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Die Naturschilderungen in Büchners „Lenz“

von Susanne Elstner (Autor)

Examensarbeit 2006 136 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

I. J.M.R. Lenz vs. Büchners Lenz-Figur
I. 1. Büchners besonderes Verhältnis zur Melancholie
I. 2. Büchners Quellen zur Krankheit des historischen J.M.R. Lenz
I. 2. 1. Oberlin: Herr L ..,
I. 2. 2. August Stöber: Der Dichter Lenz
I. 2. 3. Goethe: Dichtung und Wahrheit
I. 3. Die Quellen von Büchners psychiatrischen Fachkenntnissen
Exkurs: Schmidt und die Verwendung von Tellenbach zur Analyse der Krankheitsdarstellungen der Lenz-Figur
I. 4. An welcher Krankheit leidet Büchners Lenz-Figur?
I. 4. 1. Vergleich mit den Lenz-Darstellungen bei Oberlin, Stöber und Goethe
I. 4. 2. Vergleich der mit dem zeitgenössischen psychiatrischen Fachwissen

II. Die Naturschilderungen
II. 1. Literarische Hauptinspirationsquellen
II. 1. 1. Der Sturm und Drang
II. 1. 2. Die Romantik
II. 2. Psychopathologie und ästhetischer Inhalt der Naturschilderungen
II. 2. 1. Lenzens Reise ins Steintal
II. 2. 2. Lenzens Integration ins Steintal
II. 2. 3. Lenzens Desintegration aus dem Steintal
II. 2. 4. Lenzens Versuche der Reintegration
II. 2. 5. Lenzens Abtransport nach und die Ankunft in Straßburg

III. Abschließende Gedanken

IV. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Indem man einen Text Büchners zum Untersuchungsgegenstand wählt, ist beinahe schon vorherbestimmt, dass man zunächst verwirrt und zum Teil abgestoßen werden möchte, bevor man seinem Gehalt nach mehrmaligem Lesen langsam auf die Fährte kommt. Büchner-Freunde sind keine Genussleser, sie bevorzugen es, sich produktiv am Text abzuarbeiten. So ist er ein Autor, der seinen Leser fordert und seine Interpreten vor viele Fragen stellt. Einige dieser Fragen blieben bis heute unbeantwortet oder die Antworten sind zu widersprüchlich. So war Büchner sowohl als Mensch, als auch als Dichter ein Avantgardist und Individualist, aber auch gleichzeitig auch Kind seiner Zeit. Dies alles schlägt sich in seinen Texten nieder.

In dieser Arbeit soll nun Büchners einzige Erzählung, sein Lenz im Mittelpunkt stehen. Wie die vielen Interpretationen in der Forschungsliteratur zeigen, ist auch Lenz so facettenreich wie sein Autor, sodass seine Untersuchung in einem solchen Rahmen weiter eingegrenzt werden muss, wenn sie diesen nicht zwangsläufig sprengen möchte. Daher soll der Schwerpunkt dieser Arbeit auf den Naturschilderungen des Lenz liegen. Büchners Erzählung als solche ist, wie das Dramenfragment Woyzeck, eines seiner späteren Werke, die er im Exil verfasste und ebenfalls wie dieses ein Fragment[1] geblieben. Inhaltlich zeigt Lenz auf den ersten Blick die Leidensgeschichte des Sturm-und-Drang-Dichters J.M.R. Lenz, der 1778 zu einem Pfarrer namens Oberlin kam und dort in ca. 20 Tagen Aufenthalt immer mehr der Melancholie anheim fiel. Inwiefern das tatsächlich so ist oder zusätzlich auch noch anachronistische Tendenzen im Lenz auszumachen sind, ist zu untersuchen. Die Tatsache, dass es sich hierbei gerade um eine Erzählung handelt, ist für den Dramen-Dichter Büchner etwas Besonderes und wirft daher Fragen bezüglich dieser gewählten Form auf. In diesen formalen Fragen sind auch solche nach den Naturschilderungen enthalten, da sie nicht nur ein inhaltliches Phänomen zu sein scheinen. Bevor allerdings mit ihrer Untersuchung begonnen werden kann, muss zunächst der Fragmentcharakter des Lenz näher bestimmt werden. So muss festgestellt werden, welche Auswirkungen er auf seine Interpretation und damit vielleicht auch auf die der Naturschilderungen hat. Neben den Problemen, unter denen ein nachgelassener Text in der Regel immer zu leiden hat[2], kommen bei Lenz noch andere schwierige Umstände hinzu. Der Text ist nicht handschriftlich, sondern nur in seiner Druckfassung überliefert, in der die verschiedenen handschriftlichen Fragmente des Lenz sowohl von seiner Verlobten, Wilhelmine Jaeglé, auch Minna genannt, als auch von seinem Verleger Karl Gutzkow bearbeitet und zusammengefügt wurden. Der Text selbst besteht so eigentlich nur aus Entwürfen Büchners, die auf drei verschiedenen Arbeitsstufen angesiedelt sind, wobei nicht sicher ist, dass die letzte diejenige gewesen wäre, die Büchner in den Druck gegeben hätte. Aus diesem Grund sind nach Mayer alle Herausgeber bis in die heutige Zeit versucht oder gar dazu gezwungen, an Büchners Erzählung „herumzubasteln“.[3] Das Besondere des Fragmentcharakters des Lenz ist noch zusätzlich, dass sich sein Schluss nicht auf der ersten, sondern auf der dritten Entwurfsstufe befindet und einen wirklichen Abschluss der Erzählung darstellt. Das Fragmentarische ist also im Inneren des Lenz zu suchen. So entstammt nämlich die Passage von Oberlins Rückkehr bis zum Abend vor Lenzens Abreise der ersten Entwurfsstufe H 1.[4] Sie entspricht in Oberlins Bericht den Zeilen 116 bis 254[5] und ist sowohl inhaltlich, als auch stilistisch zu 70% quellenabhängig.[6] Dies bedeutet, dass die entsprechenden Teile der Erzählung der Stelle aus Oberlins Bericht so nahe stehen, dass sie „stellenweise fast einer Abschrift gleichen“.[7] Die Veränderungen, die Büchner gegenüber der Quelle auf dieser Entwurfsstufe vornahm, beschränken sich lediglich auf Details, die sich im Zuge einer „bearbeitenden Abschrift“ vornehmen ließen.[8] Vor allem aber folgte er den Grundsätzen einer erzählerischen Ökonomie und kürzte Überflüssiges oder ließ Eigennamen nachgeordneter Personen weg. Stilistisch folgt Büchner hier auch Oberlins chronikalischem Berichtstil und gibt Lenzens Reden möglichst in wörtlicher Form wieder, mit dem Unterschied, dass er die Ich-Perspektive der Quelle durch einen Er-Erzähler ersetzt. Selbst die Abschnitte, die auf Büchners eigener Erfindung gründen, sind diesem Chronikalstil angepasst. So sind sie z.B. durch die Angabe der Tageszeiten zeitlich bestimmt und erzählen auch aus der Außenperspektive.

H 2 ist ein von H 1 „unabhängiges, später entstandenes Entwurfsbruchstück“ der zweiten Entwurfsstufe, in dem Büchner, teilweise angelehnt an die zusammenfassende Reflexion Oberlins[9], Lenzens Zustand im Überblick darstellt, weshalb es daher auch als „psychiatrische Skizze“ bezeichnet werden kann.[10] Wahrscheinlich hatte Büchner diese, wie auch bei den erhaltenen Handschriften zu Woyzeck zu sehen war, als einen separaten Entwurf notiert.[11] Hier werden Teile des Oberlinberichts übernommen, die Büchner in H 1 noch nicht wiedergegeben hatte. Die im Ganzen theorieförmige und im Detail paradigmatisch veranschaulichende Skizze gilt ausschließlich dem nun verschlechterten Gesundheitszustand Lenzens. Seine Krankheit ist nicht im zeitlichen Verlauf, sondern unter systematischen Aspekten dargestellt, indem Wenn-dann-Zusammenhänge[12] von Situationen und Reaktionen erwogen und gegensätzlich angelegte „Versuchsanordnungen“ durchprobiert werden.[13] Vor allem am Ende der Skizze ist ihr notizenhafter Charakter auffällig. Der letzte Satz ist nicht ganz stimmig, der vorletzte wirkt nach den vorangegangenen Ausführungen „wie ein Nachtrag“.[14] Zusätzlich zeigt H 2 vermehrt Anregungen durch die Lenz-Darstellung in Goethes Dichtung und Wahrheit.[15] Vor allem aber demonstriert diese Passage, dass Büchner nun eine kohärente und differenzierte Erklärung für Lenzens Krankheit zu entwickeln versuchte. So kann darauf geschlossen werden, dass er vor der Niederschrift dieses zweiten Entwurfs vermutlich verschiedene psychiatrische Schriften erstmals oder nochmals gründlich gelesen hat.[16]

Einige Motive aus H 2 übernimmt Büchner auch in die Anfangspassage der Entwurfsstufe H 3, 1. Dies zeigt, dass Büchner vor deren Niederschrift seine Vorstellung über den Verlauf von Lenzens Krankheit erheblich präzisierte.[17] Auf dieser Entwurfsstufe ist der größte Teil der Erzählung überliefert.[18] In der hier verwendeten Kapiteleinteilung entspricht sie den Kapiteln II. 2. 1. bis einschließlich des ersten Teils von II. 2. 4. Gerade für die Naturschilderungen ist bei H 3 im Vergleich zu H 1 interessant, dass sie höchstwahrscheinlich nach einer „Erkundung an Ort und Stelle“ entstanden ist.[19] Bei der Niederschrift von H 3 verfügte Büchner also über eine Reihe von Informationen, die sich in H 1 noch nicht erkennen lassen und die er demnach in der Zwischenzeit erworben haben muss. Dazu gehören präzisere Vorstellungen vom Verlauf melancholischer Erkrankungen sowie genaue Kenntnisse vom Ort des Geschehens, von Oberlin, vom Sturm und Drang und speziell von J.M.R. Lenz.[20] Außerdem lässt H 3 eine größere Zahl von vor allem sprachlichen Entlehnungen aus Goethes Werken erkennen als in H 2. Zusätzlich sind aber auch solche aus den Werken des historischen J.M.R. Lenz vorzufinden, was in H 2 überhaupt nicht der Fall war.[21] So lässt H 3 auch auf ein besseres Wissen Büchners im Bezug auf J.M.R Lenz als Dichter schließen. Im Vergleich zur ersten Entwurfsstufe ist aber auch eine Weiterentwicklung der Narration zu verzeichnen. Es werden von ihr nun auch solche Ereignisse wiedergegeben, „die Lenz [nur] aus eigener Wahrnehmung wissen kann“.[22] Diese häufig analysierte „erzähltechnische Innovation“ spielt auch gerade bei den Naturschilderungen eine große Rolle und muss im Folgenden näher betrachtet werden.[23]

Mit „Die Kindsmagd kam todtblaß und ganz zitternd“ bricht der quellenabhängige Satz aus H 1 unvermittelt ab.[24] Diese Stelle markiert in der Erzählung sowohl eine Lücke in der erzählten Zeit, als auch eine in der Erzählzeit zwischen den Vorgängen am Abend des 8. und der Schilderung des Abtransports am nächsten Morgen.[25] Die gegenüber der Quelle sehr viel freiere Schilderung des Abtransports ließ die Forschung darauf schließen, dass diese Schlusspassage der Erzählung im Rahmen der Arbeit auf der letzten Entwurfsstufe anzusiedeln ist und auch in Büchners Lenz-Konvolut höchstwahrscheinlich auf einem eigenen Schriftträger niedergeschrieben war.[26] Das Problematische an diesen in der Druckfassung ineinander verwobenen Entwurfsstufen ist es nun, eine Betrachtung und Untersuchung der Erzählung als Ganzes vornehmen zu wollen. Aufgrund dieses Fragmentcharakters kann man nämlich keine Kohärenz voraussetzen. Falsch wäre es demnach, den Fragmentcharakter des Lenz bei der folgenden Analyse völlig zu ignorieren, da es sonst fast zwangsläufig zu Fehlinterpretationen kommen muss. Dies nachfolgend natürlich bei der Analyse der Naturschilderungen zu berücksichtigen.

