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Revolutionäre Visionen Ibero-Amerikas von Simón Bolívar bis Hugo Chávez

Diplomarbeit 2007 123 Seiten

Geschichte - Amerika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lateinamerika im Lichte der Bolivarischen Revolution
2.1. Gegenwärtige politische Tendenzen in Lateinamerika
2.2. Chávez, Morales, Correa - die indianischen Revolutionsführer ?
2.2.1. Revolution zwischen Öl und Medien
2.3. Chávez – Neuer Messias, Zweiter Castro, Nachfolger Bolivars.
2.3.1. Wer ist Hugo Chávez Frias
2.3.2. Die bolivarischen Anfänge von Chávez
2.3.3. Die Bolivarische Doktrin
2.3.3.1. Der Schwur von Monte Sacro
2.3.3.2. Baum der Drei Wurzeln
2.3.3.3. Nur eine Minute
2.3.4. Die Bolivarische Revolution
2.3.5. Die „Bolivarische Revolution“ außerhalb Venezuelas

3. El Libertador – Simón Bolivar
3.1. Seine Herkunft
3.2. Die Spanische Herrschaft und der frühe Bolívar
3.2.1 Die Conquista
3.2.2. Die Soziale Struktur des kolonialen Lateinamerika
3.3. Bolívars Lehrjahre
3.4. Bolívars erstes politisches Manifest
3. 5. Bolívars Rolle in der Independencia
3.5.1. Die Besonderheiten der südamerikanischen Unabhängigkeitsbewegung
3.5.2. Der Freiheitskampf und der Kongress von Angostura
3.5.2.1. Das Kolumbien des Bolívar (1819-1830)
3.5.3. Die Präsidentschaft Bolívars – Vorstellungen, Ziele und Konflikte
3.5.4. Auseinandersetzungen mit der kreolischen Oberschicht – Bolívar und die soziale Komponente
3.5.5. Bolivar - ein Föderalist oder ein Zentralist?
3.6. Kongress von Panama – Vorstellungen eines geeinten Amerikas
3.7. Bolìvar und die Frauen

4. Bolívar und seine Vorstellungen des Staates
4.1. Der Staat und die Religion
4.2. Bolívar und die Verfassung Boliviens

5. Die Widersprüche bei Bolívar
5.1. Bolivar und die Diktatur
5.2. Staatenlenkung
5.3. Das Ende des politischen Bolívar
5.4. Die Verklärung

6. Von Visionen und Revolutionen
6.1. Che Guevara und Simon Bolívar – Die Mythen
6.2. Bolívar und „seine“ Revolutionen

7. Die „Bolivarische Republik Venezuela“
7.1. Das Bolivarische System und der Chavismo in kritischen Analysen
7.2. Die bolivarische Verfassung
7.3. Venezuela – ein hybrides System?
7.4. Das „Bolivarische System“ in der internationalen Beobachtung

8. El Culto a Bolívar
8.1. Bolivarischer Kult oder Chavismo?

9. Venezuela heute als: „Bolivarische Revolutionsrepublik“

10. Resumée

11. Literatur

12. Abbildungsverzeichnis

13. Anhang

"Amerika ist ein halber
Globus, der verrückt spielt."
Simón Bolívar

1. Einleitung

Die Geschichte des unabhängigen Südamerikas ist untrennbar mit der Person Simon Bolívar verbunden. Keine andere Gestalt hat damals wie heute die Lateinamerikaner so bewegt wie er. Und gerade dieser Mann erlebt eine ungeheure Renaissance, die wieder mit dem derzeitigen Präsidenten Venezuelas, Hugo Chávez Frias, verbunden ist. Er ist derjenige, der durch die Gründung der „Bolivarischen Republik Venezuela“ dem Kontinent derzeit seinen Stempel aufdrückt. Ich habe mich auf die Spuren Bolivars und seiner Visionen begeben und dabei versucht, den Bogen zu den aktuellen politischen Umbrüchen, die Anfang der 60-er Jahre (Fidel Castros Machtübernahme) begannen und jetzt die sogenannte „Bolivarische Revolution eines Hugo Chávez Frias oder eines Evo Morales umfassen, zu spannen. Sind es wirklich die Visionen Bolívars auf heutige Verhältnisse umgelegt oder wird Bolívar als Name und Freiheitsheld missbraucht?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1:

Statue von Símon Bolívar in Santa Marta

Sicherlich ist die Beantwortung dieser Fragen eine Gratwanderung, noch dazu soll es sich um eine objektive Bewertung handeln, ohne politische Emotionen, ohne Ressentiments, sondern bloß verschiedene Sichtweisen beleuchten. Daher werde ich vorerst einmal den derzeitigen Stand der Bolivarischen Revolution erörtern, mit gegenwärtigen Protagonisten und dann das Leben Bolívars kurz beleuchten. Was ist reiner Mythos, was ist Realität? Welche Intrigen spann er, um seine Vormachtstellung nicht nur zu erreichen, sondern auch zu sichern? Warum scheiterte seine Vision der „Vereinigten Staaten Lateinamerikas“ bzw. musste scheitern? Mittelpunkt der Betrachtung ist also die Frage, wie hängen die revolutionären Perioden Lateinamerikas mit den Visionen Bolívars zusammen. Auch die „Neue Bolivarische Verfassung Venezuelas“, die in anderen Staaten realisiert werden soll, wird im Vergleich mit der Verfassung aus dem Jahr 1826 hinterfragt.

Simon Bolívar gilt im nördlichen Teil Südamerikas heute als DIE historische Figur dieses Kontinents, jeder Hauptplatz in den kolumbianischen und venezolanischen Städten heißt „Plaza Bolívar“; in Ciudad de Bolívar, in der er seine berühmte Rede von Angostura (so hieß die Ciudad vor ihrer Umbenennung) verfasst hat, steht sogar die größte (und auch hässlichste, Anm. des Verf.) Bolívar-Statue. Bolívar ist erst zwei Jahrhunderte nach seinem Tod die Anerkennung zugekommen, die er sich schon zu Lebzeiten verdient hätte. Aber damals waren weder seine Freunde noch seine Feinde soweit, denn Bolívar war ein Visionär, auch ein Träumer, jedoch unerbitterlich gegen andere und gegen sich selbst. Bolívar wollte nicht nur den ganzen Kontinent erobern, sondern plante sogar Spanien in Europa mitten ins Herz zu treffen. Jedoch scheiterte er am deutlichen „Revolutionsunwillen seiner eigenen Klasse“[1]. Bolivar war, wie die oben angesprochenen heutigen sogenannten Revolutionäre, ein beeindruckender Redner, der die Völker Großkolumbiens, also Kolumbien, Venezuela und Panama, in seinen Bann zog, im nächsten Moment aber wieder auch enttäuschte, weil er aufgrund mangelnder Unterstützung nicht alle Versprechen einhalten konnte. Genauso wie heute hatte der Präsident (wechselweise König, der er jedoch nie sein wollte) ein ambivalentes Verhältnis zur Kirche. Noch heute stehen die meisten Statuen auf den „Plazas Bolívar“ mit dem Gesicht von den Kirchen, die sich eben auch jeweils auf diesen Plätzen befinden, abgewandt. Auch Castro ist Atheist oder Agnositiker, Chávez auch, aber das Volk ist es nicht, daher gab Castro beispielsweise seinem Volk den Papst und das Weihnachtsfest wieder. Die Leserin/der Leser soll eine spannende Lektüre vorfinden, die die Geschichte mit der

Gegenwart verbindet und dann sich am Ende die Frage stellen, ob „die Gegenwart die Wiederholung der Geschichte ist“, wie Karl Marx schrieb.[2]. Dieser war es auch, der in einem Brief an Engels schrieb: „Die Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte“.[3] Meine Fragestellungen sind: Geben die heutigen selbsternannten Revolutionäre ein idealistisches Bild ab oder stellen sie nur ein populistisches-bolivarisches Gehabe zur Schau? Und vor allem: Hatte Bolívar überhaupt eine Ideologie oder war die einzige die der Freiheit, der Unabhängigkeit von der Macht, die jahrelang die Länder ausblutete. „Wer die Revolution säht, der pflügt das Meer“, so resümierte Bolívar sein Wirken.[4]

Als Methodik dieser Arbeit habe ich Sekundärliteratur im Sinne klassischer Hermeneutik analysiert, sowie Recherchen in großen europäischen Zeitungs- und Zeitschriftenarchiven, wie Spiegel, Die Zeit, NZZ und Die Presse. Zu betrachten ist diese Arbeit auch vor den aktuellen Hintergründen: Hugo Chávez gewann bei der Abfassung der Arbeit die Präsidentenwahlen und daher wurde die Politik Venezuelas in der aktuellen Berichterstattung umfassend beleuchtet und auch eingearbeitet. Die verwendete Literatur umfasst Werke von Bolívar-Historikern wie Wolfgang Dietrich (einer der frühen deutschen Biografen in der Zeit der ersten intensiven Aufarbeitung des Wirkens Bolívars um 1932), und von Gerhard Masur, einem Analytiker des „Libertador“ bis hin zu aktuellen Autoren, die sich vor allem mit Chávez auseinandersetzen, wie z.B. Steve Ellner oder Richard Gott sowie den ersten deutsch-sprachigen Biografen des venezolanischen Präsidenten, Christoph Twickel. Zudem wurden auch Quellen des Internet verwendet.

