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Suchtprävention bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Am Beispiel der Spätaussiedler

Diplomarbeit 2007 74 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Aufbau der Arbeit
1.2 Zur Wortwahl

2 Lebens- und Migrationserfahrungen jugendlicher Aussiedler
2.1 Jugend in Russland
2.2 Rechtlicher Status von Aussiedlerjugendlichen
2.3 Integrationsverläufe jugendlicher Aussiedler und Risikofaktoren, die Drogenkonsum und Suchtentwicklung bedingen
2.4 Drogenabhängigkeit von Aussiedlerjugendlichen
2.5 Zugangsbarrieren und Probleme jugendlicher Aussiedler im System der Suchthilfe

3 Sucht und Abhängigkeit
3.1 Zum Begriff „Drogen“
3.2 Definition der Begriffe Sucht und Abhängigkeit
3.2.1 Stoffgebundene und Stoffungebundene Abhängigkeit
3.2.2 Physische Abhängigkeit
3.2.3 Psychische Abhängigkeit
3.3 Erklärungsansätze zur Entstehung von Sucht – und Drogenabhängigkeit
3.3.1 Psychoanalytische Suchttheorie
3.3.2 Lerntheoretisches Modell
3.3.3 Soziologische Theorien
3.3.4 Multifaktorieller Ansatz
3.4 Drogengebrauch in den Jugendphasen
3.5 Einfluss der Peer-group auf das Konsumverhalten

4 Zum Begriff der Prävention
4.1 Primäre Prävention
4.2 Sekundäre Prävention
4.3 Tertiäre Prävention
4.4 Suchtpräventionen als integrativer Bestandteil der Gesundheitserziehung und –Förderung bei jugendlichen Spätaussiedlern
4.5 Berücksichtigung rechtlicher Aspekte
4.6 Aufgaben und Ziele pädagogische Suchtprävention: Abstinenz oder Konsumtoleranz?
4.7 Erziehung zur Genussfähigkeit

5 Handlungskonzepte für Soziale Arbeit mit Suchtgefährdeten jugendlichen Spätaussiedlern
5.1 Case Management
5.2 Streetwork
5.3 Mobile Jugendarbeit bei Jugendlichen aus Aussiedlerfamilien

6 Interkulturelle Öffnung der Suchthilfe
6.1 Die Notwendigkeit der interkulturellen kompetenten Sozialen Arbeit mit den Migranten
6.2 Mitarbeiter mit Migrationshintergrund und die Bedeutung der Muttersprache
6.3 Anforderungen an das System der Suchthilfe

7 Schlusswort

8 Abkürzungsverzeichnis

9 Literaturverzeichnis

Sucht kommt nicht von Drogen,

sondern von betäubten Träumen,

verdrängten Sehnsüchten,

verschluckten Tränen,

erfrorenen Gefühlen.

(Bilstein und Voigt)

1 Einleitung

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hatte Deutschland Ende 2004 82,501 Mio. Einwohner, darunter ungefähr 3 Mio. in der letzten Zeit zugewanderte Aussiedler. Dies entspricht ca. 3,6 % der Gesamtbevölkerung (Statistisches Bundesamt, 2006). 2004 gab es in Deutschland 1.385 Todesopfer im Zusammenhang mit Drogenkonsum, sogenannte Drogentote. Mit 123 Personen lag der Anteil der Spätaussiedler bei 9 % und ist damit in Relation zum Anteil an der Gesamtbevölkerung auf relativ hohem Niveau. Während die Zahl der Drogentoten insgesamt sinkt, ist sie bei Aussiedlern im Jahr 2003 um 25,3 % gestiegen (Drogen- und Suchtbericht, 2005).

Dieser alarmierende Tatbestand ist aber nur die Spitze des Eisbergs der „Drogen, Sucht und Migration“ umfasst viele nicht beschriebene Problemursachen und Problemfolgen. Einige davon sind Drogen, Alkohol, Kulturschock, Sprachbarrieren, schulische und berufliche Eingliederung, Status- und Integrationsprobleme. Jugendliche aus Migrantenfamilien erfahren diesen Stress doppelt. Bedingt durch die alterstypischen Entwicklungsaufgaben sind ihre Belastungen im Vergleich mit einheimischen Jugendlichen gewaltig. Für den größten Teil der jugendlichen Aussiedler verläuft die Integration aber erfolgreich. Für den anderen Teil begünstigen die Folgen auftretender Integrationsprobleme den Rückzug in die eigene Community und setzen jugendliche Migranten der Gefahr aus, im Drogenkonsum einen Kompensationsmechanismus für ihre Akzeptanzprobleme zu suchen. Die Drogen konsumierenden jugendlichen Spätaussiedler fallen durch einige Besonderheiten auf, wie z. B. wesentlich höhere Kritiklosigkeit und Unwissenheit über die Gefahrenpotenziale, schnellerer Verlauf vom Missbrauch zur Abhängigkeit, Mischkonsum von Heroin und Alkohol, hohes Niveau an Beschaffungskriminalität.

Es ist richtig, dass die Suchthilfe für alle, auch für die jugendlichen Aussiedler, ihre Unterstützungsleistungen anbietet. Die Frage ist, ob die für Einheimische entwickelten Präventions-, Beratungs- und Unterstützungsangebote in gleichem Maß für Aussiedler, aber auch für andere Migranten hilfreich bzw. angeboten werden können. Es gibt eine Reihe von Zugangsbarrieren, die das Suchthilfesystem unbewusst und weitgehend unreflektiert für drogengefährdete und drogenabhängige jugendliche Aussiedler errichtet hat.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit folgenden Fragen: Wie kann das Suchthilfesystem die jugendlichen Aussiedler erreichen? Wie werden die Schwellenängste abgebaut? Wie und wo können präventive pädagogische Strategien bei dieser Gruppe effektiv angesetzt werden? Welche Möglichkeiten sind im Jugendalter gegeben, suchtpräventive Maßnahmen unter Berücksichtigung „Abstinenz“ und Konsum akzeptierender Zielsetzungen zu konzipieren und umzusetzen?

