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Selbstverletzendes Verhalten. Definitionen, Ursachen, Ausprägungen

Hausarbeit 2004 31 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Was ist Selbstverletzendes Verhalten/Definition
1.1 Woran erkennt man SVV, Unterscheidungen:
1.2 Arten von selbstverletzenden Verhaltens:
1.3 Artenunterscheidungen:
1.4 nähere Erläuterung / offene und heimliche Selbstverletzung:

2. Diagnostik / SVV als angeborenes Verhalten? :
2.1 Selbstverletzendes Verhalten im Rahmen der Borderlinestörung:
2.2 Entstehungsgründe für SVV / die Körper-Selbst Dissoziation:
2.3 Erklärungsansätze für Selbstverletzendes Verhalten
2.4 Mutter-Kind Beziehungsstörungen

3. Das Erleben

4. Sexueller Missbrauch

5. Therapiemöglichkeiten bei Selbstverletzenden Verhalten

6. Wechselbeziehungen zwischen Mitmenschen und Betroffenen

7. Alternativen zur Selbstverletzung:

8. Schluß

9. Literaturliste

1. Was ist Selbstverletzendes Verhalten/Definition

Selbstverletzendes Verhalten heißt es in der Psychologie, wenn eine Person sich aus eigenen Stücken und bewusst Schmerzen zufügt. Ob es eine psychische Krankheit oder aber ein Symptom, hervorgerufen durch andere Krankheiten, ist, ist unklar und von Fall zu Fall verschieden. Autoaggression ist ein begriffliches "Sammelbecken" aller Formen von Schadenszufügungen dem eigenen Körper gegenüber. Selbstverletzendes Verhalten hat verschiedene Ursachen und äußert sich zudem auf sehr unterschiedliche Weisen. Selbstverletzendes Verhalten deckt ein Feld ab, welches von exzessivem Sport und dem Kauen an Fingernägeln, bis hin zu Metallschlucken und dem Schneiden mit Klingen reicht. Verblüffenderweise dient SVV in den Augen vieler Psychologen und auch den "Erkrankten", welche ich im Folgenden als Betroffene bezeichne, nicht dem sich Selbstverletzen im Sinne von selbstmordähnlichen Handlungen, sondern viel mehr als Schutz vor dem Selbstmord. SVV tritt dann auf, wenn ein Mensch seine Aggressionen nicht gegen andere Personen, Objekte ("Fremdaggression") oder gar den Grund bzw. Auslöser der Aggression richtet, sondern gegen sich selbst.

"In verschiedenen Kulturen war und ist eine willentliche Beschädigung des Körpers um Schönheitsidealen zu entsprechen üblich (die Verformung des Kopfes im alten Ägypten, die Verformung der Frauenfüße in China sowie die Skarifikation, das Zufügen von Hautnarben, in Afrika." (Ackermann, S.12)

In unserer Gesellschaft ist Selbstverletzung alltäglich. Piercings, Tätowierungen und anderer Körperschmuck sind - von der Gesellschaft tolerierte - Arten von Selbstverletzung.

Die offene Selbstverletzung ist eine direkte Form der Selbstverletzung. Die Betroffenen fügen sich direkt Schaden zu (z.B. Schneiden, Verbrennen). Der Unterschied zur artifiziellen Form besteht darin, dass die Betroffenen zu ihrer "Tat" stehen, d.h. sie verleugnen nicht, dass sie es sich selbst angetan haben, sondern geben es offen zu. Oft geht zu Beginn des "jugendspezifischen" SVV eine Art heimliche Form voraus. Die Betroffenen zeigen Scham und versuchen ihre Narben zu bekleiden.

Oft wissen die Eltern erst viel später von dem selbstverletzenden Verhalten ihrer Kinder. Wenn die Narben doch gesehen werden, weichen die Betroffenen aus oder erzählen eine Lügengeschichte - doch nur um Abzulenken, nicht um damit in Behandlung zu gehen.

