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Mindestlöhne in Frankreich und Großbritannien. Vorbild für Deutschland?

von Torsten Kühne (Autor) Jürgen Fuchs (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 25 Seiten

VWL - Arbeitsmarktökonomik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mindestlöhne in der Theorie
2.1. Neoklassisches Modell
2.2 Kritik am neoklassischen Modell
2.3 Weitere Modelle
2.3.1 Modelle mit lohnnehmenden Unternehmen
2.3.2 Modelle mit lohnsetzenden Unternehmen
2.3.3 Wohlfahrts- und Wachstumsmodelle
2.4 Messmethoden
2.4.1 Kaitz Index
2.4.2 Weitere Messmethoden

3. Mindestlöhne in Europa
3.1 Empirische Erhebungen
3.2 Mindestlöhne in Großbritannien
3.2.1 Der National Minimum Wage
3.2.2 Anpassungsverfahren
3.2.3 Entwicklung
3.2.4 Verbreitung
3.2.5 Auswirkung auf Beschäftigung
3.3 Mindestlöhne in Frankreich
3.3.1 Der SMIC
3.3.2 Anpassungsverfahren
3.3.3 Entwicklung
3.3.4 Verbreitung
3.3.5 Auswirkung auf Beschäftigung

4. Mindestlohn in Deutschland?
4.1 Situation am deutschen Arbeitsmarkt
4.2 Verlauf der Debatte
4.3 Implementierungsmöglichkeiten

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Einführung von Mindestlöhnen in Deutschland ist ein heikles und vor allem zum jetzigen Zeitpunkt viel diskutiertes Thema. Die Gewerkschaften fordern schon seit längeren eine Einführung von Mindestlöhnen auch in Deutschland. So steht im aktuellen Spiegel (vgl.: Michael Sauga 2007) ein weiterer Artikel über die Forderung von Ver.di Chef Bsirske einen Mindestlohn von €7,50 einzuführen. Wie verhalten sich unsere Nachbarländer zu Thema Mindestlöhne? Unter welchen Vorraussetzungen haben sie Mindestlöhne eingeführt und wie sieht es mit der rechtlichen Umsetzung aus? Was waren die Konsequenzen einer Einführung für die Beschäftigung und was läst sich daraus für den deutschen Arbeitsmarkt ableiten? In dieser Arbeit wird versucht diesen Fragen nachzugehen und Anhand der, aus den Studien über Frankreich und Großbritannien gewonnenen, Erkenntnissen, Handlungsoptionen für eine Mindestlohneinführung in Deutschland abzuleiten.

So wird zuerst auf die theoretischen Grundlagen eingegangen, da diese für ein Verständnis der Zusammenhänge wichtig sind. Begonnen wird mit dem bekanntesten Modell, dem Neoklassischen. Des Weiteren werden die Schwachpunkte dieses Modells aufgezeigt. Als weitere Modelle werden solche mit lohnnehmenden und lohnsetzenden Unternehmen vorgestellt. Auch wird auf die so genannten Wohlfahrts- und Wachstumsmodelle eingegangen. Zudem werden die am häufigsten verwendeten Messmethoden wie der Kaitz Index, die Schätzung mit Zeitreihendaten als auch die Schätzung mit Querschnittsdaten näher betrachtet.

Im Zweiten Teil dieser Arbeit werden zunächst die empirischen Erhebungen für Europa untersucht und Anhand von aktuellen Daten die Verteilung von Mindestlöhnen in Europa dargestellt. Im Detail wird dann auf die Mindestlöhne in Großbritannien und Frankreich eingegangen. Diese werden Anhand der Punkte Anpassung, Entwicklung und Verbreitung evaluiert. Ein besonderes Augenmerk liegt bei den Auswirkungen auf die Beschäftigung, auf die Anhand jeweils einer Studie genauer eingegangen wird. Im Schlussteil werden die aktuellen Ideen und möglichen Ansatzpunkte für eine Einführung von Mindestlöhnen in Deutschland untersucht. So wird zu erst die Situation des deutschen Arbeitsmarkts aufgezeigt um dann auf den aktuellen Verlauf der Debatte und den wichtigsten Pro und Contra Argumenten zu einem Mindestlohn in Deutschland einzugehen. Zuletzt werden Anhand der gewonnenen Erkenntnisse Implementierungsmöglichkeiten für Deutschland vorgeschlagen.