Wie schon erwähnt, stützte sich Büchner beim Entwurf seines Lenz auf einen Text von Oberlin, ließ etwas aus Goethes Dichtung und Wahrheit mit einfließen und eignete sich zudem noch psychiatrische Kenntnisse an. Da die Forschungsliteratur zu Büchner immer wieder mit Nachdruck darauf hinweist, dass er „keine Seite, wahrscheinlich keine Zeile [verfasste], ohne sich von Quellen inspirieren zu lassen“, müssen vor einer Analyse des Lenz daher auch die für ihn wichtigen Quellen näher untersucht werden, wenn es nicht zu Fehldeutungen kommen soll.[27] Das Büchners Erzählung „um annähernd zwei Drittel umfangreicher als die Aufzeichnungen Oberlins“ ist, deutet darauf hin, dass es sich hier wohl um mehrere Quellen handeln muss.[28] Eine letzte Notwendigkeit, diese Quellen vor einer Textanalyse näher zu betrachten, liefert die Tatsache, dass Büchner selten völlig die Ansichten seiner Quellen teilte und sich von ihnen kritisch absetzte bzw. produktiv über sie hinausging.

Die Quellen zu Büchners Lenz lassen sich in solche zur Melancholie als Geisteskrankheit und Krankheit des historischen J.M.R. Lenz und in literarische Inspirationsquellen einteilen. In dieser Reihenfolge soll ihre Untersuchung auch im Rahmen der Arbeit erfolgen. So scheint nämlich auf der Darstellung der Lenz-Figur als einen Melancholiker ein Hauptaugenmerk Büchners zu liegen, worauf schon Karl Gutzkow, der erste Herausgeber des Lenz, 1839 in einer der Erzählung nachgestellten Bemerkung hinweist.

Welche Naturschilderungen; welche Seelenmalerei! Wie weiß der Dichter die feinsten Nervenzustände eines, im Poetischen wenigstens, ihm verwandten Gemüths zu belauschen! Da ist Alles mitempfunden, aller Seelenschmerz mitdurchdrungen; wir müssen erstaunen über eine solche Anatomie der Lebens- und Gemüthsstörung. G. Büchner offenbart in dieser Reliquie eine reproduktive Phantasie, wie uns eine solche selbst bei Jean Paul nicht so rein, durchsichtig und wahr entgegentritt (Gutzkow 2001:181).

Die von Gutzkow mit einem Ausrufezeichen versehene Frage muss im Rahmen dieser Arbeit beantwortet werden. Nur wenn man weiß, welche Voraussetzungen gegeben sein mussten, um die Melancholie seiner Lenz-Figur so darstellen zu können, wie sie dem Text heute entnommen werden kann, kann sich an eine Interpretation des Lenz überhaupt erst gewagt werden. Zu diesem Zweck ist zu untersuchen, aus welchen Quellen sich Büchner sein umfangreiches Fachwissen bezüglich der Melancholie aneignete und ob dies dem aktuellen Forschungsstand seiner Zeit entsprach. Des Weiteren muss an dieser Stelle untersucht werden, warum Büchners Lenz von der Forschungsliteratur immer wieder auch mit Hilfe von Erkenntnissen der Psychiatrie des 20. Jahrhunderts interpretiert wird und dabei so schlüssige Ergebnisse erzielt werden, dass sie im Grunde genommen nicht von der Hand zu weisen sind. Mit diesem psychiatrischen Wissen ist Büchner nun offenbar an seine Quellen zum historischen J.M.R. Lenz herangetreten und hat sich deren Informationen kritisch angeeignet. Zwei dieser Quellen sind der schon angesprochene Text Oberlins und Goethes Dichtung und Wahrheit, die näher betrachtet werden müssen. Ob diese allerdings die einzigen waren und welche Auswirkungen diese Quellen auf die Darstellung der Lenz-Figur in der Erzählung hatten, wird zu zeigen sein.

Nach der Klärung dieser Fragen soll sich anschließend der Untersuchung des Textes mit speziellen Fokus auf die Naturschilderungen gewidmet werden. Hier müssen nun auch die schon angedeuteten literarischen Inspirationsquellen Büchners untersucht werden, da sie besonders die formale Darstellung, sowohl der Krankheit Lenzens, als auch der Naturschilderungen beeinflusst haben. So wurde schon von Gutzkow mit dem Verweis auf Jean Paul eine Verbindung zur Romantik hergestellt, die nun auf eine solche Inspirationsfunktion bezüglich des Lenz untersucht werden soll. Dabei ist besonders herauszustellen, welche Autoren der Romantik Büchner beeinflusst haben und wie sich dieser Einfluss in seinem Lenz niederschlägt. Dadurch, dass J.M.R. Lenz selbst aber dem Sturm und Drang angehörte und Büchners Beschäftigung mit ihm bezüglich H 3 nachgewiesen wurde, soll auch diese literarische Epoche auf ihren Einfluss auf Lenz hin überprüft werden. Wie schon bei der Romantik soll der Sturm und Drang auch wiederum nach weiteren Autoren untersucht werden, die neben J.M.R. Lenz einen besonderen Einfluss auf Büchners Erzählung gehabt haben könnten.

Wie schon erwähnt wurde, ist davon auszugehen, dass sowohl die Darstellung der Lenz-Figur, als auch die der Naturschilderungen von diesen Inspirationsquellen beeinflusst wurden. So liegt die These nahe, dass zwischen diesen beiden Darstellungen eine Verbindung bestehen muss. Diese These soll im Verlauf der Textanalyse überprüft werden. Auf der These aufbauend sind auch die Kapiteleinteilungen der anschließenden Textanalyse nicht anhand der Naturschilderungen, sondern ausgehend vom Zustand Lenzens ausgewählt worden. Wenn die These sich bewahrheitet und eine Verbindung zwischen den Darstellungen von Lenz und Natur besteht, dürfen die Naturschilderungen nämlich nicht aus der Erzählung extrahiert und von ihrem Kontext und vom Lenzschen Krankheitsverlauf unabhängig untersucht werden. So soll im Folgenden also durchaus eine Gesamtanalyse des Lenz vorgenommen werden, deren Schwerpunkt aber auf den Naturschilderungen liegt. Auch das zentrale Moment der Lenzschen Krankheit ist in diesem Zusammenhang immer auf seinen Bezug zu ihnen zu befragen und nicht nur einzeln zu untersuchen.

Im Bezug auf die Naturschilderungen sollen aber neben der aufgestellten These auch noch andere Fragen an den Text herangetragen werden. So ist zu untersuchen, was es mit der auffälligen Unnatürlichkeit der Naturschilderungen auf sich hat und wie ihre Darstellung funktioniert. Da aber auch ein Anklang an realistische Naturschilderungen an einigen wenigen Stellen wahrzunehmen ist, ist auch die Frage zu beantworten, inwiefern und warum sich die Naturschilderungen innerhalb der Erzählung verändern. Folgt dies einer bestimmten Gesetzmäßigkeit oder sind sie willkürlich von Büchner eingestreut? Wie in der Erläuterung des Fragmentcharakters in Bezug auf die Entwurfsstufe H 3 erwähnt, hat sich Büchner auch den Ort des Geschehens angesehen, sodass zu fragen ist, inwiefern die Naturschilderungen den Gegebenheiten vor Ort entsprechen und was es bedeutet, wenn Büchner sie bewusst anders gestaltet. So stellt sich zunächst, auch im Bezug auf die aufgestellte These die Frage nach der Rolle der Naturschilderungen in Büchners Lenz. Diese muss allerdings in vier präzisiere Fragenkomplexe aufgeteilt werden. Zum einen muss ihre Rolle in Bezug auf den Leser untersucht werden. Zweitens ist zu klären, in welchem Verhältnis sie konkret zur Lenz-Figur gearbeitet sind und inwiefern noch andere Einflussfaktoren auf beide festgestellt werden können. Drittens ist herauszustellen, inwiefern Büchner sich in ihnen von seinen Inspirationsquellen oder anderen literarischen oder psychiatrischen Strömungen kritisch absetzt. Letztlich ist zu prüfen, ob ihnen auch die für Büchner typische Gesellschaftskritik eingearbeitet ist und wie sie sich äußert. Da Büchners Lenz-Figur sich in der Erzählung mehrfach auch selbst zum Verhältnis von Mensch und Natur äußert, sind auch diese Reflexionen an die Naturschilderungen heranzutragen und auf eine mögliche Einflussnahme bezüglich ihrer Darstellung zu befragen. Der Lenzschen Reflexionen befassen sich aber auch mit Kunstauffassungen. Auf den ersten Blick scheinen diese nichts zum Thema der Arbeit beitragen zu können, doch sollen sie nicht aus der Textanalyse herausgelassen werden, solange die Möglichkeit besteht, dass dieser erste Eindruck revidiert werden muss. So sind nämlich in den hier von Lenz beschriebenen Bildern durchaus Naturschilderungen eingelassen, die zu den restlichen der Erzählung in Beziehung gesetzt werden müssen.

Vor allem der letzte Teil des Lenz wirft aber noch zwei weitere Fragen auf. Zum einen muss geklärt werden, warum Büchner nach Oberlins Rückkehr bis zum letzten Tag von Lenzens Aufenthalt in Waldbach plötzlich so sparsam mit Naturschilderungen umgeht und diese im Vergleich zu den vorangegangen auch eine andere Qualität haben. Zuletzt ist der in vielerlei Hinsicht merkwürdige Schluss der Erzählung zu untersuchen, besonders aber die in vielerlei Hinsicht ungewöhnliche und zum Teil auch unpassende letzte Naturschilderung des Lenz.