Der kubanische Freiheitskämpfer José Marti behauptete: „Was Bolívar nicht vermochte, bleibt in Amerika noch zu tun“[5]. Hugo Chávez hat sich aufgemacht, den Visionen Bolívars zu huldigen. Ob er scheitern wird bzw. was er wirklich konkret umsetzen kann, kann in diesem Rahmen nicht beantwortet werden. In dieser Arbeit geht es darum, Rhetorik und politisches Handeln zu analysieren sowie die Rolle Bolívars zu eruieren.

Folgende Fragen sollen hier untersucht werden: Welches Bolívar-Bild akzeptieren die jetzigen Revolutionäre – ein idealistisches, von den Ideen Bolívars beeinflusstes Bild? Oder verwenden sie ihr historisches Vorbild in populistischer Manier? Am Ende meiner Arbeit beschäftige ich mich noch mit dem derzeitigen politischen Systems in Venezuela und stelle die Frage, ob es sich dabei um ein hybrides System handelt. Hierbei lohnt es sich, einige Gedanken des bedeutenden linken Politphilosophen Antonio Gramsci nachzulesen, dessen Ideen Einzug zu finden scheinen, ohne, dass es den Verantwortlichen der Bolivarischen Revolution bewusst ist.

2. Lateinamerika im Lichte der Bolivarischen Revolution

Die Bolivarische Revolution beschäftigt große Teile des Kontinents, vor allem weil diese von Hugo Chávez immer stärker als „Neuer Weg“ propagiert und gleichzeitig auch mit den Petrodollars Venezuelas massiv unterstützt wird. Hans-Jürgen Puhle beschreibt den gesellschaftlichen Prozess Lateinamerikas als „entscheidend geprägt von spezifischen Rückständigkeiten bezüglich sozialer Schichtung, Klassenbildung, Urbanisierung, Industrialisierung und das gesellschaftliche und politische Modernisierungspotential“[6].

2.1. Gegenwärtige politische Tendenzen in Lateinamerika

"Alerta, alerta, alerta que camina la espada de Bolívar por América Latina", hallt es durch die Straßen, wenn in Venezuela die Anhänger von Präsident Hugo Chávez demonstrieren: "Achtung, das Schwert Bolívars zieht durch Lateinamerika". Es ist eine durchaus realistische Metapher. Denn nicht nur in Caracas orientiert man sich an dem Antikolonialismus General Simón Bolívars, der im 19. Jahrhundert gegen die Spanier gekämpft hatte. Immer mehr Staaten der Region schwenken auf den Kurs der Linksallianz von Bolivien, Kuba und Venezuela ein[7]. Jüngst auch Ecuador, ebenfalls zu Bolívars Zeiten Mitglied von Gran Colombia.

Gerade in den letzten Monaten hat es eine Reihe von überraschenden Wahlen gegeben, die den Linkstrend, also den Trend nach mehr nationaler Unabhängigkeit, bestärkten. Nach den Schockjahren der chilenischen und argentinischen Gewaltdiktaturen, denen in Chile die Präsidentschaft Salvador Allendes, ein Linker, der schon dadurch sich das Misstrauen Washingtons zugezogen hatte[8] und dessen Wahl noch dazu von Fidel Castro heftig akklamiert wurde, vorausging, kehrte die politische Normalität ein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb .2

Hugo Chávez

Jetzt richten viele Menschen ihren Blick nach Caracas, wo der selbsternannte „legitime“ Nachfolger Simón Bolívars, Hugo Chávez Frias, sitzt, eine „zwielichtige Gestalt, ein unumstrittener Charismatiker“[9], der in seinen stundenlangen Ansprachen seinem Amtskollegen in Havanna um nichts nachsteht und nur 30 Jahre jünger ist. Und Chávez hat mit seinen Erdölvorkommen die Finanzkraft, um zahlreiche Bewegungen, die seinen Vorstellungen der „Bolivarischen Revolution“ entsprechen, zu unterstützen. Er gilt als Populist, der, wie andere Populisten auch, einfache Antworten auf komplexe Fragen hat.[10]

Und diese „Revolution“ im Sinne Bolívars soll sich, laut den Vorstellungen des venezolanischen Präsidenten, überall ausbreiten. Bolivien, Chile, Argentinien, Uruguay entwickeln sich zu Staaten, die den südamerikanischen Gesellschaften neue Stempel aufdrücken können.

Ein gutes Beispiel ganz im Sinne der Ausbreitung der Bolivarischen Revolution bildet Bolivien selbst. Hier wurde mit Evo Morales ein in der Tradition der chavistischen Politik agierender ehemaliger Koka-Bauer zum Präsidenten gewählt.

Nach guter alter Manier hätte noch vor einigen Jahren die Wirtschaftssupermacht USA, die als moralische Instanz aber gerade in jüngster Zeit komplett versagt hat, den Geldhahn zugedreht, Das aber funktioniert so nicht mehr, denn wenn die USA diesen zudrehen, dreht Venezuelas Hugo Chávez eben diesen auf. Und Morales, der auch der bolivarischen Revolution huldigt und auch ermutigt wird, das von Bolívar damals errungene Territorium mit Meereszugang wieder im Sinne des historischen Anspruchs zurückzugewinnen, weiß, dass er sich dabei auf die Unterstützung der Bolivarischen Republik Venezuela verlassen kann. In Lateinamerika schätzt man Freunde noch, sofern sie noch dazu aus den gleichen Reihen kommen. Morales` erste Reise als Staatspräsident führte ihn sogleich zum „Gott Sei bei uns“ der USA, ins Kuba des Fidel Castro, dem Altvater der Revolution und dann zu Chávez. Damit spricht aber Morales auch seinen Landsleuten, vor allem denjenigen, die er vertritt, aus dem Herzen, denn Castro ist neben Che noch immer bei den einfachen Menschen hochangesehen, obwohl nicht viele unter seinem Regime wirklich leben möchten. Chávez gilt auch sehr viel unter den Menschen der Anden, denn er hat das Geld, das er für diese einsetzen will, sagt er.

Wie sehr Morales aber am Rockzipfel des bolivarischen Präsidenten Venezuelas hängt, der Bolivien schon seit jeher den Zugang zum Pazifik verschaffen will, zeigt auch ein Artikel in der FAZ vom 5. Jänner 2006:

Venezuelas Präsident Hugo Chávez konnte es gar nicht erwarten. Er zwang regelrecht seinen neuen Bundesgenossen, den gerade zum Präsidenten Boliviens gewählten Evo Morales, auf seinem Flug nach Europa eine Zwischenstation in Caracas einzulegen, obwohl das zunächst gar nicht geplant war. Chávez überhäufte seinen Gast mit Ehrenbezeigungen und Morgengaben.

Er empfing Morales wie einen Staatsbesucher, schenkte ihm 30 Millionen Dollar für Sozialvorhaben und versprach ihm die Lieferung von 150.000 Fass Diesel monatlich. Das ist genau jene Menge, die Bolivien überhaupt importieren muß. „Ich will nicht, dass du mir auch nur einen Centavo dafür bezahlst“, fügte Chávez mit der Geste des reichen Onkels noch hinzu, „das kannst du mit Agrarprodukten begleichen.“

In Spanien wurde Morales von Ministerpräsident Zapatero und selbst vom König empfangen. In Frankreich war er Gast von Staatspräsident Chirac, doch vorher stattete Morales der Europäischen Union in Brüssel noch einen Antrittsbesuch ab.

Ob dort viele mit dem neuen Mann, der anders als die sonstige politische Klientel ist, viel anzufangen wussten, ist nicht überliefert. Und, derzeit selbstverständlich für süd- und lateinamerikanische Präsidenten, stand auch China auf dem Besuchsprogramm, dazu noch das ebenso aufstrebende Südafrika, alles in allem war dies ein gelungener und vor allem interessanter Einstieg des Präsidenten Boliviens, der wiederum ein fallendes Dominosteinchen auf dem Reißbrett der USA darstellt. Der Reisteller Chinas, sprich die Ressourcen- und Finanzunterstützung, ist hingegen in der US-ureigensten Domäne prall gefüllt. Und Morales lud auch Nelson Mandela zu seiner Amtsinthronisation ein, denn er versprach, die Interessen und auch die politische Einbindung der autochthonen Bevölkerung, die ihm, dem ehemaligen Koka-Bauernführer, den Aufstieg ermöglichte, zu vertreten. Und wer ist eine höhere moralische Instanz als Mandela.

