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Der deutsche Nichtwähler - Krise oder Normalisierung

Seminararbeit 2001 23 Seiten

Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I) Vorwort

II) Einteilung der Nichtwähler
II.1) der verhinderte Nichtwähler
II.2) der konjunkturelle Nichtwähler
II.3) der überzeugte Nichtwähler

III) verschiedene Erklärungsansätze für Nichtwahl
III.1) sozialstrukturelle Gründe
III.1.1) Alter
III.1.2) Geschlecht
III.1.3) Konfessionszugehörigkeit und Kirchenbindung
III.1.4) sozioökonomischer Status: Beruf und Bildung
III.1.5) sozialer Integrationsgrad
III.1.6) Elternhaus und Erziehung
III.2) sozialpsychologische Gründe
III.2.1) politisches Interesse
III.2.2) Parteiidentifikation und Parteibindung
III.2.3) Einstellung zur Wahlpflicht
III.2.4) Beurteilung der Spitzenkandidaten und Parteien während des Wahlkampfes
III.2.5) Attraktivität der (Wahlkampf-)Themen
III.3) soziogeographischer Faktor
III.4) Wertewandel
III.5) zunehmender Medieneinfluss

IV) Unterschied Ost - West

V) Schlussbemerkung

VI) Literaturverzeichnis

I) Vorwort

„Warst Du heute schon beim Wählen?“. „Nö, interessiert mich eh’ nicht.“ So oder so ähnlich ergeht es so manchem Politikinteressierten, wenn er es ‚wagt‘, sich ein Bild über das generelle Interesse an der Politik und die damit verbundene Wahlbeteiligung zu verschaffen oder aber einfach nur aus reinem Interesse fragt. Dass die Wahlbeteiligung auch in der Bundesrepublik Deutschland konstant rückläufig ist, dürfte wohl jedem halbwegs Interessierten spätestens seit der Bundestagswahl 1990 bekannt sein. Jeder fünfte deutsche Bundesbürger bleibt mittlerweile den Wahlen fern1. Angesichts der Tatsache, dass sich eigentlich alle wissenschaftlichen Bearbeiter dieses Themas darüber einig sind, dass das generelle politische Interesse und die Bereitschaft, politisch aktiv zu werden in den letzten 15 Jahren weiter angewachsen ist, ist dieser Beteiligungsrückgang doch überraschend2. Grund genug also für Wissenschaftler dieses Thema in diversen Zeitschriften und wissenschaftlichen Arbeiten zu analysieren. Gerade bereits erwähnte Bundestagswahl von 1990 scheint einen wahren Anreiz dargestellt zu haben, nach den Ursachen der Wahlenthaltung zu forschen. Liegt es nun an der generellen Abneigung gegenüber Politikern und Parteien, ist es eine „Normalisierung“ im Vergleich zum gesamteuropäischen Bereich, in dem Deutschland trotz alledem immer noch über dem Durchschnitt liegt bei seiner Wahlbeteiligung, mit der Prognose, dass die Wahlbeteiligung in Deutschland die Talsohle somit noch nicht erreicht hat3 oder kann man von einer generellen „Politikverdrossenheit“ der Deutschen sprechen? 1992 wurde das Wort „Politikverdrossenheit“ sogar zum Wort des Jahres gewählt4. Woran liegt es nun also, dass der bundesdeutsche Bürger den Parteien seine Stimme vorenthält? Sinn und Zweck dieser Arbeit soll es nun also sein, eine Antwort auf diese Frage zu geben und zwar anhand eines Überblicks über die bereits vorhandene Meinung und Forschungslage der Wissenschaft zu diesem Thema.

Anzumerken wäre noch, dass im Folgenden die Bezeichnung „Wähler“, soweit nicht explizit unterschieden, sowohl männliche als auch weibliche Wähler bezeichnet.

II) Einteilung der Nichtwähler

II.1) der verhinderte Nichtwähler

Unter diese Kategorie fallen alle Personen, die zwar unter Umständen an der Wahl teilnehmen wollten, dies jedoch dann aus unterschiedlichen Gründen nicht bewerkstelligen konnten. Diese Gründe wären z.B. die plötzliche Erkrankung am Tag der Wahl, ein (erst kürzlich erfolgter) Umzug, durch den sich der Wähler entweder am Tag der Wahl verhindert sieht oder aber seine neue Adresse noch nicht dem zuständigen Einwohnermeldeamt weitergegeben wurde, oder aber auch das Versterben des Wählers.