Bei der alltäglichen Form wird der Schmerz als unangenehm empfunden, auch wenn das Resultat erfreulich ist (z.B. Tätowierungen). Bei der offenen Form dagegen wird die Verletzung nicht als unangenehm empfunden, sondern als befreiend. Die Betroffenen denken bei der Handlung nicht daran, wie die Haut später aussieht - ähnlich einem Drogenkonsumenten, der nicht daran denkt, wie es ihm geht, wenn die Wirkung nachlässt. Das wichtigste Merkmal dieser Form ist die Suche nach körperlichen Schmerz, um dem seelischen Schmerz zu entfliehen - eine Art "Balsam" für die Seele. Der seelische Schmerz weicht dem körperlichen Schmerz und wird somit unterdrückt

Es sind keine verrückte Menschen. Es sind Menschen die Professionelle Hilfe brauchen. Menschen die eben psychisch nicht so stabil sind wie andere. Aber es sind Menschen und fühlen genau gleich.

Ich habe mich für den Begriff Selbstverletzendes Verhalten entschieden.

Des weiteren verzichte ich so gut wie auf Fremdwörter für die Benennung von Krankheiten, da mein medizinische Wissen dafür nicht ausreicht.

1.1 Woran erkennt man SVV, Unterscheidungen

Wichtig ist, welches Verhalten ein Selbstverletzendes Verhalten ist und woran man es erkennt. z.B. das Piercing und das Tätowieren würde ich als Trend betrachten, da es keine Psychopathologie darstellt. Diese Trends unterliegen sozial akzeptierten Normen, die das jeweilige Verhalten von Gruppen bestimmen.

(Beispiel: Vergleich einer Diät und Anorexia nervosa, bei einer Diät entsteht ein Mangelgefühl und man ist gereizt, bei einer Magersucht, wo die Person freiwillig hungert, verspürt diese tiefe Befriedigung, trotz Schmerzen und Lebensgefahr; jemand der sich tätowiert erduldet die Schmerzen, und jemand der sich selbst verletzt, befindet sich meist in einem „Trance“ Zustand und sucht den Schmerz / das Blut, dieser Vorgang wird nicht geplant und unterliegt keinem Gruppenverhalten/Norm).

Was ebenso nicht zum SVV gehört, ist die Selbstverletzung als Protest.

Wenn Menschen sich bewusst und zielgerecht verletzten und dafür den Menschen um sie herum die Schuld für ihr eigenes Verhalten geben. Die Selbstverletzung wird als Manipulation eingesetzt, um bestimmte Reaktionen der anderen zu erzwingen.

SVV kann mit folgenden Kriterien diagnostiziert, erkannt werden:

-wiederholtes Verletzen der eigenen Haut
-Gefühl der Anspannung unmittelbar vor entsprechender Handlung
-Körperlicher Schmerz geht einher mit Gefühlen von Entspannung, Befriedigung und angenehmer Betäubtheit
-Gefühl von Scham, Angst und sozialer Ächtung bewirkt, dass der Betroffene versucht, die Anzeichen des SVV zu verbergen
-Psychische Gesundheitsprobleme
-Häufigkeit und Schwere des SVV
-Innerer Zustand bei Ausübung des SVV (ist bewusst, was getan wird)
-Persönlichkeitsstörungen

Selbstverletzendes Verhalten ist kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern wird in den Standardwerken psychiatrischer Diagnostik als ein Symptom oder Kriterium für bestimmte Krankheiten genannt.

Im DSM - IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) wird Selbstverletzendes Verhalten als ein diagnostisches Kriterium für die Borderline - Persönlichkeitsstörung angesehen, dort heißt es:

"wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder - drohungen oder Selbstverletzungsverhalten" (DSM - IV, 739)

Im ICD - 10 (Internationale Klassifikation psychischer Störungen) wird im Rahmen der Persönlichkeits - und Verhaltensstörungen die "Artifizielle Störung" genannt, wo unter anderem explizit von "sich selbst zugefügten Schnittverletzungen und Schürfwunden" die Rede ist, jedoch wird hier von Vortäuschung gesprochen, bei der offenen Selbstverletzung geht es aber gerade darum nicht! (ICD - 10)

Insgesamt kann man sagen, dass das Konzept eines Syndroms (Caneis - Syndrom, deliberate - self - harm - syndrom, repetitives Automutilationssyndrom, wrist - cutting - syndrom, delicate - self - cutting - syndrom) sich bis heute nicht durchgesetzt hat und nicht eindeutig empirisch belegt werden konnte.

