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Besonderheit und Dynamik der DDR-Sozialpolitik und regimespezifische Determinanten der Sozialpolitik

Seminararbeit 2007 9 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Thema:

a.a) Besonderheit und Dynamik der DDR-Sozialpolitik

i) Warum „existierte“ am Anfang der DDR Sozialpolitik als Idee und Wirklichkeit kaum?
ii) Stellen Sie die Besonderheit (5 Kreise) und Dynamik der DDR Sozialpolitik vor.

a.b) Regimespezifische Determinanten der Sozialpolitik

iii) Was waren Gründe für diese Dynamik?

Georg August Universität, Göttingen

Sozialwissenschaftliche Fakultät

Kurzhausarbeit zum Proseminar:

„DDR – ein Wohlfahrtstaat? Die Sozialpolitik der DDR im deutsch-deutschen Vergleich.“

Wintersemester 2006/07

Vorgelegt bei: Prof. Dr. Ilona Ostner

von Tim Christophersen

Besonderheit und Dynamik der DDR-Sozialpolitik

Pfadabhängigkeit lässt sich bezogen auf die Sozialpolitik der DDR nur bedingt belegen. Dies zeigt schon das Vorhaben, den Kapitalismus zu überwinden und den Sozialismus im Interesse und zum „Wohle des Volkes“ aufzubauen[1]. Dieses Vorhaben sollte schnellstmöglich umgesetzt werden. So standen Ende der 40er/Anfang der 50er Zentralisierung und „Vergesellschaftung der Produktionsmittel“[2] im Vordergrund, da darin notwendige Bedingungen für den Aufbau des Sozialismus gesehen worden waren. Dies ist ein Grund dafür, dass der Sozialpolitik nur eine randständige Bedeutung für die Anfänge der DDR zugesprochen werden kann. Ein anderer ist, dass in der Regimeführung die ideologiebedingte Meinung vorherrschte, dass der Sozialismus notwendigerweise einen allgemeinen Wohlstand hervorbringen werde, der eine weitläufige Sozialpolitik überflüssig mache.

Die These der nicht-existenten Pfadabhängigkeit muss jedoch geringfügig eingeschränkt werden, da die Sozialpolitik des Staates unter SED-Suprematie auch bereits Bewährtes und Bekanntes aufgriff und darin vielmehr lediglich in der Ausgestaltung neue Wege beschritt. Dies gilt auch für das „Recht auf Arbeit“, dem ersten Kreis der Sozialpolitik.[3] Zwar wurde dieses Recht von staatsoffizieller Seite zu Recht stets als „Soziale Errungenschaft“ gerühmt[4] und von der Bevölkerung der DDR auch nach der Wende noch neben der Sozialpolitik im Allgemeinen „als das Beste der ehemaligen DDR“ bewertet.[5] Das darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses Fundament des sozialistischen Wohlfahrtsstaates sich nicht allein durch das Fördern sondern auch durch das Fordern seiner Bürger auszeichnete, also durch die „Pflicht zur Arbeit“.[6] Die Verwirklichung dieses Rechts bestand obendrein eher in der Garantie eines Arbeitsplatzes als in der Garantie des Arbeitsplatzes,[7] was vermutlich in ähnlichem Maße als Druckelement verwendet werden konnte,[8] wie es in unterschiedlichem Ausmaße durch die Pflicht geschah. Denn „Arbeitsscheu“ bspw. wurde seit den 60ern zunehmend kriminalisiert und zudem auch als Synonym für politische Unbotmäßigkeit benutzt, um in Staatsideologischer Hinsicht erzieherisch entgegenzuwirken.[9] Hinzu kommt, dass die Sozialfürsorge sehr stark an die Arbeitsfähigkeit gekoppelt wurde, was in Zeiten sehr harter Auslegung bedeutete, dass vermeintlich Bedürftige gegebenenfalls gar keine Fürsorge bekamen.[10] Dass nun aber Vollbeschäftigung geschaffen worden war[11] und dass mit dem „Recht auf Arbeit“ ein existenzsichernder Mindestlohn für die „Werktätigen“ in Verbindung stand, machte aber ein weit reichendes Fürsorgesystem ohnehin nahezu überflüssig,[12] was die Kosten in diesem Segment auf den ersten Blick einzudämmen schien. Diese These ist aber deswegen nicht haltbar, weil das „Recht auf Arbeit“ nur unter Inkaufnahme von Unproduktivität verwirklicht werden konnte, was später mit der Inkaufnahme verdeckter Arbeitslosigkeit einherging.[13] Diese beiden Faktoren schlugen vor allem in den 80ern stark ins finanzielle Gewicht.

[...]


[1] Vgl. Frerich/Frey 1993, DDR, S. 59-60 und Schmidt 2004, S. 13.

[2] Frerich/Frey 1993, DDR, S. 71.

[3] Die fünf Kreise der DDR-Sozialpolitik orientieren sich an der Ausgestaltung von Schmidt 2004, vor allem S. 31-47 und zum Teil S. 151-157.

[4] In der Honecker-Ära jedoch ungleich mehr.

[5] Ebd. S. 14.

[6] Ebd. S. 29.

[7] Vgl. ebd. S. 34 (Fußnote 115). Dass 1977 die Arbeitslosenversicherung abgeschafft worden war (Vgl. ebd. S. 38), scheint durch die Arbeitsplatzgarantie und Vollbeschäftigung erklärt. Andererseits kann die Abschaffung der Arbeitslosenversicherung auch als ein weiteres Indiz für die starke Akzentuierung auf den Pflichtcharakter der Arbeit gewertet werden. In diesem Fall verstärken sich Recht und Pflicht gegenseitig, da Vollbeschäftigung und Arbeitsplatzgarantie – dies ist wohl anzunehmen – auf Dauer nur mittels eines Pflichtcharakters der Arbeit zu verwirklichen ist.

[8] Zwar habe ich kein Beleg für diese These, wenn in ihr Indizien für ein direktes Druckmittel des Staates vermutet werden. Allerdings scheint diese These deswegen zumindest nicht unplausibel, weil ein Arbeiter das „Unerträgliche“ an oder in seinem Beruf unter Umständen eher hätte ertragen wollen können, als dass er den gewollten Berufswechsel vollzog, da er fürchtete, der geäußerte Wunsch des Berufwechsels könne ihn zum Blickfang für den Überwachungsapparat machen oder ein Berufswechsel könnte ihm eine Arbeit bescheren, die von ihm als schlechter empfunden wird als die Arbeit, die er zuvor als unerträglich empfunden hatte.

[9] Vgl. Rudloff 1998, in Hockerts, drei Wege, S. 202-203.

[10] Ebd. S.201.

[11] Die Vollbeschäftigung war zum Teil jedoch in beträchtlichem Maße durch die hohe Zahl der Abwanderungen in die BRD begünstigt worden und ist nicht allein auf die Verwirklichung des „Rechts auf Arbeit“ zurückzuführen.

[12] Vgl. Rudloff 1998, in Hockerts, drei Wege, S. 202 und Schmidt 2004, S. 33.

[13] Schmidt 2004, S. 76. So wurden Arbeitsplätze bspw. zum Teil doppelt besetzt.

Details

Seiten
9
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638740234
Dateigröße
390 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v75999
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,7
Schlagworte
Besonderheit Dynamik DDR-Sozialpolitik Determinanten Sozialpolitik Wohlfahrtstaat Vergleich vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung Wohlfahrtsstaat

Autor

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Titel: Besonderheit und Dynamik der DDR-Sozialpolitik und regimespezifische Determinanten der Sozialpolitik