II.2) der konjunkturelle Nichtwähler

Konjunkturelle Nichtwähler entscheiden ganz bewusst, ob sie zur Wahl gehen oder nicht und sind generell auch politisch informierte und interessierte Bürger. Sie sind zufrieden mit dem politischen System, entscheiden aber ob die Wahl für sie wichtig ist oder nicht. Sie zeigen somit ein wechselndes Wahlverhalten5.

II.3) der überzeugte Nichtwähler

Der überzeugte Nichtwähler findet sich folglich nie im Wahllokal ein. Lazarsfeld, et al. kommen zu folgendem Ergebnis: ¹ [...] As a net result, three quarters of the non-voters stayed away from the polls deliberately because they were thoroughly unconcerned with the election. Only a small number of people kept from the polls by a last minute emergency.”6 Seine Gründe für die Wahlenthaltung sind sehr verschieden und sollen auch im Folgenden erörtert werden. Somit sind also die Individuen dieser Kategorie Betrachtungsgegenstand dieser Arbeit.

III) verschiedene Erklärungsansätze für Nichtwahl

III.1) sozialstrukturelle Gründe

III.1.1) Alter

In der vorhanden Literatur herrscht bezüglich des Alters weitgehende Übereinstimmung: wollte man es kurz ausdrücken, so könnte man sagen, dass sich die jungen Erwachsenen am meisten enthalten, die grösste Beteiligung bei den Berufstätigen und Familienmenschen zu erkennen ist und diese schliesslich bei den Wählern im Seniorenalter wieder nachlässt. So spricht Kleinhenz vom ¹ Lebenszyklus der Wahlbeteiligungª - das Wahlverhalten spiegelt also verschiedene Integrationsphasen des gesellschaftlichen Lebens wieder: nach einer Orientierungsphase im Jugendalter (unstabile Beteiligungsphase) folgt eine Einbindung in die Arbeitswelt und das Familienleben mit gesteigerter Beteiligungsbereitschaft am politischen Prozess. Schliesslich nimmt im Rentenalter die soziale Integration ab und durch Krankheit und Gebrechen wird der Aufwand für eine Stimmabgabe immer grösser, womit auch die Wahlbeteiligung wieder abnimmt7. Rattinger spricht sogar von beachtlichen Unterschieden nach Altersgruppen: so liegt bei den jungen und über siebzigjährigen Wählern die Wahlbeteiligung deutlich unter dem Durchschnitt. Die Kurve der Wahlbeteiligung für die verschiedenen Altersgruppen hat ihm zufolge die Form eines umgekehrten grossen ¹ Uª : an der Bundestagswahl 1990 nahmen folglich nur 64,7% der unter 21-Jährigen, deutlich über 80% der zwischen 45 und 70 Jährigen teil. Erst danach sei wieder ein Absinken zu erkennen8. Bei den Senioren allerdings widersprechen sich Rattinger und Falter/Schumann: diese nämlich beobachteten die höchste Wahlbeteiligung im Jahre 1990 bei den 60 bis 70-Jährigen9. Auch Maier stellt bezüglich des Alters fest, dass eine in aller Regel monoton verlaufende Tendenz vorherrscht, sprich Parteien, Politiker und Demokratie mit steigendem Alter besser beurteilt werden10 - ein für die Wahlentscheidung nicht unwichtiger Faktor, wie im Laufe der Arbeit noch festgestellt werden kann.

III.1.2) Geschlecht

Auch bezüglich des Geschlechts herrscht überwiegend Übereinstimmung im Bezug auf die Wahlbeteiligung. Grundtenor ist, dass Frauen in der Regel zwar leicht unter den Männern liegen, dieser Unterschied aber aufgrund einer stetigen Angleichung zu vernachlässigen sei. So ist laut Falter/Schumann bei Frauen die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 1990 sowohl in Ost als auch West etwas geringer als bei den Männern, jedoch nur bei den Jüngsten und Ältesten; im Alter zwischen 25 und 45 zeigten sich Frauen sogar wahlfreudiger11. Auch Maier bestätigt ein grundsätzlich ähnliches Wahlverhalten bei beiden Geschlechtern, jedoch scheinen Frauen der Demokratie schlechter gegenüber zu stehen und beurteilen ausserdem Parteien und Politiker schlechter als Männer12.