1.1 Aufbau der Arbeit

Um zu verstehen, wieso etablierte Präventionsangebote der Jugendsozialarbeit bei jungen russisch sprechenden Migranten scheitern und was bewährte sowie neue Arbeitsansätze berücksichtigen müssen, ist es für die Mitarbeiter in der Suchtprävention wichtig, sich auf die Vorgeschichte und Erfahrungen der Jugendlichen einzulassen. Im zweiten Teil dieser Arbeit wird versucht, das Leben der Jugendlichen vor und nach der Migration zu beschreiben; auch mit der Migration und Integration verbundene Belastungen und Risikofaktoren, die Suchtgefährdung und Abhängigkeit bedingen können. Im Weiteren wird auf allgemeine Zugangsbarrieren für Migranten zu den Drogendiensten eingegangen.

Im dritten Teil werden die Termini Sucht und Abhängigkeit definiert und differenziert betrachtet, da es für Sozialarbeit notwendig ist, eine mögliche Suchtgefährdung oder Abhängigkeit genauer erkennen und besser einschätzen zu können. Die Perspektive, die aus der Sucht und Abhängigkeit betrachtet wird, bestimmt im Wesentlichen auch die konzeptionellen Inhalte und Ziele sozialpädagogischer Suchtprävention.

Es ist für die pädagogische Arbeit im Rahmen der Suchtprävention obligat, die unterschiedlichen Motivationen und Ursachen, die zum Suchtmittel- oder Drogenkonsum führen oder führen können, unter dem Fokus verschiedener theoretischer Ansätze zu betrachten. Neben den im zweiten Teil beschriebenen migrationsspezifischen Ursachen werden klassische Erklärungsansätze zur Genese von Sucht und Drogenabhängigkeit mit dem multifaktoriellen Ansatz vorgestellt.

Im Weiteren werden Jugendphasen und Einfluss der Peergroup, die im Hinblick auf das erstmalige Experimentieren mit Drogen eine entscheidende Rolle spielen, beschrieben.

Im vierten Teil der Arbeit werden die Bedeutungen und Aufgaben von primärer, sekundärer und tertiärer Prävention dargestellt. Obwohl die tertiäre Prävention ein wichtiger Bestandteil des Suchthilfesystems und bedeutend für die Drogenabhängigen und Suchtkranken sowie für ehemals Abhängige ist, beschäftigt sich die Arbeit mehr mit der Vorbeugung von Abhängigkeit.

Des Weiteren wird die Relevanz und Notwendigkeit erläutert, die sozialpädagogische Suchtprävention als Teilbereich von Gesundheitserziehung und Gesundheitsförderung besitzt. Auf die Notwendigkeit juristischer Aspekte, die vor allem bei Unkenntnis im Umgang mit Konsumierenden bei Sozialarbeitern zu Unsicherheiten führen können, wird hingewiesen. Im Folgenden werden Ziele pädagogischer Suchtprävention unter Berücksichtigung der sekundärpräventiven Risikobegleitung vorgestellt. Als wesentliche Zielsetzung der primären Suchtprävention im Kindes- und Jugendalter wird die Erziehung zur Genussfähigkeit erläutert und abschließend unter dem Aspekt des experimentellen Konsums diskutiert.

Auf der Basis der Kenntnisse über die Zielgruppe und ihre Bedürfnisse werden im fünften Teil zwei Handlungskonzepte der Sozialarbeit vorgestellt: Sozialarbeit durch Streetworker und Case Management. Dabei sind die Ausführungen zu den Konzepten Streetwork und Case Management von besonderem Interesse, weil sie über die Sucht- und Drogenarbeit hinaus auch große Bedeutung für andere Integrationsmaßnahmen erlangen können. Anstatt ein konkretes Beispiel zu beschreiben, wird auf die mobile Jugendsozialarbeit, ihre Methoden und Aufgaben, als eine Art von Streetwork genau eingegangen.

Im Aufheben der Zugangsbarrieren liegen bereits die Ansätze für interkulturelle Öffnung der Einrichtungen der Suchthilfe. Im letzten Teil der Arbeit werden Anforderungen an das System der Suchthilfe und anderen Regeldiensten gestellt, die notwendig sind, um die Situation von jugendlichen Aussiedlern und anderen Migranten zu verbessern.

1.2 Zur Wortwahl

Auch wenn Sozialarbeit teilweise mehr mit Hilfe und Fürsorge und Sozialpädagogik mit Erziehung und Bildung in Verbindung gebracht wird, sollen die Begriffe „Sozialarbeiter“ und „Sozialpädagoge“ in dieser Arbeit identisch sein.

Aufgrund der besseren Lesbarkeit habe ich mich entschlossen, die männliche Form durchgängig zu wählen. Natürlich soll die weibliche Form nicht ausgeschlossen, sondern ebenso impliziert werden. Verwendung der männlichen Form bei Jugendlichen hat auch damit zu tun, dass im Kontext Delinquenz und Drogen fast ausschließlich bei jungen Männern vorkommen (Mädchen und junge Frauen fallen fast nicht auf) (vgl. Deutsches Jugendinstitut, 2002, S. 8).[1] Trotzdem sind beide Geschlechter damit gemeint.

