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Borderline - Grenzgänger aus psychoanalytischer und anthroposophischer Sicht

Zwischenprüfungsarbeit 2007 38 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffsdefinition
2.1 Persönlichkeit
2.2 Persönlichkeitsstörung
2.3 Borderline-Persönlichkeitsstörung
2.3.1 Die Borderline-Persönlichkeitsstörung in Klassifikationssystemen
2.3.2 DSM-IV
2.3.3 ICD-10
2.3.4 Epidemiologie

3. Ein psychoanalytischer Ansatz
3.1 Die Genese der Borderline-Persönlichkeitsstörung aus psychoanalytischer Sicht
3.2 Erscheinungsbild und Persönlichkeit der Borderline-Patienten

4. Ein anthroposophischer Ansatz
4.1 Die Genese der Borderline-Persönlichkeitsstörung aus anthroposophischer Sicht
4.2 Erscheinungsbild und Persönlichkeit der Borderline-Patienten

5. Therapieansätze
5.1 Übertragungsfokussierte Therapie nach Kernberg
5.2 Dialektisch-Behaviorale Therapie nach Linehan
5.3 Heileurythmie nach Langerhorst

6. Resümee

7. Anhang

8. Literaturnachweis

1. Einleitung

Innerhalb dieser Arbeit, die im Rahmen der Teilzwischenprüfung im Fach Pädagogik angefertigt wurde, möchte ich mich der Borderline-Persönlichkeitsstörung widmen. In vielen Büchern, Kommentaren und Essays wird sie als typische Störung unserer Zeit beschrieben. Und es scheint tatsächlich so zu sein, dass Menschen mit dieser Persön­lichkeitsstörung den modernen Menschen in seiner Zerrissenheit, Unbeständigkeit, Vielseitigkeit und Unberechenbarkeit widerspiegeln. Zwar gibt es auch Beispiele aus der Vergangenheit die auf eine Borderline-Persönlichkeitsstörung schließen lassen, doch in den letzten Jahren ist diese Erkrankung immer mehr in das Sichtfeld von Thera­peuten und Ärzten gerückt.

Einleitend sollen sich in Kapital 2. nicht nur die Begriffsdefinitionen wieder fin­den, sondern auch die Klassifikationssysteme DSM-IV und ICD-10 dargestellt werden. Abgeschlossen wird dieses Kapital mit der der Epidemiologie der Borderline-Persön­lichkeitsstörung. In Kapital 3. wird sowohl die Genese als auch das Erscheinungsbild der Borderline-Persönlichkeit aus psychoanalytischer Sicht geschildert. Die dort zitier­ten Autoren und Autorinnen sind nur eine kleine Auswahl, da es mittlerweile sehr viele verschiedene wissenschaftliche und therapeutische Ausrichtungen und deshalb auch viele Theorien zur Entwicklung dieser Störung gibt. Gemeinsam ist allen Konzepten, dass die Entwicklung der Borderline-Persönlichkeit in den ersten drei Lebensjahren angesiedelt ist und deshalb auch als frühe Störung bezeichnet wird. Auch die kon­fliktbehaftete Beziehung zu den engen Bezugspersonen bildet die jeweilige Ausgangs­these. Anschließend beschreibe ich, wie sich Menschen mit der Borderline-Störung verhalten und wie sie auf andere wirken. Die Grundannahmen dabei stimmen weitestgehend mit den diagnostischen Merkmalen des DSM-IV überein. Die Border­line-Persönlichkeitsstörung soll in Kapital 4. aus anthroposophischer Sicht heraus ge­schildert werden. Sie wird dort als Inkarnationsstörung gesehen. Dieser Ansatz ist sehr viel unbekannter als der der Psychoanalyse und gerade deshalb möchte ich auch dieses Konzept mit einbeziehen. Kapital 5. umfasst drei verschiedene Therapieansätze. Alle drei habe ich gewählt um einen möglichst breiten Überblick über die Konzeptionen und Möglichkeiten einer Behandlung zu geben.

Alle dargestellten Konzeptionen und Beschreibungen können nur eine lücken­hafte Ausführung dessen sein, was in der Literatur viele Seiten füllt und immer neue Fragen aufwirft. Diese Arbeit soll einen groben Überblick bieten und hat deshalb trotz­dem noch lange keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

2. Begriffsdefinition

In den folgenden Punkten sollen zum einen die Begriffe „Persönlichkeit“ und „Persön­lichkeitsstörung“ erläutert und zum anderen die Borderline-Persönlichkeitsstörung in den als allgemein anerkannten Klassifikationssystemen dargestellt werden, um der ge­samten Arbeit eine Grundlage zu geben.