I. J.M.R. Lenz vs. Büchners Lenz-Figur

In seiner Rede zur Vertheidigung des Cato von Utika wendet Büchner ein wissenschaftliches Verfahren an, dass auch für die Untersuchung seines Lenz richtungsweisend sein soll. Schon in seiner Gymnasialzeit plädierte er dafür, dass ein Mensch nie einzeln oder aus einer fernen Zeit bewertet und über ihn gerichtet werden sollte. Er ist immer als Mensch seiner Zeit zu sehen und sollte auch nur an ihren Maßstäben gemessen werden.[29] Dieses Verfahren soll hier zunächst auch bei der Untersuchung seines Lenz angewendet werden, vor allem bei der Darstellung der Lenzschen Krankheit. So soll festgestellt werden, aus welchen Quellen Büchner seine Kenntnisse zur Melancholie als Geisteskrankheit und als Leiden des historischen J.M.R. Lenz schöpfen konnte und wie er sie in der Darstellung seiner Lenz-Figur verarbeitete. In einem Exkurs soll zudem auch noch dem erwähnten Problem, warum einige Interpreten psychiatrisches Fachwissen des 20. Jahrhunderts, was Büchner sich nicht zu seiner Zeit hätte anlesen können, auf seinen Lenz anwenden und zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, nachgegangen werden.

I. 1. Büchners besonderes Verhältnis zur Melancholie

Ohne Büchner hier einfach einreihen zu wollen, sei an dieser Stelle zunächst darauf hingewiesen, dass „der Weltschmerz, die Zerrissenheit, die in den Wahnsinn münden“ auch unter seinen Zeitgenossen recht verbreitet waren.[30] So litt er auf dem ersten Blick, wie auch schon J.M.R. Lenz im Sturm und Drang lediglich an der „Jahrhundertkrankheit der Gebildeten“.[31] Hier muss aber einerseits eingewendet werden, dass sicherlich nicht alle aus dem selben Grund an genau der gleichen Melancholie mit identischen Symptomen litten, sondern eher ein je besonderes Verhältnis jedes Betroffenen zur Melancholie angenommen werden muss. Zum anderen ist immer wieder zu bedenken, dass Büchner in vielerlei Hinsicht auch Individualist und Avantgardist, also zeituntypisch war und seine Einordnung, egal auf welchem Gebiet, fast immer Schwierigkeiten mit sich bringt. So ist demnach eher zu erwarten, dass dies auch bezüglich seiner Melancholie so gewesen ist. Büchner steht, wie noch zu zeigen ist, sogar in mehrerer Hinsicht in einem besonderen Verhältnis zur Melancholie, zunächst soll hier aber seine eigenes Erkranken an ihr näher betrachtet werden.

Nach Ablauf seines zweijährigen bewilligten Studienaufenthalts in Straßburg, muss er vom Beginn des Wintersemesters 1833 an seine akademische Ausbildung an der großherzoglichen Landesuniversität in Gießen fortsetzen. Getrennt von seinen Freunden, von der geliebten Braut und ohne die im Vergleich zu Gießen freiere geistig-politische Atmosphäre Straßburgs reagierte Büchner mit einer Krankheit, die er selbst als „einen Anfall von Hirnhautentzündung“ diagnostizierte, die aber anscheinend „im Entstehen unterdrückt“ werden konnte.[32] Von dieser erholt er sich einige Wochen bei seinen Eltern in Darmstadt, um anschließend erneut Anfang 1834 ins ungeliebte Gießen zurückzukehren. Dass diese Hirnhautentzündung aber nicht das einzige war, woran er in Gießen erkrankte, lässt sich an den ersten Zeilen dieses Briefes schon vermuten. Büchner scheint hier zunächst nur einen gesellschaftlichen Vergleich zwischen Darmstadt und Straßburg anzustellen, bezieht aber auch geographische und landschaftliche Gegebenheiten in den Kreis der „widrigen Verhältnisse“ Darmstadts gegenüber Straßburgs mit ein, die seine „unglückselige Stimmung“ verursachen.

Manchmal fühle ich ein wahres Heimweh nach Euren Bergen. Hier ist alles so eng und klein. Natur und Menschen, die kleinlichsten Umgebungen, denen ich auch keinen Augenblick Interesse abgewinnen kann (Büchner: Briefe 1988:282).

Mit Blick in den Lenz können anhand dieser drei Zeilen auch schon erste Parallelen zwischen dem Brief und Büchners Erzählung festgestellt werden. Man denke dabei an Lenzens Desinteresse am Weg oder an die Empfindung, dass ihm alles „so klein, so nahe“ ist.[33] Schon auf den ersten Blick scheinen beide, Büchner und sein Protagonist, an einer zumindest ähnlichen unglückseligen Stimmung zu leiden. Laut Schmidt quält Büchner schon früh nach der Rückkehr nach Gießen und auch während seiner Erholung in Darmstadt eine reaktive Depression, die sich im Brief aus Darmstadt mit dem Vokabular einer „melancholischen Entrückung in die obsessive Raumenge und ihrer Kleinigkeit der Realien“ ausdrückt.[34] Soziale und räumliche Einschränkungen durchdringen sich hier wechselseitig. Büchners melancholischer Blick lädt die Kleinigkeit der Dinge qualitativ zum Kleinlichen und Nichtswürdigen auf. Die Briefe, die Büchner nun in den folgenden Wochen und Monaten unter anderen an seine Braut Wilhelmine Jaeglé schreibt, zeugen von äußerster seelischer Anspannung, innerer Gefährdung und von einer „zum Zerreißen gespannte Geistigkeit“.[35] Der inzwischen geknüpfte Kontakt zu Gleichgesinnten und die Möglichkeit zu politischer Aktivität scheinen nicht auszureichen, um diese Stimmung zu beheben. Dass daher aber allein in der Trennung von seiner Braut der Grund seiner Melancholie zu suchen ist, ist ein zu einseitiger Rückschluss aus diesen Fakten. Seinen „Fatalismus“-Brief, den Büchner an Minna aus Gießen schreibt, welcher anfangs auf den 10. März 1834, nach neuesten Erkenntnissen aber auf die Zeit zwischen dem 10. und 20. Januar zu datieren ist[36], eröffnet er z.B. mit einer ähnlichen Klage über die Gießener Topographie wie er es schon wenige Tage zuvor an Stöber über die Darmstadts getan hatte.

Hier ist kein Berg, wo die Aussicht frei sei. Hügel hinter Hügel und breite Täler, eine hohle Mittelmäßigkeit in allem; ich kann mich nicht an diese Natur gewöhnen, und die Stadt ist abscheulich (Büchner: Briefe 1988:287).

Hier klagt Büchner ebenfalls über die widrige Naturumgebung und ihrer Enge. Auf diesem Wege gelangt er zum melancholischen Vorstellungskomplex der Wiederkehr des immer Gleichen[37] und auf die an einem vertikalen Maßstab gemessene[38], aber qualitativ markierte „hohle Mittelmäßigkeit in Allem“. Diesem wahrnehmungspathologisch gesättigten und eindeutig auf einen gesellschaftlich-politischen Kontext beziehbaren unangenehmen Raumempfinden stellt Büchner die Ästhetik des Gebirgserhabenen in Straßburg entgegen. Dessen „ontologische Substanzhaftigkeit“ scheint im Gegensatz dazu mit dem freien Blick des Individuums eine „sinnlich-ästhetische Enthobenheit aus der sozialen Enge und Mediokrität“ zu versprechen.[39] Diese sozial besetzte Opposition von zum Teil wahrnehmungspathologisch angereicherter enger, kleiner oder einförmiger bzw. niedriger Raumstruktur auf der einen und der „ästhetisch genossenen, erhabenen und „freien Landschaft“ auf der anderen Seite steht in Büchners brieflichen Zeugnissen auf den ersten Blick im Zeichen der „Kompensation und der Melancholietherapie“.[40] Unverkennbar künden die hier geäußerten Klagen Büchners von gravierenden Symptomen im Umkreis des melancholischen Verneinungswahns, welche im Sinne antiker Klimatheorien durch Büchners Ortswechsel ausgelöst wurden.[41] Festzuhalten an dieser Stelle sei also, dass es auf den ersten Blick neben Minna und den sozial-politischen Verhältnissen vor allem die Landschaft Straßburgs zu sein scheint, die Büchner, zurück in seiner Heimat, vermisst. Er wird also anscheinend aus insgesamt drei Gründen melancholisch. Zum einen wegen der sozialen und politischen Verhältnisse in seinem Vaterland, die ihn „rasend machen“ könnten.[42] Zweitens natürlich durch die Trennung von seiner Braut. Letztlich durch seinen Ortswechsel in eine scheinbar melancholiefördernde Umgebung. Die Tatsache, dass Büchner diese melancholiefördernde Wirkung allerdings immer mit einer Darstellung der sozialen und politischen Verhältnisse verbindet bzw. damit seine Darstellung der jeweiligen Umgebung regelrecht unterfüttert, lässt etwas an der Einflechtung der Theorie des Naturerhabenen und der Klimatheorien verdächtig erscheinen. So erscheint es nicht recht glaubwürdig, dass es vor allem die Umgebung und speziell die Natur ist, die Büchners Stimmung ausgelöst hat und auch wieder beheben könnte. Vielmehr ist es so, dass unter ihrem Deckmantel der Wunsch nach der sozialen und politischen Umgebung Straßburgs hervorscheint und es nicht die Natur, sondern die Menschen in Gießen und Darmstadt sind, die ihn mit ihrer sozialen und politischen Einstellung melancholisch machen. Büchner nutzt hier die Tradition des Naturerhabenen und die Klimatheorien nur als Mittel zum Zweck der Verschleierung, scheint ihre Ansichten aber nicht völlig zu teilen. Der ihn in Gießen umgebenden Landschaft kommt so maximal eine katalytische, aber keine auslösende Wirkung bezüglich seiner melancholischen Stimmung zu. Büchner bemerkte nach kurzer Zeit schließlich auch selbst, dass er außer an der Hirnhautentzündung noch an etwas anderem litt, sodass eine Schilderung seines Zustandes aus seiner Sicht nun weiteren Aufschluss geben wird. In seinem ‛Fatalismusbrief’ an Minna schreibt er z.B.:

Ich glühte, das Fieber bedeckte mich mit Küssen und umschlang mich wie der Arm der Geliebten. Die Finsternis wogte über mir, mein Herz schwoll in unendlicher Sehnsucht, es drangen Sterne durch das Dunkel, und Hände und Lippen bückten sich nieder. Und jetzt? Und sonst? Ich habe nicht einmal die Wollust des Schmerzes und des Sehnens. Seit ich über die Rheinbrücke ging, bin ich wie in mir vernichtet, ein einzelnes Gefühl taucht nicht in mir auf. Ich bin ein Automat; die Seele ist mir genommen (Büchner: Briefe 1988:288f.).

In einem späteren Brief an Minna, geschrieben um den 10. März 1834, heißt es:

Die Frühlingsluft löste mich aus meinem Starrkrampf. Ich erschrak vor mir selbst. Das Gefühl des Gestorbenseins war immer über mir. Alle Menschen machten mir das hippokratische Gesicht, die Augen verglast, die Wangen wie von Wachs, und wenn dann die ganze Maschinerie zu leiern anfing, die Gelenke zuckten, die Stimme herausknarrte und ich das ewige Orgellied herumtrillern hörte und die Wälzchen und Stiftchen im Orgelkasten hüpfen und drehen sah, - ich verfluchte das Konzert, den Kasten, die Melodie und – ach, wir armen schreienden Musikanten, das Stöhnen auf unserer Folter, wäre es nur da, damit es durch die Wolkenritzen dringend und weiter, weiter klingend, wie ein melodischer Hauch in himmlischen Ohren stirbt? [...] Und doch bin ich gestraft, ich fürchte mich vor meiner Stimme und – vor meinem Spiegel (Büchner: Briefe 1988:286f.).