Auch wenn seit 1993 die Bezeichnung „Aussiedler“ offiziell durch „Spätaussiedler“ abgelöst wurde, benutze ich beide Bezeichnungen synonym.

Unter dem Terminus Drogen werden in dieser Arbeit alle Stoffe verstanden, die über das Zentralnervensystem auf das subjektive Allgemeinbefinden der konsumierenden Menschen einwirken. Verhaltensweisen und Tätigkeiten, die zu stoffungebundenen Süchten führen können, werden unter dem Terminus Suchtmittel subsumiert.

Die in meiner Arbeit als Russen oder junge Russen genannten Bürger sind alle Spätaussiedler der ehemaligen Sowjetunion, d. h., aus den heutigen Staaten Kasachstan, der Ukraine, Weißrussland usw., aber auch Juden, die aus diesen Staaten stammen, sogenannte Kontingentflüchtlinge.

2 Lebens- und Migrationserfahrungen jugendlicher Aussiedler

2.1 Jugend in Russland

Seit 1990 sind mehr als 2,5 Millionen Menschen als Aussiedler nach Deutschland gekommen (Migrationsbericht, 2004, S. 33). Davon stammen bereits zu Beginn der 90er Jahre über 90 % aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion. Sie kommen nicht, um vorübergehend in Deutschland zu leben, sie bleiben dauerhaft[2].

Zunächst waren die Aussiedlerfamilien in Deutschland über lange Jahre willkommen. Sie galten als fleißig, friedlich und brav. In den letzten Jahren hat sich dies jedoch drastisch geändert. In der öffentlichen Wahrnehmung und in den Medien gelten vor allem die männlichen jugendlichen Aussiedler als Sicherheitsrisiko. Sie werden als brutal, gewalttätig und kriminell dargestellt und wahrgenommen. Ihre Sprache, sie sprechen häufig nur russisch, ihr Aussehen und ihr Verhalten verunsichert die einheimische Bevölkerung. Auch in den Schulen und anderen pädagogischen Einrichtungen herrscht Ratlosigkeit über den Umgang mit diesen Jugendlichen. Man findet keinen Kontakt zu solchen Gruppen junger Russen, „ […] die an den Häuserecken stehen, trinken, manchmal grölen und sich selbst genug sind […]“ (Ramelsberger, zit. n. Schäfer, 2002, S. 12).

Was aber macht diese jungen männlichen Aussiedler scheinbar so unerreichbar für die deutsche Kinder- und Jugendhilfe und das Suchthilfesystem? Ihre Integrationsprobleme sind mit denen anderer Zuwanderergruppen in vielerlei Hinsicht vergleichbar. Es gilt also zunächst gar nicht, Neues oder Spektakuläres zu entwickeln (vgl. Töwe, 2000, S. 54 zit. n. ebd., S. 12). Vielmehr stellt sich die Frage: Wie kann das bewährte sozialpädagogische Konzept zielgerecht genutzt werden, wie kann es adaptiert werden, dass es für diese Jugendlichen passt? Welche Änderungen sind erforderlich? Dazu ist es notwendig, mehr über diese jungen Russen zu wissen. Wo kommen sie her? Wie sahen die russischen Alltagserfahrungen aus? Unter welchen Verhältnissen sind sie aufgewachsen? Mit welchen Einstellungen und Erwartungen sind Kinder und Jugendliche und ihre Familien nach Deutschland gekommen?

Um sich auf die jugendlichen Spätaussiedler, ihre Kultur und Sprache, einlassen zu können, um sie zu fördern, ihre Integration zu unterstützen und um schließlich auch drogenpräventiv wirken zu können, müssen die pädagogischen Kräfte die Zielgruppe kennen.

Dazu gehören nicht nur Jugendliche selbst, sondern auch deren Familien und nicht zuletzt ihre Herkunft. Die Kenntnis ihrer Geschichte und ihres Hintergrundes kann Chancen schaffen, dass die russischen Erfahrungen nicht entwertet und ihre Identitäten nicht verkannt werden. Dies kann bei Schwierigkeiten mit der Integration und beim Umgang mit abweichendem Verhalten, auch bei der Drogenproblematik, helfen.

Die Gründe für die Ausreise liegen vor allem in der ökonomischen und politischen Instabilität der Region. Schon in der Sowjetunion waren die Lebensverhältnisse schwierig. In den Nachfolgestaaten hat es kaum Verbesserungen gegeben. Die alten wirtschaftlichen Strukturen sind zerfallen, neue erst ansatzweise aufgebaut. Religions- und Nationalitätskonflikte haben in manchen Ländern zu militärischen Konflikten geführt.

Die Nachfolgestaaten mit ihren multinationalen Bevölkerungen verfolgen alle eine stark nationalistisch ausgerichtete Politik. Die ethnischen Minderheiten sind deshalb verunsichert und befürchten, unter diesen Bedingungen in ihren eigenen Ländern zu Bürgern zweiter Klasse zu werden. Wichtiger sind in der russischen Kultur noch immer die intakten Beziehungen im sozialen Nahbereich (Umfeld, Nachbarschaft), die dauerhafte soziale Einbindung und die gegenseitige Unterstützung. Ohne diese Netzwerke wäre in den letzten Jahren das Überleben für viele Familien noch schwieriger, in manchen Fällen vielleicht unmöglich gewesen.[3]

Sicher geglaubte Strukturen haben plötzlich ihre Gültigkeit verloren. So ist z. B. das in der sowjetischen Gesellschaft grundlegende Recht auf Arbeit rasch verschwunden. Soziale Leistungen wie der öffentliche Wohnungsbau, die staatlichen Bildungseinrichtungen oder das öffentliche Gesundheitswesen sind kaum noch zu finanzieren.

