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Die Geschwisterbeziehung. Wie sie unser Leben beeinflusst

Hausarbeit 2006 29 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einordnung des Begriffs „Geschwisterbeziehung“

3. Merkmale von Geschwisterbeziehungen
3.1. Die Unfreiwilligkeit der Beziehung
3.2. Ambivalenz der Geschwisterbeziehung
3.3. Differenzen und Rivalität zwischen Geschwistern
3.4. Warum Geschwister so verschieden sind

4. Einflussfaktoren auf die Geschwisterbeziehung
4.1. Die Geschwisterkonstellation
4.1.1. Das Erstgeborene
4.1.2. Die „Sandwich-Position“ - mittlere Kinder
4.1.3. Das Jüngste
4.1.4. Zusammenfassung
4.2. Der Altersabstand
4.2.1. geringer Altersabstand
4.2.2. großer Altersabstand
4.3. Der Einfluss der Eltern

5. Die Art der Geschwisterbeziehung
5.1. Enge Identifikation
5.2. Teilidentifikation
5.3. Distanzierte Identifikation

6. Entwicklung der Geschwisterbeziehung im Laufe des Lebens
6.1. Entstehung und Aufbau in der frühen Kindheit
6.2. Geschwisterbeziehung in der Kindheit und im Jugendalter
6.2.1. Kleinkind- und Kindergartenalter
5.2.2. späte Kindheit und Jugend
6.3. Die Beziehung von Geschwistern im Erwachsenenalter
6.3.1. Adoleszenz und frühes Erwachsenenalter
6.3.2. mittleres bis spätes Erwachsenenalter

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Geschwisterbeziehung ist die am längsten dauernde Beziehung überhaupt. Ob ein Mensch mit Geschwistern aufwächst oder als Einzel­kind, welche Position er in der Geschwisterreihe einnimmt, ist für sein ganzes Leben von Bedeutung.

Laut einer Erhebung des statistischen Bundesamtes aus dem Jahre 2000 ist jedes vierte Kind ein Einzelkind. Jedes zweite Kind wächst mit mindestens einem Geschwister auf. Dazu zählen aber auch Halb­geschwister, Adoptivgeschwister oder anderweitige Kombinationen, die in einer so genannten Patchworkfamilie entstehen.

Mit welcher Situation das Kind in der Familie konfrontiert wird, bildet die Ausgangsbasis für sein späteres Leben und beeinflusst sein Denken über sich und die Welt. Die Geschwistersituation ist eng mit kulturellen Wertvorstellungen, Geschlechterrollen und der Paarsituation der Eltern verknüpft. Geschwister tragen dazu bei zu lernen, auf andere zu reagieren, sich mit anderen anzufreunden, Kontakte durch Kommunikation herzustellen, für andere Sympathie oder Antipathie zu empfinden, sich in die Gemeinschaft einzugliedern. Natürlich ist die Geschwisterbeziehung nur eine von sehr vielen Komponenten in der Persönlichkeitsbildung, aber durchaus eine der wichtigsten. Es wäre natürlich übertrieben, zu behaupten, dass Geschwister denselben Einfluss auf die Entwicklung und Sozialisation von Kindern haben wie deren Eltern, aber man bedenke, dass Kinder ab einem Alter, in dem sie nicht mehr ständig der Betreuung durch die Mutter bedürfen, einen großen Teil ihrer Zeit mit ihren Geschwistern verbringen.

Die Geschwisterbeziehung hat in der Forschung trotz­dem Jahrzehnte lang wenig Beachtung gefunden. Kasten (1993, S. 15) stellte fest, dass anderen Sozial­beziehungen, wie den Eltern-Kind-Beziehungen, den (Ehe-) Partner­beziehungen, den Peers-Beziehungen oder hierarchischen Beziehungen (z.B. Vorgesetzter-Untergebene), wesentlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Am Anfang des 20. Jahrhunderts war Alfred Adler einer der Ersten, der sich, im Rahmen seiner Individualpsychologie, systematisch mit der Geschwister­thematik beschäftigte. Kasten (1993, S. 41) verdeutlicht, dass mit Adlers Arbeiten der Grundstein für die heute als traditionell bezeichnete Geschwisterkonstellationsforschung gelegt war. In den meisten früheren Untersuchungen standen strukturelle Aspekte der Geschwisterbeziehung (z.B. Position in Geschwisterreihe) im Mittelpunkt des Interesses. Da man, so Kasten (1993, S. 12), davon ausging, dass diese wesentlich die Persönlichkeitsentwicklung prägen. Die Aufmerksamkeit der heutigen Geschwisterforschung richtet sich eher auf verursachende Prozesse und Wechselwirkungen (Papastefanou, 1992, S. 154). Untersucht wird zum Beispiel der geschwisterliche Umgang miteinander, der Umgang mit den Eltern und die Entwicklung der Geschwiste­rbeziehung über die Lebensspanne.