2. Mindestlöhne in der Theorie

2.1. Neoklassisches Modell

Das bekannteste und simpelste Modell, mit dem die Effekte eines Mindestlohnes auf den Arbeitsmarkt erklärt werden, ist das neoklassische Modell. Die darin auftretende, negative Auswirkung eines Mindestlohnes auf die Beschäftigung bildet bis heute die Grundlage aller, einen Mindestlohn ablehnenden, Argumentationen (vgl.: Patzschke 2001, S.42; sowie: Bosch et. al. 2006, S.27; Reiner 2006, S.108). Aus diesem Grund wird es hier vorgestellt.

Dem neoklassischen Modell liegt die Annahme zugrunde, dass es sich um einen Arbeitsmarkt mit vollkommenem Wettbewerb handelt. Damit sind Arbeit, Arbeitnehmer und Unternehmen homogen. Zudem herrscht vollkommene Information und es existieren keine Mobilitätsbarrieren und Anpassungskosten (Patzschke 2001, S.6/7). In diesem Modell schneidet die Arbeitsnachfragekurve der Unternehmen (AN, negative Steigung), bei freiem Spiel der Kräfte, die Arbeitsangebotskurve der Arbeiter (AA, positive Steigung) beim markträumenden Lohnsatz (l*). Dieser entspricht dem Wertgrenzprodukt der Arbeit (Patzschke 2001, S.7). Das einzelne Unternehmen sieht sich jedoch einer waagrechten Angebotskurve gegenüber; senkt es seinen Lohn unter den Marktlohn verliert es alle Mitarbeiter.

Abbildung 1 : Neoklassisches Arbeitsmarktmodell

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Einführung eines Mindestlohnes (lm), der über dem bisherigen, markträumenden Lohn liegt, führt zu einer Verteuerung des Gutes Arbeit und damit zu einem Rückgang der Nachfrage bis zu dem Punkt, an dem der neue Preis wieder dem Wertgrenzprodukt entspricht (anm) (Patzschke 2001, S.7). Diejenigen Arbeitnehmer, deren Produktivität unterhalb des neuen Preises liegt, werden nicht mehr nachgefragt oder entlassen (Bosch et. al. 2006, S.23/24). Oder, wie Siebert (2005) es formuliert: “Insgesamt treibt der Mindestlohn diejenigen in die Arbeitslosigkeit, deren Produktivität gering ist“ (Siebert 2005, S.150). Aus diesen, und denjenigen Arbeitnehmern, die zum neuen Lohnsatz gerne arbeiten würden, entsteht die unfreiwillige Arbeitslosigkeit (aam – anm).

2.2 Kritik am neoklassischen Modell

Dieses simple Modell stößt immer wieder auf Kritik. So sind Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Arbeit in der Realität heterogen und vollkommene Information und Mobilität sind auch nicht gegeben (Patzschke 2001, S.8). Weitere Kritik am Modell erfolgt durch Reiner (2006). Sie argumentiert, dass der Verlauf der Arbeitsangebotskurve nicht konsequent positiv geneigt ist. Die Ausweitung des Arbeitsangebotes bei höheren Löhnen stellt sie in Frage, da bei höheren Löhnen die Präferenzen bei mehr Freizeit denn bei mehr Arbeit lägen. Dagegen geht sie bei sinkenden Löhnen davon aus, dass das Arbeitsangebot ausgeweitet würde, weil die Arbeiter mehr arbeiten müssten um existieren zu können (Reiner 2006, S.108). Implizit wird hier also angenommen, dass im oberen Lohnbereich der Einkommenseffekt, im unteren Lohnbereich aber der Substitutionseffekt überwiegt. (vgl.: Pindyck 2005, S.691). In der weiteren Ausführung verweist Reiner zudem darauf, dass es in der „neoklassischen Modellwelt“ (Reiner 2006, S.109) Situationen gibt, in denen niedrigere Löhne zu mehr Arbeitslosigkeit führen können (ebda.), sowie auf die Schwierigkeit, die Produktivität einzelner Arbeitnehmer zu messen (Reiner 2006, S.112).