1.2 Arten von selbstverletzenden Verhaltens

Verletzen der eigenen Haut mit allen möglichen Arten von Gegenständen

TRICHOTILLOMANIE – Ausreißen der Haare

Artifizielle Krankheiten - MIMIKRY PHÄNOMEN

vorgetäuschte Krankheit, medizinische Präsentation selbstinduzierter körperlicher Krankheit

MÜNCHHAUSEN –SYNDROM

Manipulation des Körpers bei dem mit unglaublichem Erfindungsreichtum, diesem Veränderung oder Verletzung beigebracht werden, wo Symptome einer körperlichen Krankheit ähneln oder sich völlig gleichen können

MÜNCHHAUSEN BY PROXY

ähnlich s.o., nur dass Mutter diese Symptomatik am Körper ihres Kindes vollzieht

HYPOCHONDRIE

Ist die nicht in der Realität begründete, aber an anfälligen harmlosen Körpererscheinungen festgemachte Befürchtung, der eigene Körper sei – oft lebensbedrohlich- erkrankt, stets verbunden mit dem Affekt der Angst

DYSMORPHOPHOBIE

somatischer Wahn, anhaltende übermäßige Beschäftigung mit einer angeblich Entstellung eines Körperteils, Missbildung oder eingebildeten Mangels der äußeren Erscheinung und deren übertriebenen Besorgnis, Variante der Hypochondrie

Schädigung des Körpers durch Unfallneigung

ONYCHOPHAGIE – Nägelkauen

PERIONYCHOPHAGIE – Beißen der den Nagel umgebenen Haut

TRICHOPHAGIE – Essen der Haare

ANOREXIA NERVOSA – Magersucht

ADIPOSITAS – Fettsucht

BULIMIE NERVOSA – Ess-Brechsucht

1.3 Artenunterscheidungen

Trichotillomanie

Ist zwanghaftes Haarausreißen und eine deutlich unterschätzte Störung, die Betroffenen glauben, sie seien allein mit ihrem Problem.

Bereits in der griechischen Antike wurde das Phänomen als gesellschaftliches sanktioniertes Ritual psychischen Leidens beschrieben.

Diagnostik im ICD 10:

Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle F 63.3

Sichtbarer Haarverlust infolge einer Unfähigkeit, ständigen Impulse zum Haaresausreißen zu wiederstehen.

Nicht alle Betroffenen sind sofort zu erkennen, das Spektrum reich von leicht sichtbar bis zur völligen Kahlheit.

Das Ausmaß des nach außen Sichtbaren steht nicht proportional zu Leidensdruck, viele Patienten wissen um ihr Selbstschädigendes nicht gewünschtes Verhalten, begeben sich aber nicht in Behandlung.

Betroffene Körperregionen: an erster Stelle steht eindeutig das Kopfhaar, des weiteren betroffen sind Wimpern, Augenbrauen, Schamhaar.

Meist werden einzelne Haare ausgerissen, wobei die Wahl des Haares nicht beliebig ist.

Schmerz wird in der Regel nicht empfunden, es scheint eher, als wären die Betroffenen in einem leichten dissoziationsähnlichen Zustand.

Selten wird dabei auch ein leichtes Schmerzgefühl bewusst gesucht, welches eher lustvoll beschrieben wird.

Überraschenderweise ist für viele Patienten jedoch nicht das eigentliche Ausreißen, sondern die nachfolgende – orale Behandlung mit dem Haar, besonders mit der Haarwurzel, das Entscheidend wichtige an ihrer Handlung.

Beginn der Störung ist etwa um das 12. Lebensjahr herum, entscheidend ist, dass sich das Verhalten sehr schnell stabilisiert und wird in einer Situation, wo es einer Spannungsreduktion bedarf, eingesetzt

Mit fortschreitender Krankheitsdauer, tritt das Ausreißen immer unspezifischer auf, das heißt es wird tatsächlich zur Gewohnheit.

Artifizielle Krankheit – Das Mimikry Phänomen:

Es handelt sich hierbei um das Vortäuschen einer Krankheit, und medizinische Präsentation selbstinduzierter körperlicher Krankheit.