2.1 Persönlichkeit

In der Literatur lassen sich viele verschiedene Definitionen der Persönlichkeit finden. Gemeinsam ist ihnen jedoch die Konzeption der „Eigenartigkeit und des charakteristi­schen (konsistenten) Verhaltens“ (ZIMBARDO 1995, S. 475). Also „bezieht sich [die Persönlichkeit] auf die einzigartigen psychologischen Merkmale eines Individuums, die eine Vielzahl von charakteristischen konsistenten Verhaltensmustern (offenen und ver­deckten) in verschiedenen Situationen und zu verschiedenen Zeitpunkten beeinflussen“ (ebd).

Zur Beschreibung und Erklärung sind Begriffe wie „Temperament“, „Eigen­schaft“, „Charakter“ und „Typus“ herangezogen worden (vgl. ebd). Eine Wertung über das Individuum wird dabei nicht vorgenommen. Zur Entwicklung der Persönlichkeit soll in Kapitel 3. und 4. Stellung genommen werden.

Bei der Erforschung der Persönlichkeit gibt es keine einheitliche Theorie der Persönlichkeit, sondern zwei gegensätzliche Strategien, die Persönlichkeit wissen­schaftlich zu erfassen: den idiographischen und den nomothetischen Ansatz. Beim idi­ographischen Ansatz steht die Einzigartigkeit einer bestimmten Person im Vordergrund. Die Charakteristika wirken bei diesem Ansatz bei jedem Individuum unterschiedlich und lassen weder Gruppenbildung noch Korrelation zu. Der nomothetischen Ansatz geht dagegen davon aus, dass alle Menschen in unterschiedlichem Maß über bestimmte Eigenschaften verfügen, die die Grundstruktur der Persönlichkeit bilden. Individuen unterscheiden sich demnach nur durch die Ausprägung der charakteristischen Eigen­schaften. Mit Hilfe der korrelativen Methode wird versucht „eine universelle, gesetz­mäßige Beziehung zwischen verschiedenen Aspekten der Persönlichkeit, etwa der Ei­genschaften“ herzustellen (vgl. ZIMBARDO 1995, S. 475f). Innerhalb der Persönlich­keitsforschung gibt es verschiedene Typologien und Eigenschaftstheorien, welche hier näher zu beschreiben den Rahmen der Arbeit sprengen würden.

2.2 Persönlichkeitsstörung

Unter Persönlichkeitsstörung versteht die Psychologie abweichendes Verhalten eines Individuums. Es umfasst unflexible und schlecht eingegliederte Verhaltensmuster, die in so deutlicher Schwere auftreten, dass sie das subjektive Empfinden oder die soziale Anpassung beeinträchtigen (vgl. ZIMBARDO 1995, S. 611).

Die verschiedenen Versuche psychische Störungen zu klassifizieren sind zum einen sehr komplex zum anderen oft umstritten. Denn selbst wenn die Diagnose auf anerkannten Klassifikationssystemen beruht, ist doch das menschliche Urteil das aus­schlaggebende. Und dort kann es zu Fehlern und Verzerrungen kommen, die einen Mensch das ganze Leben lang stigmatisieren. Zusätzlich stellt keines dieser Kriterien notwendigerweise eine Bedingung für eine Persönlichkeitsstörung und kann keine aus­reichende Abgrenzung zu „normalem“ Verhalten festlegen (vgl. ZIMBARDO 1995, S. 607ff). Trotzdem sollen diese Kriterien, hier zur Bestimmung der Borderline-Persön­lichkeitsstörung, in den nächsten Punkten erläutert werden, da sie rechtsgültige Klassi­fikationssysteme darstellen.