2.3 Weitere Modelle

Neuere Untersuchungen zu Mindestlohneffekten in den 1990er Jahren stellten den bis dahin geltenden Zusammenhang von Mindestlohn und höherer Arbeitslosigkeit in Frage (Neumark/Wascher 2006, S.5; sowie Bosch et. al. 2006, S.25). Auch Verfechter der Theorie von negativen Beschäftigungseffekten durch Mindestlöhne mussten eingestehen, dass sich das neoklassische Modell nur unzureichend für die Erklärung von Mindestlohneffekten eignet (Neumark/Wascher 2006, S.4/5). So entstanden weitere, darauf aufbauende Modelle, die immer mehr Variablen enthielten um den realen Gegebenheiten Rechnung zu tragen. Die folgende Übersicht orientiert sich an Patzschke (2006) soweit nicht anders angegeben.

2.3.1 Modelle mit lohnnehmenden Unternehmen

Zu den Modellen mit lohnnehmenden Unternehmen gehört auch das neoklassische Modell. Des weiteren das Zwei Sektoren Modell, in dem der Mindestlohn nur für einen Sektor gilt (S.8/9) sowie das Modell mit heterogener Arbeitnehmerschaft, bei dem, als Reaktion auf einen Mindestlohn, die Unternehmen ihr Humankapital erhöhen und somit die Geringqualifizierten arbeitslos werden (S.10/11). Oder das Modell mit nicht monetären Zusatzleistungen bei dem, zusätzlich zu Entlassungen, sonstige Boni gekürzt werden (S.12/13). Als letzte aus diesem Bereich seien die Modelle mit vorgegebener Arbeitszeit genannt, in denen ein Mindestlohn die Arbeitsstundenzahl erhöht und der Nutzen der Arbeitnehmer sinkt. Diejenigen, bei denen ein Abfall unter den Reservationsnutzen stattfindet, scheiden aus dem Arbeitsmarkt aus (S.14-16). Bei allen vorgestellten Modellen mit lohnnehmenden Unternehmen führt ein Mindestlohn zu einem Beschäftigungsrückgang.

2.3.2 Modelle mit lohnsetzenden Unternehmen

Bei diesen Modellen wird den Unternehmen die Möglichkeit eingeräumt, die Lohnhöhe zu beeinflussen und unter, oder über dem Gleichgewichtslohn festzusetzen. Es entstehen zwei Modellarten: Das klassische Monopson mit seinen Abwandlungen und die Effizienzlohnmodelle, sowie Mischformen der beiden. Die Monopsonmodelle wurden lange Zeit kaum beachtet. Sie wurden erst durch die neuere Forschung Teil der Debatte, da nachgewiesen wurde, dass durch Mobilitätsbeschränkungen, mangelnde Markttransparenz und Heterogenität der Arbeitnehmer, den Unternehmen eine gewisse Macht zur Lohnsetzung gegeben ist (Bosch et. al. 2006, S.25).

Stellvertretend für alle monopsonistischen Modelle wird das einfache Monopson ausführlicher erklärt, weil monopsonistische Modelle oft zur Erklärung von positiven Beschäftigungseffekten herangezogen werden. Zum Beispiel für die, im weiteren Verlauf der Arbeit erläuterten, Studien zu Großbritannien (Neumark/Wascher 2006, S.73). Im einfachen Monopson wird von einem Unternehmen ausgegangen, dass als einziger Nachfrager auftritt. Somit entspricht die Angebotskurve an das Unternehmen der Gesamtangebotskurve und ist positiv geneigt (AA). Des Weiteren wird davon ausgegangen, dass die Grenzkostenkurve des Arbeitgebers (GK) ständig über der Arbeitsangebotskurve liegt, da ein Beschäftigungsanstieg das Lohnniveau erhöht (Bosch et. al. 2006, S.25). Am nutzenmaximierenden Punkt des Unternehmens (1) gilt: Grenzertrag (Arbeitsnachfrage) = Grenzkosten (Lohnzahlungen), Arbeitsangebot und –Nachfrage befinden sich hier nicht im Gleichgewicht. Dem Unternehmen ist jedoch durch seine marktbeherrschende Stellung die Möglichkeit gegeben, Löhne unter dem Grenzprodukt (l°) zu zahlen und sie sogar unter das Gleichgewicht zu senken (Patzschke 2001, S.17).

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Details

Seiten
25
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638804035
ISBN (Buch)
9783638927437
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v75742
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Wirtschaftswissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Mindestlöhne Frankreich Großbritannien Vorbild Deutschland Hauptseminar Arbeits- Sozialpolitik

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Titel: Mindestlöhne in Frankreich und Großbritannien. Vorbild für Deutschland?