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Abb. 3

Boliviens neuer Präsident Evo Morales, der die Bedürfnisse der breiten Unterschicht kennt.

Zurück zu den Auslandsreisen: Eine zweite Begegnung in Caracas im März 2006 wirkte so, als habe Chávez seinem Schützling Morales noch einmal dahingehend beeinflussen wollen, dass Bolivien seine Politik künftig zuallererst an der „revolutionären“ Achse Venezuela-Kuba ausrichten müsse.

Als gelehriger Schüler weiß Morales, der übrigens angekündigt hat, für eine weitere Amtszeit nicht mehr zur Verfügung zu stehen, was er den neuen Bündnispartnern schuldig ist. Dem kubanischen Staatschef Fidel Castro hatte er eben zuvor schon mit seiner allerersten Auslandsreise Tribut gezollt. Und in Venezuela sagte er seinen Spruch auf, dass er sich dem „antineoliberalen und antiimperialistischen Kampf“ anschließen werde. Das Ziel sei kein geringeres, als die „Zweite Befreiung Lateinamerikas“ zu erreichen. Die erste war jene die von Simon Bolívar, dessen Namen Hugo Chávez mit seiner Politik strapaziert.

Ohne Hilfe Venezuelas ist der Andenstaat kaum lebensfähig, und auch Chávez muss Acht geben, dass ihn die eigenen Probleme nicht vor lauter Außenorientierung verschlingen. Denn Reden und erfolgreiche Taten im Land am Orinoco klaffen noch weit auseinander.

Auch in Ecuador wurde ein „Chávez-Amigo“[11] mit über 60% der Stimmen zum Präsidenten gewählt. Rafael Correa wurde 1963 geboren und will nach dem Muster Venezuelas und Boliviens ein neue Verfassung installieren[12], die sich eben an der „Bolivarischen Verfassung“ orientiert. Correa studierte zunächst an der Universität Guayaquil Wirtschaftswissenschaften und schloss sein Studium 1987 ab. Er absolvierte 1999 vertiefende Master-Studiengänge an der belgischen Université Catholique de Louvain in Louvain-la-Neuve (abgeschlossen 1999) und an der University of Illinois at Urbana-Champaign (abgeschlossen 1999). Im Oktober 2001 promovierte er an der University of Illinois Nach dem Erwerb des Doktorgrades lehrte er an verschiedenen Universitäten in Ecuador und war bis 2005 Professor und Direktor der Abteilung für Wirtschaftswissenschaften an der Universidad San Francisco. In dieser Funktion war er auch Berater für verschiedene wirtschaftspolitische Projekte.[13] Durch den Sieg Correas tritt Ecuador in den immer größeren Kreis der südamerikanischen Staaten ein, die von der Linken regiert werden. Correa kündigte an, die linksgerichteten Wirtschaftsexperten Ricardo Patino und Alberto Acosta mit den Ressorts für Wirtschaft und Energie zu betrauen. „Wir nehmen diesen Triumph in tiefer Gelassenheit und Bescheidenheit an“, sagt Correa auf einer Pressekonferenz. „Wenn wir unser Amt antreten werden, wird es schließlich das ecuadorianische Volk, sein, das die Macht übernimmt.“[14]

Correa war bereits Wirtschafts- und Industrieminister in dem Land, das in den letzten 10 Jahren nicht weniger als 8 Präsidenten verbraucht hat. Verbal ist er stark und bezeichnete das Parlament als „Korrupte Bande“[15], wobei die Anhänger Correas im ecuadorianischen Parlament nicht vertreten sind. Jedenfalls ist Ecuador nunmehr das dritte Land „Gran Colombias“ des Simon Bolívar, das sich zu der neo-bolivarischen Auslegung der Verfassung entschieden hat. Was die konkrete Politik Correas betrifft, darüber wird erst befunden werden, jedoch scheint er sich vom Populismus her kaum von seinen Mitstreitern Chávez und Morales zu unterscheiden. Correa wird ebenso als politisch linksgerichtet mit populistischem Einschlag angesehen. Unter anderem trat er schon seit Beginn der 90-er Jahre als Gegner der Dollarisierung Ecuadors (die er jedoch, wenn, dann nur zögernd angehen will) und eines Handelsabkommens mit den USA auf und zeigte sich als Befürworter beschränkter Bedienung der Auslandsschulden, sofern diese die produktive Entwicklung des Landes behinderten. Er selbst bezeichnet sich als „Humanist“ und „linksorientierten Christen“. Er will umfassend in Sozialprogramm investieren, ist hier auch geprägt von den Lehren der christlichen Soziallehre.[16]

In seinen Wahlkampfspots tritt er zudem entschieden gegen die von ihm „Partidokratie“ genannte bestehende Parteienlandschaft Ecuadors auf und kündigt die Auflösung des im allgemeinen Ansehen nicht sehr hochstehenden Nationalkongresses und eine verfassunggebende Versammlung an. Sein meistverwendeter Wahlkampfspruch Dale Correa (dt. etwa: „Gibs ihm mit dem Gürtel“) ist ein Wortspiel mit Correas Nachnamen und deutet seinen Willen an, die Macht der Parteipolitiker zu zäumen.

Jedenfalls zeigt sich, unter anderem auch im Wahlergebnis von Daniel Ortega in Nicaragua, dass sich Hugo Chávez und seine chavistisch-bolivarische Linie in einigen Ländern bereits so durchgesetzt hat, dass diese vor allem von der einfachen Bevölkerung nicht nur wahrgenommen, sondern auch umgesetzt wird. In Bezug auf Simon Bolìvar zitiert „Die Presse“ in der bereits angeführten Ausgabe vom 28.11. einen der letzten Briefe des Libertador an den ersten, von ihm ungeliebten, Präsidenten Ecuadors, Juan José Flores:

Nach zwanzig Jahren meines Wirkens kann ich nur wenige Schlüsse sicher ziehen: 1. Amerika ist unregierbar, 2. Wer einer Revolution dient, pflügt nur das Meer, 3. Das einzige, was man in Amerika tun kann, ist auswandern (was mehr als 2 Millionen Ecuadorianer bereits taten, Anm.) und 4. wird dieses Land in die Hände einer entfesselten Menschenmenge fallen, um danach von Tyrannen aller Art regiert zu werden[17].

Dieser Brief kann nun nicht nur auf die Situation Ecuadors umgelegt werden, sondern derzeit wohl auf die Gesamtheit der Andenstaaten. Denn Bolívar beschreibt darin zwar die damalige Situation seines Groß-Kolumbiens, diese Art einer Unregierbarkeit zeigt sich derzeit aber auch und gerade in den oftmals wechselnden Machthabern, ein Kommen und Gehen ist zu beobachten, mit der Ausnahme, dass sich die Bevölkerung durch die Einleitung der demokratischen Prozesse ihre Präsidenten selbst wählen kann.

2.2. Chávez, Morales, Correa - die indianischen Revolutionsführer ?

…So titelte das „Hamburger Abendblatt“ am 17. 01. 2006

Und schrieb dann weiter:

Jede Bewegung braucht ihren Schlachtruf. Venezuelas Präsident hat seinen Anhängern folgenden verordnet: "Chávez seguro - al Yankee dale duro!" ("Chávez ganz klar - dem Ami wird er ordentlich einen verpassen!") Denn der bullige Mann sieht sich als Befreier Südamerikas gegen die Herrschaft der USA und Rächer der Armen gegen die Herrschaft des Kapitals. Jede Woche zeigt die mehrstündige Sendung "Alo Presidente" die neuesten Heldentaten des Revolutionsführers: Chávez verteilt Brot, Chávez spendet angeblich sein Präsidentengehalt, damit Kinder aus den Armenvierteln studieren können, Chávez verleiht Orden beim Militär, Chávez geht mit kubanischen Ärzten durch die Slums der Hauptstadt Caracas, um Hilfe zu bringen. Die bewaffneten Sicherheitsleute, die die Ärzte an der Flucht hindern sollen, werden nicht gefilmt.

