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Die Anfänge der Klosterreformen im 10. Jahrhundert

Seminararbeit 1999 18 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Einleitung

2. Die Situation der Kirche im 9. und 10. Jahrhundert

3. Der innere und äußere Zustand der Klöster

4. Die Reformbewegungen
4.1 Die monastischen Reformen innerhalb der Klöster
4.1.1 Cluny
4.1.2 Gorze
4.1.3 Brogne
4.2.Gemeinsamkeiten und Probleme der Klöster

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Die Klosterreformen im 10. und 11. Jahrhundert im burgundisch – lothringischen Raum haben einen wichtigen Platz in der Geschichte eingenommen. Das Mönchtum dieser Zeit war in der Lage, innerhalb, aber auch außerhalb des Reiches, mit seinen Reformen die Zeitgenossen insgesamt und deren gesellschaftliche Entwicklung tief zu beeindrucken.[1] Eine zum Teil neu entstandene kirchliche Führungskraft begann mit der Zurückdränung der weltlichen Einflüsse, die in der Geschichte vom Ausgang der Antike bis in die nachkarolingische Zeit maßgeblich waren.[2]

Diese Arbeit soll nun die Ausgangssituation vor den Reformen von Beginn des 9. bis ins 10. Jahrhundert kurz anreißen und die Anfänge der Klosterreformen im ersten drittel des 10. Jahrhunderts nachzeichnen. Ziel ist es, einen Überblick über die Situation innerhalb von Kirche und Kloster zu geben, wobei sich der Themenschwerpunkt auf die entstehenden Reformzentren Cluny, Gorze und Brogne im Kontext der allgemeinen Veränderungen richtet. Die Arbeit beschränkt sich somit auf den Beginn der Reformen und auf die Gründungen der genannten Reformklöster. Die einzelnen Kapitel sind so strukturiert, das sie aufeinander aufbauen und vom Allgemeinen zu den konkreten Beispielen führen. Die zu der Zeit herrschende politische Situation, die weiteren Entwicklung innerhalb der Klöster und der weitere Verlauf der Reformen im Allgemeinen wird außen vor gelassen, da diese Erläuterungen den Rahmen dieser Arbeit sprengen würden.

Die Arbeit basiert vor allem auf den Untersuchungen von Consuetudines und Memorialquellen wie Brauchtexten, Verbrüderungsbüchern und Nekrologien durch Geschichtswissenschaftler. Besonders intensiv wird hier auf das Resultat der Arbeiten des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte[3] sowie auf die Untersuchungen Peter Hawels[4] eingegangen. Doch obwohl das Werk Hawels neueren Datums ist, muß hinzugefügt werden, daß diese Literatur in der Forschung wohl nicht als richtungsweisend gelten darf, jedoch die damalige Situation gut veranschaulicht. Die Forschungsergebnisse in dem von R. Kottje und H. Maurer herausgegebenem Werk sind demgegenüber um so wertvoller. Und dennoch geben die Aufsätze zum größten Teil nur die Wesensmerkmale mit verschiedenen Schwerpunktthemen wieder, denn die Motive zu den Reformen sind bislang noch nicht hinreichend bekannt und es gibt eine Vielzahl von Ursachen, welche die Entwicklung des Mönchtums im 10. Jahrhundert geprägt haben könnten. Und auch zu der Frage, was die Reform eigentlich im engeren Sinne sei, gibt es unzählige Antwortversuche.[5]

Die Forschung kann also auf diesem Themengebiet noch lange nicht für ausreichend erklärt werden.

2. Die Situation der Kirche im 9. und 10. Jahrhundert

Um in das eigentliche Thema dieser Arbeit, die Reformbewegungen am Anfang des 10. Jahrhunderts einzuführen, soll an dieser Stelle ein kurzer Überblick über die Gesamtsituation der Kirche im 9. und 10. Jahrhundert gegeben werden.

Spezifisch für diese Zeit sind die ungeklärten hierarchischen Verhältnisse zwischen der Kirche und dem Königtum. Beziehungen persönlicher, rechtlicher und dinglicher Art verbanden beide zum Teil auf das Engste miteinander. Eine klare Trennung der Aufgabenverteilung und Zuständigkeit wurde somit unmöglich. Den weltlichen Herrschern sicherten diese Beziehungen Einflußmöglichkeiten in den Bistümern, den Bischöfen den ständigen Kontakt mit dem Hofe.[6] Auch das Reichskirchensystem und das Eigenkirchenwesen hatten eine wichtige Rolle in diesem Verhältnis[7]. Die Einflußmöglichkeiten des Königtums in die Kirche sind ebenfalls nicht zu unterschätzen. „Das sakrale Königtum war in dieser Zeit in seiner kirchlichen Funktion und Würde kaum umstritten. Königreiche konnten gewisse kirchliche Einheiten bilden.“[8]

