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Das Glas ist halb leer - Die Neuorientierung schrumpfender Städte in Ostdeutschland

Hausarbeit 2005 16 Seiten

Soziologie - Wohnen, Stadtsoziologie

Leseprobe

INHALT

1. Ursachenforschung schrumpfender Städte
1.1 Das Erbe der DDR-Geschichte
1.1.1 Rolle der Landwirtschaft und VEBs
1.1.2 Abbau administrativer DDR-Strukturen
1.1.3 Bedeutungsverlust des Militärs
1.2 Demographischer Wandel
1.3 Die anhaltende Welle der De-Wörter
1.4 Der soziale Kreislauf bergab

2. Prognosen des Forschungsverbunds „Stadt 2030“
2.1 Aufgaben des Forschungsverbunds
2.2 Sichere Prognosen
2.2.1 Bevölkerungsentwicklung
2.2.2 ökonomischer Wandel
2.3 Unsichere Prognosen
2.3.1 Entwicklung des Sozialstaates
2.3.2 Zeitknappheit
2.4 Widersprüchliche Prognosen
2.4.1 Institutionen der Kommunalpolitik
2.4.2 Formen der Bürgerbeteiligung

3. Attraktivitätskonzepte zur Neubelebung und Aufwertung
3.1 Die soziale Stadt
3.2 Die mobile Stadt
3.3 Die zentrale Stadt
3.4 Die grüne Stadt

ABSTRACT

Die Städte Deutschlands unterliegen derzeit einer starken Fluktuation und eine Neuorientierung ist unumgänglich. Insbesondere in den neuen Bundesländern zeichnen sich gravierende Tendenzen ab. Einerseits vollzieht sich der Weg einer Dezimierung – durch Abwanderung, Leerstand, Rückbau, Arbeitslosigkeit, andererseits vollzieht sich eine Expansion durch die Ausweitung der Wohngebiete an die Stadtränder und dem Bau von Einkaufsmeilen ‚auf der grünen Wiese’. Im Osten Deutschlands wird diese in ganz Deutschland vorherrschende Bewegung durch die DDR-Vergangenheit, deren Wirtschafts-system und Struktur beschleunigt. Daraus ergeben sich starke Spannungen im sozialen Bereich, welche in einen Teufelskreis führen. Grund, für den Forschungsverbund „Stadt 2030“ die Situation zu analysieren und Richtungen für ein Entgegensteuern aufzuzeigen. Dabei können aber nur ein kleiner Teil der Tendenzen in ihren Auswirkungen sicher eingeschätzt werden. Vieles ist in seiner Entwicklung unklar und erschwert die Entscheidungsfindung der Politiker.

Dennoch lassen sich verschiedenartige Lösungsansätze formulieren und zeigen sich sogar in ersten Erprobungen erfolgreich. Deutlich werden dabei die sozialen Komponenten der Stadtentwicklung und die Abkehr vom Inbegriff der riesigen, unüberschaubaren grauen Betonstadt. Gepaart wird diese Erkenntnis mit frischen Ideen zur Belebung der Innenstädte und neuen Arten der Mobilität.

In der konzeptionellen Überarbeitung der Stadtentwicklung befindet sich Deutschland noch in der Anfangsphase und ein allgemeingültiges, innovatives Rezept für ein attraktives und nachhaltiges Stadtbild in Zeiten der Schrumpfung gibt es schon gar nicht. Doch auch der Weg der kleinen Schritte führt ans Ziel.

1. Ursachenforschung schrumpfender Städte

1.1 Das Erbe der Geschichte

1.1.1 Rolle der Landwirtschaft und VEBs

Die Landwirtschaft bildete in vielen Städten im ländlichen Raum nach der Industrie die wichtigste wirtschaftliche Basis. Im September 1985 waren etwa 180.000 Menschen in der DDR-Landwirtschaft lohnbringend beschäftigt. Dieser Arbeitskräftebesatz entsprach somit etwa 100% mehr als in der um sogar 30% großflächigeren und bevölkerungsdichteren Bundesrepublik.[1] Der Anpassungs-druck auf die Landwirtschaft war - wie auch in anderen Wirtschaftbereichen – enorm, nur betrug hier der Beschäftigungsrückgang zwischen 1989 und 1993 fast 80%.[2] Es handelte sich hiermit um den größten Arbeitsplatzverlust überhaupt. Auch gegenwärtig vollzieht sich eine immer stärker klaffende Scheide zwischen EU-subventionierten Agrarunternehmen und den einfachen Bauern in ländlicher Region. Die Landwirtschaft trägt heute nur noch unwesentlich zur Wirtschaftskraft einer Stadt bei.