Vor diesem Hintergrund befindet sich die russische Jugend in einer schwierigen Lage. Sie werden vom Staat nicht mehr so wie früher umworben. Wegen der knappen öffentlichen Mittel kann er ihr kaum noch Perspektiven anbieten. Verantwortung und Fürsorge für die Kinder und Jugendlichen wurden an die Familien abgeschoben. Die Familien verknüpfen ihre Zukunftshoffnungen nach wie vor eng mit den eigenen Kindern und hoffen, dass es diesen einst besser gehen wird. Deshalb investieren sie in ihre Kinder, wann immer sie können.

Das Leben der Jugendlichen in Russland ist freier, aber auch schwieriger geworden. Die Frist bis zur sozialen Volljährigkeit hat sich stark verkürzt.

Die zahlreichen Kinder- und Jugendorganisationen der Sowjetunion, die den jungen Menschen Orientierung geben konnten und die wichtige Träger staatlicher Jugendpolitik waren, existieren nicht mehr. Organisationen, die deren Platz einnehmen könnten, gibt es bisher erst ansatzweise.

Familien, Kinderkrippen, Kindergärten und Schulen haben oft genug interne Probleme, bspw. mit der Absicherung des eigenen Fortbestehens, und fallen als Hilfen bei der Integration der Jugendlichen immer wieder aus.

Für die Orientierung russischer Jugendlicher sind vor allem gleichaltrige Freunde wichtig. Diese Gruppen und Bezugssysteme haben zumindest teilweise Aufgaben und Zuständigkeiten der gesellschaftlichen Organisationen übernommen.

Viele Jugendliche sind weder im Bildungssystem noch in der Arbeitswelt untergekommen. Im Jahr 2000 beträgt der Anteil der Jugendlichen an den registrierten Arbeitslosen 30 % (vgl. Schäfer 2002, S.17). Bei Kinderdelinquenz und Jugendkriminalität hat es in den letzten Jahren einen rasanten Anstieg gegeben. Immer mehr Minderjährige und Heranwachsende halten die geltenden Regeln nicht ein. Sie verstoßen gegen Gesetze und missachten die Rechte des Staates sowie die seiner Bürger.

Die Grenzen zwischen legalen und illegalen Einkünften verschwimmen im ganzen Land und die meisten haben sich daran gewöhnt. Die Schattenwirtschaft hat Hochkonjunktur. Beziehungen und Korruption sorgen dafür, dass die Probleme des Alltags bewältigt werden können. Im letzten Jahrzehnt sind öffentlich zugängliche Märkte für Waffen und Drogen entstanden. Kriminelle Ereignisse bilden den Hintergrund für das Leben und die Selbstbestimmung der jungen Russen. Immer mehr junge Menschen wechseln in die Welt des Verbrechens. Gerade für beruflich chancenlose Jugendliche sind die verlockenden Verdienstmöglichkeiten in den illegalen oder halblegalen Geschäften besonders attraktiv. Das Vertrauen der Jugend (aber auch anderer Bevölkerungsschichten) in die Organe der Staatsmacht wie Justiz und Polizei ist praktisch gleich Null.

Neben der Kriminalität hat bei jungen Russen auch der Drogenkonsum in den letzten Jahren stark zugenommen. Mitte der 90er Jahre haben etwa 20-30 % der Jugendlichen in transkaukasischen sowie in den mittelasiatischen Republiken Drogen (nicht Alkohol) konsumiert. Die Zahl jugendlicher Rauschgiftsüchtiger innerhalb der Jahre 1997-2000 hat sich mehr als verdoppelt. Es wird vermutet, dass in Russland im Jahr 2000 bis zu zwei Millionen junge Russen regelmäßig Rauschgift konsumieren und eine Viertelmillion chronisch abhängig ist. Unter den erfassten Süchtigen sind 82 % jünger als 24 Jahre. Das Durchschnittsalter für den Einstieg in die Sucht beträgt 15 bis 17 Jahre (vgl. Schäfer, 2002, S. 18).

Die Möglichkeiten für die Lebensplanung und zur Entwicklung von tragfähigen Perspektiven sind für die meisten Kinder, Jugendlichen und Heranwachsenden in Russland generell unklarer und unpräziser geworden. Armut und Arbeitslosigkeit führen zu pessimistischen Grundhaltungen, psychischen Überlastungen und gesundheitlichen Beeinträchtigungen.

Mit solch desillusionierenden Erfahrungen kommen russische Jugendliche seit vielen Jahren nach Deutschland, in der Hoffnung auf bessere materielle Lebensbedingungen und auf die Zusammenführung mit bereits ausgereisten oder in Deutschland lebenden Verwandten. Zunächst fasziniert der Schein der vielen Möglichkeiten. Schnell müssen sie jedoch erfahren, dass viele dieser Möglichkeiten für sie nicht erreichbar sind. Und ihre unter den Bedingungen russischer Gesellschaft entwickelten Handlungsstrategien und Einstellungen sind zur Bewältigung des Alltagslebens in Deutschland nicht geeignet.

