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Die Vollstrecker des Völkermords

"Ganz normale Deutsche" oder fanatische Nationalsozialisten?

Seminararbeit 2007 32 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Fanatische Nationalsozialisten oder ganz normale Deutsche?
1. Die Ordnungspolizei
1.1 Browning und Goldhagen: wichtige Fragen
1.2 Die Taten der Polizeibataillone
1.3 Motive der Täter: Erklärungsversuche und Antworten
1.3.1 Antisemitismus (Goldhagen)
1.3.2 Soziale Gruppenprozesse und weitere Motivansätze (Browning)
2. Die Wehrmacht
2.1 Legende der ‚sauberen’ Wehrmacht und Tabu-Bruch
2.2 Beteiligung am Holocaust
2.3 Juden als Feindbild
2.4 Motive der Täter
2.4.1 Antisemitismus
2.4.2 Befehlsgehorsam
2.4.3 Radikalisierung, Brutalisierung und wirtschaftliche Interessen: Kriegssituation
3. Täterkategorisierung nach Paul

III. Fanatische Nationalsozialisten und ‚ganz normale Deutsche’

IV. Literaturverzeichnis

Die Vollstrecker des Völkermords - ‚ganz normale Deutsche’ oder fanatische Nationalsozialisten?

I. Einleitung

Waren die Vollstrecker des Holocausts ‚ganz normale Deutsche’ oder fanatische Nationalsozialisten? Mit dieser Hauptfrage beschäftigt sich die folgende Arbeit, indem sie die Ordnungspolizei und die Wehrmacht als Tätergruppen untersucht. Anders als bei den Organisatoren des Völkermords kann bei diesen Tätergruppen nicht von einer vollständigen Durchdringung der NS-Ideologie bei Ausbruch des Krieges ausgegangen werden. Polizeibataillone sowie Wehrmachtstruppen bestanden aus Männern aller Bevölkerungsschichten und Altersgruppen. Sie waren es, die Befehle von ‚oben’ empfingen und ausführten. Die hier untersuchten ‚normalen’ Täter stammten aus ‚normalen’ Verhältnissen und kehrten nach 1945 ins ‚normale’ bürgerliche Leben zurück, da sich die Nachkriegsjustiz vornehmlich für die Organisatoren interessierte.[1] Stefan Klemp schildert in seinem Werk die vielfach scheiternden Ermittlungen gegen Angehörige und Befehlshaber der Polizei. Ebenso wurden in den Nürnberger Prozessen und deren Folgeprozessen lediglich die hauptverantwortlichen Organisatoren verurteilt.[2]

Um einen Einblick in das Handeln und somit auch Töten der ‚normalen Männer’ und der ‚einfachen Soldaten’ zu bekommen, stehen heute Zeugenaussagen, Tagebücher oder Feldpostbriefe, sowie spätere Interviews zur Verfügung. Browning und Goldhagen stützten sich bei ihren Untersuchungen hauptsächlich auf die Vernehmungsprotokolle von 210 Angehörigen des Polizeibataillons 101, die Wehrmachtsforschung bezieht sich ebenso auf Feldpostbriefe und nachträgliche Aussagen. Die Problematik im Umgang mit solchen Quellen ist der Forschung durchaus bewusst, denn das ‚Erinnerte’ stimmt nicht unbedingt mit dem ‚tatsächlich Erlebten’ überein. Besonders die späteren Aussagen der Täter sind oftmals gekennzeichnet durch Entlastungsstrategien und Rechtfertigungen, oftmals mit der Absicht verknüpft, einer Strafe zu entgehen. „Über das aktive Töten, das ‚reguläre’ wie das ‚völkerrechtswidrige’ sprechen ehemalige Soldaten“ und auch die beteiligten Polizisten nicht gerne. Dies sind „Tabuthemen, die um so leichter abgedrängt werden können, als die reale Gefahr des eigenen Todes und das Bewußtsein des ‚Glücks’ ihr entronnen zu sein, alle Aufmerksamkeit auf sich zieht – im Kriegserlebnis wie in der Erinnerung.“[3] Darunter fällt auch die Tatsache, dass in den Vernehmungsprotokollen in der Nachkriegszeit die Rolle des Antisemitismus ausgespart blieb und ebenso zum Tabuthema wurde.[4]

