thema
I.1. Vertrauen als Konstrukt und Organisationsprinzip
I.2. Zentrale Fragestellung und Anlage der Arbeit

II. Exkurs: Vertrauen in der Geschichte

III. Die Vertrauensproblematik im Bereich der Soziologie – zwei kurze Beispiele
III.1. James S. Coleman
III.2. Anthony Giddens

IV. Niklas Luhmann: Personales und systemisches Vertrauen

V. Vertrauen in der modernen Gesellschaft
V.1. Empirische Befunde – Vertrauen in Institutionen
V.2. Die Bedeutung von Vertrauen für die politischen Systeme der Gegenwart

VI. Fazit – Vertrauen als unverzichtbarer Bestandteil der Gesellschaft

Literaturverzeichnis

I. Einleitung und Hinführung zum Thema

I.1. Vertrauen als Konstrukt und Organisationsprinzip

Von Lenin soll der Ausspruch stammen: „Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser.“[1] Indes hat Friedrich Hebbel gesagt, dass Vertrauen die größte Selbstaufopferung ist, während auf den Soziologen Niklas Luhmann folgendes Zitat zurückgeht: „Ohne jegliches Vertrauen könnte ein Mensch morgens sein Bett nicht verlassen. Unbestimmte Angst, lähmendes Entsetzten befielen ihn.“[2]

Wie bereits an dieser Aufzählung ersichtlich wird, ist Vertrauen ein wichtiger Begriff im menschlichen Dasein. Vertrauen zwischen zwei oder mehreren Parteien, sei es in alltäglichen Situationen, in Grenzsituationen oder auch in Wirtschaftsbeziehungen, es ist stets ein wichtiges Element im menschlichen Zusammenleben. Man ist ständig gezwungen, Menschen, auf die man angewiesen ist, Vertrauen entgegen zu bringen. Auch im Wirtschaftsleben spielt Vertrauen eine wichtige Rolle, was zum Beispiel an der Werbung deutlich wird.[3] Doch nicht nur die Soziologie und die Ökonomie haben ihr Augenmerk auf das Vertrauen gerichtet, auch in der Psychologie, der Sozialgeschichte und der Politikwissenschaft gibt es unzählige Abhandlungen über dieses Themengebiet. Vertrauen stellt einen wesentlichen Aspekt innerhalb verschiedenster sozialer Beziehungen und des sozialen Handelns dar. Im alltagssprachlichen Gebrauch vertraut der Mann seiner Frau, der Patient seinem Arzt, ein Krimineller vertraut seinem Komplizen, das Opfer vertraut bei der Festnahme des Kriminellen der Justiz. Dabei muss hervorgehoben werden, dass Vertrauen ein wünschenswerter Zustand ist, dem man durchgehend positive Wechselbeziehungen zuordnet.[4]

Innerhalb der soziologischen Betrachtung ist Vertrauen zunächst von Bedeutung, weil es sich um ein grundlegendes Merkmal sozialer Beziehungen handelt. So wird Vertrauen als Grundlage von sozialen Beziehungen zwischen zwei individuellen Akteuren, zwischen und innerhalb von Wirtschaftsunternehmen, Organisationen, politischen Parteien etc. oder sogar als eine Art Kraft, die eine ganze Gesellschaft zusammenhält, betrachtet. Dabei weist Vertrauen einmal eine kognitive, des weiteren eine affektive und schließlich eine behaviorale Komponente auf.[5] Vor allem vor dem Hintergrund einer modernen und komplexen Gesellschaft wird die Bedeutung von Vertrauen als Basis für den Zusammenhalt analysiert. Dabei kann es um Vertrauen in alltäglichen Begegnungen und Interdependenzen mit Fremden bis hin zu Vertrauen in Institutionen im Rahmen so genannter moderner Risikoumwelten gehen. Innerhalb des aktuellen theoretischen Diskurses über Vertrauen in der Soziologie bilden vor allem die Studien von Niklas Luhmann, aus der Perspektive eines Rational-Choice-Ansatzes die Theorie von James Coleman und aus strukturationstheoretischer Perspektive der Beitrag von Anthony Giddens die Referenzpunkte. Abgesehen von übereinstimmenden Grundelementen innerhalb der verschiedenen Vertrauenskonzepte beleuchten die einzelnen Vertrauensbegriffe dieser Soziologen sehr unterschiedliche Aspekte des Vertrauens. Dies führt dazu, dass Vertrauensphänomene auf ganz unterschiedlichen Ebenen konzeptualisiert werden. Hinter den verschiedenen Zugangsweisen zum Phänomen Vertrauen stehen unterschiedliche paradigmatische Grundannahmen, welche die entsprechende Ausrichtung bestimmen. Man könnte aber auch vermuten, dass es sich bei „Vertrauen“ um einen heterogenen und komplexen Gegenstand handelt und in den einzelnen Arbeiten somit unterschiedliche Facetten, möglicherweise sogar unterschiedliche soziale Phänomene unter einem Begriff subsummiert werden.