Seinen "revolutionären Kampf" finanziert Chávez, wie jeder tüchtige Geschäftsmann, über den Handel mit teurem Öl. Die Gelder fließen dabei auch ins Ausland. Fidel Castro bekommt das Öl praktisch geschenkt und kann so sein marodes Regime noch über Wasser halten. Auch der neue sozialistische Präsident in Bolivien, Evo Morales, wird großzügig mit Öllieferungen bedacht. Die reichen Gasvorkommen in Bolivien hat Morales, wie sein Vorbild Chávez, als eine der ersten Amtshandlungen verstaatlicht. Zudem will er den Coca-Anbau (Grundstoff für Kokain) legalisieren und die Indianer auf Kosten der weißen Oberschicht besserstellen. Die hat bereits gedroht: Sollte Morales seine sozialistischen Pläne durchführen, würde Bolivien geteilt.[18]

Allen ist gemeinsam, dass sie sich „links“ oder als „linke Revolutionäre“ gerieren. Doch was ist heute links in Lateinamerika? Venezuelas Präsident Chávez verbindet die Rhetorik Fidel Castros aus den siebziger Jahren mit den Petro-Dollars des 21. Jahrhunderts. Der »Castro mit Geld« hat mit Enteignungen von Ölanlagen Morales den Weg gewiesen sowie sich den direkten Zugriff auf die sprudelnden Milliardeneinkünfte des fünftgrößten Ölexporteurs der Welt gesichert. Ob Öl für Bolivien und Kuba oder milliardenschwere argentinische Auslandsschulden, ob subventionierte Lebensmittel oder Ärzte für die Armen im Lande – Chávez bezahlt alles[19]. Doch das hat mit »linker Wirtschaftspolitik« so wenig zu tun wie mit nachhaltiger Entwicklung: Die Korruption wächst, auf der Liste von Transparency International nimmt Venezuela einen der letzten Plätze ein[20]. Und Zukunftsinvestitionen bleiben aus. So wirkt der Patron wie ein neureicher Gastgeber, der für arme Freunde eine Riesenparty schmeißt – bis das Buffet schließlich leer ist. Arme Freunde wie Evo Morales profitieren davon – kurzfristig. Bolivien ist das ärmste Land Südamerikas. Das liegt auch daran, dass eine korrupte Oberschicht lange Zeit sowohl Gas als auch Öl zu Schleuderpreisen an multinationale Konzerne verscherbelte. So legitim die Forderung nach Neuverhandlungen scheint, so klein ist jedoch der Spielraum von Morales. »80 Prozent der Investitionen in Bolivien stammen aus der Entwicklungshilfe«, sagt Günther Maihold, Vizedirektor der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Aggressives Vorgehen gegen ausländische Unternehmen scheint da wenig opportun. Länder wie Ecuador und Kuba stehen nicht viel besser da – das verleiht Chávez’ Ambitionen als Anführer des Kontinents seiner Politik Rückenwind. International jedoch isoliert sich Chávez trotz allem immer mehr. Wirtschaftsforen ignoriert er bewusst und widmet sich wichtigeren Themen, wie z.B. der venezolanischen Flagge, die er kürzlich umnähen ließ. Lief das Wappenpferdchen bisher nach rechts , so trabt es nun nach links. Wenn das kein Beitrag zur bolivarischen Revolution ist? Und von politisch engagierten Autoren, wie z.B. Wolf Biermann wird Hugo Chávez schon auf einer „demokratischen“ Stufe mit „[…]finsteren Lichtgestalten in der Tradition lupenreiner Demokraten wie Hitler, Stalin, Franco, Salazar, Ulbricht, Achmadineschad, al-Assad, Lukaschenko […] und Putin“ gestellt.[21]

2.2.1. Revolution zwischen Öl und Medien

Die Fachzeitschrift Foreign Policy hat den ehemaligen Fallschirmjägeroberst als Wortführer eines erstarkenden linksnationalistischen Militarismus in Lateinamerika dargestellt, mit Fidel Castro als ideologischem Mentor[22]. Die gegen die USA gerichteten Verbalattacken des populistischen Ex-Putschisten sind für viele Beobachter Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins auf dem Kontinent. Als Druckmittel dienen Chávez die natürlichen Ressourcen Venezuelas und die Mitgliedschaft in der OPEC, der mächtigen Organisation Erdöl exportierender Länder. Venezuela ist der fünftgrößte Öllieferant der USA.[23] Vor allem wird die Kompetenz der lateinamerikanischen Staaten und deren Rolle in der Weltpolitik angezweifelt:

The leadership in South America has changed in a big way. Brazil’s Lula, has been battered by scandal and is struggling to stay in office. The leftist union leader is now viewed as a comparative moderate when viewed against Venezuela’s Hugo Chávez, Argentina's Nestor Kirchner (characterized to me today by one Latin government leader as “insane”), and Bolivia’s recently elected Evo Morales (who was taken to task by one Bolivian with whom I spoke for accepting an all expenses paid victory lap around the world underwritten by Chávez who ensured it would start in Cuba and dressed it up with a major gift of oil). With potential populist outcomes later this year in Peru, Nicaragua and Mexico, virtually all of the Latins with whom I spoke expected that the continent will have an even lesser role in Davoses of the near future. Sadly they’re probably right.[24]

Aus seinen Absichten macht der charismatische Präsident keinen Hehl. Dank hoher Ölpreise ist er in der Lage, umfangreiche Sozialprogramme zu finanzieren, befreundete Staaten mit günstigem Rohstoff zu versorgen und für Milliarden von Dollar Waffen für den Fall einer US-Invasion zu kaufen. Der Geldsegen ist für Chávez eben dieses willkommene Mittel, um sich politisch auf dem Kontinent zu profilieren.

Bei den Nachbarstaaten wirbt der 52-Jährige für die „Bolivarische Alternative für die Amerikas". Chávez ist ein Verehrer des Freiheitshelden Simón Bolívar, der von einem vereinten Kontinent träumte. Der Venezolaner sieht sich selbst natürlich als Anführer einer bolivarischen Revolution in Lateinamerika.

Als perfekter Populist weiß Chávez um die Wirkung der Medien, daher ist Chávez’ derzeitiges Lieblingskind der regionale TV-Sender TeleSUR, der das Nachrichtenmonopol des spanischsprachigen Senders CNN En Español brechen soll. Trotz seines hohen Budgets und der Beteiligung anderer Staaten der Region überzeugt TeleSUR seine Zuschauer aber bisher nicht. Dem Satellitenkanal, den die Kritiker in Anlehnung an den arabischen Sender al-Jazeera auch „Al-Bolívar" nennen, fehlt es an Objektivität. Viele bemängeln, dass TeleSUR allzu offensichtlich Propaganda für die bolivarische Revolution betreibt.[25] Im eigenen Land ist Chávez auch beim Fernsehen gelandet.[26] Jeden Sonntag strahlt das venezolanische Staatsfernsehen die Sendung Aló Presidente aus. Es ist eine One-Man-Infotainment Show des Staatspräsidenten. Hier schlüpft Chávez in die Rolle des Gastgebers einer politischen Infotainment-Show. Das Publikum ist ausschließlich in Rot gewandet und hat eine aktive Rolle – es johlt, feuert an und reagiert mit Zwischenrufen, während Chávez seine politischen Projekte erläutert oder auch über sein geliebtes Baseball referiert, er liest aus Büchern, zeigt Videos und manchmal singt er. Alo Presidente ist seine Solo-Show, was ihm in den Sinn kommt, kann sofort realisiert werden.[27] Ein Export dieser Vereinnahmung des Massenmediums Fernsehen ins lateinamerikanische Ausland wird aber schwierig, da die televisionäre Versorgung in den anderen Andenstaaten nicht so ausgeprägt ist.