Die Russlanddeutschen entsprechen nicht der noch weit verbreiteten Vorstellung von den „Auslandsdeutschen“. Denn viele der in den letzten Jahren ausgereisten Familien haben sich im Laufe der Zeit in den Herkunftsgebieten weitgehend an den jeweiligen Lebenskontext angepasst und ihre (noch Generationen vorher vorhandene) spezifisch an Deutschland orientierte Alltagskultur freiwillig aufgegeben. Die Elterngeneration hat inzwischen oft außerhalb der eigenen ethnischen Gruppe geheiratet, sodass schätzungsweise 80 % der Russlanddeutschen inzwischen nichtdeutsche Verwandte haben. Deren Kultur, ihre Normen und Werten haben sich häufig prägend auf ihre Familienmitglieder sowie deren Einstellungen und Verhaltensweisen ausgewirkt.

Jahre lang hing die deutsche Gesellschaft an dem Bild der Russlanddeutschen und erkannte deren russische Prägungen nicht an. Aussiedler werden anders als andere Einwanderer vehement dazu aufgefordert, sich zur deutschen Kultur zu bekennen. Schon der Gebrauch der russischen Sprache untereinander in der Öffentlichkeit führt zum Vorwurf der fehlenden Integrationsbereitschaft. Wenn die ältere Generation in Russland vor Jahrzehnten einer Assimilation mit Zwangscharakter unterworfen war und dies auch als Zwang empfunden hat, so wird die heute gelebte vielfältige Alltagskultur von den Jüngeren nicht als aufgezwungen empfunden. Für sie ist es selbstverständlich geworden, russische Musik zu hören und russische Freunde zu haben. Sie fühlen, träumen und denken russisch.

Obwohl viele Eltern bei der Entscheidung für die Aussiedlung vor allem die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für ihre Kinder und Jugendlichen in den Mittelpunkt stellten, hatten diese selbst nichts zu sagen: Fast jeder zweite Jugendliche gibt an, an der Entscheidung zur Ausreise nicht beteiligt gewesen zu sein (vgl. Grunides, 2000, S. 294 zit. n. Schäfer 2002, S. 21). Sie sind durchgehend eine mitgenommene Generation, der die Emigration aufgezwungen wurde.

Mit der Heimat haben die Jugendlichen auch ihre Freunde und damit etwas, was ihnen in diesem Alter besonders wichtig ist, verloren. Fast alle Freundschaften werden abrupt auseinandergerissen, erste Liebschaften unwiederbringlich zerstört. Viele Kinder und Jugendliche leiden unter dem Abschied und der Trennung.

Die Ausreise, die häufig in die Entwicklungsphase, der Ablösung vom Elternhaus und der Ausbildung einer eigenen Identität fällt, unterbricht diesen Prozess und die Jugendlichen erleben einen Rückschritt in ihrer Entwicklung (vgl. Osterloh, 2002, S. 45).

Konzentrationsstörungen, extremer Rückzug, Apathie, häufige Erkrankungen, aber auch aggressives oder abweichendes Verhalten ist bei manchen Minderjährigen zu beobachten.

Auch wenn für die deutsche Volkszugehörigkeit mehrere Kriterien angegeben werden, wird die Kenntnis der deutschen Sprache als zentraler Maßstab angesehen. Der Spracherwerb ist die Eintrittskarte in das gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Leben in Deutschland. Unzureichende Sprachkenntnisse schränken die Kontakt- und Informationsmöglichkeiten erheblich ein. Seit 1996 müssten alle, die einen Antrag auf Zuerkennung des Status „Spätaussiedler“ stellten, bereits im Herkunftsland einen Sprachtest durchführen und diesen auch bestehen. Davon ausgenommen waren die Familienangehörigen des Antragstellers, wenn sie den Status „Spätaussiedler“ für sich selbst nicht erwerben wollten. Sie gelten dann offiziell als Familienangehörige. Die Möglichkeit, den Sprachtest zu umgehen, nutzen viele Ausreisewillige. Die von den Minderjährigen mitgebrachten Deutschkenntnisse haben sich in den letzten Jahren drastisch verschlechtert. So hat sich der Anteil der Spätaussiedler in den aussiedelnden Familienverbänden kontinuierlich von knapp 61 % im Jahr 1994 auf circa 20 % im Jahr 2003 verringert. Demgegenüber wuchs der Anteil, der in den Aufnahmebescheid einbezogenen Ehegatten und Abkömmlingen von Spätaussiedlern[4] im gleichen Zeitraum von einem guten Drittel auf etwa 64 %. Der Anteil der o. g. weiteren Familienangehörigen stieg von knapp 2 % auf über 15 % an (Migrationsbericht, 2004, S. 30).

Gerade die Jugendlichen haben sich bis zur Ausreise völlig der russischen Gesellschaft und Kultur zugehörig gefühlt. Sie haben russische Kindergärten und Schulen besucht und auch in der eigenen Familie fast ausschließlich die russische Sprache und Alltagskultur gepflegt. Sie haben kaum Bindungen an deutsche kulturelle Traditionen aufbauen können. Umso schwieriger ist es für sie, von bedeutsamen Beziehungen und von gewohnter Umgebung Abschied zu nehmen. Umso schwieriger verläuft die Integration in die deutsche Gesellschaft.

2.2 Rechtlicher Status von Aussiedlerjugendlichen

Seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurden deutschstämmige Einwanderer aus vielen osteuropäischen Ländern und der ehemaligen Sowjetunion als Aussiedlerinnen und Aussiedler in Deutschland aufgenommen. 1993 wurde mit der Neufassung des BVFG (Bundesvertriebenengesetz) die Bezeichnung „Aussiedler“ in „Spätaussiedler“ geändert. „Diesen Status können nur Personen erwerben, die deutsche Volkszugehörige sind. Deutscher Volkszugehöriger wiederum ist derjenige, der sich in seiner Heimat zum deutschen Volkstum bekannt hat und bei dem dieses Bekenntnis durch bestimmte Merkmale wie Abstammung, Sprache, Erziehung, Kultur bestätigt wird.“ (Unabhängige Kommission, 2001, S. 179 zit. n. Schäfer, 2002, S. 22).