2.3 Borderline-Persönlichkeitsstörung

Der Begriff „Borderline“ ist nicht neu. Und auch die Störung scheint es schon immer gegeben zu haben, allerdings ohne ihr einen bestimmten Namen zu geben. Man begeg­net der Bezeichnung ,,borderland" als Krankheit bereits im Jahre 1884, verwendet von dem englischen Psychiater Hughes. Insofern ist der Begriff fast zehn Jahre älter als die 1893 von Kraeplin eingeführten Bezeichnungen ,,Dementia praecox", ,,Katatonie" und ,,Dementia paranoides", für die Bleuler 1908 den Begriff ,,Schizophrenien" prägte. Es dauert jedoch fast 100 Jahre bis Kernberg (1975) mit seinem Werk ,,Borderline-Störun­gen und pathologischer Narzißmus", wenn auch keinen Schlusspunkt in der Konzept­entwicklung, so doch aber einen wesentlichen Einschnitt in der Diskussion um das zwi­schenzeitlich doch sehr inflationär gebräuchliche Konzept der Borderline-Störung setzte (vgl. DULZ & SCHNEIDER 1995, S.6f). „Borderline“ bezeichnete Anfangs den Raum zwischen Neurose und Psychose und diente so oft als „Verlegenheitsdiagnose“ (GNEIST 2002, S.10).

Die Neurose ist gekennzeichnet durch störende und länger andauernde Verhal­tensweisen oder psychischen Einstellungen. Hemmung, Furcht, Unsicherheit, Depres­sion etc. treten ohne nachweisbare organische Ursache auf. Sie entsteht in der Entwick­lung des Menschen durch einschneidende Erlebnisse, bestimmte Erfahrungen oder län­ger anhaltende Lernprozesse. Dem Neurotiker sind seine Verhaltensgewohnheiten un­verständlich und können, wenn überhaupt, nur unter größter Anstrengung kontrolliert werden. Neurotischen Menschen ist ihre Störung im Bewusstsein, auch wenn sie die Störung nicht klar definieren können. Es tritt also kein Verlust psychischer Funktionen, wie der Wahrnehmung oder des Denkens auf (vgl. BROCKHAUS 2001, S. 365).

Bei einer Psychose sind wichtige psychische Funktionen erheblich gestört. Fehl­einschätzungen der Realität sind die Folge. Diese äußern sich z.B. durch Wahn, Hallu­zinationen oder schwere Gedächtnis- und Affektstörungen. Auch das Verhalten eines Psychotikers ist gekennzeichnet durch seine Störung, denn er nimmt seine Umgebung anders wahr und hat im akuten Stadium keine Einsicht in seine Krankheit. Bei einer Psychose wird unterschieden zwischen einer exogenen und endogenen Psychose. Exo­gene Psychosen sind körperlich begründbar (durch Stoffwechselstörungen, Tumor, Sturz etc). Endogene Psychosen zeichnen sich aus durch das Fehlen organischer und psychogener Ursachen (vgl. BROCKHAUS 2001, S.420).

Exogene Psychosen lassen sich also bei der Diagnose „Borderline“ ausschließen. Trotzdem wird der Begriff „Borderline“ auch heute noch oft nicht klar genug darge­stellt, was zu verfrühten oder falschen Diagnosen und damit zu erheblichen Stigmatisie­rungen führt. Borderline beschreibt also den Zustand, die Grenze zwischen neuroti­schem und psychotischem Verhalten, wobei Borderliner nur unter extremen Bedingun­gen psychotische Züge haben. Einen Überblick gibt Fiedler (FIEDLER 1997):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Lebensthema der Borderline-Persönlichkeit ist also, wie schon durch den Begriff definiert, unklare Grenzen. Weiterhin ist die Abgrenzung zu anderen psychischen Krankheiten oft schwer, da gerade die Borderline-Persönlichkeitsstörung sehr unter­schiedlich und abwechslungsreich ist und bei jedem Menschen anders in Erscheinung treten kann. Die Berührungspunkte zu Neurose und Psychose wurden schon dargestellt. Andere Störungen wie die schizotype und paranoide Persönlichkeitsstörung, die antiso­ziale, die narzisstische, die histrionische oder die dependente haben oft ähnliche Merk­male. Auch Depression und Angst sind wichtige Kriterien bei der Diagnose „Border­line“ (vgl. PFEIFER 2005, S.28ff).

2.3.1 Die Borderline-Persönlichkeitsstörung in Klassifikationssystemen

Psychische Störungen werden von Psychologen und Psychiatern anhand verschiedener Klassifikationssysteme bestimmt. Das Anliegen der Psychopathologie ist seit langem die Entwicklung eines allgemein akzeptierten Klassifikationssystems, das zu einheitli­chen Diagnosen genutzt werden kann. In Deutschland sind vor allem das DSM und der ICD als Klassifikationssysteme etabliert und sollen in den folgenden Punkten, in Bezug auf die Borderline-Persönlichkeitsstörung, näher erläutert werden (vgl. ZIMBARDO 1995, S.609).