Sicherlich hat Chávez hier Anleihe bei seinem berühmten kubanischen Kollegen Fidel Castro genommen, der seit seinen Anfangsjahren der Revolution und der Machtübernahme das Publikum durch seine öffentlichen Auftritte in vorher nie gekannter Weise zu fesseln verstand:

An diesem ersten Abend in Havanna entwickeln sich spontan einige der vielen ritualisierten Interaktionen zwischen Fidel und der Masse seiner Zuhörer. […] es entsteht die Art von Dialog zwischen dem Redner (gemeintist Fidel Castro, Anm. d. Verf.) und seinen Zuhörern, die seine Reden bis heute kennzeichnen. Er stellt rhetorische Fragen und entlockt der Menge immer wieder Rufe der Zustimmung. […] Die Menge prägt dabei auch den Ruf „Vas bien, Fidel, vas bien.[28]

Chávez hat zwar nicht ganz die Ausdauer von Castro, dessen längste Rede 11 Stunden gedauert hat (1969),[29] aber er lässt sich auch gerne vom Fluss seiner eigenen Rede mitreißen. Und auch bei seinen Versammlungen werden Ausdrücke der Zustimmung mittels Zurufens geprägt, wobei das „No“ seit 2004, dem Jahr des Referendums eine zentrale Stellung einnimmt. Denn ein „No“ am Stimmzettel hieß, für Chávez zu sein (die Fragestellung war in etwa, ob die Wähler damit einverstanden sind, dass das Mandat zum Präsidenten, das Hugo Chávez Frias innehat, für die laufende Legislaturperiode ausgesetzt wird). Und das No wurde daraufhin zum Bestandteil chavistischer Umzüge. Auch ein Salsa-Klassiker wurde von der Grupo Madera umgedichtet: „Uh – Ah – Chávez no se va“ (=Chávez wird nicht zurücktreten) wird zum Sommerhit des Jahres 2004.[30]

2.3. Chávez – Neuer Messias, Zweiter Castro, Nachfolger Bolivars..

Ein Ausschnitt aus einer beobachtenden Beschreibung von Thomas Schmid aus der „Zeit“-Redaktion:

Chávez genießt seine Sendung, er liebt den direkten Draht zu seinem Volk. Ohne Punkt und Komma plaudert er von Simón Bolívar,, dem "Befreier Lateinamerikas", von seinem Treffen mit dem argentinischen Präsidenten Néstor Kirchner, vom kleinen Nico, dessen Vater gestorben ist und der danach klaute, um zu überleben, von der revolutionären Seele des Volkes und von seiner eigenen Jugend. Er zeigt Fotos aus seiner Kindheit und den Baseball-Schläger, den ihm Sami Sosa, einer der bekanntesten Spieler der USA, geschenkt hat. Dann schließt er die Augen, konzentriert sich und rezitiert einige Strophen aus der populären venezolanischen Ballade Florentino und der Teufel, bei der es um den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse geht. Schließlich zieht er ein silbernes Kruzifix aus der Brusttasche, hält dem Fernsehpublikum beschwörend den Gekreuzigten entgegen und schimpft auf die Opposition und die USA. Zwischendurch werden Zuhörer zugeschaltet. Chávez notiert sich die Anliegen und verspricht Abhilfe: "Ich werde der Sache nachgehen, ich verspreche es dir, wir werden eine Lösung finden." Der Präsident duzt alle.[31] Er verkörpert den typischen spanisch-angehauchten Lateinamerikaner, spontan, begeisternd, euphorisch, wenns sein muss, traurig, wenn anders sein muss. Simon Bolivar wurde in seine Rolle des Herrschers hineingedrängt, weil er eben den Traum einer kontinentalen Einheit samt Errichtung eines progressiven vereinigten Staates leben wollte. Sicherlich war auch Bolivar nicht nur nett und sanft, sondern auch intrigant und rücksichtslos. Bolivar hätte mit „seiner“ oder besser derzeit in seinem Namen stattfindenden Revolution sicherlich keine Freude gehabt. Aber handelt es sich überhaupt um eine Revolution? Venezuela bedient seine Auslandsschulden ohne Verzug. Chávez hat das Privateigentum nicht angetastet. Verstaatlichungen gab es (noch) keine. Die USA, die ungefähr die Hälfte der venezolanischen Ölexporte kaufen, werden pünktlich bedient, ihre Wirtschaftsinteressen sind nicht tangiert. Der Bush-Administration ist Chávez trotzdem ein Ärgernis. Er ist mit dem ewigen Widersacher auf Kuba befreundet. Er mausert sich zu einer Idolfigur der globalisierungskritischen Linken Lateinamerikas. Er schmiedet an einer lateinamerikanischen Allianz gegen die von den USA angepeilte Amerikanische Freihandelszone (FTAA) und setzt ihr die ALBA, die Bolivarianische Allianz Amerikas, entgegen, den Traum Bolívars von einem vereinigten Lateinamerika.[32]

Und Faktum ist sicherlich, dass Chávez mit seinem quasi-autoritären System das Kind seiner Vorgänger ist. Denn diese bedienten sich am reichen Venezuela ungeniert. Die "Miamieros", die Oberschicht von Caracas, hatte in den 1970ern zum Beispiel den höchsten Pro-Kopfverbrauch an schottischem Whisky und Äpfeln aus Europa weltweit. Dafür gab es kaum Überlandstraßen. Miamieros hießen die Angehörigen der Oberschicht von Caracas, weil sie am Wochenende nach Miami jetteten, um für ein paar tausend Dollar zu shoppen. Die Einkommensunterschiede sind riesengroß, eine U-Bahnfahrt von Chacao nach Altamira ist so, wie wenn man mit einer fiktiven U-Bahn von Oslo nach Algier fahren würde.[33]

Ob die Vision eines geeinten „bolivarischen“Lateinamerika und einer „multipolaren“ Weltordnung Zukunft hat, oder ob sie in ganz normalen Handelsbeziehungen und strategischen Bedürfnissen verläuft, ist nicht abzusehen.[34] Der Status der von Chávez ausgerufenen bolivarischen Revolution ist vorläufig und uneindeutig. Ihr Fortschritt hängt von zwei Bedingungen ab: dass die Allianzen, die Chávez knüpft, um sich an der Macht zu halten, ihm eine Radikalisierung erlauben sowie, dass die sozialen Bedingungen, die ihn zur Radikalisierung antreiben, die Machtstrukturen, auf die er sich stützt, überwinden können.

2.3.1. Wer ist Hugo Chávez Frias

In diesem Kapitel soll kurz der Frage nachgegangen werden, wer dieser Präsident Venezuelas und Leitfigur der angeblich revolutionären Linken wirklich ist, woher er kommt, zudem sollen die Inhalte der „Bolivarischen Revolution“ betrachtet werden. Hugo Chávez, 1954 als zweites von sechs Geschwistern geboren, wuchs in relativ bescheidenen Verhältnissen in Sabaneta auf, einem kleinen Ort im Westen des Landes. Sein Vater war Lehrer, die Mutter Hausfrau. 1970 trat er in die Militärakademie ein, für Leute aus seinem Milieu oft der einzige Weg zu sozialem Aufstieg. Zu jener Zeit herrschten in Peru General Juan Velasco Alvarado und in Panama Oberst Omar Torrijos. Beide Präsidenten waren linke Nationalisten und verstanden sich als Sozialreformer. Ihr Einfluss prägte den jungen Kadetten Chávez, der 1974 Peru besuchte und mit einem Sohn Torrijos' zusammen studierte.[35] 1975 verließ Chávez die Akademie als Unterleutnant der Artillerie und schlug eine militärische Karriere ein.

2.3.2. Die bolivarischen Anfänge von Chávez

Schon bald konspirierte Chávez in militärischen Zirkeln und gründete 1982 - kurz vor dem 200. Geburtstag Bolívars - die Revolutionäre Bolivarische Bewegung 200, die Kontakt zu linken Gruppierungen im zivilen Lager suchte.[36] Vorher schwankte er zwischen Baseball und Bolìvar, wie Chávez gegenüber seinem deutschen Biografen ausdrückt: „Ich hatte keinerlei politische Motivation, ich wollte einfach nur Baseball spielen, daher ging ich an eine Militärakademie“. [37] Aufgrund seiner Freundschaft mit zwei Söhnen eines bekannte Mitglieds der kommunistischen Partei Venezuelas kam er doch mit politischer Ideologie in Berührung und empfand sehr bald eine Faszination für Simon Bolìvar und Ezquiel Zamora, dem Helden der Kämpfe von 1859, als er der herrschenden Klasse der Großgrundbesitzer eine vernichtende Niederlage zufügte. [38] Im Dezember 1974 darf Chávez mit einer Delegation von Studenten nach Peru reisen, Anlass dafür sind die Feierlichkeiten des 150. Jahrestages der Schlacht von Ajacucho, bei der Truppen des Bolìvar-Vertrauten General Sucre die spanischen Truppen vernichtend schlugen. Dabei trifft Chávez, selbst ein Absolvent des Lehrgang „Simon Bolìvar“ auf peruanische und panamesische Studenten, die ihn faszinieren [39] . Sie sprachen mit ihm über Torrijos., den Präsidenten Panamas, von dessen Revolution und den Plänen der Rückgewinnung des Kanalgebietes und er verglich all das „mit dem, was Bolìvar gesagt hat, dass Panama für Amerika sein sollte, was Korinth für die Griechen war, diese ganze wunderbare Sache, die wie eine Utopie klang“, so Chávez [40] . Chávez versucht seit daher immer wieder, seine ideologischen Ansätze in der Geschichte zu finden und will sich von den Doktrinen und Richtungsstreitereien innerhalb der marxistisch-leninistischen, trotzkistischen, guevaristischen Revolutionsmodelle lösen. „In dieser Geschichte, die nicht verschriftlicht ist, die aber in der Erinnerung weiter besteht, liegen Elemente einer Doktrin, die zeigen, dass Männer wie Bolívar oder Zamora Ideen hatten, wenn auch weder entwickelt noch aufgeschrieben.“ [41]

2.3.3. Die Bolivarische Doktrin

Dass Bolívar das große Vorbild des derzeitigen venezolanischen Präsidenten ist, liegt auf der Hand. "Bereits vor 200 Jahren gab es in Venezuela eine revolutionäre Bewegung, die sich auf den halben Kontinent ausdehnte. [...] man hisste Fahnen. Und danach kam Bolívar und nahm die Fahne und führte sie in die Schlachtfelder[...]. Das venezolanische Volk hinter Bolívar und mit dem Traum der Freiheit und der Integration Südamerikas überwand Tausende Kilometer[...] von der Karibik bis Hochperu."[42] Daher hat sich Chavez auch den historischen Bolívar zum Vorbild für seine politischen Aktivitäten genommen und auch versucht[43], dessen damaligen Aussage, Briefe und Manifestationen zu imitieren und in seine Gegenwart zu integrieren.