III.1.3) Konfessionszugehörigkeit und Kirchenbindung

Generell gehen die Aussagen in punkto Konfessionszugehörigkeit und Kirchenbindung auseinander: so sind laut Eilfort die Konfessionslosen bezüglich der Wahlenthaltung überrepräsentiert13, laut Falter/Schumann unterscheiden sich weder Katholiken noch Protestanten noch Konfessionslose in ihrer Wahlbeteiligung14 und laut Rudzio zeigt sich eine überdurchschnittliche Beteiligung bei Wählern mit regelmässigem Kirchgang15. Grundsätzlich aber stellen Konfessionszugehörigkeit und Kirchenbindung alleine keine wahlentscheidenden Faktoren dar.

III.1.4) sozioökonomischer Status: Beruf und Bildung

Generell ist anzumerken, dass der berufliche Status meist eine Ableitung der Bildung ist, sprich je besser die (Aus-)Bildung, desto höhergestellter im Normalfall der ökonomische Status. Norpoth gibt an, dass keine Variable häufiger auftaucht als (Schul-)Bildung um politisches Verhalten zu erklären. An selber Stelle heisst es laut Milbrath/Goel: ¹ People with higher levels of education tend to participate at a higher level than those with less education.ª16 Kleinhenz bescheinigt den Wählern ohne Abschluss anhand einiger Graphiken eine unterdurchschnittliche Beteiligung; zwar ist bei ihm erkennbar, dass bis 1984 alle Bildungsgruppen in etwa gleich an den Wahlen teilnehmen, doch ist im Zeitverlauf der Nichtwähleranteil bei den Höhergebildeten unterdurchschnittlich angewachsen, bei den Wählern ohne Abschluss ist dieser allerdings sehr hoch17. Ebenso stellt Rudzio eine überdurchschnittliche Wahlbeteiligung bei den Höhergebildeten fest bzw. bei den Personen mit einem höherem beruflichen Status als höherer Angestellter/Beamter oder als Selbständiger18. Kleinhenz gibt an, dass sozial schwächer Gestellte eher zur Wahlenthaltung tendieren und die Nichtwähleranteile bei dieser Gruppe stärker zunehmen19. Anhand des Beispiels der Landwirte erklärt Uttiz: ¹Je schlechter die persönliche finanzielle Lage beurteilt wird bzw. je unzufriedener die Befragten mit ihrem Einkommen sind, desto stärker nimmt die Verunsicherung im Hinblick auf die Wahl zu und die beabsichtigte Wahlenthaltung bzw. die Unentschlossenheit ist besonders hoch [...]20 ª . Schliesslich zeigen auch Falter/Schumann in ihrer Grafik, dass die Enthaltung bei der Wahl niedriger liegt, je höher das Einkommen ist bzw. je besser die Bildung ist21.

Es lässt sich also feststellen, dass die Höhe des Einkommens entscheidend sein kann, denn Wähler mit hohem Einkommen zeigen sich interessiert daran, ihr Einkommen beizubehalten und deshalb die für sie richtige Partei zu unterstützen. Sollte dies auf keine Partei zutreffen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer Wahlenthaltung. Dieses Wahlvorgehen ist auch bekannt unter der Theorie der ¹Rational Choiceª , welche 1957 von Anthony Downs aufgestellt wurde. Diese besagt, dass der Mensch ein homo oeconomicus sei, der rational handelt und durch sein Handeln versucht, seinen eigenen Nutzen zu befriedigen und diesen zu erweitern. Laut Kirchgässner ist das Individuum ebenso ein Entscheidungsträger, der seine Bedürfnisse und Ziele verwirklichen will und deshalb nach dem Eigennutzprinzip handelt. D.h., dass das Individuum also in der Lage ist ¹[...] entsprechend seinem Vorteil zu handeln [...]22 ª . Kleinhenz fügt hierzu noch an, dass der Wähler seine Wahlentscheidung anhand a) der Kosten des Wahlaktes, sprich dem Aufwand für die Informationsbeschaffung, und des Ganges zum Wahllokal b) anhand des Nutzen des Wahlaktes, sprich des möglichen Sieges der präferierten Partei und c) und anhand der subjektiven Wahrscheinlichkeit, dass die abgegebene Stimme entscheidet, trifft23. Folglich wird sich also ein Wähler, der keinen finanziellen oder anderen persönlichen Nutzen, sondern nur finanzielle Belastung auf sich zukommen sieht, wahrscheinlich der Wahl enthalten.