Im April des gleichen Jahres schrieb er aus Straßburg an seine Familie rückblickend auf diesen Zustand:

Ich war im Äußeren ruhig, doch war ich in tiefe Schwermut verfallen. [...] Ich komme nach Gießen in die niedrigsten Verhältnisse, Kummer und Widerwillen machen mich krank (Büchner: Briefe 1988:292).

Es ist nicht schwer, wiederum Parallelen zwischen den Briefstellen und Büchners Lenz nachzuweisen, allerdings ist der Einfluss dieser hier von ihm selbst näher bestimmten Erkrankung Büchners auf die Gestaltung seiner Lenz-Figur erst an einer späteren Stelle dieser Arbeit zu untersuchen. Zunächst müssen nämlich die Voraussetzungen für eine solche Parallelität gefunden und aufgezeigt werden. Die aufgeführten Briefstellen beweisen zum einen, dass Büchner im Jahr 1834 in Gießen an Melancholie litt und zum anderen, dass er dies im Nachhinein, als er wieder gesund war, erkannte. Beides sind die Voraussetzungen dafür, dass er diese Erfahrung später produktiv beim Schreiben seiner Erzählung anwenden konnte. Dass Büchner aber wesentlich mehr als seine eigene Melancholie-Biographie in seinen Lenz miteinfließen ließ, zeigt sich an den Gegensätzen, die zwischen ihm und seinem Protagonisten bestehen. Büchner konnte seine Melancholie in Straßburg bannen und war stets „zielstrebig, konzentriert, selbständig, tauglich Karriere zu machen“. Er erlag dem Typhus nicht, weil sein Lebenswille ausgehöhlt war, sondern „weil ein übermäßiges Arbeitspensum seine Widerstandskraft geschwächt hat“.[43] Seine Lenz-Figur dagegen ergibt sich der Melancholie. Die Anregungen dafür kann er daher nicht aus seinen Erfahrungen, sondern nur seinen Quellen entnommen haben. Er benötigte also solche, in denen er mehr über J.M.R. Lenz und über dessen merkwürdiges Verhalten erfuhr. Im Grade der Abhängigkeit der Erzählung von diesen Quellen sollen sie im Folgenden zunächst betrachtet werden. Die größte Quellenabhängigkeit besteht zu Oberlin, gefolgt von Stöber und Goethe. Sie sind nun nachfolgend besonders daraufhin zu untersuchen, was Büchner aus ihnen über die Lenzsche Melancholie entnehmen konnte. Des Weiteren ist darauf zu achten, inwiefern Büchner auch kritisch mit ihren Informationen oder eventuell enthaltenen Wertungen umgegangen ist.

I. 2. Büchners Quellen zur Krankheit des historischen J.M.R. Lenz

I. 2. 1. Oberlin: Herr L ..,

Im Jahr 1778 kam der 27-jährige livländische Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz ins Steintal bzw. Ban de la Roche der elsässischen Vogesen.[44] Dort verbrachte er 20 Tage, vom 20. Januar bis zum 8. Februar 1778. Es war damals ein durch die reformerische Arbeit des philanthropischen und pietistischen Pfarrers Johann Friedrich Oberlin[45] geprägtes Vogesental.[46] Der melancholische Zustand, in dem J.M.R. Lenz schon bei ihm in Waldbach ankam, verschlimmerte sich allerdings, sodass ihn Oberlin nach Straßburg zu Freunden bringen ließ. Von dort aus wurde er 1779 nach Riga ins väterliche Haus gebracht.[47]

Büchners Primär- und Strukturquelle ist der Bericht Herr L .., Oberlins über die Ankunft und den Aufenthalt Lenzens bei ihm in Waldbach. Er ist vermutlich bald nach Lenzens Abtransport nach Straßburg verfasst wurden, weshalb Oberlin von Seiten der Büchner-Forschung hier häufig auch die Absicht unterstellt wird, sein Verhalten gegenüber Lenz rechtfertigen zu wollen und „existierenden oder befürchteten Vorwürfen entgegenzutreten“.[48] Reuchlein ist der Meinung, dass es „unschwer zu erkennen“ ist, „daß Oberlin die Geschehnisse jener zwei Wochen durchaus in seinem Sinne manipuliert darstellt“, da er offensichtlich Vorhaltungen befürchtete, einen moralisch fragwürdigen und am Ende hochgradig suizidgefährdeten Menschen wie Lenz aufgenommen und bei sich behalten zu haben.[49] Daher will er seine Leser glauben machen, dass an Lenz anfangs überhaupt nichts Auffälliges zu bemerken gewesen sei. Außerdem beruft er sich darauf, dass ihn Kaufmann über seinen Gast völlig im Dunkeln gelassen hat und ihm lediglich mitgeteilt hatte, „er würde, seine Braut das Steintal zu zeigen, zu uns kommen und einen Theologen mitbringen, der gerne hier predigen möchte“.[50] So lässt sich feststellen, dass die Büchner-Forschung zum Teil der Ansicht ist, dass Oberlin den Bericht zu seinen Gunsten in gewisser Weise gefälscht hat und es sich nicht um eine authentische Schilderung von Lenzens Aufenthalt handelt. Dies würde auch Büchners Erzählung in einem anderen Licht erscheinen lassen und zu der Frage führen, ob er mit seinen Melancholiekenntnissen diese ‛Fälschungen’ erkannt hat oder nicht. Fest steht, dass Büchner seine Lenz-Figur nicht völlig gleich dem bei Oberlin beschrieben Verhalten des Dichters gestaltet. Bevor im Bezug auf diese Umgestaltung aber die anderen Quellen zurate gezogen werden, soll ein Vertreter der Lenz-Forschung bezüglich des Wahrheitsgehalts des Oberlinberichts zu Wort kommen. Die Lenz-Forschung ist nämlich im Gegensatz zur Büchner-Forschung der Ansicht, dass man den Begriff „Rechenschaftsbericht“[51] im Falle Oberlins allenfalls gelten lassen kann, wenn damit nicht mehr gemeint ist, als dass Oberlin bei der Erinnerung an das aufwühlende Geschehen der vergangenen Wochen sein Handeln sich selbst gegenüber als jeweils situationsangemessen rechtfertigte. Nichts aber berechtigt etwa zu der Annahme, dass Oberlin im Sinne einer „tendenziösen Zurichtung des Berichts“ die Auffälligkeiten im Verhalten Lenzens zu Beginn seines Aufenthalts im Steintal erst nachträglich unter „vermeintlichem oder tatsächlichem Rechtfertigungsdruck“ als möglichst harmlos dargestellt und nicht schon im Zeitpunkt des Geschehens tatsächlich als harmlos erklärbar interpretiert hat.[52] Die Lenz-Forschung vertritt daher der Ansicht, „daß Oberlins Bericht sowohl sachlich als auch chronologisch das tatsächlich Geschehen Anfang Februar 1778 im Steintal vermutlich sehr genau wiedergibt“.[53] Mit der Einschränkung dieser Feststellung durch das eingefügte „vermutlich“ gesteht sich aber auch die Lenz-Forschung ein, dass ihr zur Eindeutigkeit noch Fakten fehlen. Fest steht allerdings, dass Büchner auf der Grundlage dieses Berichts seine Erzählung geschrieben hat, sodass ihrer Interpretation seine nähere Untersuchung vorausgehen soll.

So lässt sich dieser Bericht Oberlins zunächst in drei Teile gliedern. Der erste Teil beschreibt den Zeitraum von Lenzens Eintreffen bis zu Oberlins Abreise mit Kaufmann am 26. Januar 1778.[54] Die Reise, die bis zum 5. Februar dauert, selbst aber kaum beschrieben wird, markiert den Wendepunkt des Berichts und ist gleichzeitig der Beginn des zweiten Teils. Der dritte Teil des Berichts beschreibt die Tage vom 6. Februar bis zu Lenzens Abtransport nach Straßburg wenige Tage später. Das Bild, das Oberlin im ersten Teil von J.M.R. Lenz zeichnet, weist keinerlei befremdliche oder krankhafte Züge auf. Etwas sonderbar erweist sich allenfalls das nächtliche Baden im eiskalten Brunnenwasser, das von ihm freilich schnell als merkwürdige Marotte abgetan wird, die Lenz mit seinem Freund Kaufmann teile: „Gottlob, sagte ich, daß es w‹ eiter › nichts ist; Herr K... liebt das kalte Bad auch, und Herr L... ist ein Freund von Hn. K...“[55] Erst mit dem Eintreffen Kaufmanns scheint bei Oberlin eine leise, noch völlig unbestimmte Ahnung in ihm aufzukeimen, dass etwas mit seinem Gast nicht stimmen könnte. Kaufmann nämlich nimmt Oberlin beiseite und fragt ihn „mit bedeutender Miene“ über Lenz aus[56]. „Bald d[a]rauf“, fährt Oberlin fort, „war er auch mit Hrn. L. allein. Es kam mir dies alles etwas bedenklich vor, wollte da nicht fragen, wo ich sahe daß man geheimnißvoll wäre, nahm mir aber vor meinen Unterricht weiter zu suchen“.[57] Mit dieser Frage im Hinterkopf reist Oberlin mit Kaufmann am 26. Januar aus dem Steintal ab. Dieser erste Teil des Berichts zeigt, dass Oberlin, als Lenz bei ihm eintraf, noch nicht über den prekären Zustand seines Gastes informiert war. Zu erkennen war auch, dass er Lenzens Verhalten und Kaufmanns Nachfragen so auffällig fand, dass er sich vornahm, dem auf den Grund zu gehen. Diese von ihm gesuchten Informationen erhält Oberlin auf seiner Reise in die Schweiz, unter anderem von Schlosser, Pfeffel und Lerse.[58] So erfährt durch sie von verschiedenen Begebenheiten, die er nun ab sofort als Hintergründe von Lenzens Verhalten bzw. seiner Krankheit ansieht und betrachtet seitdem den Dichter mit ganz anderen Augen.[59] Man könnte meinen, Oberlin spiele damit darauf an, dass er unterwegs von Lenzens psychischer Erkrankung erfahren habe. In der Forschung hebt sich aber immer stärker die Ansicht heraus, dass er hier von etwas ganz anderem spricht, da er auch nach seiner Rückkehr Lenz nicht als einen Kranken ansieht. Er erscheint ihm lediglich als moralisch gefährdeter Mensch, was darauf schließen lässt, dass Oberlin etwas über Lenzens Lebensumstände und seine Affäre mit Friederike Brion erfahren haben muss.[60] Wenig später greift er dies auch konkreter auf, wenn er schreibt, dass er an Lenzens Seite „die Folgen seines Ungehorsams gegen seinen Vater, seiner herumschweifenden Lebensart, seiner unzweckmäßigen Beschäftigungen, seines häufigen Umgangs mit Frauenzimmern, durchempfinden mußte“.[61] Der anfangs liebenswürdige Jüngling[62] Lenz erscheint Oberlin nun plötzlich als bedauernswerter Sünder, und von diesem Zeitpunkt an wandelt sich sein Verhältnis zu ihm, was den schon erwähnten Wendepunkt kennzeichnet. An die Stelle des freundschaftlichen Gastgebers tritt jetzt der mahnende Seelsorger und Erzieher Oberlin. Damit zeichnet der zweite Teil von Oberlins Bericht fast ausschließlich das Bild eines „von fürchterlicher Unruhe“[63], von der „Erinnerung gethaner, [...] unbekannter Sünde“[64] geplagten Herzens und zeigt Oberlins Versuche, dem mit sittlichen Ermahnungen und religiösem Trost zu begegnen. Um diese Reaktion Oberlins zu verstehen, reicht das Wissen von seinem Pietismus und seinem Beruf als Pfarrer nicht aus. Zu seinem Wissen zählten nämlich auch die Grundlagen der Allgemeinmedizin, sodass er im Steintal eher eine Art „eigentümliche Verbindung von Priester-, Arzt und Sozialreformertum“ lebte.[65] Aus diesem Grund greift er zur Bestimmung des Lenzschen Wahns zu einer Diagnostik, die nicht untypisch für diese zeitgenössische Allgemeinmedizin ist, nämlich zu der der pathologischen Melancholie. Ihr haftete im 18. Jahrhundert noch das Verdikt lasterhafter Lebensführung an, wobei Mitleid mit dem Betroffenen, welches ja auch Oberlins Haltung im Wesentlichen kennzeichnet, natürlich möglich war.[66] Dreimal spricht der von August Stöber redigierte Erstdruck des Oberlinberichts von diesen Anfällen der Melancholie bzw. der Schwermut[67] und verwendet das in der zeitgenössischen Umgangssprache ebenfalls übliche Melancholiesynonym ‛Tiefsinn’[68].