Kinder und Jugendliche, die deutsche Volkszugehörige sind, vor dem 1.1.1993 geboren wurden und ausreichende deutsche Sprachkenntnisse nachweisen, haben Anspruch auf den Status Spätaussiedler (§ 4 BVFG). Ihnen steht die deutsche Staatsangehörigkeit zu. Erfüllen die Minderjährigen diese Voraussetzungen jedoch nicht, dann erhalten sie den Status Abkömmling (§ 7 BVFG) und können auf Antrag in den Aufnahmebescheid einbezogen werden. Stammen Kinder nicht aus der direkten Linie ab, sind sie stattdessen „angeheiratet“ und stammen von einem Elternteil anderer Nationalität ab, gelten sie im Sinne des Grundgesetzes nicht als Deutsche. Die Einreise und der Aufenthalt unverheirateter minderjähriger Stiefkinder sowie unverheirateter Stiefkinder von Abkömmlingen sind im Ausländerrecht geregelt (vgl. ebd., S. 22).

Für diese Kinder und Jugendlichen in Aussiedler- und Kontingentflüchtlingsfamilien hat es weitgehende negative Folgen. Z. B., dass die Behörden verpflichtet sind, ausländerrechtlich relevante Informationen, dazu gehören u. a. Sozialhilfebezug und Arbeitslosenhilfe, aber auch die Hilfen zur Erziehung außerhalb der Familie nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz, an die Ausländerbehörden zu melden. Damit kann man die Berührungsängste ausländischer Eltern gegenüber den Angeboten und Leistungen der Jugendhilfe, aber auch dem Suchthilfesystem, erklären. Manche Eltern ahnen oder wissen um diese Risiken und nehmen keine öffentliche Hilfe in Anspruch. Stattdessen suchen sie nach Lösungen in der Familie, manchmal solange, bis es zu spät ist.

2.3 Integrationsverläufe jugendlicher Aussiedler und Risikofaktoren, die Drogenkonsum und Suchtentwicklung bedingen

Migration wird oft mit dem Bild der „Entwurzelung“ verglichen. Das Gewohnte hat keine Gültigkeit mehr. Mit der Umsiedlung von den Herkunftsländern verlieren viele Migranten an psychischer Stabilität und stehen vor den Anforderungen, in einem neuen Sozialisations- und Integrationsprozess diese Stabilität wieder herzustellen. Die gesellschaftliche Integration und psychische Stabilität wird aber von vielen Integrationsproblemen belastet. Tuner stellt in seinem Artikel mögliche Belastungen und Stress fördernde Faktoren zusammen, die in der Praxis relevant sein können. Darunter sind solche wesentlichen Integrationsprobleme wie Trennungsschmerz, Verständigungsprobleme, enttäuschte Erwartungen, Ablehnung durch die neue Umgebung, Diskriminierung, der Mitnahmeeffekt, Rollendiffusionen und Konflikte in der eigenen Umgebung oder in der Familie, erschwerte Schul- und Ausbildungsbedingungen, ungünstige Wohn- und Arbeitssituation oder auch Verlust der nationalen Identität (vgl. Tuna, 1999, S. 94 ff). Diese Integrationsprobleme stellen für jugendliche Migranten unter Umständen Belastungen dar, die als besondere Gefährdung angesehen werden könnten und den Drogengebrauch und die Drogenabhängigkeit erklären.

Nach der Kulturkonflikt- bzw. Kulturschock-Hypothese wird die Ursache für psychische Unstabilität in nicht erreichter Anpassungsleistung in der neuen Kultur gesucht. Identitätskrisen entstehen durch das Leben in zwei unterschiedlichen, divergierenden Wertmaßstäben, die aufeinandertreffen und sich unvereinbar gegenüberstehen. Eine mögliche Folge davon ist die Tendenz zu einer erhöhten Suchtgefährdung. Entscheidungskonflikte zwischen erstrebter und verhafteter Kultur, unterschiedliche Erziehungssysteme verwirren Jugendliche. Familienkrisen, bedingt durch Rollenkonfusion, Unselbstständigkeit der Eltern (z. B. aufgrund von Sprachbarrieren) und Identitätsdiffusion bei den Jugendlichen treten zunehmend auf. In einer Situation, dominiert von Unsicherheit in persönlicher, sozialer und kultureller Identität, kann exzessiver Konsum als Bewältigungsversuch nahe liegen (vgl. Bundesministerium für Gesundheit, 2002, S. 27 ff).

Erhebliche Bedeutung wird den Prozessen der Diskriminierung und Marginalisierung bei der Suche nach Ursachen für abweichendes Verhalten und Sucht zugeschrieben. Migranten aus dem ehemaligen Ostblock werden nach ihrer Übersiedlung nach Deutschland sehr häufig benachteiligt und diskriminiert. Als Reaktion darauf kommt es auf der Seite der Jugendlichen zur Antizipation von Diskriminierung, der Vorwegnahme von Chancenlosigkeit, damit einhergehenden Enttäuschungen und Frustrationen (vgl. ebd., S. 33).