2.3.3.1. Der Schwur von Monte Sacro

Neben Bolívar und Zamora ist es ein Dritter, der das revolutionäre Denken Venezuelas, in Europa oft unbeachtet, wesentlich beeinflusst hat: Simón Rodriguez (1769 geboren), der visionäre Lehrer, der auch den jungen Bolívar unterrichtet hat. 1840 hatte Rodriguez vor der „Weisheit Europas“ gewarnt: „Wird der schillernde Vorhang, der sie bedeckt, weggezogen, wird das schreckliche Bildnis des Elends und Laster erscheinen. [ …] Amerika sollte daher nicht servil imitieren, sondern originell sein“ [44] . Seiner Zeit weit voraus, forderte er, die Schulen müssen nicht nur die Kinder der weißen Oberschicht, sondern auch die Schwarzen, Mestizos und Indios unterrichten. Aus dem Schuldienst ausgeschlossen, verließ er 1797 das Land und kam nach mehrjähriger Odyssee nach Europa, hier trifft er 1804 Bolívar, wobei die beiden 1805 nach Rom reisen. [45] Dort nimmt Rodriguez seinem Schüler Bolívar einen Schwur ab. „Ich schwöre vor Euch, ich schwöre bei dem Gott meiner Eltern, bei Ihnen selbst, bei meiner Ehre, bei meinem Vaterland, dass mein Arm nicht ruhen soll, noch meine Seele Frieden finden, bis die Ketten gesprengt sind, die uns nach dem Willen der spanischen Macht gefangen halten.“ [46]

Und dieser Schwur steht Pate, als sich 1982 Hugo Chávez und drei seiner Kameraden unter einem alten Baum in der Nähe Maracays versammeln. Der Baum trägt den Namen Samán de Güere und von ihm wird behauptet, dass Simón Bolívar seine Schatten gesucht habe. [47] . Der Tag ist der 17. Dezember und es ist der Todestag von Simon Bolívar. Die vier Offiziere wollen sich an diesem Tag auf ihr revolutionäres Projekt einschwören, Chávez spricht den Schwur auswendig vor: „Ich schwöre vor Euch, ich schwöre bei dem Gott meiner Eltern […].“. Die „spanische Macht“, der Bolívar zwei Jahrhunderte zuvor den Kampf ansagte, ersetzen sie durch die Worte „die Mächtigen“. [48] Mit diesem Schwur von Samán de Güere gründen Chávez und seine Freunde die Urzelle der bolivarischen Bewegung: Das „Ejercito de Bolivariano Revolucionario“, das bolivarisch-revolutionäre Herr, kurz EBR-200 (200 zur Erinnerung an den 200-jährigen Geburtstag Bolívars.

2.3.3.2. Baum der Drei Wurzeln

Chávez hatte Bolívar studiert, er kannte damals schon alles von ihm, hat ihn förmlich aufgesogen. Eine keine Gruppe bildet eine Ideologie-Kommission und entwickelt das Konzept „El arbol de los Tres Raìces“ (Baum der drei Wurzeln). Es ordnet die zentralen Politikfelder der Bewegung drei historischen Persönlichkeiten zu, die in der „Bolivarischen Republik Venezuela“ des Präsidenten Chávez zu den wichtigsten Heldenfiguren werden: Bolívar, Zamora und Rodriguez. [49] Der „Baum der Drei Wurzeln“ ist kein Modell, das einer ideologiekritischen Überprüfung standhalten will. Es will vor allem eines, was auch Chávez bei jeder Gelegenheit zum Ausdruck bringt: An Nationalhelden anknüpfen, die in der venezolanischen Bevölkerung populär sind und dieser Popularität eine neue politische Gewichtung geben. Im Falle Simón Bolívars ein ehrgeiziges Unterfangen: der Nationalheld Nummer Eins ist im Land omnipräsent, wer das Zentrum einer Stadt sucht, fragt am besten nach der Plaza Bolívar, und noch jeder venezolanische Präsident oder Diktator schmückte seine Reden mit zahlreichen Bolívar-Zitaten. Über mittlerweile beinahe 175 Jahre ist der Befreier zur allgegenwärtigen Ikone geworden. „Der Bolivarismus ist für alles gut“ [50] . Bolívar-Büsten und –Statuen sind zu Insignien der Obrigkeit geworden. „Du konntest nicht mit einem T-Shirt auf der Plaza Bolìvar herumlaufen, weil es respektlos gegenüber dem Befreier gewesen wäre. Du musstest einen Anzug tragen“, so der Salsa-Pianist Ray Perez in seinen Erinnerungen über das Caracas der fünfziger Jahre. [51] Auch die Ideen Simon Rodriguez` wurden wieder aktuell und der Lehrer Bolívars erlebte in den 1980er Jahren, die Zeit des Schwurs und des Baumes der Drei Wurzeln, seine Renaissance; vor allem im Zuge der Befreiungspädagogik Paulo Freires beziehen sich viele Reformpädagogen Lateinamerikas auf Rodriguez.

Für die Vertreter der EBR-200 waren Widersprüche im Denkmodell Bolívars mit ihren Ideen marginal und wurden argumentativ vom Tisch gewischt, etwa an die erste Verfassung Bolívars 1811, in der dieser nur den Besitzenden das Wahlrecht zugesteht. Chávez bedient als Argument gleich eine Palette aller Ideologien, „das Modell sei keine Doktrin, kein Katechismus, den man wie ein Handbuch zur Revolution verteilen kann und verweist dann auf den Baum der drei Wurzeln, den man auch auf fünfhundert Wurzeln erweitern könne. Man müsse sich vom Marxismus nähren, von liberalen Vorstellungen, vom Strukturalismus, aus vielen Quellen. Ebenso müsse man sich des Christentums bedienen und der antiken Denker. [52] O inventamos – o erramos[53], wir erfinden oder wir gehen fehl, diesen Ausspruch von Simón Rodriguez zitiert Chávez bis zum heutigen Tag bei jeder passenden Gelegenheit [54] . Der „Baum der Drei Wurzeln“ ist ein historisches Bezugssystem, eine Klaviatur historischer Anekdoten, auf der Chávez spielt. Damit erscheint er postmodern: Bolìvarismus, Christentum, Sozialismus des 21. Jahrhunderts, er will damit Identität schaffen. Der Bolívarismus ist weniger Ideologie als Selbstvergewisserung, die einem erfinderischen, panlateinamerikanischen Nationalismus Raum geben und Mut machen will. Das ist die Intention von Hugo Chávez.