Zu Beginn widmet sich die Arbeit der Ordnungspolizei, die im Zuge der Judenverfolgung mit zahlreichen Massenerschießungen beauftragt wurde. Christopher R. Brownings Studie „Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen“ leitete die Täterforschung auf die Spuren der Polizeibataillone, die Tausende von Juden ermordeten. Daraufhin erschienen eine Reihe von Beiträgen, die sich mit dieser Tätergruppe befassten. Browning und Goldhagen stellten wichtige Fragen bezüglich der Motivation der Bataillonsangehörige. Aus welchen Motiven handelten die Täter und wie konnten aus ‚normalen’ Männern Massenmörder werden?

Die Arbeit gibt einen Überblick über die Verbrechen der Bataillone und versucht Motive herauszustellen, die diese Männer zu Vollstreckern des Völkermords machten. Zunächst soll der Antisemitismus als Erklärungsversuch untersucht werden, der für Goldhagen ausschlaggebend für die Mitwirkung ist. Demgegenüber entwirft Browning einen multikausalen Motivzusammenhang, bei dem vor allem situative Motive im Vordergrund stehen. Das nächste Kapitel befasst sich mit der Wehrmacht als Tätergroßgruppe. Erst die Wehrmachtsachtsausstellung 1995 machte die Öffentlichkeit auf die Beteiligung der Wehrmacht am Völkermord aufmerksam und zerstörte somit die ‚Legende der sauberen Wehrmacht’. Die Arbeit zeigt auf, wie das ‚Feindbild’ Jude in der Wehrmacht etabliert und der antisemitische Rassismus als Kriegsziel plausibel gemacht wurde. Antisemitismus, Befehlsgehorsam, Radikalisierung und Brutalisierung im Kriegsalltag sind Erklärungsansätze, die aufzeigen, dass ‚ganz normale Deutsche’ am Völkermord aktiv teilgenommen haben.

Die Arbeit schließt mit dem Versuch einer Täterkategorisierung, die die häufigsten Motive der Täter aufführt, ordnet und in Beziehung zueinander setzt. Kann man die Täter und ihre Motive kategorisieren, oder reichen hierzu die Erkenntnisse aus der Zeit des Krieges und die bisherige Forschungsarbeit nicht aus? Inwiefern waren fanatische Nationalsozialisten sowie ‚ganz normale Deutsche’ am Völkermord beteiligt?

II. Fanatische Nationalsozialisten oder ‚ganz normale Deutsche’?

1. Die Ordnungspolizei

1.1 Browning und Goldhagen: wichtige Fragen

Die Ordnungspolizei gilt vor allem seit Brownings ‚Ordinary men’ als Tätergroßgruppe, die an der Ermordung der Juden beteiligt war. Browning untersucht das Reserve-Polizeibataillon 101 und geht der Frage nach, inwiefern ‚Gewöhnliche Männer’ oder wie es in der deutschen Übersetzung seiner Studie heißt: ‚Ganz normale Männer’ zu Massenmördern werden konnten. Diese Veröffentlichung gilt als Impuls, als „Türöffner“ für den neuen Täterdiskurs in den 1990er Jahren.[5] Daniel Jonah Goldhagen löst 1996 mit „Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust“ eine heftige Debatte aus. Sein Vorgehen und seine Argumentation ernteten Kritik, jedoch leitete Goldhagen, wie zuvor Browning, die Hinwendung zu neuen Tätergruppen und die Erforschung der Motive der Täter ein. Browning und Goldhagen gehen von dem Standpunkt aus, dass die Täter des Holocausts nicht wie zuvor oft angenommen, mit den überzeugten Anhängern der Nationalsozialisten, den Parteizugehörigen, gleichzusetzen sind.[6] Die Untersuchung der Organisatoren wie Hitler oder Himmler, sowie die Taten der SS erfassen nicht alle Tätergruppen, denn die Verbrechen wurden auch von Wehrmacht und Ordnungspolizei durchgeführt.