Beengte Wohnverhältnisse in Übergangslagern und später in Sozialwohnungen schaffen Spannungen und Konflikte in den Familien. Es bleibt dem Einzelnen keine Privatsphäre. Die wohnungs- und raumbezogenen Lebensbedingungen von Migranten, u. a. Aussiedlerfamilien, lassen sich kurz unter vier Aspekten beschrieben: Erstens durch die im Vergleich zu deutschen Familien geringere Wohnungsgröße bei gleichzeitig größerem Haushalt, zweitens durch die schlechtere Wohnungsausstattung, drittens durch das Wohnen im sogenannten sozialen Brennpunkt und viertens durch das Wohnen im ethnischen Getto (vgl. ebd., S. 34). Die Entstehung der Gettos kann man nicht nur mit dem Wunsch der Aussiedler nebeneinander zu wohnen erklären, sondern auch damit, dass in diesen Stadtvierteln überwiegend soziale und günstige Wohnungen vorhanden sind. Damit wird durch die Stadtplanung eine nicht erstrebenswerte Isolierung von Migranten und Gettobildung gefördert. Eine Auseinandersetzung mit der herrschenden Kultur und den Einheimischen findet kaum statt.

Auch beim Übergang von Schule in Ausbildung und Beruf gibt es für Aussiedlerjugendliche Benachteiligungen. Ihre schulischen und beruflichen Ausbildungen werden wegen der Ausreise für längere Zeit unterbrochen. In Deutschland müssen sie sich, was ihre Schullaufbahn und ihren Berufswunsch betrifft, völlig neu orientieren. Abgeschlossene Ausbildungen werden in vielen Fällen nicht anerkannt. Auch fehlende deutsche Sprachkenntnisse stellen für die jungen Aussiedler eine Hürde dar. Nicht oder nur gering vorhandene Sprachkenntnisse führen oft dazu, dass sie vorwiegend in Hauptschulen bzw. in Förderklassen unterrichtet werden. Realschulen und Gymnasien scheinen in der Regel nicht mehr in der Lage zu sein, Aussiedler aufzunehmen. Ausgrenzung von den Fördermöglichkeiten einer weiterbildenden Schule, kann nach Hibert eine Reihe von Schülern zu geistiger Unterforderung führen, mit krisenhaft verlaufenden Störungen der Weiterentwicklung (vgl. Hibert, 2005, S. 76). Erschwerte Bildungschancen können sich durch Verständigungsschwierigkeiten bzw. mangelnde Sprachkenntnisse und damit verbundene schulische Misserfolge ausdrücken und eine Drogenkonsum fördernde Wirkung haben (vgl. Srur et al., 2002, S. 31).

Das Fehlen von protektiven Faktoren, die durch die Familie garantiert werden, kann auch zur Erklärung des abweichenden Verhaltens und der Drogenabhängigkeit einbezogen werden. Ein erheblicher Teil der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund kann ohne die Unterstützung ihrer Familien in der deutschen Gesellschaft nicht zurechtkommen. Sie können die Anpassung an die anderen Lebensumstände, die Verarbeitung schulischer und sozialer Enttäuschungen und ihre Entwicklungsaufgaben allein nicht bewältigen (vgl. Bundesministerium für Gesundheit II, 2002, S. 48). Die Eltern sind oft selbst überfordert und mit eigenen Problemen beschäftigt. Die Eltern, die zwar einerseits Vorbild sein sollen, aber in Deutschland z. B. aufgrund von Arbeitslosigkeit und völlig anderer Struktur nicht richtig Fuß fassen können, greifen selbst zu Drogen. Für Aussiedlerfamilien ist es typisch, dass die Männer starken Alkoholkonsum ausüben. Die Gewohnheit des Trinkens von den Eltern kann auf die Kinder ungewollt übertragen werden. Da die Familie keine Orientierung, keine Rollenvorbilder und in manchen Fällen nicht einmal Schutz und Sicherheit bietet und keine andere Instanz an ihre Stelle tritt, suchen die Kinder und Jugendlichen diese anderswo – häufig in Gruppen oder Gangs, in denen Orientierung über Gewalt und auch Suchtmittelmissbrauch vermittelt wird.

2.4 Drogenabhängigkeit von Aussiedlerjugendlichen

Von 1990 bis 2003 wanderten knapp 2,4 Millionen (Spät-)Aussiedler (2.387.576) ein (Migrationsbericht, 2004, S. 33). Seit 1990 wandern auch Menschen mit jüdischen Wurzeln aus dieser Region nach Deutschland ein, die Ähnlichkeiten bzgl. der Aussiedlersituation aufweisen. Bis 2000 sind 120.000 Juden nach Deutschland eingewandert; mit einem weiteren Zuzug von ca. 100.000 und mehr ist in den kommenden Jahren zu rechnen.

Diese wenigen Zahlen belegen, wie attraktiv Deutschland für Menschen aus dieser Region ist. Vieles spricht allerdings auch dafür, dass sich die Migranten oft ein viel zu „rosiges“ Bild von Deutschland und ihrem zukünftigen Leben in diesem Land gebildet haben. Wie man aus einer Reihe von Studien weiß, ist das Leben im neuen Land für viele recht beschwerlich (vgl. Vogt, 2004, S. 3).

Für die Mehrheit der Aussiedler gehen die Träume, die sie mit der Migration nach Deutschland verbunden haben, nicht in Erfüllung. Vor allem junge Menschen ‑ immerhin 38 % der Aussiedler sind unter 20 Jahren (in Deutschland ist 21 % der Bevölkerung unter 20 Jahre)(vgl. ebd.). Diejenigen, die aus den osteuropäischen Ländern nach Deutschland kommen, erleben das Land als kalt und fremd. Im neuen Heimatland stoßen sie auf Ablehnung und Diskriminierung, werden „Russen“ genannt. Davor schützt sie auch ihr deutscher Pass nicht. Ganz leicht geraten sie in eine Außenseiterposition, die umso problematischer ist, je weniger sie die deutsche Sprache beherrschen.