Auf der anderen Seite war die Stellung der römischen Kirche als Mutterkirche der Christenheit und die Stellung des Papstes als obersten Patriarchen und Bischof völlig unbezweifelt. Die juristiktionelle oder kirchenpolitische Wirksamkeit des Papstes war im Ganzen allerdings wenig stabil und kontinuierlich.[9]

Weniger kompliziert stellte sich die wirtschaftliche Lage der Kirche da. Im Bezug auf die wirtschaftlichen Mittel wurden die Güter der Kirchen in den gleichen zeit- und landesüblichen Formen genutzt und verwaltet wie der Grundbesitz des Königs und der weltlichen Herren. Zusammengesetzt haben sich diese wirtschaftlichen Mittel zum Teil aus Grundbesitz, aus Zehnten, aus Geschenken und aus den Abgaben der Gläubigen in Naturalien oder Geld. Die Kirche war also zum großen Teil auf andere angewiesen und konnte sich nicht vollständig alleine tragen.

Die Nutzung der Güter wie des Grundbesitzes in der zeit- und landesüblichen Form bedeutete zusätzlich, daß sich die Kirche, im Rahmen des bereits erwähnten Eigenkirchenwesens, der Verpachtung an Laien bediente. Dieses geschah, wenn die Kirche sich nicht um alle ihre Gebiete, besonders die entfernteren, kümmern konnte.[10]

3. Der innere und äußere Zustand der Klöster

Der vorige Teil der Arbeit gab einen schemenhaften Überblick über die allgemeinen Verhältnisse der Kirche im 9. und 10. Jahrhundert. In diesem Kapitel soll nun in die Situation der Klöster innerhalb dieses Zeitraumes eingeführt werden. Dabei präsentiert sich der Überblick schon etwas umfangreicher, da die Klöster unmittelbarer Bestandteil der Reformen Anfang des 10. Jahrhunderts waren.

Besonders die Klöster waren durch das Eigenkirchenwesen geprägt. Königs- und Adelsklöster gerieten in die Verfügungsgewalt der Feudalherren, die den Klosterbesitz oft für ihre Zwecke verwendeten und als Laienäbte fungierten.[11] Neben der freiwilligen Abgabe bzw. Verpachtung von Grundstücken und Besitz seitens der Kirche bemächtigten sich die Fürsten auch der Klöster, um ihr Territorium zu vergrößern, Einfluß zu gewinnen, Familienmitglieder mit Einkünften zu versorgen oder um Kriegslasten zu begleichen.[12] Im weiteren wuchs die Attraktivität der Klöster und damit das Interesse der Fürsten und Feudalherren für das Laienabbatiat mit dem ansteig der gesellschaftlichen und politischen Stellung der Äbte und ihrer Annäherung an den Rang der Bischöfe um ein weiteres.[13] Man darf jedoch nicht das gesamte Eigenklosterwesen als ein System der Ausbeutung von Klöstern begreifen, denn nicht alle Eigenklosterherren nutzten ihre Klöster nur wirtschaftlich aus. Einige waren auch auf die Ausstattung und die inneren Ordnung zur Erfüllung des geistlichen Sinnes bedacht.[14] Zusammengefaßt formuliert ist das Bild adeliger Einflußnahme auf die Klöster, egal ob in positiver oder negativer Weise, also vor allem durch das Wirken von Laienäbten geprägt.[15]

Bedroht war die Existenz einiger Klöster jedoch nicht nur durch das Eigenkirchenwesen. Zu der Gefahr von Innen kam die Gefahr von Außen hinzu.

Seit Anfang des 9. Jahrhunderts litt das christliche Europa unter den Einbrüchen verschiedener heidnischer Völker, wie den Normannen, Sarazenen oder Ungarn.[16] Besonders die Klöster mußten unter den Verwüstungen und Zerstörungen, die die Einfälle mit sich brachten, leiden. Einige Klöster hörten sogar aufgrund von Plünderungen oder der

Zerstörung der Baulichkeiten gänzlich auf zu existieren. In den noch bestehenden Klöstern ist in manchen Fällen das monastische Leben ebenfalls fast zum erliegen gekommen. Seit Mitte des 9. Jahrhunderts klagten die kirchlichen Synoden über die schlechten Zustände der Klöster, über die Nichteinhaltung der Regeln und sogar über analphabetische Äbte.[17] Auch wenn diese Extreme nur in Einzelfällen aufgetreten sind, mußten die Klöster aufgrund der Einfälle oft ihren Besitzstand einbüßen. Klostergebäude sind mit der Zeit zerfallen und die Mönche haben sich entweder zerstreut oder, wie erwähnt, führten kein regelgetreues Leben mehr.[18] Das war wiederum eine fast natürliche Folge, denn wenn Mönche in materielle Not gerieten, mußten auch sie sich den nötigen Unterhalt erarbeiten. Das darunter die Disziplin des Klosterlebens litt war vorauszusehen.[19]

