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August Rodins "Bürger von Calais" - Eine Werk- und Formanalyse

Hausarbeit 2005 16 Seiten

Kunst - Bildhauerei, Skulptur, Plastik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographie

3. Historisch überlieferte Geschichte der „sechs freiwilligen Bürger von Calais“

4. Aspekte der Entstehungsgeschichte und der Deutung

5. Formanalyse

6. Resümee: Einfluss und Bedeutung für die Moderne – Vergleich mit anderen Künstlern

7. Literaturverzeichnis:

8. Anhang:

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit der Skulptur der Bürger von Calais von Auguste Rodin. Ich werde sowohl eine knappe Biographie Auguste Rodins zusammenfassen, als auch auf die literarisch und künstlerisch überlieferte Geschichte der Aufopferung der sechs Freiwilligen Bürger von Calais eingehen. Daraufhin wende ich mich der Entstehungsgeschichte der Statuengruppe zu und beginne sogleich die Formanalyse.

Im Anhang befinden sich zudem mehrere Abbildungen, die in Verbindung mit der Hausarbeit zu gebrauchen sind.

2. Biographie

Auguste (Francois Rene) Rodin wurde am 14. November 1840 in Paris geboren.

Nach der Einschulung in einer Mönchsschule im Val-de-Grace-Viertel und späterer Lehre in einem von seinem Onkel gegründeten Schulinstitut in Beauvais begann Rodins künstlerische Ausbildung als 14. Jähriger mit dem Eintritt in eine Mathematik- und Zeichenschule, die später als Ecole des Arts Decoratifs bekannt werden sollte, wo er von Lecoq des Boisbaudran unterrichtet wurde. Boisbaudran verhalf durch ein spezielles System des Zeichenunterrichts und Gedächtnisübungen vielen anderen nennenswerten Künstlern zu ihrer Ausbildung[1]. Jedoch war Auguste Rodin als Lehrjunge gezwungen, seine Zeit an gewöhnlichen Büsten oder Figuren im Kleinformat zu verschwenden, die für den wöchentlichen Handel bestimmt waren.

Rodin blieb bis 1862 an der Ecole des Arts Decoratifs. In den folgenden Jahren verdiente er sich als Handwerker, Modelleur usw. seinen Unterhalt, mit dem er auch seine Eltern finanziell unterstützte, nachdem er dreimal von der Ecole des Beaux-Arts zurückgewiesen wurde[2]. Der Tod seiner Schwester, welche 1862 nach kurzer Krankheit verstarb verursachte bei ihm einen tiefen Schmerz und stürzte ihn im Alter von 23 Jahren in eine Lebenskrise[3].

Nach einem kurzen Studium im Jahr 1884 unter dem Tierbildhauer Barye, trat er in das Atelier von Carrier-Belleuse ein und verbrachte dort sechs Jahre als Gehilfe. Er folgte seinem Meister 1870 nach Brüssel, wo er die niederländische Frühkunst und Gotik studierte und bis 1877 blieb[4]. Danach arbeitete er bei dem belgischen Bildhauer Van Rasbourg. Ab dieser Zeit genoss Rodin durch öffentliche Aufträge seine erste künstlerische Anerkennung. In den Jahren 1875/76 unternahm Rodin eine Studienreise nach Italien (Florenz, Rom, Venedig und Neapel) um die Werke Donatellos und Michelangelos zu ergründen[5].

Im Jahr 1876 wurde Rodin durch einen Skandal, welcher durch die Ausstellung der Skulptur Das eherne Zeitalter verursacht wurde bekannt. Rodin wurde der Vorwurf gemacht, dieses Werk sei ein Abguss vom lebenden Original. 1877 kehrte er wieder nach Paris zurück, wo er sich mit gotischen Kathedralen auseinandersetzte. 1883 lernte Rodin Camille Claudel kennen. Sie wurde erst seine Schülerin, später seine Geliebte. Bei der Weltausstellung in Paris wurden 150 seiner Werke erfolgreich präsentiert[6]. Rainer Maria Rilke war in den Jahren 1905-1906 sein Sekretär. In seinem 1907 eingerichteten Atelier im Hotel Biron, befindet sich heute das Musée Rodin.