Der dritte Teil des Berichts ist geprägt von Lenzens plötzlich auftretenden und dann sprunghaft zunehmenden Selbstmordversuchen sowie von Oberlins Bemühen, diese zu vereiteln. Hier taucht erstmals so etwas wie eine psychiatrische Deutung des Leidens bei Oberlin auf[69], freilich noch immer vor der Folie moralischer Verfehlungen. Hier weist er auch erstmals ausdrücklich auf die Periodizität der Lenzschen Anfälle hin: „er zeigte immer großen Verstand und ein ausnehmend theilnehmendes Herz; wenn die Anfälle der Schwermuth überstanden waren, schien alles so sicher“.[70] Trotz dieser Deutungen und Ursachenvermutungen vermag Oberlin Lenzens Verhalten zu keinem Zeitpunkt zu erklären, sodass es auch für den Leser bis zuletzt „rätselhaft und unverständlich“ bleiben muss.[71]

I. 2. 2. August Stöber: Der Dichter Lenz

August Stöber war zunächst einmal ein guter Freund Büchners. Er lernte ihn während seines Aufenthalts in Straßburg kennen und unternahm mit ihm Wanderungen durchs Gebirge. Stöbers Vater, Daniel Ehrenfried Stöber war Verwalter des Oberlin-Nachlasses. August Stöber war daher derjenige, durch den Büchner an den Oberlin-Bericht kam. Er veröffentlichte nämlich schon im Jahr 1831, im Publikationsjahr der Oberlinbiographie seines Vaters, im Morgenblatt für gebildete Stände Auszüge des dann 1839 in der Erwina vollständig erscheinenden Oberlinsberichts.[72] Neben dem Bericht erschienen im selben Jahr von ihm, ebenfalls im Morgenblatt für gebildete Stände, auch andere, den Oberlin-Bericht scheinbar erklärende Texte unter dem Titel Der Dichter Lenz. So ist es sehr wahrscheinlich, dass Büchner auch zu diesen Zugang hatte. Mit Der Dichter Lenz liefert Stöber ein weiteres Erklärungsmodell, welches die Lenz -Deutung nachhaltig beeinflusste, indem er, von Oberlins Bericht und Lenzens Briefen an Salzmann ausgehend, eine ursächliche Verknüpfung zwischen Lenzens Leidenschaft zu Goethes Jugendliebe Friederike Brion und dem ausbrechenden Wahnsinn des Dichters annahm.[73] Dieses Deutungsmuster einer tiefen psychogenen, in den Wahnsinn ausbrechenden Melancholie Lenzens, die durch sein unglückliches Verhältnis zu ihr ausgelöst wurde, entspricht in gewisser Weise sogar einer Stöberschen Familientradition.[74] Daniel Ehrenfried Stöber stufte anhand seines Wissens über die zeitgenössische Psychiatrie und seiner Recherchen Lenzens Krankheit auch schon als eine Gradiation von tiefer Melancholie zur Tobsucht und zum Wahn ein.[75] Dieser Sicht seines Vaters folgt August Stöber. Seine 1842[76] erscheinende Materialsammlung Der Dichter Lenz und Friederike von Sesenheim bekräftigt unter anderem mit dem Hinweis auf die Aufzeichnungen Oberlins, dass Lenz wegen der Pfarrerstochter „wahnsinnig geworden“ sei.[77] Zusätzlich entfaltet er in den Vorbemerkungen zum erneuten Abdruck des redigierten Oberlinberichts auch die schon erwähnte, von seinem Vater vorgegebene Stufenfolge der Lenzschen Geisteskrankheit von der Melancholie zum tobsüchtigen Wahn. Von der Ankunft Lenzens im Elsass heißt es:

Nun brach sein oft dumpfes Hinbrüten, in bange Schwermuth versunkenes Gemüth in vollen Wahnsinn aus, der zuweilen zur unbändigsten Raserei wurde (Stöber 1842:11).

Stöber glaubte aber auch ein Changieren der Lenzschen Geistesverwirrung von der „bangen Schwermuth“ in den Wahnsinn und umgekehrt vom Wahnsinn in die „mildere Gestalt“ einer stillen Schwermut im Nachlassen des Wahnsinns festgestellt zu haben.[78] Damit bietet er einen entscheidenden Schlüssel zum Verständnis der Naturschilderungen in Büchners Erzählung. Vor allem der auffällige Wechsel von „psychotischen Raumerlebnisstörungen zum Landschaftserlebnis“ in Büchners Lenz findet hierin eine erste Erklärung.[79]

Es ist, wie erwähnt, aber auch sehr wahrscheinlich, dass Büchner durch Stöber sogar eigene Aussagen Lenzens, seinen Zustand betreffend, vorliegen hatte. Dies lässt sich vor allem bei einem an Salzmann gerichteten Brief Lenzens vom Oktober 1772 vermuten, den August Stöber 1831 publizierte. In ihm versucht J.M.R. Lenz seinen durch gewisse Umstände ausgelösten Seelenzustand dem gesellschaftskonformen Konzept einer sanften Melancholie einzupassen.

Es ist wahr, meine Seele hat bei aller anscheinenden Lustigkeit, jetzt mehr als jemals, eine tragische Stimmung. Die Lage meiner äußern Umstände trägt wohl das meiste dazu bei, aber – sie soll sie, sie mag sie nun höher oder tiefer stimmen, doch nie verstimmen. Eine sanfte Melancholei verträgt sich sehr wohl mit unserer Glückseligkeit und ich hoffe – nein ich bin gewiß, daß sie sich noch einst in reine und dauerhafte Freude auflösen wird, wie ein dunkler Sommermorgen, in einen wolkenlosen Mittag (Lenz 1987:290).

Dieser Brief wird wohl sowohl Stöber, als auch Büchner dazu angeregt haben, verschiedene Krankheitsstufen bei Lenz anzunehmen, wobei auch solche der scheinbar vorübergehenden Verbesserung mit dabei waren. Ob Büchner aber auch das ‛Frauenzimmer’-Motiv Stöbers als Grund für Lenzens Melancholie übernimmt und sie damit ebenfalls zu einer erotischen Melancholie gestaltet, wird noch zu untersuchen sein.

I. 2. 3. Goethe: Dichtung und Wahrheit

Büchner schreibt im Oktober 1835 aus Straßburg an seine Familie:

Ich habe mir hier allerhand interessante Notizen über einen Freund Goethes, eines unglücklichen Poeten namens Lenz, der sich gleichzeitig mit Goethe hier aufhielt und halb verrückt wurde (Büchner: Briefe 1988:319).

Damit zeigt er nicht nur, dass er sich Materialien zu J.M.R. Lenz beschafft hatte, sondern auch, dass er über dessen Verbindung mit Goethe Bescheid wusste. Dies lässt unter anderem den Schluss zu, dass er dies direkt von Goethe aus seinem Werk Dichtung und Wahrheit entnommen hatte, was von der Forschung auch schon hinlänglich als gesicherte Quelle seiner Erzählung nachgewiesen wurde.[80]

Das Besondere an Goethe im Gegensatz zu Oberlin ist, dass er außerhalb des sittlich-religiösen Normsystems stand, welches auch Lenzens Denken und Verhalten bestimmte. So lässt sich gerade von ihm ein anderes Lenz-Bild als bei Oberlin und Stöber erwarten. Im Vergleich der entsprechenden Passagen aus Dichtung und Wahrheit mit Büchners Lenz bieten sie in der Tat so etwas wie eine kontrastierende Folie für die Büchnersche Darstellung, und dies sogar aus zwei Blickrichtungen. Goethes Lenzcharakteristik bildet sich aus einer Reihe von distanzierten, entschiedenen und scharfen Urteilen, die in ihrer Summe einer charakterologischen Verurteilung gleichkommen. Am Anfang steht eine eher sibyllinische Wertung. Die „Sinnesart“ des Lenz sei „whimsical“. Dieses Wort, so erläutert Goethe, fasse „gar manche Seltsamkeiten in Einem Begriff" zusammen.[81] Zwar versucht er auch den Eindruck zu erwecken, dass er Lenzens geistig-literarische Fähigkeiten schätzte, ließ aber kaum einen positiven Zug an dessen sozialem Charakter. In diesem Punkt unterstellte er ihm einen „entschiedenen Hang zur Intrigue“ und interpretierte sein Verhalten als Resultat eines moralischen Solipsismus.[82] Für ihn war Lenz [z]eitlebens ein Schelm in der Einbildung, seine Liebe wie sein Haß waren imaginär, mit seinen Vorstellungen und Gefühlen verfuhr er willkürlich, damit er immerfort etwas zu thun haben möchte. Durch die verkehrtesten Mittel suchte er seinen Neigungen und Abneigungen Realität zu geben, und vernichtete sein Werk immer wieder selbst; und so hat er niemanden den er liebte, jemals genützt, niemanden den er haßte, jemals geschadet, und im Ganzen schien er nur zu sündigen, um sich strafen, nur zu intriguiren, um eine neue Fabel auf eine alte pfropfen zu können. [...] Seine Tage waren aus lauter Nichts zusammengesetzt, dem er durch seine Rührigkeit eine Bedeutung zu geben wußte (Goethe 2001:261).