ICD 10 F 68.1

Vorgetäuschte Symptome können sich in einer Vielzahl von Krankheitsbildern äußern,

Eckhardt nennt mögliche betroffene Bereiche:

Magen - Darm - Trakt, Nieren und ableitende Harnwege, blutbildende Organe und Blutzellen, Herz, Lunge, Haut, Stoffwechsel, Fieber, Schilddrüse, Gelenke und Muskeln, weibliche Geschlechtsorgane, sowie psychiatrische Krankheitssymptome. (Eckhardt, 1994, 46 ff.)

Patienten sind vertraut mit der Reaktionsweise ihres Körpers und entdecken dabei Manipulationsmöglichkeiten, die dem Arzt normalerweise unbekannt sind.

Patient ist intelligent, meistens medizinisch vorgebildet.

Sie können bewusstseinnah und planvoll manipulieren, trotz dessen ist eine Persönlichkeitsstörung vorhanden.

Die Verletzungen sind von unterschiedlicher Schwere

Von 1185 publizierten Fällen waren 71% weiblich, 29%männlich.

Kern der artifiziellen Krankheit bildet offenbar eine Störung der Beziehung zum eigenen Körper, als Ergebnis zu bestimmten traumatischen Konstellationen.

Artifizielle Patienten scheinen Teile ihres Körpers nicht dem eigenen Körperselbst zuzurechnen, sondern fassen sie wie äußere Objekte auf.

Die Störung der Bildung des Körperselbst, kann auf der Art und Weise beruhen, wie die Mutter mit dem Kind. in den ersten Lebensjahren umgegangen ist.

"Münchhausen – Syndrom":

Eine Untergruppe der heimlichen Selbstbeschädigung stellen die PatientInnen mit dem

sogenannten "Münchhausen – Syndrom" dar.

Es handelt sich hier um Menschen - vor allem Männer - die mit erfundenen, zum Teil abenteuerlichen Krankheitsgeschichten in Krankenhäuser kommen, um sich behandeln zu lassen. Sie weisen oft erstaunliche medizinische Kenntnisse auf,

ändern schnell Symptome und brechen bei Zweifeln an ihrer Krankheit die Behandlung ab und wenden sich den nächsten ÄrztInnen oder Krankenhäusern zu.

Bezeichnenderweise ist der englische Begriff für diese Krankheit "Doctor Shopping". (vgl. Eckhardt, 1994, 63; Hänsli, 36)

Hänsli fasst folgendes Symptomtrias zusammen:

1. das Erfinden, Verschlimmern und Erzeugen von Krankheitssymptomen (aus einer inneren Notwendigkeit), um die Krankenrolle und Hospitalisation zu erlangen
2. das geschickte, tendenziell hochstaplerische Erzählen von erklärenden Geschichten mit falschem Namen und Biographien (Pseudologia fantastica), sowie
3. das Aufsuchen immer neuer Behandlungseinrichtungen, besonders während der Nachtzeit. (Hänsli, 35)

"Münchhausen - by – proxy" – Syndrom:

Das sogenannte "Münchhausen - by - proxy - syndrom" oder das "erweiterte Münchhausen – Syndrom" beschreibt eine Krankheit, bei der vornehmlich Eltern bei ihren Kindern - sozusagen in Stellvertretung - Krankheitssymptome vortäuschen oder Krankheiten hervorrufen. Die Ausführenden hierbei sind oft Mütter, die selber Ablehnung und körperliche Misshandlung im Kindesalter erlebt haben; dabei werde die Tat, das heißt die Schädigung des Kindes vollständig geleugnet.

Sie möchten alle Maßnahmen am Kind am liebsten selbst durchführen.

Die Väter seien oft passive, gefügige, tolerierende Mitspieler des Geschehens.

[...]

Details

Seiten
31
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638731423
ISBN (Buch)
9783638732192
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v75801
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (FH)
Note
1,7
Schlagworte
Selbstverletzendes Verhalten Definitionen Ursachen Ausprägungen Abweichendes

Autor

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Titel: Selbstverletzendes Verhalten. Definitionen, Ursachen, Ausprägungen