Im Folgenden wird auf die Besonderheit von Geschwisterbeziehungen und die Veränderung dieser im Laufe des Lebens eingegangen. Da es sich um ein sehr komplexes Thema handelt, gebe ich in dieser Arbeit nur einen kleinen Einblick in die Thematik der Geschwisterbeziehung. Dabei werde ich zunächst den Begriff „Geschwisterbeziehung“ genauer einordnen, bevor ich auf typische Merkmale eingehe. Anschließend werde ich verschiedene Faktoren, die einen bedeutenden Einfluss auf die Geschwisterbeziehung haben, aufführen und näher erläutern. Danach werde ich einen kurzen Einblick in die Entwicklung der Geschwister­beziehung, von der Geburt des zweiten Kindes bis ins hohe Alter geben. Abschließend folgen eine eigene Stellungnahme zu dem Thema und eine kurze Zusammenfassung.

2. Einordnung des Begriffs „Geschwisterbeziehung“

Bevor der Begriff der Geschwisterbeziehung näher eingeordnet werden soll, muss zunächst geklärt werden, was unter dem Begriff „Geschwister“ im Allgemeinen zu verstehen ist. Kasten definiert den Geschwisterbegriff folgendermaßen: „Mit dem Begriff „Geschwister“ bezeichnet man in den meisten Kulturen und Sprachgemeinschaften Individuen, die über eine (zumindest) teilweise identische genetische Ausstattung verfügen, weil sie dieselbe Mutter / denselben Vater / dieselben Eltern haben“ (Kasten, 1993, S. 8). Wichtige Bereiche werden mit dieser Begriffsbestimmung jedoch ausgeblendet, beispielsweise Adoptivkinder, Pflegekinder und Stief­kinder, die in ihrer Familie Geschwisterbeziehungen mit gleicher Qualität aufbauen können, wie Kinder mit derselben biologischen Mutter bzw. demselben biologischen Vater.

Die Geschwisterbeziehung wird von Bank und Kahn „als – intime wie öffentliche – Beziehung zwischen dem Selbst von zwei Geschwistern Die Bindung kann sowohl warm und positiv als auch negativ sein“ (Bank & Kahn, 1990, S. 21) beschrieben. Auf der Grundlage dieser Definition soll im Folgenden versucht werden, den Begriff „Geschwister­beziehung“ im Bereich Familie genauer einzuordnen.

Die Geschwisterbeziehung gehört für Kasten (1993, S. 9) zu den sogenannten innerfamilalen Beziehungen, die bestimmte Familien­mitglieder untereinander haben. Innerhalb der Familie kann man im Allgemeinen zwei Arten von Beziehungen unterscheiden. Die vertikale Beziehung des Kindes zu den Eltern, lässt die Kinder zu den Eltern aufschauen und sie als Autoritätsperson wahrnehmen (Kasten, 1993, S. 10). Die horizontale Beziehung der Kinder untereinander, ist gekennzeichnet durch ein offeneres und ungeschminkteres Miteinander der Kinder (Kasten, 1993, S. 10).

Die Geschwiste­rbeziehung, als eine Horizontalbeziehung, ist somit nicht nur eine der längsten Sozialbeziehungen des Menschen sondern hat auch eine große Bedeutung für die Entwicklung des Kindes. Zum Beispiel lernen Geschwister von klein auf den Umgang mit altersnahen Personen und erwerben somit wichtige soziale Kompetenzen wie Teilen, die Bedürfnisse anderer zu akzeptieren, mit Frustration umzugehen (Papastefanou, 1992, S. 152), etc.

3. Merkmale von Geschwisterbeziehungen

Für Papastefanou (1992, S. 152) sind sich Geschwister Spiel­kameraden, Kollegen, Sozialisationsagenten, Verteidiger in der Gleichaltrigengruppe und Verbündete im Umgang mit den Eltern. Sie sind sich Modelle für positives und negatives Verhalten. Papastefanou (1992, S. 152) stellte fest, dass Geschwister des anderen intimste Bereiche kennen, sie offen und freimütig miteinander umgehen und oft sogar eine private Sprache verwenden. Geschwister teilen häufig viele Interessen und verbringen mehr Zeit miteinander als mit den Eltern, Peers oder sonstigen Bezugspersonen (Papastefanou, 1992, S. 153). Das Miteinander Aufwachsen, das Entstehen einer gemeinsamen Geschichte, die über Erinnerungen immer wieder aufgefrischt wird, schafft Nähe. Durch dieses enge Zusammen­leben von Klein auf, können Geschwister ein Höchstmaß an Intimität erreichen, wie es in keiner anderen Beziehung noch einmal auftreten kann. Zwischen ihnen entsteht oftmals eine enge und tiefe Kameradschaft.

Wie sich Geschwister gegenseitig beeinflussen, hängt, wie Kasten (1993, S. 37) feststellte, zum einen von äußeren Bedingungen ab, wie den ökonomischen und sozialen Bedingungen der Familie, des Lebensumfeldes sowie vom Alter und Geschlecht der Geschwister. Andererseits spielen aber auch bestimmte Faktoren zwischen den Geschwistern eine große Rolle. In der Geschwisterinteraktion werden wichtige soziale und kognitive Fertigkeiten erworben, die spätere Beziehungen zu Freunden prägen (Papastefanou, 1992, S. 153). Darum spielt diese Beziehung eine zentrale Rolle in der Entwicklung eines Kindes.

Geschwisterbeziehungen weisen essentielle Merkmale auf, die sie von anderen zwischenmenschlichen Beziehungen unterscheiden. Diese sollen nun im folgenden Abschnitt näher erläutert werden.

3.1. Die Unfreiwilligkeit der Beziehung

Geschwister kann man sich nicht aussuchen. In Geschwister­beziehungen wird man hineingeboren. „Dieser Umstand sorgt dafür, dass in Geschwisterbeziehungen Persönlichkeiten aufeinander treffen, die sehr verschieden sein können.“ (Schmid, 2004) Lüscher (1997, S. 26) bemerkte, dass Geschwister dieselben Eltern teilen, in derselben Wohnung leben, (fast) immer zusammen sind und die gleichen oder ähnlichen Sachen besitzen, was Kleidung, Spielzeug usw. angeht. Sie werden nicht gefragt, ob sie von ihren Anlagen und ihrem Temperament her zusammenpassen. Mag auch noch so viel Rivalität zwischen ihnen herrschen, sie gehören zusammen und sind daher ständig aufeinander angewiesen. Geschwisterbeziehungen können auch dann nicht beendet werden, wenn sich gelegentlich Phasen von Aggression und Frustration häufen. Eltern sterben, Freunde verschwinden, Ehen lösen sich auf, aber Geschwister können ihre Verbindung genau genommen nicht trennen. Sie sind gezwungen miteinander auszukommen.

3.2. Ambivalenz der Geschwisterbeziehung

Normale Geschwister lieben und hassen sich zugleich (Lüscher, 1997, S. 74). Sie konkurrieren und kooperieren miteinander, sie verraten und verletzen sich. Die Geschwisterbeziehung ist, laut Lüscher (1997, S. 26), gekennzeichnet durch ambivalente Gefühle wie Liebe und Hass, Konkurrenz und Solidarität, Nähe und Abgrenzung, Rivalität und Fürsorge, Macht und Unterordnung, Rücksichtnahem und Egoismus, Trost und Verletzung, Abhängigkeit und Autonomie, Wärme und Kälte. Im Umgang miteinander können Geschwister offener, direkter, ehrlicher sein als gegenüber den Eltern. Sie sagen sich was ihnen durch den Kopf geht, ohne lange zu zensieren. Kasten (1993, S. 168) weist darauf hin, dass das Vorhandensein von gefühlsmäßiger Nähe zwischen Geschwistern sozusagen die Grundlage und Voraussetzung bildet für die Entstehung von Rivalität bei entsprechenden Anlässen. Denn man streitet nicht mit einer Person, die einem gefühlsmäßig gleichgültig ist.

Zwischen Geschwistern herrscht also zum einen bedingungslose Rivalität und gleichzeitig auch größtmögliche Nähe. Warum diese Rivalität zwischen den Geschwistern entsteht und was sie bewirkt, soll im nächsten Abschnitt geklärt werden.

3.3. Differenzen und Rivalität zwischen Geschwistern

Räumliche Nähe und das häufige Zusammensein sind die Vorraussetzung für Interaktionen. Mit den Interaktionen nehmen gegenseitige Identifikationen, Nähe, Einfühlungsvermögen zu, aber auch die Aggressionen und Konflikte. Lüscher (1997, S. 40) erklärt, dass in einer Freundschaft Konflikte vermieden werden, um die Beziehung nicht zu gefährden. Streitenden Geschwistern dagegen garantiert die Institution Familie das Überleben der Beziehung, weshalb Konflikte offen ausgedrückt und ausgetragen werden.

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Details

Seiten
29
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638813334
ISBN (Buch)
9783638814218
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v75851
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg
Note
1,5
Schlagworte
Geschwisterbeziehung Leben

Autor

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Titel: Die Geschwisterbeziehung. Wie sie unser Leben beeinflusst