Soziale Beziehungen verschiedenster Art zeigen häufig zwei Besonderheiten, die Vertrauen notwendig machen. Ein Austausch von Leistungen oder die Erfüllung von Erwartungen kann in sozialen Beziehungen meist nur in zeitlicher Verzögerung stattfinden. Aus dieser zeitlichen Verzögerung ergibt sich eine Unsicherheit, ob sich die Interaktionspartner an die impliziten oder expliziten Erwartungen halten. Insofern lässt sich Vertrauen zunächst als Mechanismus definieren, der das Zeitproblem und die Unsicherheit (Informationsproblem) überbrückt und somit Handlungen möglich macht.[6]

I.2. Zentrale Fragestellung und Anlage der Arbeit

Im Zentrum dieser Arbeit werden die soziologischen Herangehensweisen an das Thema Vertrauen stehen. Wie beurteilt die soziologische Forschung das Vertrauenskonstrukt und welche Stellung nimmt es in ausgewählten Theorien ein. Das Hauptaugenmerk wird dabei auf dem Ansatz Niklas Luhmanns liegen. Zuerst ist der Begriff Vertrauen in Luhmanns Sinne zu erläutern. Welche Rolle misst ihm Niklas Luhmann bei und gibt es nach Luhmann unterschiedliche Arten von Vertrauen? Wie wird Vertrauen gebildet? Die Beantwortung dieser Fragen soll im Hauptteil der Arbeit geleistet werden. Abschließend soll die Vertrauensproblematik nicht nur anhand der theoretischen Debatte dargestellt, sondern an konkreten Beispielen aufgezeigt werden. Vorangestellt wird dem eine kurze historische Darstellung des Themenkomplexes.

II. Exkurs: Vertrauen in der Geschichte

Ein Leben ohne Vertrauen ist für den modernen Menschen schlechthin nicht vorstellbar und er ist nicht selten dazu geneigt, seine Ansichten als universal hinzustellen, gerade so, als ob sie in jedem Umfeld und zu jeder Zeit Gültigkeit haben müssten. Eine ähnliche Kritik wird aus den Reihen der Geschichtswissenschaft auch in Richtung der führenden sozialwissenschaftlichen Theorien laut, wenn es heißt, dass sie gleichzeitig „geschichtsbewusst und geschichtsblind“ seien, da sie die entsprechenden Annahmen aus Umkehrschlüssen zögen.[7] Doch wie sah es mit dem Vertrauen in anderen Epochen aus, wie zum Beispiel in dem heute so fremdartig anmutenden Mittelalter? Die gängige These ist die, das mit einem zunehmenden Grad der Verschriftlichung, einem Differenzierungsprozess also, die Bedeutung des Vertrauens zunahm.[8] Doch was ist mit den Jahrhunderten, aus denen es nur sehr wenige Quellen gibt? Für diese Zeit gilt zunächst, dass in jenen Urkunden das deutsche Wort Vertrauen nicht vorkommt.[9] Die Lebenswelt der damaligen Menschen gibt allerdings einige Aufschlüsse. Die Existenz von Wällen oder Mauern um Dörfer und Städte spricht gegen eine vertrauensselige Gemeinschaft, ebenso wie der fast dauerhafte Kriegszustand in dem die Menschen des Mittelalters lebten. Die Fürsten und Adligen führt, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ständig Kriege. Sei es, das der Landesherr gegen seine eigenen Städte vor ging oder zwei Adlige sich untereinander bekriegten. Derartige Auseinandersetzungen machten nicht einmal vor familiären Banden halt. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass Krieg im Mittelalter hauptsächlich nicht in einer offenen Feldschlacht ausgetragen wurde, wie uns so mancher heutige Spielfilme suggerieren will. Die Feldschlacht war die Ausnahme, in der Regel wurden Kriege wie Fehden geführt, das heißt, man verwüstete die Ländereinen des Gegners, entführte Mitglieder des Opponenten (für ein hohes Lösegeld) oder man überfiel Kaufleute auf dem feindlichen Gebiet. Die wirtschaftliche Schädigung stand oftmals im Vordergrund, worunter hauptsächlich die „einfachen“ Menschen sehr zu leiden hatten. Da List und Betrug Mittel der Politik wie der Kriegführung war, schien Skepsis also angezeigt zu sein.[10]

[...]


[1] Siehe Duden Band 12: Zitate und Aussprüche, Mannheim 1998, S. 803.

[2] Vgl. ebda., Seite 803 und vgl. Luhmann, Niklas: Vertrauen, 4. Aufl., Stuttgart 2000, S. 1.

[3] Siehe Ripperger, Tanja, Ökonomik des Vertrauens. Analyse eines Organisationsprinzips, Tübingen 1998, S. 1f.

[4] Siehe Schweer, Martin; Thies, Barbara: Vertrauen als Organisationsprinzip. Perspektiven für komplexe soziale Systeme, Bern u.a. 2003, S. 3.

[5] Vgl. Schweer, Martin; Thies, Barbara, a.a.O., S. 3.

[6] Siehe Preisendörfer, Peter, Vertrauen als soziologische Kategorie. Möglichkeiten und Grenzen einer entscheidungstheoretischen Fundierung des Vertrauenskonzepts, in: Zeitschrift für Soziologie, 24 (1995), Seite 263-272, hier S. 264.

[7] Siehe Weltecke, Dorothea, Gab es „Vertrauen“ im Mittelalter?, in: Frevert, Ute (Hrsg.): Vertrauen. Historische Annäherungen, Göttingen 2003, Seite 67-89, hier S. 67/68.

[8] Vgl. ebda., S. 68.

[9] Vgl. ebda., S. 67.

[10] Vgl. ebda., S. 70.

Details

Seiten
21
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638808804
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v76614
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Vertrauen Gesellschaft

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