Im Alter von 77 Jahren heiratete Rodin im Februar 1917 Rose Beuret, welche im selbigen Monat verstarb. Auguste Rodin starb kurze Zeit später am 17. November 1917 in Paris.

3. Historisch überlieferte Geschichte der „sechs freiwilligen Bürger von Calais“

Während des Hundertjährigen Kriegs um Frankeichs Erbfolge von 1339 bis 1453 wurde die befestigte Hafenstadt Calais ca. ein Jahr lang von den englischen Truppen belagert. Im Sommer 1347 musste die Stadt aufgrund der erschöpften Vorräte kapitulieren. König Eduard der Dritte war bereit, die Bevölkerung der Stadt zu schonen, jedoch unter der Bedingung, „…sechs der angesehensten Bürger aus der Stadt kämen, nackt nur mit einem Hemd bekleidet und barhaupt, einen Strick um den Hals und die Schlüssel von der Stadt und Festung in den Händen…“[7]. Dies war demnach die Aufopferung der sechs Vertreter des Patriarchats von Calais, denn ihre Hinrichtung war beschlossen. Diese sechs Bürger hießen Eustache de Saint-Pierre – der reichste Bürger der Stadt -, Jehann d’Aire, Jacques de Wissant, Pierre de Wissant - alle Vetter des ersten Freiwilligen -, Jehans de Fiennes und Andrieus d’Andre, die beiden Jünglinge. „Die namentliche Identifikation entsprach einem Bedürfnis der Historiker, nicht des Künstlers. Man sollte sie aus den dargelegten Gründen nur mit Vorbehalt verwenden.“[8] Durch Mitleid, Nachsicht und Flehen der hochschwangeren englischen Königin, die der Vollstreckung aus christlicher Barmherzigkeit, Menschenliebe und Würde König Eduard zu entsagen riet, konnten alle sechs Bürger von Calais der Hinrichtung entkommen.

4. Aspekte der Entstehungsgeschichte und der Deutung

Die Geschichte der sechs freiwilligen Büßer von Calais konnte sich wegen ihrer Dramatik und Menschlichkeit aus der Geschichte des Hundertjährigen Krieges herauskristallisieren und bis ins 19. Jahrhundert für die Nachwelt erhalten.

Anfangs - etwa die Zeit nach 1347 - wurde das Geschehen von Froissart in seinen Chroniques festgehalten. Erst im späten 16. Jahrhundert wurde die Geschichte gedruckt und ins Englische übersetzt. Im weiteren Verlauf wurde das Thema künstlerisch oft verarbeitet, wie z.B. in Kupferstichen, Radierungen, Lithographien, Zeichnungen, Ölgemälden und Wandbildern. 1765 gab es sogar ein Bühnenstück von Pierre Laurent de Belloy in der Pariser Comedie Francaie, welches einen großen Erfolg zu verzeichnen hatte. Von diesem Bühnenstück wurden weitere Artisten – auch englische und deutsch - angeregt. So wäre z.B. Benjamin Wests Ölgemälde Die Bürger von Calais von 1789, wie auch Jean-Simon Berthelemys Ölgemälde Die selbstlose Tat von Eustache de Saint-Pierre während der Belagerung Calais’ von 1779 zu nennen. Diese beiden Ölgemälde, die das Sujet der Begnadigung aufzeigen, wurden im weiteren historischen Verlauf öfters kopiert[9]. Besonders das Ölgemälde des Künstlers Ary Scheffer Die patriotische Aufopferung der sechs Bürger von Calais von 1819 soll Rodins Aufmerksamkeit vor allem wegen des seltener gewählten Themas des gemeinsamen Opferganges erregt haben. Denn Ary Scheffer hat schon in seinem Gemälde „…die sechs Bürger in Zweierreihen als Gruppe aus dem Stadttor ziehen, in langen, sie vereinheitlichenden hellen Büßerhemden, barfuss, barhaupt und mit Stricken um den Hals…“[10] dargestellt. Demnach kann man sagen, dass dieses dramatische Geschehen eines der populärsten Ereignisse des Hundertjährigen Krieges – neben Jeanne d’Arc – war und gerade deshalb ab dem 18. Jahrhundert erste Bestreben eines Denkmals geäußert wurden.