Das Reserve-Bataillon 101 erschien für Browning und Goldhagen so untersuchenswert, da die Polizeireservisten nicht nach ideologischen Gesichtspunkten ausgewählt worden waren.[7] Im Unterschied zu den Einsatzgruppen, der Gestapo oder dem SD handelte es sich bei der Ordnungspolizei um eine Zusammensetzung, die als repräsentativer Querschnitt der deutschen Gesellschaft geeignet schien.[8] Bezüglich dieser Annahme sind in der neuesten Forschung berechtigte Zweifel aufgetreten. Während Browning und Goldhagen sich in ihren Untersuchungen hauptsächlich auf das Polizeibataillon 101 stützten, sind mittlerweile neue Untersuchungen veröffentlich worden und die Forschung geht davon aus, dass die verschieden Polizeibataillone für sich betrachtet werden müssen und die Einstellung der jeweiligen Offiziere nicht unerheblich für die Untersuchung ist.[9]

Ungeachtet dieser Einwände bleibt jedoch die entscheidende Frage, aus welchen Motiven die Täter handelten und ob darüber hinaus verallgemeinernde Aussagen getroffen werden können. Des Weiteren bleibt die Frage bestehen, ob und aus welchen Gründen die Täter als ‚normale Deutsche’ bezeichnet werden können.

1.2 Die Taten der Polizeibataillone

Von etwa 42 Polizeibataillonen sind Massenerschießungen an den Juden bekannt. Insgesamt wird die Opferzahl der Juden unter Mitwirkung der Ordnungspolizei auf 520.373 geschätzt. Zur Einordnung des Ausmaßes der Mitwirkungen der Bataillone folgt ein Auszug aus einer Zusammenstellung von Klemp[10]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Laut Browning können die Angehörigen des Polizeibataillons in drei Gruppen unterteilt werden: „ein Kern von Männern“, die sich freiwillig an den Exekutionen beteiligten und mit „wachsender Begeisterung töteten“, eine kleine Gruppe, die sich nicht an Erschießungen beteiligte und schließlich die größte Gruppe, die „auf Befehl an Erschießungen und Ghettoräumungen“ teilnahm.[11] Obwohl bereits erwähnt wurde, dass die Bataillone einzeln untersucht werden müssen und somit das Reserve-Bataillon 101 nicht als repräsentativ für alle Bataillone gelten kann, ist diese grobe Einteilung für alle Bataillone gültig. Lediglich die prozentuale Zugehörigkeit zu diesen drei Großgruppen wird für jedes Bataillon unterschiedlich ausfallen.

Der Wiener Polizeisekretär Walter Mattner schrieb im Oktober 1941 an seine Frau[12]:

„2. Oktober: ,...ich habe (mich) morgen zu einer Sonderaktion gemeldet. ...Morgen werde ich das erste Mal Gelegenheit haben, meine Pistole auszunützen. 28 Schuß hab ich mir mitgenommen. Wahrscheinlich wird das nicht reichen.’“

„5.Oktober: ,[...] Bei den ersten Wagen hat mir etwas die Hand gezittert, als ich geschossen habe, aber man gewöhnt das [sic]. Beim zehnten Wagen zielte ich schon ruhig und schoß sicher auf die vielen Frauen, Kinder und Säuglinge. [...] Säuglinge flogen in großem Bogen durch die Luft, und wir knallten sie schon im Fliegen ab, bevor sie in die Grube und ins Wasser flogen.’“

Hier wird die Freiwilligkeit der Teilnahme deutlich und ebenso die von Browning geschilderte ‚wachsende Begeisterung’. Während bei den ersten Wagen noch zögerlich oder zittrig geschossen wird, stellt sich bald eine Routine ein. Wenn man weiterhin die Wortwahl bei der Beschreibung der Tötung der Kinder betrachtet, kann tatsächlich von einer Begeisterung gesprochen werden mit der die Tat beschrieben wird.