Ist es aber für eine Revolution an der Schwelle vom 20. ins 21. Jahrhunderts notwendig, nach Orientierung bei großen Männern des 19. Jahrhunderts zu suchen? Chávez meinte dazu in einem Interview:

Ich entdeckte die Wahrheit über die Geschichte Bolìvars eines Nachts, als ich während meiner Soldatenzeit Bereitschaftsdienst hatte. Uns hat nie jemand erzählt, dass Bolìvar aus Venezuela rausgeschmissen wurde[…]. Man widersetzte sich den Plänen Bolìvars, die Sklaverei abzuschaffen, die Ländereien aufzuteilen und den Schwarzen Unterricht zu geben. Seitdem ich Bolìvar gelesen hatte, begann ich mich zu befreien und zum Rebell zu werden. So wie schon Camus sagt: `Ich rebelliere, also existiere ich`. [55]

Im Zentrum des Denkens Bolìvars steht, dass Lateinamerika geeint werden müsse und darüber hinaus war er überzeugt, dass das Militär niemals gegen das eigene Volk vorgehen dürfe. [56] Auch Rodriguez verfocht die Gründung eigener Institutionen, die für die jeweiligen Realitäten angepasst werden müssen, sowie es Chávez derzeit mit seinen „Misiones“ (zweckgerichtete Institutionen, z.B. für ein verbessertes Gesundheitswesen, für mehr Bildung, um nur einige zu nennen) macht. Ezquiel Zamora wiederum war ein liberaler General, die im Bürgerkreig von 1850 gegen die Konservativen kämpfte, die Landverteilung an die Bauern unterstützte und den umfassenden Kampf gegen die Oligarchie. [57] Chávez sieht Zamora in den Fußstapfen von Bolívar und auch das Ziel eines geeinten Lateinamerika verfolgend: [58]:

In Zamora you will find the same Bolivarian geopolitical thinking about the unity of Latin-America; he had tried to link up his forces with those who were fighting for the Federation in Colombia territories across the Apure River. […] he described the new era of the Colombian Federation that was now opening up, that had been the final wish of our Liberator, the great Bolívar. [59]

2.3.3.3. Nur eine Minute

I m Februar 1992 führte Chávez als Kommandant eines Fallschirmjägerbataillons einen Putsch an. Militärisch scheiterte der Staatsstreich, politisch wurde er ein Erfolg. Warum er aber scheiterte, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. „Operaciòn Ezquiel Zamora“ wurde sie genannt und an deren Spitze steht der Offizier Hugo Chávez über dessen Rolle es widersprüchliche Aussagen gibt. Einige seiner Mitstreiter wenden sich von ihm ab. „Niemand spielte ein sauberes Spiel“, konstatiert auch Herma Marksman, die langjährige Lebensgefährtin Chávez`, die in zwei Büchern schonungslos mit ihrem Ex-Geliebten abrechnet[60]. Eigentlich sollte der damalige Präsident Carlos Andrés Pérez schon auf dem Flughafen festgenommen werden, als er vom Weltwirtschaftsforum aus Davos kommen sollte. Die Koordination der Aufständischen klappte aber nicht so recht. Trotz allem sollte sich in dieser Nacht das weitere Schicksal von Chávez entscheiden. Angesichts der grassierenden Korruption fand er bei der Bevölkerung breite Zustimmung. In Kampfuniform präsentierte sich damals Chávez der Fernsehnation und übernahm die Verantwortung für das gescheiterte Unternehmen. Viele Venezolaner rechneten ihm diese Haltung hoch an. Da stand einer öffentlich für seine Handlungen ein, statt anderen die Schuld zuzuschieben. Das war man nicht gewohnt:

[…] Es werden sich neue Gelegenheiten ergeben und das Land muss sich definitiv auf den Weg zu einem besseren Schicksal machen. […] Hört auf meine Worte, hört auf den Comandante Chàvez., der Euch diese Botschaft sendet. Companeros, vorläufig sind die Ziele, die wir uns gestellt haben, nicht erreicht worden. [...] Ich übernehme vor dem Land und vor euch die Verantwortung für diese militärisch-bolivarische Bewegung. Vielen Dank.[61]

Der „Putschist“ präsentiert sich moderat, spricht freundlich und ist Mestize, gehört also nicht der weißen Herrscherschicht an und es war vor allem das Wort „vorläufig“, das sich bei der Bevölkerung, die dank einer Durchschaltung in alle TV-Anstalten diese kurze Ansprache verfolgen konnten.[62] Präsident Perez selbst hatte diese Durchschaltung angeordnet, wohl in der Meinung, dass damit die Putschbewegung bloßgestellt werden wird. Genau das – diese eine Minute - war aber der Beginn der Chávez-Mania[63], denn der Fernsehschirm hatte genügt. einen bis dahin unbekannten Fallschirmjäger zum eigentlichen Sieger des Aufstandes zu machen. Einige Chávez- Biografen ziehen seine Rolle jedoch immer wieder in Zweifel. Er habe seine Kameraden in ein Blutbad geführt, ohne dass diese richtig gewusst hätten, was sie taten, Chávez habe das Scheitern des Putsches absichtlich herbeigeführt, um sich an die Spitze der Bewegung zu stellen.[64] Aber diese eine Minute und das Wort „vorläufig“ – spanisch „por ahora“ waren das Entscheidende und nicht Geschichten, die sich nachher darum rankten. „The phrase for the moment, por ahora, caught the popular imagination. The aims of the rebellion had not been secured, but most people read this message optimistically, as sign that Chávez would return to the struggle at a later date.”[65]

Sechs Jahre später wurde der gescheiterte Putschist mit 58 Prozent der Stimmen zum Präsidenten des Landes gewählt. Schon der Amtseid geriet ihm zur Machtdemonstration: "Ich schwöre auf diese moribunde Verfassung." Kaum im Amt, ließ Chávez unter Verletzung der geltenden Gesetze eine verfassungsgebende Versammlung wählen, die binnen dreier Monate eine neue "bolivarische" Verfassung ausarbeitete. Diese wurde im Dezember des Jahres von 71 Prozent der Venezolaner gebilligt. Die Machtbefugnisse der Exekutive wurden auf Kosten der Legislative ausgeweitet. Und dem Präsidenten obliegt es nun, über Beförderungen in der Armee zu entscheiden.

Im Jahr 2000 wurde Chávez erneut - diesmal mit 59 Prozent der Stimmen - zum Präsidenten gewählt. Doch nun verängstigten sein zunehmend radikalerer Diskurs, seine Hetze gegen die alte politische Klasse, sein revolutionärer Habitus und seine Appelle an die Armen die Mittelschichten und schreckten die Oligarchie auf. Die Opposition mobilisierte ihre Anhänger, auch unter den Militärs. Im April 2002 scheiterte ein Putsch gegen den Präsidenten. Danach versuchte die Opposition, ihn mittels eines zwei Monate dauernden Generalstreiks aus dem Amt zu zwingen. Vergeblich. Die Möglichkeit der plebiszitären Abberufung des Präsidenten nach Ablauf der Hälfte seiner Amtszeit wurde durch die bolivarische Verfassung überhaupt erst eingeführt. Und erst neulich ließ Chávez mit der eigenartig anmutenden Aussage aufhorchen, dass er, falls die Opposition die Präsidentschaftswahlen im Dezember 2006 boykottieren sollte, er sich per Volksabstimmung gleich zum Präsidenten bis 2031 erklären lassen wolle.[66] Da wäre er erst smarte 77 Jahre. Es geht also hier weniger um Demokratie, als vielmehr um das krallenhafte Festhalten an der Macht. Denn ein wirklich volksnaher Politiker hätte keine Angst vor der Meinung und den Stimmzetteln des Volks, einer, der aber das Wort Demokratie nur auf den Lippen trägt, muss sich diktatorischer Mittel bedienen. Chávez denkt und handelt anders. Elf Jahre offene Konspiration, sieben Jahre Umwandlung des Putsches in ein mehrheitsfähiges Politikprojekt und all die Jahre an der Macht – da kann einer wie er nur die Opposition verhöhnen, wenn sie sein Ende prophezeien.[67] Auch bei den jüngsten Wahlen ist es nicht gelungen, Chávez aus dem Amt zu eliminieren. Zu geschickt agiert dieser mit der Meinung und den Gefühlen der Mehrheit der Bevölkerung, der Mehrheit derjenigen eben, die bis zu Beginn der neunziger Jahre im rechtlosen Raum agierten und weitgehend fremdbestimmt waren. Zu ungeschickt und zu zerstritten präsentieren sich hingegen die politischen Oppositionsparteien. Die Politiker und Generäle, die heute die Revolution beklagen und die Ablöse von Chávez fordern, tragen in erster Linie die Verantwortung, dass Chávez soweit kommen konnte.

2.3.4. Die Bolivarische Revolution

Es ging und geht Chávez um eine politische Neuordnung. Diese will er nun auch anderen Ländern aufdrängen und hat eben das nötige Kapital durch das Öl und seinen hohen Preis dazu, denn zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Arbeit lag dieser aktuell bei über $ 80.— pro Barrel, eine nie gekannten Höhe. Und trotzdem hat sich für das Volk wenig geändert, wenn dann eher zum Schlechteren, denn Venezuela ist in den meisten signifikanten Indices[68] wie Arbeitssituation, Bildungswesen, Einkommensgleichheit, Inflation unverständlicherweise weiter nach hinten gerutscht. War Venezuela 2003 noch an 69. Stelle, rutschte es bis Rang 75 ab und das trotz der Riesenölfelder. Venezuela ist bekanntlich der 5. größte Erdölproduzent der Erde.

[...]