Zur quantitativen Erfassung des Konsums und der Abhängigkeit bei jugendlichen Aussiedlern ist anzumerken, dass bisher wenige, empirisch fundierte Daten vorliegen. Legt man die Ergebnisse deutscher Prävalenzschätzungen zugrunde, dann ist von einer Rate von 3-5 % Abhängigkeitskranker in der Gesamtbevölkerung auszugehen. Überwiegend handelt es sich dabei um Abhängige von Alkohol. Überträgt man diese Schätzungen auf die ca. 2,4 Millionen eingewanderten Aussiedler, muss man mit 75.000 bis 125.000 behandlungsbedürftigen Suchtmittelabhängigen rechnen. Allerdings ist Migration ein Risikofaktor, der Sucht begünstigen kann. Dann wäre mit höheren Zahlen von Abhängigen unter den Migranten zu rechnen (Bundesministerium für Gesundheit II, 2002, S. 10).

Strobl & Kühnel (2000) sind nach einer Befragung zu dem Ergebnis gekommen, dass beim Konsum von illegalen Drogen Spätaussiedler niedrigere Werte als einheimische Jugendliche aufweisen, d. h., sie experimentierten weniger mit diesen Stoffen. Der Anteil der Jugendlichen, die mit dem Konsum von Cannabis Erfahrung haben, liegt bei Aussiedlerjugendlichen bei 21 %, bei Deutschen bei 34,5 %. Bei denjenigen jungen Aussiedlern, die Drogen wie Heroin und Kokain nehmen, fallen polytoxikomane Konsummuster auf. In Kombination mit dem kaum vorhandenen Problembewusstsein, viel Alkohol und mangelnder Kenntnis über Safer-Use-Praktiken kann von einem besonders risikoreichen Konsum gesprochen werden (vgl. Vogt, 2004, S. 3).

Die Daten des Bundeskriminalamtes (BKA) verzeichneten für 2003 einen Anstieg der Zahlen von Aussiedlern unter den Drogentoten um 25,3 % (http://www.optiserver.de/dhs/presse_70.html am 8.2.2007).

Die derzeitige Datenlage erlaubt kein abschließendes Urteil darüber, ob der Anteil der Aussiedler unter den Abhängigen von psychoaktiven Substanzen allgemein und im Besonderen unter den Drogenabhängigen erhöht ist oder nicht. Hier fehlen bislang bundesweit repräsentative, multimethodische Erhebungen (vgl. Schmid, 1998, S. 78 zit. n. ebd.).

2.5 Zugangsbarrieren und Probleme jugendlicher Aussiedler im System der Suchthilfe

Allgemein gesehen sind Migranten in der psychosozialen Versorgung unterrepräsentiert. Auch von der Suchthilfe halten sie sich fern. Der Anteil von Migranten an den verschiedenen Suchtbehandlungs- und Präventionsmaßnahmen ist geringer als die geschätzte Rate der Betroffenen (vgl. Migration und Sucht, 2002, S. 55).

Weil Aussiedler nicht für das Fehlen von sozialrechtlichen Anspruchsvoraussetzungen verantwortlich zu machen sind, muss die Ursache für die schlechtere Versorgung in erster Linie in Barrieren gesehen werden, die den Zugang zum Versorgungssystem erschweren (vgl. Czycholl, 2005, S. 93).

An erster Stelle steht die sprachliche Barriere. Dieses Problem ist vor allem bei neu ankommenden Aussiedlern verbreitet. Die Migranten, die in ausreichendem Maße über Deutschkenntnisse verfügen oder Migranten der zweiten oder dritten Generation können hin und wieder auch deutsche Berater aufsuchen, besonders dann, wenn in der eigenen Community dieses Thema tabuisiert ist (vgl. Gaitanides, 1998, S. 67).

Neben den fehlenden Sprachkenntnissen gehören zu den typischen Zugangsbarrieren, nach einer Aufzählung von Gaitanides (1998, S. 64 ff), aus Sicht der Aussiedler, folgende Hindernisse:

[...]


[1] Die Expertise des Bundesministeriums für Gesundheit (Band II, 2002) hat belegt, dass jugendliche Migranten (männliche) mehr legale und illegale Drogen konsumieren als jugendliche Migrantinnen. Strobl & Kühnel (2000, S. 172) erklären es damit, dass in den Aussiedlerfamilien noch sehr traditionelle Rollenvorstellungen herrschen, die für Mädchen und junge Frauen auch Schutzfunktionen beinhalten.

[2] In den folgenden zwei Teilen beziehe ich mich auf Schäfer, 2002, S. 12 ff, falls nicht extra ausgezeichnet.

[3] Das erklärt wahrscheinlich, warum die Russlanddeutschen in ganzen Dörfern nach und nach übergesiedelt sind und genauso wie in Russland oder Kasachstan, auch hier in Deutschland Nachbarn geblieben sind.

[4] Diese werden gemäß § 4 Abs. 3 Satz 2 BVFG mit ihrer Aufnahme in Deutschland gleichfalls Deutsche. Im Sinne von Art. 116 Abs. 1 GG und nach § 7 Abs. 2 BVFG werden diese dem Spätaussiedler in leistungsrechtlicher Hinsicht im Wesentlichen gleich gestellt.

Details

Seiten
74
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638731188
ISBN (Buch)
9783638837637
Dateigröße
913 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v76463
Institution / Hochschule
Hochschule Hannover
Note
1,0
Schlagworte
Suchtprävention Jugendlichen Migrationshintergrund Beispiel Spätaussiedler

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Titel: Suchtprävention bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund