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Haiti. Das Haitianische Kreol

Seminararbeit 2007 38 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I Einleitung

II Kolonialisierung Haitis

III Kreolisierungsprozesse in Haiti
III.1. Was ist eine Kreolsprache?
III.2. Entstehungstheorien von Kreolsprachen
III.3. Entstehung des Haitianischen Kreols

IV Der Status des Haitianischen Kreols
IV.1. Linguistische Situation Haitis
IV.2. Aufwertung des Kreols – Kampf gegen den Analphabetismus
IV.3. Die Rolle der Schule

V Sprachinterne Besonderheiten des Haitianischen Kreols
V.1. Phonologische Aspekte des Haitianischen
V.1.1. Palatalisierung
V.1.2. Der Vibrant /R/
V.1.3. Nasalisierung
V.2. Wortschatzaspekte des Haitianischen
V.2.1. Agglutination des französischen Artikels
V.2.2. Archaismen und Dialektismen
V.2.3. Wortschatz nicht-französischen Ursprungs – Afrikanismen
V.3. Aspekte von Morphologie und Syntax des Haitianischen
V.3.1. Nominalsyntagmen
V.3.2. Adverbialsyntagmen
V.3.3. Verbalsyntagmen
V.3.3.1. Tempus/ Modus/ Aspekt
V.3.3.2. Negation
V.3.3.3. Kopula être

VI Rekapitulation: Afrikanische Substratspuren im Haitianischen Kreol
VI.1. Substratspuren in der Phonetik
VI.2. Substratsspuren auf grammatisch-syntaktischer Ebene

VII Zusammenfassung

Anhang

Quellenverzeichnis

I Einleitung

Nachdem Kolumbus 1492 Amerika unter spanischer Flagge entdeckt hatte, war seit dem 16. Jahrhundert auch der Atlantische Ozean zu einem starken Interessengebiet für die Europäer geworden. Zahlreiche Inseln wurden erkundet und kolonisiert. So besaß auch Frankreich seit dem 17. Jahrhundert mehrere Kolonien im Atlantik; darunter befand sich unter anderem die Insel Hispaniola – auch St. Domingue genannt. Um einen Teil dieser Insel, nämlich Haiti, soll es in diesem Beleg gehen. Zwar ist der Hauptfokus dieser Arbeit auf sprachliche Besonderheiten Haitis ausgerichtet; nichtsdestotrotz lassen sich diese kaum ohne geschichtliche Hintergründe wie die Kolonialisierung erklären. Denn nur durch den Kontakt verschiedensprachigster Menschen konnte sich das französischbasierte haitianische Kreol herausbilden.

Obwohl Haiti vieles seiner Geschichte mit anderen karibischen Inseln gemein hat, darf man keinesfalls die Besonderheit des Haitianischen außer Acht lassen. Im Folgenden sollen zunächst generelle Termini wie Kreol und anschließend die Besonderheiten des Kreols auf Haiti geklärt werden. Dazu zählen sowohl der Sprachstatus auf Haiti wie auch die Alphabetisierung der Bevölkerung, die Rolle der Schule und die Struktur des Haitianischen Kreols an sich.

II Kolonialisierung Haitis

Ohne die Geschichte der Kolonialisierung Haitis lässt sich die Entstehung einer Kontaktsprache wie dem Haitianischen Kreol wohl kaum erklären. Aus diesem Grund soll an dieser Stelle ein kurzer Abriss der französischen Kolonialisierung Haitis erfolgen.

Die zeitigsten Kontakte mit Nicht-Einheimischen fanden bereits im 16. Jahrhundert statt – dabei handelte es sich hauptsächlich um Spanier, die die Insel als Ausgangspunkt zur Eroberung des amerikanischen Festlandes nutzten. Goldfunde im östlichen Teil Hispaniolas führten dazu, dass sich sowohl die Spanier wie auch die einheimischen Arawaks, die häufig versklavt wurden, zu eben jenem Teil der Insel begaben. Im 17. Jahrhundert siedelten sich außerdem französische, englische und afrikanische Seeräuber im westlichen Teil der Insel Hispaniola an um dort ihr Hauptquartier zu errichten. Die Zahl der Franzosen auf diesem Teil der Insel stieg an, als die Spanier 1635 die auf der Nachbarinsel Tortuga lebenden Franzosen vertrieben. Diese „Flüchtlinge“ schlossen sich daraufhin häufig den französischen Seeräubern Hispaniolas an.[1]

Unter dem Schutz der French West India Company wurden französische Frauen, meist Weisen oder Prostituierte, nach Hispaniola gebracht um die dortigen Männer zum sesshaft werden zu bewegen. Der Anbau von Zucker erwies sich als äußerst ertragreich, weshalb auch wenig später der Anbau von Zuckerrohrplantagen stattfand. Im Zuge des Zuckerrohranbaus erlangte Hispaniola mehr Wohlstand als alle anderen karibischen Inseln. Da dieser Plantagenanbau jedoch sehr arbeitsintensiv war, benötigten die französischen Kolonialherren mit fortschreitender Kolonisierung wesentlich mehr Arbeitskräfte. Während zu Beginn der Kolonisierung der Großteil der Sklaven aus anderen in der Karibik befindlichen europäischen Kolonien stammten, wurden die Sklaven Ende des 17. Jahrhunderts hauptsächlich direkt aus Afrikas durch die French West India Company importiert.[2] Inwiefern sich dies auf die Bevölkerungszusammen­setzung auswirkte, zeigt die Tabelle auf Seite ??.[3]

Darin zeigt sich, dass Haitis Bevölkerung zur Zeit der Französischen Revolution im Gegensatz zu anderen französischen Kolonien wie Guadeloupe oder Martinique hauptsächlich aus afrikastämmigen Sklaven bestand. Die weißen Kolonialherren waren also deutlich in der Unterzahl.[4]

III Kreolisierungsprozesse in Haiti

III.1. Was ist eine Kreolsprache?

Das Wort kreol entstand im 16. Jahrhundert im Portugiesischen abgeleitet von dem Verb criar, was in etwa ‚ernähren’, ‚aufziehen’ bedeutet. Ursprünglich diente das Wort Kreole der Bezeichnung von Weißen, die in Südamerika geboren wurden um einen Unterschied zwischen diesen Weißen und jenen zu machen, die in Europa geboren wurden und erst später in die Kolonien kamen. Die Bedeutung des Wortes kreolisch erfuhr allerdings recht schnell eine Ausweitung – und zwar auf Negersklaven, die in den Kolonien geboren wurden. Letztendlich bezeichnete der Begriff alles Einheimische und in den Kolonien „geborene“, wie Pflanzen, Kleidung, etc.[5]

Interessanterweise lässt sich der älteste Beleg dafür, dass kreolisch eine neu entstandene Sprache bezeichnet, im Deutschen finden. Folgendes Zitat stammt aus dem Tagebucheintrag des Herrnhuter Missionars Friedrich Martin vom 8. November 1736: „Br. Cars[tens] war fleissig wolt das neije testament ins carriolse bringen: es ist aber sehr schwer: den sie besteht in all zu vieler Sprachen.“[6] Der älteste französische Beleg von Haiti für die Verwendung der Terms zur Bezeichnung einer Sprache datiert ein knappes halbes Jahrhundert später (1785):

«Quoi qu’il en soit, le langage créole a prévalu. Non seulement il est celui des gens de couleur, mais même des blancs domiciliés dans la colonie [St. Domingue], qui le parlent plus volontiers que le franVais, soit par habitude, soit qu’il leur plaît davantage.»[7]

Kreolisch ist heutzutage der Name, mit dem die Sprecher ihre Sprache selbst betiteln. Gleichzeitig ist kreolisch auch ein linguistischer Terminus, den man wie folgt definieren kann: Eine Kreolsprache entsteht dann, wenn durch Sprachkontakt eine sogenannte Pidgin -Sprache zur Muttersprache einer Sprechergemeinschaft wird. Diese kurze Definition wirft gleichzeitig eine neue Frage auf: Was versteht man unter Pidgin?

Eine Pidgin -Sprache ist eine Art Behelfssprache, die zur Verständigung von Personen unterschiedlicher Sprechergemeinschaften dient. Dabei wird eine Superstratsprache, im Fall des Haitianischen das Französische, strukturell stark vereinfacht und als Basis für das Pidgin verwendet.[8]

III.2. Entstehungstheorien von Kreolsprachen

Im Folgenden sollen vier verschiedene Entstehungstheorien von Kreolsprachen betrachtet werden. Die Evolutionstheorie, die implizit bereits bei der Klärung des Begriffs „Kreolsprachen“ Anwendung fand, ist die wohl anerkannteste Hypothese zur Entstehung von Kreolsprachen. Dabei geht man davon aus, dass die jeweilige Basissprache der später entstehenden Kreolsprache (beim Haitianischen Kreol das Französische) über mehrere Generationen hinweg vereinfacht, reduziert und umstrukturiert. Die Entwicklung der Kreolsprachen findet wie bei anderen Sprachen statt. Dabei wirken sowohl die Basis- oder auch Superstratsprache als Sprache der Kolonialherren als auch die Sprache der Einheimischen (Substratsprache) auf die Entstehung des Kreols ein. Das Haitianische ist laut Evolutionstheorie ein „créole à la base lexicale française“.[9]

Die zweite Theorie, die an dieser Stelle genannt werden soll, ist die Mischsprachenhypothese. Sie wurde zunächst 1883 von Lucien Adam vertreten, später aber noch prägnanter formuliert. Inhalt der Mischsprachenhypothese ist, dass Kreolsprachen durch die Mixtur vom Wortschatz der Basissprache (Französisch) mit der Grammatik der Substratsprache entstehen. Diese Theorie erwies sich jedoch als untragbar, da zu große Unterschiede zwischen den verschiedenen Kreolsprachen bestanden.[10]

In den 50er Jahren entstand die Monogenetische Relexifizierungstheorie. Die Monogenetische Relexifizierungstheorie versucht die Ähnlichkeit von Kreolsprachen zu erklären, auch wenn deren Basissprache verschieden ist. Diese Theorie geht davon aus, dass alle Kreol- und Pidginsprachen einen gemeinsamen Ursprung besitzen: Dieser Ursprung soll entweder ein portugiesisches Pidgin aus dem Westafrika des 15. – 18. Jahrhunderts sein oder aber die Lingua Franca des Mittelmeerraums. Die Relexifizierung der Kreolsprachen bezieht sich auf die Annahme, dass deren Wortschatz mit der jeweiligen Basissprache ausgetauscht wurde, die Grammatik jedoch beibehalten wurde. Heutzutage hat diese Theorie jedoch kaum noch Anhänger. [11]

Die letzte Theorie, die hier vorgestellt werden soll, ist die Hypothese des Bioprogramms. Sie wurden von Derek Bickerton entwickelt und 1981 veröffentlicht. Auch diese Theorie versucht die Ähnlichkeit der Kreolsprachen untereinander zu erklären.

Bickerton argumentiert im Unterschied zu Anhängern der Monogenetischen Relexifizierungstheorie, dass sich die Kreolsprachen untereinander so ähneln weil das Biogramm aller Kinder gleich ist. So haben alle Kinder die gleiche angeborene Fähigkeit Sprache zu konstruieren.[12]

III.3. Entstehung des Haitianischen Kreols

Wie bereits in der Theorie erwähnt, resultiert ein Kreol letztendlich aus dem Sprachkontakt mindestens zweier Sprechergemeinschaften. Auch diese wurden bereits erwähnt: einerseits die französischen Kolonialherren und andererseits die aus Afrika importierten Sklaven. Ganz offensichtlich war es den Kolonialherren und Sklaven nicht möglich sich miteinander zu verständigen. Wobei jedoch auch zu berücksichtigen ist, dass sich häufig nicht einmal die Sklaven untereinander verständigen konnten, da sie aus den verschiedensten Gegenden Afrikas stammten und den unterschiedlichsten Stämmen angehörten. Meist wurden die Sklaven sogar bewusst insofern selektiert, dass nicht mehrere, die einer gemeinsamen Sprache mächtig waren, zusammenarbeiteten um Verschwörungen oder Fluchtplanungen von vornherein zu vermeiden. Aus diesen Verhältnissen heraus, entwickelten sich auf den Plantagen eine neue Sprache – die Pidgin -Sprache. Sie diente zunächst nur zur gegenseitigen Verständigung. Mit der Zeit wurde dieses Pidgin aber von der in der Kolonie geborenen Generation als Muttersprache (anstatt der jeweiligen ursprünglichen afrikanischen Muttersprache) gelernt.