Die Volkseigenen Betriebe waren die wichtigsten Arbeitgeber in Ostdeutschland. Mit ihrer Auflösung oder Umwandlung verloren unzählige Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz. Dies erstreckte sich aber nicht nur über einzelne Betriebszweige, sondern auch deren angekoppelten Dienstleistungsbetriebe. So entfielen z.B. durch Auflösung eines Industriebetriebs ebenfalls die Betriebskantine und der Betriebskindergarten.

1.1.2 Abbau administrativer DDR-Strukturen

Mit dem Beitritt der DDR zur BRD veränderten sich die Rahmenbedingungen der Stadtentwicklung in Ostdeutschland grundlegend. Der Abbau administrativer Strukturen und Institutionen der DDR nach 1990 stellt nicht den ausschlaggebensten aber dennoch einen nennenswerten Anteil an der Schrumpfung in Ostdeutschland dar. Diese „De-Administrierung“ ist Ursache eines umfangreichen Arbeitsplatzabbaus, welcher aus der Abschaffung politischer Führungsstrukturen und der Auflösung von DDR-Massenorgani-sationen resultierte.

Weiterhin bewirkt der Abbau von Verwaltungsstrukturen einen Statusverlust in den bis dahin präsenten Bezirks- und Kreisstädten. Sie erfahren nun die gleichen Behandlungsgrundsätze wie andere ebenbürtige Städte.

1.1.3 Bedeutungsverlust des Militärs

Auf dem Territorium der DDR ballten sich unverhältnismäßig viel Militär, paramilitärische Organisationen und Institutionen wie die Nationale Volksarmee, Grenztruppen und Staatssicherheit. Dieser Zweig öffentlicher Beschäftigung verlor mit der Wende an Bedeutung und Berechtigung. Jedoch hatten diese militärischen Organe - wie auch die Sowjetarmee – maßgeblichen Einfluss auf die regionale Wirtschaft. Es entfielen mit deren Abzug in der Region Arbeitsplätze und viele zuliefernde Dienstleistungsunternehmen und Einzelhandel spürten das Ausbleiben guten und langjährigen Kundschaft schmerzhaft. „Die fortlaufende Schließung und Zusammenlegung von Standorten der Bundeswehr infolge der ‚strategischen Neuausrichtung der Streitkräfte’ setzte diesen Abbau von Arbeitsplätzen [...] nach der Wiedervereinigung fort.“[3]

1.2 Demographischer Wandel

Die angestrebte Dreiecks-Pyramide der Bevölkerungsentwicklung hat in Deutschland eine Pilzform angenommen. Von unten wächst wenig nach und an der Kuppe sterben die Menschen sehr viel später. Jede nachfolgende Kindergeneration ist laut einem Bericht der Zeitschrift GEO um ein Drittel kleiner als die ihrer Eltern. Mit im Schnitt nur noch 1,4 Kindern pro Frau gilt Deutschland als kinderärmste Gesellschaft. Allein die Zuwanderungsfamilien tragen mit ihrer kulturell bedingten Kindervielzahl zu einer Relativierung der Verödung bei. Besonders gravierend sind die Geburtenraten in den neuen Bundesländern, wo diese in den Jahren des Systemumsturzes von 1,6 auf 0,77 abstürzte.

In kürzester Zeit kam es zu einer regelrechten Bevölkerungs-implosion: Wo Busse und Bahnen den Betrieb einstellen, Postämter und Schulen dichtmachen und von der ökonomischen Infrastruktur nur der Zigarettenautomat bleibt, ziehen auch keine jungen Familien mehr hin. Seit Gründung der DDR hat Ostdeutschland ein Viertel der Bevölkerung verloren. Bis 2050, so die Prognosen, könnte es noch einmal die Hälfte der jetzigen Bewohnerschaft sein.[4]

[...]


[1] Vgl. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Zur aktuellen Entwicklung der Agrarwirtschaft in den neuen Ländern – Bilanz und Ausblick, Bonn 1992, S. 5.

[2] Vgl. Burkart Lutz/ Holle Grünert, Der Zerfall der Beschäftigungsstrukturen der DDR 1989 – 1993 in: Burkart Lutz u.a. Arbeit, Arbeitsmarkt und Betriebe, Obladen 1996, S.69-120.

[3] Das neue Standortkonzept der Bundeswehr in: Informationen aus der Forschung der BBR (3),Bonn 2000, S.9.

[4] Reiner Klingholz, Demographie: Was Deutschland erwartet in: GEO Magazin 05/2004 unter www.geo.de/Gesellschaft/Archiv am 15.4.2005.

Details

Seiten
16
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638800822
ISBN (Buch)
9783638820363
Dateigröße
393 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v76346
Institution / Hochschule
Hochschule Zittau/Görlitz; Standort Zittau
Note
1,3
Schlagworte
Glas Neuorientierung Städte Ostdeutschland

Autor

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