Nachweislich nahm die Mehrheit der Mitglieder aller Bataillone an den Erschießungen teil. Es kann jedoch nicht davon ausgegangen werden, dass alle dies mit dem eben beschriebenen Enthusiasmus taten. Diese Männer handelten teilweise in dem Bewusstsein, Befehle auszuführen und aus den späteren Aussagen lässt sich nur schwer rekonstruieren, welche Gefühle sie bei diesen schrecklichen Taten begleiteten. Die Aussage eines Angehörigen des Polizeibataillons 105 gibt eine Stimmung wider, die wohl häufig unter den Bataillonsangehörigen vorgeherrscht haben wird.

„Wenn ich nach der Stimmung dieser Kameraden gefragt werde, so muß ich sagen, daß ich eigentlich dabei nichts besonderes festgestellt habe, d. h. die Stimmung nicht besonders schlecht gewesen ist. Manche haben wohl gesagt, daß sie so etwas in ihrem ganzen Leben nicht mehr erleben möchten, andere dagegen haben sich damit begnügt, indem sie sagten, Befehl ist Befehl.“[13]

Befehlsgehorsam spielte somit eine bedeutende Rolle, die bei genauer Betrachtung jedoch nicht überbewertet werden darf und nicht als Erklärung für die Beteiligung an den Mordaktionen ausreichen kann. Nicht alle nahmen an den Erschießungen teil und sowohl Browning als auch Goldhagen stellen bei ihrer Untersuchung über das Bataillon 101 fest, dass die Angehörigen des Bataillons bei einer Befehlsverweigerung nicht mit Sanktionen rechnen mussten.

„Es war keinesfalls so, daß derjenige, der die Erschießung der Menschen durch eigene Hand nicht durchführen wollte oder konnte sich von dieser Aufgabe nicht auch fernhalten konnte. Es wurde hier keine scharfe Kontrolle durchgeführt.[...] Irgendwelche Folgen sind daraus für mich nicht entstanden. Ich muß erwähnen, daß ich nicht der einzige war, der sich von der Beteiligung an den Exekutionskommandos fernhielt.“[14]

[...]


[1] Vgl. Kühne: Der nationalsozialistische Vernichtungskrieg und die „ganz normalen“ Deutschen, S. 604.

[2] Klemp: „Nicht ermittelt.“ Polizeibataillone und die Nachkriegsjustiz, Vgl. Wette: Wehrmacht, S. 207-225.

[3] Kühne: der nationalsozialistische Vernichtungskrieg, S. 636.

[4] Vgl. Browning: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die ‚Endlösung’ in Polen. S. 107.

[5] Paul, Gerhard: Von Psychopathen, Technokraten des Terrors und „ganz gewöhnlichen“ Deutschen, S.37.

[6] Vgl. Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, S.23.

[7] Vgl. Curilla: Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in weissrussland 1941-1944, S. 917.

[8] Matthäus: An vorderster Front. Voraussetzungen für die Beteiligung der Ordnungspolizei an der Shoah. S. 139.

[9] Vgl. Curilla: Ordnungspolizei, S. 921.

[10] Opferzahl und Tabelle (auszugsweise) nach Klemp: „Nicht ermittelt“. Polizeibataillone und die Nachkriegsjustiz, S. 467.

[11] Vgl. Browning: Ganz normale Männer, S.220.

[12] Zitiert nach: Curilla: Ordnungspolizei, S. 924. Mattner war später Angehöriger der Dienststelle SS- und Polizei-Standortführers Mogilew,; also wohl dem Polizeibataillon 322 zugehörig.

[13] Zitiert nach Browning: Judenmord, S. 186.

[14] Aussage eines Angehörigen des Bataillons 110, zitiert nach Browning: Ganz normale Männer, S. 99.

Details

Seiten
32
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638729772
ISBN (Buch)
9783638730167
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v76010
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,5
Schlagworte
Vollstrecker Völkermords Traumatisierte Welt Vergangenheitsbewältigung Europa Zeitalter Weltkriege

Autor

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