III.1.5) sozialer Integrationsgrad

Der soziale Integrationsgrad beschreibt, inwiefern der einzelne Wähler in sein soziales Umfeld integriert ist und von diesem dann auch in seinem Wahlverhalten beeinflusst wird. Soziale Integration findet statt in Vereinen, Gewerkschaften, Familie, etc., sprich: im kompletten persönlichen Umfeld des Wählers. Lazardsfeld/Berelson/Gaudet führen hier das mikrosoziologische Erklärungsmodell der ¹ Columbia Schoolª an, bei welchem dem sozialen Umfeld eine entscheidende Bedeutung zugeteilt wird, denn das Wahlverhalten wird von der Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen bestimmt (z.B. religiöse Bindungen, Einkommensschicht, Wohngegend). Auch bei Schreyer/Schwarzmeier ist der Wähler weitgehend durch seine Umwelt bestimmt24. Ebenso spielt der Freundeskreis eine entscheidende Rolle, v.a. die Kommunikation mit den Meinungsführern (opinion leaders) - Menschen also, auf deren Rat man hört. Überkreuzen sich dann noch soziale Einflüsse (cross pressure), kann es zu Wahlabstinenz und Desinteresse führen.25 Folglich können also ‚opinion leaders‘ nicht nur zu Wechselwahl beitragen sondern auch zu Nichtwahl, wenn sie diese propagieren. Rudzio bemerkt hierzu, dass sogenannte ¹ Primärgruppenª wie Familie, Freunde, Vereinsbrüder, Nachbarn, etc. auf das individuelle Wahlverhalten einwirken und man sich in seiner Meinung bestätigt fühlt, wenn man mit der vorherrschenden Meinung übereinstimmt26, welche ja auch gegen Wahlbeteiligung ausgerichtet sein kann. Hierzu schreibt er ebenso: ¹Die in der Öffentlichkeit vorherrschenden Meinungen, die ‚öffentliche Meinung’, beeinflussen ja ganz wesentlich [...] den Einzelnen in seinem politischen Verhalten [...]27 ª . Vor allem in Familien scheint die gegenseitige Beeinflussung deutlich erkennbar: Falter/Schumann zeigen auf, dass verheiratete Paare sich wesentlich weniger von den Wahlen enthalten, was gegenseitige Beeinflussung bzw. Antrieb vermuten lässt. Andererseits zeigen Ledige eine überdurchschnittlich grosse Enthaltung28.

[...]


1 KLEINHENZ, T.: S. 15

2 Z.B. EBD.: S. 16

3 MAIER, J.: S. 94

4 BOHER, S.: S. 1

5 EILFORT, M., in: STARZACHER, et al.: S. 170f.

6 LAZARSFELD, P., et al.: S. 46 f.

7 KLEINHENZ, T.: S. 27

8 RATTINGER, H. in: RUDZIO, W.: S. 201

9 FALTER, J./ SCHUMANN, S. in: KLINGEMANN, H.-D./KAASE, M.: S.171ff.

10 MAIER, J.: S. 280

11 FALTER, J./ SCHUMANN, S. in: KLINGEMANN, H.-D./ KAASE, M.: S. 173

12 MAIER, J.: S. 279

13 EILFORT, M. in: KLEINHENZ, T.: S. 29

14 FALTER, J./SCHUMANN, S. in: KLEINHENZ, T.: S. 29

15 RUDZIO, W.: S. 201

16 MILBRATH/GOEL in NORPOTH, H.: S. 15

17 KLEINHENZ, T.: S. 104 f.

18 RUDZIO, W.: S. 201

19 KLEINHENZ, T.: S. 209

20 GROTZ, C.-P.: S. 124 f.

21 FALTER, J./SCHUMANN, S. in: KLINGEMANN, H.-D./KAASE, M.: S. 176

22 KIRCHGÄSSNER, G. in: KLEINHENZ, T.: S. 33

23 KLEINHENZ, T.: S. 33

24 SCHREYER, B./SCHWARZMEIER, M.: S. 94 f.

25 LAZARDSFELD, P., et al. in SCHREYER, B./SCHWARZMEIER, M.: S. 94 f.

26 RUDZIO, W.: S. 209

27 EBD.: S. 483

28 FALTER, J./SCHUMANN, S. in: KLINGEMANN, H.-D./KAASE, M.: S. 176

Details

Seiten
23
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638148146
ISBN (Buch)
9783638948937
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7603
Institution / Hochschule
Universität Passau – Philosophische Fakultät/ Lehrstuhl Politik
Note
2,0
Schlagworte
Nichtwähler

Autor

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