2.3.2 DSM-IV

Das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) der American Psy­chiatric Association ist mittlerweile in der vierten Revision vorhanden. Innerhalb der DSM-IV werden neun Kriterien zur Diagnose der Borderline-Persönlichkeitsstörung angegeben, wobei das neunte Kriterium die einzige Veränderung zu dem vorhergegan­genen DSM-III-R ist. Dem sich im Folgenden widerspiegelnde Muster liegt eine „Insta­bilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Affekten“ (LEICHSENRING 2003, S.15) zu Grunde.

Von den folgenden neun Kriterien des DSM-IV müssen mindestens fünf erfüllt sein (SASS u.a. 2001, S. 735):

„1. Verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden.

Beachte : Hier werden keine suizidalen oder selbstverletzenden Handlungen berücksichtigt, die in Kriterium 5 enthalten sind.

2. Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist.

3. Identitätsstörung: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung.

4. Impulsivität in mindestens zwei potentiell selbstschädigenden Bereichen (Geld­ausgaben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, "Fressan­fälle")

Beachte: Hier werden keine suizidalen oder selbstverletzenden Handlungen berücksichtigt, die in Kriterium 5 enthalten sind.

5. Wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder -drohungen oder Selbstverletzungsverhalten.

6. Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung (z. B. hochgradige episodische Dysphorie, Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmungen gewöhnlich einige Stunden und nur selten mehr als einige Tage andauern).

7. Chronische Gefühle von Leere.

8. Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren, (z. B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Ausei­nandersetzungen).

9. Vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome."

Zusätzlich werden im DSM-IV verschiedene Nebenmerkmale genannt, wie z.B. nega­tive Reaktionen, psychoseähnliche Symptome, Suizide besonders in Verbindung mit affektiven oder substanzbezogenen Störungen, wiederholte Verluste der Arbeitsstelle und zerbrochene Ehen (vgl. LEICHSENRING 2003, S. 16).

Der Beginn der Störung wird im frühen Erwachsenenalter gesehen und manifestiert sich dann in verschiedenen Lebensbereichen. Physischer und sexueller Missbrauch, Vernachlässigung, Feindseligkeit, früher Verluste oder Trennung der El­tern sind bei Menschen mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung üblich (vgl. LEICH­SENRING 2003, S.15f)

Der Verlauf der Borderline-Persönlichkeitsstörung wird im DSM-IV als sehr unbeständig beschrieben. Eine andauernde Instabilität ist vor allem im frühen Erwach­senenalter vorhanden. Sie wird begleitet von „Episoden schwerer affektiver und impul­siver Unkontrolliertheit und einer häufigen Inanspruchnahme des Gesundheitssystems“ (LEICHSENRING 2003, S. 16). Ebenso ist die Beeinträchtigung durch die Störung und das Suizidrisiko in diesen Jahren am größten Die Stabilität in Beziehungen und im be­ruflichen Alltag nimmt laut DSM IV in den dreißiger und vierziger Lebensjahren zu (vgl. ebd).

2.3.3 ICD-10

Die International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD) der WHO liegt mittlerweile in der 10. Revision vor. Innerhalb des ICD wird die Borderline-Persönlichkeitsstörung in die Gruppe der emotional instabilen Persönlich­keitsstörung (F60.3) eingeordnet. Dabei wird unterschieden zwischen dem impulsiven Typus (F60.30) und dem Borderline-Typus (F60.31) (vgl. DILLING u.a. 1993, S.230).