[1] Zeuske, Michael, Zur heroischen Illusion, „Heroische Illusion“ und Antiillusion bei Simón Bolívar. Überlegungen zum Ideologiekomplex in der Independencia 1810 – 1830. In: Kossok, Manfred; Kross‚ Editha (Hrsg.): 1789 - Weltwirkung einer großen Revolution. Band 2,Leipzig, 1993, S 591

[2] Callinicos, Alex : The revolutionary ideas of Karl Marx,. [Aus d. Engl. v. Elke Anweiler, Die revolutionären Ideen von Karl Marx]. Köln 2005 . S 264

[3] Ebd. . S 264

[4] Vgl. Kossok, Michael, Simon Bolívar und das historische Schicksal Spanisch-Amerikas, Berlin 1983, S 25

[5] bd. S 27

[6] Puhle, Hans-Jürgen, Muster Gesellschaftlicher Entwicklung in Nord-und Lateinamerika, in: Edelmayer, Hausberger [Hrsg.], Die vielen Amerikas. Frankfurt 2000 S 22

[7] Neuber, Harald in http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24462/1.html, 18.1. 2007 (Zugriff 21.3.2007)

[8] Allende wurde bekanntlich unter tatkräftiger Mithilfe der CIA, wie jetzt veröffentlichte Telefongespräche zwischen US-Präsident Richard Nixon und seinem Sicherheitschef Henry Kissinger belegen: (Kissinger to Nixon "we helped" coup forces in Chile (nachzulesen National Security Archive Briefing Book, No 123, edited by Peter Kornbluh, Washington 1997), bei einem Putsch „beseitigt“, also schlicht ermordet.

[9] Vgl. Twickel, Christoph, Hugo Chavez – Eine Biografie. Hamburg 2006, S 7

[10] Ebd. S 8

[11] Vgl. „Fußtritt für den Großen Bruder“ im Andenstaat“ in: Die Presse, 28.11.2006, (Mit „Großer Bruder“ ist die USA gemeint, Anm. d. Verf.), S 6

[12] ebd.

[13] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Rafael_Correa (Zugriff am 27.12. 2006)

[14] Vgl. www.welt.de/ap vom 27.11.2006 (Zugriff am 27.12. 2006)

[15] Vgl. www.spiegel.de vom 27.11.2006 (Zugriff am 28.12. 2006)

[16] Vg. http://de.wikipedia.org/wiki/Rafael_Correa

[17] Vgl. Die Presse, „Fußtritt für den Großen Bruder“ im Andenstaat“ 28.11. 2006, S 6

[18] Vgl. Hamburger Abendblatt vom 17.1.2006

[19] Vgl. Südhoff Ralf, Wachstum mit links, in „Die Zeit“ 11.5. 2006

[20] http://www.transparency.org/regional_pages/recrea/recrea (Zugriff 10.3.2007)

[21] Vgl. Wolf Biermann, Der verdorbene Greis! – eine Abrechnung mit Pinochet, in: „Die Zeit“ vom 7. Dezember 2006, Nr. 50, S 13

[22] Vgl. www.foreignpolicy.com/venezuela „Venezuela Analitica, 1999, written by Javier Corrales (Zugriff am 19.12. 2006)

[23] Vgl. http://www.foreignpolicy.com/story, Davos Diary by David Rothkopf 2.Mai 2006, (Zugriff am 19.12.2006)

[24] ebd.

[25] Vgl. Roland Denis, Rebelión en proceso, Caracas 2005, zit. In Twickel, Christoph, S 125, (Denis gilt als linksradikaler Politiker, der sich schon als Studentenführer einen Namen gemacht hat - Anm. d. Verf.)

[26] Vgl. Twickel, Christoph, Hugo Chávez, S 9

[27] Ebd. S 10

[28] Vgl. de Villa, José, Maximo Lider, Fidel Castro – eine Biografie, Berlin 2006, S 117

[29] Vgl. Twickel, Christoph, Hugo Chavez, S 274

[30] Ebd. S 275

[31] Vgl. Schmid, Thomas. Der Messias von Caracas, in: „Die Zeit“, 12.08.2004, Ausgabe 34

[32] Vgl. Luyken, Reiner. Der Präsident knurrt, das Volk kuscht, in: „Die Zeit“ Ausgabe 28.1.2003, Ausgabe 4

[33] Vg. Zelik, Raul, made in venezuela, Berlin 2004, S 75

[34] Vgl. Twickel, Christoph, Hugo Chavez, 2006, S 9

[35] Vgl. Welt-und Kulturgeschichte, Epochen, Fakten, Hintergründe, Hamburg, 2006

[36] Vgl. Diehl, Oliver, Aufbruch oder Niedergang?, Frankfurt 2005, S 33 ff.

[37] Vgl. Twickel, Hugo Chávez, S 37

[38] Seitdem reiht sich Zamora im Gedächtnis der Venezolaner neben Bolívar und Rodriguez zu den historischen Größen ein (Anm. d. Verf.)

[39] Vgl. Blanco Munoz, Agustin, Habla el Commandante Hugo Chavez Frias, Caracas 1998, S 44

[40] ebd. S 45

[41] ebd. S 65

[42] vgl. Wagenknecht, Sahra, Alo Presidente, Berlin 2004, S 63

[43] Mit Erfolg , Anm. des Verf.

[44] Simon Rodriguez, Sobre las luces y sobre las virtudes socials, zit. nach Garrido Alberto, Documentos de la Revoluccion Bolivariana, Caracas 2002, S 66

[45] Vgl. Twickel, Christoph, Hugo Chávez, S 53

[46] www.simon-bolivar.org/bolivar/juramento_en_noma.html (Zugriff am 30.11. 2006)

[47] Vgl. Twickel, Christoph, Hugo Chávez, S 53

[48] Ebd. S 54

[49] Ebd. S 57

[50] Vgl. Blanco Munoz, Habla el Commandante, in: Twckel, Christoph, Hugo Chávez, S 96

[51] Ray Perez im Interview mit Roberto Ernesto Gyemnat in www.descarga.com/cgi-bin/db/archives/interview48 (Zugriff am 2.1.2 2006)

[52] Vgl. Blanco Munoz. Habla el Commandante, S 74 - 75

[53] Rodríguez, Simón: El Libertador del Mediodía de América y sus compañeros de armas, defendidos por una amigo de la causa social (1830). In: Tejera, M. (Hrsg.): Inventamos o Erramos, Caracas 1992, S. 49- 65

[54] Vgl. Rede des Präsidenten der bolivarischen Republik Venezuela, Hugo Chávez Frías, bei der 60. Generalversammlung der UNO, New York, 15.9. 2005 in AG für Friedensforschung der Universität Kassel sowie Paul Link in http://www.pagina12.com.ar/diario/suplementos/libros/10-284-2002-09-15.html

[55] Vgl. vgl. Wagenknecht, Sahra, Alo Presidente, Berlin 2003, S 49

[56] Harnecker, Marta, Venezuela – eine Revolution sui generis, in: Wagenknecht, Alo Presidente, S 99

[57] Vgl. ebd.

[58] Vgl. Gott, Richard, Hugo Chavez and the Bolivarian Revolution, S 115

[59] Ebd. Zitat einer Rede von Chàvez vom 15. Dezember 1999 in Havanna

[60] Vgl. Blanco Mundoz, agustin, Chávez me utilisò – Habla Herma Marksman, Caracas 2004, in Twickel, Hugo Chávez, S 56

[61] Vgl. Scheer, Andre, Hugo Chávez – Kampf um Venezuela, Essen 2004, S 49 f.

[62] Vgl. Twickel, Hugo Chávez, S 17

[63] Vg. Twickel, Hugo Chavez, S 24.

[64] Vgl. Barrera Tyszka, Alberto/Marcano, Cristina, Hugo Chavez sin uniforme. Una historia personal, Caracas 2004,S 112f.

[65] Vgl. Gott, Richard, Chavez and the Bolivarian Revolution, S 23

[66] Vgl. Agence France Press (AFP) vom 09.08.2006, online-Dienst

[67] Vgl. Lingenthal, Michael; Krise in Venezuela verschärft sich. Politischer Bericht der Konrad-Adenauer- Stiftung in www.kas.de/publikationen/laenderichte (Zugriff 2.1. 2007)

[68] Vgl. HDI-Reports der UNDP 2003, 2004 und 2005

Details

Seiten
123
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638733663
ISBN (Buch)
9783638735322
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v76334
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Geschichte
Note
gut
Schlagworte
Revolutionäre Visionen Ibero-Amerikas Simón Bolívar Hugo Chávez

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Titel: Revolutionäre Visionen Ibero-Amerikas von Simón Bolívar bis Hugo Chávez