Es darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, daß es zu einer Aufgabe von Klöstern nicht nur aufgrund der Angriffe von Außen kam. Auch die Verdrängung von Fürstenhäusern aus den jeweiligen Gebieten, die Räumungen von Klöstern aufgrund Erbauseinandersetzungen in Grafenhäusern oder aufgrund verschobener Herrschaftspositionen waren Gründe, die oftmals wenn nicht zu einer Aufgabe, dann zum Verfall der Klöster führten.[20] Auch waren manche Klöster zeitweilig Objekte von politischen Machtkämpfen, wobei ihr Besitz nicht selten entfremdet und von den Königen infolge des Mangels an Fiskalgut zur Ausstattung ihrer Getreuen benutzt wurde.[21]

Faßt man nun alle hier dargelegten Punkte zusammen, wird deutlich, daß der wirtschaftliche und geistige Verfall von Klöstern durch mangelnde Fürsorge oder durch gewaltsame Eingriffe hervorgerufen werden konnte. Aber auch die Belastung des Königsdienstes und die Mißwirtschaft der Laienäbte konnte die Klöster an den Rand des Ruins bringen.[22]

Wurden die Klöster nicht von Eigenkirchenherren geführt, dann waren sie direkt dem König oder einem Bischof unterstellt. Sie wurden vom jeweiligen Bischof zu Abgaben herangezogen, wobei der Bischof ihnen wiederum zu den benötigten Schenkungen verhalf, die ihr fortleben sicherten.[23] Die meisten Bischöfe haben sich im weiteren um die Sicherung und Mehrung des Besitzes der ihnen anvertrauten Klöster bemüht. Das Bild

der bischöflichen Klosterpolitik ist also im 9. Jahrhundert wesentlich von der Sicherung oder Vernachlässigung der geistlichen Institutionen bestimmt gewesen.[24]

[...]


[1] Vgl. Wollasch, Joachim: Der Einfluß des Mönchtums auf Reich und Kirche. In: Schmid, Karl: Reich und Kirche vor dem Investiturstreit. Sigmaringen: Jan Thorbecke Verlag 1985. S.46.

[2] Vgl. Fink, Karl August: Papsttum und Kirche im abendländischen Mittelalter. München: Beck 1981. S.60.

[3] Vgl. Kottje, Raymund / Helmut Maurer (Hrsg.): Monastische Reformen im 9. und 10. Jahrhundert. Sigmaringen: Jan Thorbecke Verlag 1989.

[4] Vgl. Hawel, Peter: Das Mönchtum im Abendland. Geschichte – Kultur – Lebensform. Freiburg: Verlag Herder 1993.

[5] Vgl. Werner, Matthias: Wege der Reform und Wege der Forschung. Eine Zwischenbilanz. In: Kottje / Maurer, S.265; 267.

[6] Vgl. Fink: Papsttum und Kirche. S.66.

[7] Obwohl das Reichskirchensystem erst ein Jahrhundert später seinen Höhepunkt erreichte.

[8] Tellenbach, Gerd: Die westliche Kirche vom 10. bis zum frühen 12. Jahrhundert. Göttingen: Vandenhoeck u. Ruprecht 1988. S.32.

[9] Vgl. Ebd.

[10] Vgl. Tellenbach, S.75-76.

[11] Vgl. Hauschild, Wolf – Dieter: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengechichte. Bd.1 Alte Kirche und Mittelalter. Gütersloh: Gütersloher Verl. – Haus 1995. S. 298.

[12] Vgl. Hawel, S.195.

[13] Vgl. Fink, S. 64-65.

[14] Vgl. Geuenich, Dieter: Gebetsgedenken und anianische Reform – Beobachtungen zu den Verbrüderungesbeziehungen der Äbte im Reich Ludwigs des Frommen. In: Kottje / Maurer, S.96.

[15] Vgl. Werner. In: Kottje / Maurer, S.259.

[16] Vgl. Tellenbach, S.18.

[17] Vgl. Hawel, S. 196.

[18] Vgl. Bulst, Neithard: Untersuchungen zu den Klosterreformen Wilhelms Dijons (962-1031). Bonn: Ludwig Röhrscheid Verlag 1973. S.11.

[19] Vgl. Tellenbach, S.95.

[20] Vgl. Semmler, Josef: Das Erbe der karolingischen Klosterreform im 10. Jahrhundert. In: Kottje / Maurer, S.70-72.

[21] Vgl. Schmid, Karl: Mönchtum und Verbrüderung. In: Kottje / Maurer, S.200.

[22] Vgl. Ebd. S.210.

[23] Vgl. Werner. In: Kottje / Maurer, S.259.

[24] Der Autor bezieht sich hierbei auf Lothringen im 9. Jahrhundert. Vgl. Ebd. S.211. Siehe auch Ebd. S.218.

Details

Seiten
18
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638148122
ISBN (Buch)
9783638865722
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7601
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Historisches Seminar
Note
sehr gut
Schlagworte
Kloster Klosterreformen 10. Jahrhunder monastische Reformen Cluny Gorze Brogne

Autor

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