Für Goethe war Lenz also ein Mensch ohne Realitätssinn und damit ohne Verantwortungsbewusstsein, was ihn in seinen Augen zu produktivem sozialem Handeln unfähig machte. Diese Aussage tendiert mehr in die Nähe Oberlins als in die Stöbers. Er führte weiterhin, auf die im Werther geschilderte Zeitgesinnung verweisend, jene „Selbstquälerey“ aller „Un- oder Halbbeschäftigten, welche ihr Inneres untergruben“, unter der seiner Ansicht nach auch Lenz litt, auf das durch das aufklärerische Interesse an empirischer Psychologie geförderte „Abarbeiten in der Selbstbeobachtung“ bei „strengsten sittlichen Forderungen an sich und andere“ zurück.[83]

Alles in Allem bleibt Goethe dabei aber sehr allgemein und recht zurückhaltend in seinen Äußerungen. Das ist ihm durchaus bewusst und von ihm intendiert. Er schreibt, dass diese Fakten zu Lenzens Charakter und Biographie „mehr in Resultaten als schildernd“ sind und äußert die Hoffnung, es werde „dereinst möglich, nach diesen Prämissen, seinen Lebensgang, bis zu der Zeit da er sich in Wahnsinn verlor, auf irgend eine Weise anschaulich zu machen“.[84] Diesem Appell scheinen Stöber und Büchner später, bewusst oder unbewusst, gefolgt zu sein. Da dies für Stöber schon dargestellt wurde, soll nun untersucht werden, wie Büchner die in diesen Quellen beschriebene Lenzsche Krankheit betrachtete und was er letztlich daraus in seine Erzählung übernahm, ist noch zu klären. Zunächst einmal muss untersucht werden, über welches psychiatrische Fachwissen Büchner neben den Informationen dieser drei Quellen über die Melancholie im Allgemeinen verfügte. Es ist nämlich davon auszugehen, dass er mit eben diesem Wissen schon an jene drei Quellen zur Krankheit des historischen Lenz herangegangen ist und sich darum mit ihnen in diesem Punkt kritisch auseinander gesetzt und nicht einfach alles unüberlegt übernommen hat.

I. 3. Die Quellen von Büchners psychiatrischen Fachkenntnissen

Wie schon erwähnt, verfügte Büchner schon früh über sehr gutes psychiatrisches Fachwissen. So ist nun näher zu untersuchen, wie früh dieses im Leben Büchners anzusetzen ist, aus welchen Quellen er es bezog, welche Rolle dabei sein Vater und sein Studium spielten und wie zeitgemäß es vor allem bezüglich der Darstellung seiner Lenz-Figur war. Bezüglich des psychiatrischen Fachwissens kann im Fall Büchners den Zeitpunkt wohl kaum zu früh angesetzt werden. Bereits zu seiner Gymnasialzeit stellt er es unter Beweis. In der Rezension eines Mitschüleraufsatzes schreibt er:

Der Selbstmörder aus physischen und psychischen Leiden ist kein Selbstmörder, er ist nur ein an Krankheit Gestorbener. Ich verstehe nämlich darunter einen solchen, welcher durch geistiges oder körperliches unheilbares Leiden allmählig in jene Seelenstimmung verfällt, die man mit dem Namen der Melancholie bezeichnet, und so zum Selbstmord getrieben wird (Büchner: Über den Selbstmord 1971:22).

Sogar der Fachbegriff der Melancholie scheint ihm geläufig zu sein. Im weiteren Verlauf der Rezension rückt sogar der Schwerpunkt in Richtung der geistigen Erkrankungen:

Psychische Leiden sind, so wie physische Krankheit des Körpers, Krankheit des Geistes, letztere kann, wenn sie einmal feste Wurzeln geschlagen hat, noch viel weniger gehoben werden, als erstere. Wen also eine solche geistige Krankheit zum Tode treibt, der ist eben so wenig ein Selbstmörder, er ist nur ein an geistiger Krankheit Gestorbener. Das geistige Leiden selbst vermag den Körper nicht unmittelbar zu tödten, es thut dieß also mittelbar; dieß ist der ganze Unterschied zwischen dem, welcher am hitzigen Fieber oder in einem Anfall von Wahnsinn stirbt (Büchner: Über den Selbstmord 1971:22f.).

Büchner war also damals schon mit den Begriffen ‛Melancholie’ und ‛Wahnsinn’ vertraut, wobei hier aber einschränkend hinzuzufügen ist, dass er sie in seiner Rezension als Synonyme verwendet, was aber auch in der psychiatrischen Fachliteratur seiner Zeit häufiger vorkommt, wie noch zu sehen ist. Es ist damit als eine Tatsache anzusehen, dass Büchner sich schon in seiner Jugend, vermittelt durch die medizinische Tätigkeit des Vaters, einen „ungewöhnlich hohen Kenntnisstand über die Diagnostik und Therapie des Psychopathischen“ angeeignet hat.[85] Büchner war der Sohn eines Arztes und psychiatrischen Gutachters. Es ist daher vor allem diese Gutachtertätigkeit des Vaters, die das „Vorhandensein der grundlegenden Fachliteratur bezüglich der Diagnose von Geisteskrankheiten und der forensischen Medizin im Hause Büchner vermuten lassen“.[86] Des Weiteren ist nachgewiesen worden, dass zwischen Sohn und Vater ein reger fachlicher Austausch stattfand, der in Fall des sogenannten ‛Versöhnungsbriefes’ vom 18. Dezember 1836 sogar schriftlich bezeugt ist.[87] Ernst Büchner kündigt darin seinem Sohn die Übersendung von Fachliteratur an, worunter sich unter anderem die Bände 1-46 der von Ludwig Friedrich Froriep herausgegebenen Notizen aus dem Gebiete der Natur- und Heilkunde befanden, die Georg ausdrücklich angefordert hatte.[88] Wenn es hier auch übertrieben ist, den Wunsch Georgs um die Sendung der bezeichneten Bände als Beleg für sein anhaltendes Interesse an der Materie der zeitgenössischen Psychiatrie zu werten, so konnte Büchner doch durch einzelne Beiträge Kenntnisse über zentrale Fragestellungen erlangen. Allerdings ist dies für die Arbeit am Woyzeck entscheidender als für die am Lenz, da laut Seling-Diez „Büchner zum Zeitpunkt der Übersendung der Bände nach Zürich die Arbeit am Lenz-Projekt bereits eingestellt hatte“.[89] Der erwähnte Brief und vor allem Büchners psychiatrisches Wissen in der Gymnasialzeit lassen allerdings den Schluss zu, dass dieser fachliche Austausch zwischen Vater und Sohn schon sehr viel länger währte. Daher ist zu erwarten, dass ein Blick auf den Stand des psychiatrischen Fachwissens bzw. auch auf die dort herrschenden Kontroversen im späten 18. Jahrhunderts und beginnenden 19. Jahrhunderts bezüglich der Krankheitsdarstellungen und eventuell sogar auch im Fall der Naturschilderungen des Lenz aufschlussreich sein wird.

Das späte 18. Jahrhundert war die Epoche der Entdeckung des Wahnsinns als Krankheit. Geistes- und Gemütsstörungen wurden nun nicht länger primär als soziale und moralische Devianz, sondern als Krankheit begriffen. Therapie und medizinische Betreuung sollten an die Stelle von sozialer Ausgrenzung und Bestrafung treten. Dennoch waren selbst im späten 18. Jahrhundert Moral und Psychologie immer noch eng miteinander verwoben, ja potenziell identische Begriffe. Selbst wenn die fortschrittliche Psychologie des ausgehenden 18. Jahrhunderts vordergründig jegliches moralisches „Geschwätz“ ablehnte, so wirkten diese Elemente unterschwellig noch lange weiter, was sich besonders gut auch an Oberlins Bericht erkennen ließ.[90] Das zunehmende Verständnis der Seelenleiden als Krankheit löste deren moralische Deutung also keineswegs vollends auf. Teilweise war sogar das Gegenteil der Fall. Die moralische Perzeption seelischer Krankheit gewann im Zuge der Restauration und Romantik sogar wieder an Bedeutung. Dass Büchner dennoch schon zu seiner Gymnasialzeit die psychische Krankheit nicht einmal mehr peripher vor der Folie moralischer Verfehlungen und sittlicher Verderbtheit auffasste, zeigt einen fundamentalen Bruch mit dieser Tradition des literarischen Wahnsinnsverständnisses. Aufgrund dieser Tatsache ist Büchner als ein Vertreter liberaler Auffassungen zu bestimmen, die sich um 1830 von Frankreich ausgehend in der deutschen Psychiatrie auszubreiten begannen.[91] Da Büchner durch seine Hugo-Übersetzungen bewiesen hat, dass er sich im Französischen sprachlich ebenso heimisch fühlte wie im Deutschen, ist es genauso wahrscheinlich, dass er sein solides Wissen auf dem Gebiet der liberalen Psychiatrie nicht deutschen Werken, sondern direkt „der avancierten französischen Psychiatrie Pinels und Esquirols“ entnommen hat.[92] Büchner, der in Straßburg und Gießen Medizin studiert hatte, schrieb seiner Familie noch im Exilbrief am 9. März 1835 aus Weißenburg, dass er „das Studium der medizinisch-philosophischen Wissenschaften mit der größten Anstrengung“ auch jetzt noch weiter betreiben werde, da „auf dem Felde“ noch „Raum genug“ ist, „um etwas Tüchtiges zu leisten“. So hielt er seine Zeit für „gerade dazu gemacht, dergleichen anzuerkennen“.[93] ‛Medizinisch-philosophisch’ nannte man zu seiner Zeit eine „der Aufklärung verpflichtete Wissenschaftsrichtung, die im Zeichen anti-metaphysischer Empirie die Verbindung von Psychologie und medizinischer Physiologie einforderte“ und zu der sich unter anderem der bedeutende französische Psychiater Philippe Pinel mit seinem Hauptwerk, dem Traité médico-philosophique sur l’aliénation mentale ou la manie[94] bekannte.[95] Als einer der ersten hatte er in seiner Abhandlung bemerkt, dass das zentrale Desiderat für die Entwicklung einer erfolgreichen rationalen Therapeutik des Wahnsinns das Erkennen der Krankheitssymptome sowie das Ordnen und Klassifizieren ihrer verwirrenden Vielfalt sei.[96] Ein primärer Zugang Büchners zu den Schriften Pinels ist allerdings nicht nachzuweisen. Dennoch beherrschen die Thesen Pinels und die seines Schülers Esquirols die zentralen Fragestellungen der zeitgenössischen Psychiatrie in nahezu allen Bereichen des öffentlichen Lebens derart, dass man von seiner Kenntnis in dieser Hinsicht vor allem auch mit Blick auf den fachlichen Austausch mit seinem Vater ausgehen kann. So beschreibt Pinel z.B. in seinem Kapitel „XII Der spezifisch Character der Manie ohne Delirium“:

Sie ist entweder anhaltend, oder durch periodisch Anfälle ausgezeichnet. Keine in die Augen fallende Veränderung der Verstandesverrichtungen, der Perception, der Urtheilskraft, der Einbildungskraft, des Gedächtnißes &c. kommt dabey vor: wohl aber Verkehrtheit in den Willensäußerungen, nämlich ein blinder Antrieb zu gewalttäthigen Handlungen, oder gar zur blutdürstigen Wuth, ohne daß man irgend eine herrschende Idee, irgend eine Täuschung der Einbildungskraft, welche die bestimmende Ursache dieses unglücklichen Hanges wäre, angeben kann (Pinel 1801:166f.).