Auf diese Art und Weise wurde die haitianische Kreolsprache in einem gewissen Zeitraum zur einzigsten Sprache der Sklaven. Auch die Weißen Kolonialherren beherrschten häufig das Haitianische als Zweit- oder sogar Muttersprache. Grundlage des Haitianischen Kreols bildet das Französische als dominierende Sprache der Kolonialherren.[13] Festzuhalten und zu betonen ist an dieser Stelle allerdings noch, dass jede Kreolsprache – und damit auch das Haitianische – eine komplett eigenständige Sprache darstellt.

IV Der Status des Haitianischen Kreols

IV.1. Linguistische Situation Haitis

In Haiti spielen insgesamt vier Sprachen eine Rolle: die bereits erwähnten Sprachen Französisch und Haitianisch, Englisch und Langaj – eine Sprache der Voodoo-Kultur, die hauptsächlich religiöse Bedeutung hat. Obwohl Haiti offiziell ein bilingualer Staat ist (mit Französisch und Haitianisch als offiziellen Sprachen, sieht die Realität dennoch meist anders aus.[14]

Obwohl Haiti bereits 1804 den Unabhängigkeitsstatus erlangt, ändert sich zunächst kaum etwas aus linguistischer Hinsicht. Das Französische nimmt die dominierende Rolle beim Sprachgebrauch ein. Es ist die Sprache, die in der Öffentlichkeit verwendet wird und die als die „bessere“ Sprache angesehen wird. Aus diesem Grund spricht man in Haiti auch von einer Diglossie-Situation. Während Französisch, obwohl nur von einer geringen elitären Minderheit gesprochen – die anerkannte und prestigereiche Sprache ist, gilt das Haitianische als eine minderwertige Sprache. In Haiti finden wir also eine Situation vor, in der der Status einer Sprache geringer geschätzt wird als der der anderen; man spricht von einer „low variety“ (Haitianisch) und einer „high variety“ (Französisch). Diese Ungleichheit findet sich in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen. So ist das Französische die dominante Sprache in der Gesetzgebung, bei Gericht, in der Schule, etc.[15]

Die historische Entwicklung zeigt, dass das Französische auch juristisch vor dem Haitianischen anerkannt wurde. Bereits 1918 wurde Französisch als einzigste offizielle Sprache der haitianischen Legislation anerkannt. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Haitianische Kreol noch nicht einmal erwähnt. Erst 1964, in Artikel 35 der Verfassung, fand sich das Kreol Haitis wieder. Allerdings beinhaltete dieser Artikel lediglich, dass die Verwendung des Haitianischen in bestimmten Situationen erlaubt sei. Haiti erlangte seinen bilingualen Status erst im Jahr 1987 mit Artikel 5, der besagt, dass Französisch und Haitianisch kooffizielle Sprachen sind:

[...]


[1] Holm (1989), S. 382

[2] Holm (1989), S. 383

[3] siehe Anhang A1, S. 66

[4] Laurent (1991), S. 227

[5] Stein (1984), S. 5,6

[6] Stein (1984), S. 6; Anmerkung: Hervorhebung durch den Autor Stein

[7] Stein (1984), S. 7; Anmerkung: Hervorhebung durch den Autor Stein

[8] Bauer (1975), S. 49

[9] Aufzeichnungen aus dem Seminar „Das Französische im Karibischen Raum“ WS 2004/05

[10] Aufzeichnungen aus dem Seminar „Das Französische im Karibischen Raum“ WS 2004/05

[11] Aufzeichnungen aus dem Seminar „Das Französische im Karibischen Raum“ WS 2004/05

[12] Aufzeichnungen aus dem Seminar „Das Französische im Karibischen Raum“ WS 2004/05

[13] Stein (1984), S. 1

[14] Aufzeichnungen aus dem Seminar „Das Französische im Karibischen Raum“ WS 2004/05

[15] Aufzeichnungen aus dem Seminar „Das Französische im Karibischen Raum“ WS 2004/05

Details

Seiten
38
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638801348
ISBN (Buch)
9783640259083
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v75830
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,0
Schlagworte
Haiti Haitianische Kreol

Autor

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Titel: Haiti. Das Haitianische Kreol