Omer Dewavrin, der damalige Bürgermeister der Stadt Calais war der Verantwortliche für Auguste Rodins Auftrag für das Denkmal, denn er unterbreitete diesen Vorschlag am 26. September 1884 dem Stadtrat. Dem zahlreichen Briefwechsel nach, wurde Rodins Entwurf am 20. Januar 1885 bereits gebilligt. Über zehn Jahre lang dauerte das Schaffen des Werkes, welches nach etlichen Entwürfen, öffentlicher, wie auch von Seiten des Stadtrats missbilligender Kritik, Problemen der Finanzierung, weiteren Verhandlungen und der nötigen Zeit, die ein Künstler für sein Schaffen braucht – Auguste Rodin arbeitet sehr exakt, diszipliniert, aber auch perfektionistisch und somit zeitintensiv – endgültig am 2. Juni 1895 in Calais eingeweiht wurde. Dadurch, dass das Denkmal auch von der französischen Regierung finanziell unterstützt wurde, „…rückte das Projekt…in das allgemeine Interesse der französischen Öffentlichkeit. Es wurde als eine Art National-Denkmal empfunden. Daher auch die anfänglichen Empfindlichkeiten gegenüber angeblich mangelnder Würde und fehlendem pathetischem Heroismus.“[11]

Bei dem hier thematisierten Werk der Bürger von Calais findet man eine Statuengruppe von sechs Figuren vor. Schon allein die Berücksichtigung, alle sechs freiwilligen Büßer darzustellen und nicht, wie ursprünglich geplant nur den Eustache de Saint-Pierre, gilt als „…revolutionärer Schritt zur Demokratisierung der Denkmalidee…“[12] Zudem wurde von Seiten des Stadtrates ein Pyramidenaufbau mit Frontalansicht erwartet, „…der sich doch für ein Denkmal gehöre…“, wobei auch große Zweifel an Rodins Modell gehegt wurden, denn ein „… solches Denkmal gab es noch nicht.“[13]. Die Figuren tragen alle Büßerhemden und Stricke um den Hals. Die Gruppe ist im Begriff vom Marktplatz zu den Stadttoren aufzubrechen, die Schlüssel der Stadt und der Festung zum Übergeben bereit, jedoch immer noch innehaltend, sich verabschiedend, trauernd und zweifelnd (s. Abb.2-7). Ein gemeinsamer Opfergang, welcher die demokratische, gemeinschaftliche Symbolik und Bürgertugend nach dem verlorenen Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 noch mal aufgreift, die durch das Denkmal gezielt von den Auftraggebern angesprochen werden sollte, denn das „….war im Sinne der Dritten Französischen Republik, die sich für die Bürgertugenden auf die Große Französische Revolution berief.“[14]

[...]


[1] Phaidon Verlag (Hg.): Rodin, S. 4

[2] C. Mauclair, Auguste Rodin, S.352

[3] E. Waldmann, Auguste Rodin, S.10

[4] C. Mauclair, Auguste Rodin, S.4

[5] E. Waldmann, Auguste Rodin, S.15

[6] C. Mauclair, Auguste Rodin, S.365

[7] J.A. Schmoll gen. Eisenwerth, Auguste Rodin: Die Bürger von Calais, S. 17

[8] Ebd., S. 48

[9] J.A. Schmoll gen. Eisenwerth, Auguste Rodin: Die Bürger von Calais, S. 20

[10] Ebd., S. 21

[11] J.A. Schmoll gen. Eisenwerth, Auguste Rodin: Die Bürger von Calais, S. 48

[12] Ebd., S. 32

[13] E. Waldmann, Auguste Rodin, S. 29

[14] J.A. Schmoll gen. Eisenwerth, Auguste Rodin: Die Bürger von Calais, S. 33

Details

Seiten
16
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638770545
ISBN (Buch)
9783638774390
Dateigröße
6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v75868
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Kunstgeschichtliches Institut
Note
2,0
Schlagworte
Formanalyse Statuengruppen Klassizismus Bürger von Calais Auguste Rodin Skulptur Plastik Kunstgeschichte

Autor

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