Sein Schüler Esquirol beschreibt wenige Jahre später die Melancholie als „ein partielles, fieberloses, chronisches Delirium, das durch eine traurige, schwächende oder deprimirende Leidenschaft bewirkt und unterhalten wird“, und die Monomanie als ein mit Heiterkeit und Exaltation verbundenes partielles Delirium:

[...] diese Seelenstörung steht zwischen der Melancholie und der Manie mitten inne, indem sie mit ersterer wegen der fixen Ideen und dem Insichgezogenseyn des Individuums, mit Letzterer aber wegen der Aufregung der Ideen und der physischen und moralischen Activität Aehnlichkeit hat (Esquirol 1827:203).

Büchners Erzählung verweist aber noch auf ein weiteres traditionelles Erklärungsmuster für den Zusammenhang von Melancholie und visueller Privation, nämlich auf die antiken, über das 18. Jahrhundert hinauswirkenden, wenn auch umstrittenen Klimatheorien.[97] Dies war vor allem in Frankreich der Fall. Nachweisen lassen sie sich unter anderem auch im 1749 erschienen Essays von Julien Offray de La Mettrie L’Homme machine[98]. Darin schreibt er:

Der Einfluß des Klimas ist so stark, daß ein Mensch, der seinen Aufenthaltsort wechselt, unwillkürlich diese Veränderung zu fühlen bekommt. Er gleicht einer wandernden Pflanze, die sich selbst verpflanzt hat. Wenn das Klima nicht mehr dasselbe ist, so muß sie folgerichtig entweder verkümmern oder besser gedeihen (La Mettrie 2001:31).

Diese Klimatheorien gehörten in seiner und bis hinauf in Büchners Zeit zum Bestand der melancholischen Pathologie. Laut dieser Theorien zählen zu den physischen Ursachen der Melancholie seit der Antike die spezifischen klimatischen Bedingungen der geographischen Extremzonen. So galt unter anderem eine kalte, neblig-feuchte, stürmische und regnerische Witterung als melancholieauslösend.[99] Dass Büchners Kenntnisse diesbezüglich nicht angezweifelt werden können zeigt unter anderem ein Brief an seinem Bruder vom 2. September 1836, in dem er über ähnliche Selbsterfahrungen des Einflusses der Witterung auf seine Psyche selbstironisch berichtet.

Ich bin ganz vergnügt in mir selbst, ausgenommen, wenn wir Landregen oder Nordwestwind haben, wo ich freilich einer von denjenigen werde, die abends vor dem Bettgehen, wenn sie den einen Strumpf vom Fuß haben, imstande sind, sich an ihre Stubentür zu hängen, weil es ihnen der Mühe zuviel ist, den andern ebenfalls auszuziehen (Büchner: Briefe 1988:334).

Diese Selbstironie zeigt allerdings schon an, dass Büchner den Klimatheorien wie auch schon zuvor der ihnen im Bezug auf eine Melancholietherapie nahestehenden Theorie des Naturerhabenen sehr kritisch gegenübersteht, sodass im Folgenden darauf zu achten ist, wie er sie in seine Erzählung einbaut.

Eine der auffälligsten Abweichungen der Erzählung von ihrer Hauptquelle ist, dass nicht von Melancholie, sondern vom Wahnsinn die Rede ist. Wie bei Oberlin zu sehen war, ordnet das soziale Umfeld des historischen Lenz seinen Wahn in den kontemporären Melancholiediskurs ein. Büchners Rekonstruktion des Falles setzt diese Einordnung als „nosologischen Horizont“ voraus und tauscht dennoch die Wörter konsequent aus bzw. zeigt Lenz nur in der Gefahr, wahnsinnig zu werden, ohne es zu sein.[100] Medizinisch betrachtet und von möglichen belletristischen Einflüssen abstrahierend heißt dies jedoch keineswegs, dass Büchner Oberlins Melancholie-Diagnose nicht folgte und seinen Protagonisten nicht als Melancholiker konzipiert hat. Dies lässt sich mit Blick auf die schon erwähnte Rezension Büchners aus seiner Gymnasialzeit und auf das Verhältnis von Melancholie und Wahnsinn in der zeitgenössischen Medizin noch weiter untermauern. Wie in Büchners Rezension kann es auch später noch der Fall gewesen sein, dass er beide Begriffe als Synonyme verwendete. Hinzu kommt, dass die zeitgenössische Psychiatrie bezüglich der Terminologie und Klassifizierung der einzelnen Formen psychischer Störungen auch noch uneins und „in unterschiedlichste und oftmals gegensätzliche Richtungen und Strömungen aufgespalten war“.[101]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Büchners psychiatrisches Fachwissen dem neuesten Stand seiner Zeit entsprachen und vor allem von der französischen Forschung auf diesem Gebiet geprägt waren. Schaut man aber in Büchners Erzählung, scheint Büchner noch viel mehr Kenntnisse über die Melancholie als Geisteskrankheit gehabt zu haben. Aus diesem Grund ließ sich die Büchner-Forschung oft dazu verleiten, das Fachwissen der Psychiatrie des 20. Jahrhunderts auf seinen Lenz anzuwenden, was zu sehr plausiblen Ergebnissen führte, aber aufgrund der für Büchner nicht möglichen Zugänglichkeit dieses Wissens als unwissenschaftlich verurteilt wurde. Diesem Problem soll im folgenden Exkurs am Beispiel von Schmidts Anwendung Tellenbachscher Erkenntnisse zur Melancholie aus dem 20. Jahrhundert auf Büchners Lenz nachgegangen werden.

Exkurs: Schmidt und die Verwendung von Tellenbach zur Analyse der Krankheitsdarstellungen der Lenz-Figur

Schmidt betont zu Beginn seiner Untersuchung Melancholie und Landschaft zu Recht, dass die „nosologische Einheit Schizophrenie, wie sie die moderne Psychiatrie erst am Ende des 19. Jahrhunderts abgegrenzt hat“, nicht unbedingt „als kanonischer Maßstab für die Interpretation des im Lenz literarisierten Wahns“ tauge. Vielmehr sei „die zeitgenössische Sicht des Lenzschen Morbus [...] von entscheidender heuristischer Bedeutung“.[102] Allerdings versucht er zusätzlich das historische Krankheitsbild, das er für Büchners Lenz herausarbeitet, mit modernen psychiatrischen Kategorien und Theorien zu relationieren.[103] Dies wird Schmidt von der Büchner-Forschung sehr negativ ausgelegt und als Unwissenschaftlichkeit vorgeworfen. Ihm wird z.B. gerügt, dass er „fast willkürlich“ Zitate von Kant bis hin zu Psychiatern der Nach-Griesinger-Ära als Belege für seinen Nachweis des melancholischen Wahns bei Lenz heranzieht, sodass er bei diesem „diffusen Panorama von Melancholiedefinitionen aus über 100 Jahren“ nicht mehr eine schlüssige und überzeugende Bestimmung des Melancholiebegriffs zur Zeit Büchners für sich behaupten kann.[104] Das Problem ist, dass auch Schmidt, wie die gesamte neuere Büchner-Forschung schon in seiner Einleitung Abstand von einer auf modernen Kenntnissen und moderner Terminologie beruhenden Schizophrenie-Diagnose nimmt und erklären möchte, welche Position Büchner mit seiner Lenz-Erzählung im Kontext der spezifischen Erkenntnisinteressen, Prämissen, Rezeptionsstrukturen und Fragestellungen der Medizin des frühen 19. Jahrhunderts bezieht.[105] Wie kann es dann also dazu kommen, dass er sich dennoch anscheinend verführen lässt, einen Autor wie Tellenbach, der seine Artikel erst 1956 veröffentlichte, fast zur wichtigsten Grundlage seiner Analysen zur Wahrnehmungen und zum Verhaltens der Lenz-Figur zu machen? Büchner konnte ihn nicht gelesen haben, das muss ihm klar gewesen sein. Das Problem dabei ist, dass Büchners Erzählung aber zeigt, dass er über ebensolche Kenntnisse zur Melancholie wie die Tellenbachs bereits über 100 Jahre vor dessen Schriften verfügte. Tellenbachs Ausführungen und die Patientenberichte besitzen bis ins Detail so viele Äquivalente in der Erzählung, dass man an ihm bei der Analyse von Büchners Lenz eigentlich nicht vorübergehen darf. Ebenso wie Tellenbach scheint Büchner die Melancholie als eine „raumzeitliche Grundstörung“[106] zu betrachten, was bedeutet, dass das melancholische Dasein den Raum „nicht mehr erschließen, durchdringen, erfüllen, gestalten“ kann.[107] Das Entrücksein der Melancholiker von ihrem Umraum wird in ihrem Erleben unterschiedlich thematisch. Eine Besonders markante Wahrnehmungsentfremdung in dieser Hinsicht ist der Verlust der räumlichen Tiefe.[108] Die Melancholischen sind nicht mehr in der Lage, den Umraum in nah und fern zu gliedern und verlieren das Gefühl für die Entfernung der Dinge untereinander und zum eigenen Ich.[109] Es kommt sogar hin und wieder zu einem Verlust der Dreidimensionalität. Tellenbachs Patienten berichten hier z.B. davon, dass alles verfließt, alles in einer Linie ohne Tiefenunterschiede liegt oder der Umraum „wie eine feststehende Fläche“ empfunden wird.[110] Dabei denkt man unwillkürlich an Lenzens Wahrnehmung des Gebirges als „breite Flächen“[111] oder an das Verschmelzen seines Umraums zu einer „Linie“[112]. Bei Tellenbach lassen sich des Weiteren zwei distinkte Formen melancholischen Raumverlusts ausmachen. Zum einen „das Weite im Sinne des Leeren, Öden, Wüsten“ und zum anderen die bedrängende Enge.[113] Diese vordergründig widersprüchliche Umsetzung des melancholischen Raumverlusts in leere Weite oder bedrängende Enge gilt nach Tellenbach geradezu als Charakteristikum melancholischer Räumlichkeit.[114] Mit dieser Störung der Raumgliederung in nah und fern tritt oft eine Beeinträchtigung des prädikativen Sehens auf. Die Gegenstände verlieren für den melancholischen Betrachter nicht nur ihre Konturen, sondern auch ihre genuine Farbgebung. Sie verblassen und verlieren sich in einem unterschiedslosen Grau. Damit verliert für die Melancholiker die ganze Welt an Leuchtkraft. Diese Verdunkelung der Welt liiert sich mit dem Gefühl ihrer Leere und Verödung.[115] Des Weiteren beschreibt Tellenbach die „Vertikalisierung“ als eine weitere Raumerlebnisstörung des melancholischen Daseins.[116] Gestört ist hier das natürliche Erleben der Gravitation im orientierten Raum, „das dem eigenen Leib sonst Sicherheit und Standfestigkeit verleiht und damit die zentrale Bedeutung des Ich-Leibs als Zentrum des Umraums fundiert“.[117] Lenz empfindet auch am „8. Morgens“ eine solche der natürlichen Gravitation zuwiderlaufende „ungeheure Schwere der Luft“.[118] Auch die unbestimmte Angst und die horror vacui, von denen Lenz des Öfteren befallen wird, finden sich in Tellenbachs Ausführungen und Patientenberichten wieder.[119] Einer seiner Patientinnen wird sogar die eigene Stimme fremd: „Wenn ich spreche, das ist nicht meine natürliche Sprache“.[120] Auch Tellenbachs Schlussfolgerung, dass es nur zu verständlich ist, daß [...] dieser abgründig verängstigte und verzweifelte Mensch mit der unsäglichsten, flehentlichsten Mühe anzuklammern sucht, einen Halt sucht, bei allem, was er nur irgend erwischen kann (Mensch, Tier und Ding)“, findet bei Büchner sein Pendant.[121]

[...]