Zur Diagnose des Borderline-Typus müssen mindestens drei der folgenden Eigenschaften oder Verhaltensweisen vorliegen (ebd):

„1. Deutliche Tendenz, unerwartet und ohne Berücksichtigung der Konsequenzen zu handeln.
2. Deutliche Tendenz zu Streitereien und Konflikten mit anderen, vor allem dann, wenn impulsive Handlungen unterbunden oder getadelt werden.
3. Neigung zu Ausbrüchen von Wut oder Gewalt mit Unfähigkeit zur Kontrolle explosiven Verhaltens.
4. Schwierigkeiten in der Beibehaltung von Handlungen, die nicht unmittelbar be­lohnt werden.
5. Unbeständige und unberechenbare Stimmung.“

Zusätzlich müssen zwei der folgenden Eigenschaften und Verhaltensweisen vorliegen (ebd):

„1. Störungen und Unsicherheit bezüglich Selbstbild, Zielen und "inneren Präferenzen" (einschließlich sexueller).
2. Neigung sich in intensive aber instabile Beziehungen einzulassen, oft mit der Folge von emotionalen Krisen.
3. Übertriebene Bemühungen, das Verlassenwerden zu vermeiden.
4. Wiederholt Drohungen oder Handlungen mit Selbstbeschädigung.
5. Anhaltende Gefühle von Leere.“

2.3.4 Epidemiologie

Die Prävalenz benennt als statistische Größe die Häufigkeit einer Krankheit zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die Prävalenzrate bezeichnet also die Häufigkeit der Erkrankung im Verhältnis zur Zahl der untersuchten Personen (vgl. DULZ 1996, S. 8). Obwohl Zahlen zur Prävalenz der Borderline-Erkrankung kaum in der Literatur zu finden sind, soll an dieser Stelle anhand der wenigen und teilweise nicht ganz aktu­ellen Zahlen, die Verbreitung dieser Krankheit veranschaulicht werden. Problematisch ist auch, dass es immer auf die Kriterien ankommt, die zur Diagnose der Störung heran­gezogen wurden. So kommt es bei den verschiedenen Autoren auch zu sehr unterschied­lichen Angaben über die Häufigkeit der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Zu Beginn der 1990er Jahre wurde die Borderline-Prävalenz mit 1,6 % angege­ben. Bereits ein Jahr später stieg nach einer weiteren Untersuchung von ca. 4000 Men­schen die Zahl auf 1,8 % (vgl. DULZ 1996, S.8). Ausgehend von den inzwischen festgelegten DSM-IV-Kriterien leiden schätzungsweise 2 % der Normalbevölkerung unter der Störung. (vgl. ROHDE-DACHSER, 1995, S. 25). Rohde-Dachser geht davon aus, dass Therapeuten wie auch Psychiater in ihrer klinischen Arbeit immer häufiger auf Borderline-Patienten treffen. So schreibt sie, dass „kompetente Schätzungen“ dahin gehen, dass 30 % bis 70 % aller psychotherapeutischen Klienten Borderline-Patienten sind. (Die geschätzten 70 % beru­hen mit Sicherheit auf einer sehr weitgehenden Definition des Begriffs Borderline.) Viel realistischer erscheint die Schätzung von Widinger und Weismann (1991) wovon 15 % aller stationär behandelten psychiatrischen Patienten Borderline-Patienten sind (vgl. DULZ 1996, S.8). Auffällig ist jedoch der hohe Anteil der weiblichen Patienten. In den vergange­nen Jahren entstanden verschiedene Studien bezüglich dem geschlechtsspezifischem Erkrankungsrisiko.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Erkrankungsrisiko – Verhältnis Männer/Frauen in % (DULZ 1996, S. 8)

Ebenso interessant ist der Vergleich zusätzlicher Kriterien mit den Zahlen der Gesamt­bevölkerung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(DULZ 1996, S.8)

Viele Borderline-Patienten leiden unter weiteren Störungen. Noch einige Zahlen hierzu:

- Angststörungen: ca. 80%
- Affektive Störungen: ca. 80%
- Alkohol-Drogen: ca. 80%
- Schlafstörungen: ca. 70%
- Somatoforme Störungen: ca. 60%
- Essstörungen: ca. 45%
- Zwangsstörungen: ca. 30%

(Internet: SUCHTPSYCHOLOGIE, Stand: 03.04.2007, S.6)

3. Ein psychoanalytischer Ansatz

Die Psychoanalyse geht auf Siegmund Freud zurück, der Methode und Theorie der Tiefenpsychologie zur Erklärung des seelischen Geschehens und zur Erhebung und Behebung psychischer Störungen begründet hat.

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Details

Seiten
38
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638798372
ISBN (Buch)
9783638797542
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v76135
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Pädagogisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Borderline Grenzgänger Sicht Pädagogische Anthropologie

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Titel: Borderline - Grenzgänger aus psychoanalytischer und anthroposophischer Sicht