[1] Wenn im Folgenden dennoch weiterhin von Büchners Erzählung gesprochen wird, geschieht dies im Sinne seines Fragmentcharakter und aus ökonomischen Gründen. Innerhalb dieser Arbeit sind beide Begriffe als Synonyme zu verstehen.

[2] Da Lenz posthum erschienen ist, konnte er nicht von Büchner auf den Druck vorbereitet werden. Auch war es ihm nicht möglich, wie bei seinem Danton, im Nachhinein noch einmal Position dazu zu beziehen und Missverständnisse aufzuklären, wie er es unter anderem im Brief an seine Familie vom 28. Juli 1835 aus Straßburg tat (Vgl. Büchner: Briefe 1988:311-314).

[3] Mayer 1986:187.

[4] Vgl. Büchner: Lenz 2001: 67.17-70.24 sowie 72.28-73.15 und MA (im Folgenden immer als Abkürzung der Marburger Ausgabe verwendet) 2001:5-9.

[5] Im Falle Oberlins sollen auch im weiteren Verlauf der Arbeit nur die Zeilenangaben erwähnt werden, da sie durchgängig nummeriert sind und eine Seitenangabe so überflüssig machen.

[6] Vgl. Oberlin 2001:233-237.

[7] MA 2001:146.

[8] Ebd. S. 147.

[9] Vgl. Oberlin 2001:329-353.

[10] MA 2001:145.

[11] Vgl. Ebd. S. 155.

[12] „Wenn er allein war, war es ihm so entsetzlich einsam“ (Büchner: Lenz 2001:70.32).

[13] MA 2001:155.

[14] Ebd. S. 155.

[15] „Seine Tage waren aus lauter Nichts zusammengesetzt“ (Goethe 2001:261). „Er hatte Nichts“ (Büchner: Lenz 2001:70.30).

[16] Vgl. MA 2001:156.

[17] Ebd. S. 157.

[18] Vgl. Büchner: Lenz 2001:53.1-67.16 und MA 2001:12-26.

[19] MA 2001:146.

[20] Vgl. Ebd. S. 158.

[21] Vgl. Ebd. S. 159.

[22] Ebd. S. 147.

[23] Ebd. S. 160.

[24] Büchner: Lenz 2001:73.14f.

[25] Vgl. MA 2001:154.

[26] Vgl. Ebd. S. 154.

[27] Gersch 1995:69.

[28] Knapp 2000:131.

[29] „Denn da man die Handlungen eines Mannes nur dann zu beurteilen vermag, wenn man sie mit seinem Charakter, seinen Grundsätzen und seiner Zeit zusammenstellt, so ist nur ein Standpunkt und zwar der subjektive zu billigen und jeder andere, zumal in diesem Falle der christliche, gänzlich zu verwerfen. So wenig als Kato Christ war, so wenig kann man die christlichen Grundsätze auf ihn anwenden wollen; er ist nur als Römer und Stoiker zu betrachten“ (Büchner: Rede zur Vertheidigung des Cato von Utika 1971:26f.).

[30] Diersen 1991:95.

[31] Knapp 2000:126.

[32] Büchner in einem Brief an August Stöber vom 9. Dez. 1833 aus Darmstadt (Büchner: Briefe 1988:282).

[33] Büchner: Lenz 2001:53.7f.

[34] Schmidt 1994:231.

[35] Diersen 1991:95.

[36] Vgl. Schmidt 1994:51.

[37] „Hügel hinter Hügel“.

[38] Hügel sind bekanntlich kleiner und weniger imposant als Berge.

[39] Schmidt 1994:231.

[40] Ebd. S. 231.

[41] Vgl. Ebd. S. 50.

[42] Büchner im Brief an August Stöber vom 9. Dez. 1833 aus Darmstadt (Büchner: Briefe 1988:283).

[43] Diersen 1991:96f.

[44] Vgl. Knapp 2000:129.

[45] 1740-1826.

[46] Vgl. Martin/Vering 2000:617.

[47] Vgl. Knapp 2000:129.

[48] Reuchlein 1997:63.

[49] Ebd. S. 65. Er hatte ihn ja auch noch ein seiner Gemeinde predigen und ihn bei seiner Reise allein mit seiner schwangeren Frau gelassen.

[50] Oberlin 2001:43-45.

[51] Als solchen bezeichnet und sieht ihn Schmidt (Ebd. 1994:31).

[52] Wender 1996:119.

[53] Ebd. S. 110.

[54] Vgl. Reuchlein 1997:63.

[55] Oberlin 2001:31-33.

[56] Ebd. Z. 66.

[57] Ebd. Z. 68-71.

[58] Vgl. Schmidt 1994:31.

[59] „Ich hatte nun hinlänglichen Unterricht in Ansehung Hrn. L. bekommen [...]. [...] Ich hörte daß in meiner Abwesenheit Vieles, auf Hrn. L...’s Umstände Passendes und für ihn Nützliches, gesprochen worden, ohngeachtet meine Frau die Umstände selbst, die ich erst auf meiner Reise erfuhr, nicht wußte“ (Oberlin 2001:89-97).

[60] Vgl. Reuchlein 1997:64.

[61] Oberlin 2001:342-344.

[62] Vgl. Ebd. Z. 42.

[63] Ebd. Z. 125.

[64] Ebd. Z. 130f.

[65] Schmidt 1994:31.

[66] Vgl. Seling-Diez 2000:202.

[67] Diese galten im 18. Jahrhundert noch als vollwertig synonyme Begriffe (Vgl. Seling-Diez 2000:202).

[68] „Beim Nachtessen war er, wie immer oft an ihm bemerkt, etwas tiefsinnig (Oberlin 2001:169).

[69] Er bezeichnet Lenz als „Kranken“ (Oberlin 2001:214), spricht von „Entleibungssucht“ (Ebd. Z. 302) bzw. von Anfällen von „Melancholie“ (Ebd. Z. 329f.) oder „Schwermut“ (Ebd. Z. 335) und sieht in ihm einen „Bedaurens würdigen Patienten“ (Ebd. Z. 435).

[70] Ebd. Z. 333-335.

[71] Reuchlein 1997:67.

[72] Vgl. Schmidt 1994:34.

[73] Vgl. Seling-Diez 2000:203.

[74] Vgl. Schmidt 1994:34.

[75] Vgl. Ebd. S. 35.

[76] Diese ist aufgrund ihres Erscheinungsdatums nicht als eine mögliche Quelle von Büchners Lenz anzusehen, da er da schon nicht mehr am Leben war. Sehr wahrscheinlich ist aber, dass die Freunde sich gegenseitig von ihren Vorhaben erzählt haben bzw. Stöber einzelne Teile seiner Materialsammlung Büchner schon früher zukommen ließ. Büchners Wissen hierüber ist also weder beweisbar, noch kann es völlig abgestritten werden.

[77] Stöber 1842:V.

[78] „Der Wahnsinn des Unglücklichen hatte nach und nach eine mildere Gestalt angenommen und sich in stille Schwermuth verwandelt“ (Stöber 1842:39).

[79] Schmidt 1994:36.

[80] Vgl. Gersch 1995:93.

[81] Goethe 2001:259.

[82] Ebd. S. 261.

[83] Ebd. S. 260f.

[84] Ebd. S. 260 und 262.

[85] Schmidt 1994:42.

[86] Seling-Diez 2000:191.

[87] Vgl. Ebd. S. 191f.

[88] Vgl. Ebd. S. 192.

[89] Ebd. S. 193.

[90] Reuchlein 1997:77.

[91] Vgl. Ebd. S. 79.

[92] Schmidt 1994:42.

[93] Büchner: Briefe 1988:301f.

[94] Deutsch: Philosophisch-medicinische Abhandlung über Geistesverwirrungen oder Manie.

[95] Seling-Diez 2000:193.

[96] Vgl. Pinel 1801:1ff.

[97] Vgl. Schmidt 1994:134f.

[98] Deutsch: Der Mensch eine Maschine.

[99] Vgl. Schmidt 1944:135.

[100] Ebd. S. 36.

[101] Reuchlein 1997:103. Vgl. Seling-Diez 2000:205.

[102] Schmidt 1994:21.

[103] Vgl. Ebd. S. 26 und 40ff.

[104] Reuchlein 1997:103.

[105] Vgl. Schmidt 1994:21-27.

[106] Schmidt 1994:97.

[107] Tellenbach 1956:291.

[108] Vgl. Ebd. S. 15.

[109] Vgl. Ebd. S. 13 und Büchner: Lenz 2001:53.15-17.

[110] Tellenbach 1956:13.

[111] Büchner: Lenz 2001:63.11.

[112] Ebd. S. 63.16.

[113] Tellenbach 1956:295. Vgl. Büchner: Lenz 2001:53.14f.

[114] „Enge ist es, die im melancholischen Dasein mit dem Weiten korrespondiert – und zwar dergestalt, daß melancholisches Dasein aus der Enge ins Weite entrinnt [...]. An die Stelle der Räumlichung des Daseins in Nähe und Ferne tritt im melancholischen Dasein die Räumlichung in beklemmende Enge und leere Weite“ (Tellenbach 1956:295).

[115] Vgl. Tellenbach 1956:290 und Büchner: Lenz 2001:54.7-15.

[116] Tellenbach 1956:294.

[117] Schmidt 1994:101. „Pat. II., A.D. gab an, daß sie zeitweilig das Gefühl hatte, es laste alles auf ihr, sogar die Zimmerdecke dräue auf sie herab“ (Tellenbach 1956:16).

[118] Büchner: Lenz 2001:72.28-31.

[119] Vgl. Tellenbach 1956:12.

[120] Tellenbach 1956:13. Vgl. Büchner: Lenz 2001:70.32-34.

[121] Ebd. S. 291. Vgl. Büchner: Lenz 2001:56.24 und 72.1-4.

Details

Seiten
136
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638722292
ISBN (Buch)
9783638725750
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v75676
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Landesprüfungsamt Thüringen, Außenstelle Jena
Note
1,3
Schlagworte
Naturschilderungen Büchners

Autor

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    Susanne Elstner (Autor)

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Titel: Die Naturschilderungen in Büchners „Lenz“