Lade Inhalt...

Autobiografische Einflüsse bei der Darstellung der Weiblichkeit in Erich Kästners Roman "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten"

Seminararbeit 2007 27 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Roman

3 Frauen im Fabian
3.1 Einstieg
3.2 Leda
3.3 Irene Moll
3.4 Cornelia Battenberg
3.5 Fabians Mutter

4 Resumee

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Erich Kästners Roman „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ bietet dem Interes- sierten eine Vielzahl von Aspekten, die einer näheren Untersuchung lohnenswert er- scheinen, liefert er doch in beeindruckender Weise einen Querschnitt durch die groß- städtischen und gesellschaftlichen Zustände in Deutschland zu Beginn der dreißiger Jahre ab. Der Leser erhält einen Einblick in die Geschäfte der Zeitungsmacher und der Journalisten, wird über die Auseinandersetzungen der beiden großen politischen Lager - Kommunisten und Nazis - informiert und erhält eine Darstellung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten und des durch Arbeitslosigkeit und der damit verbundenen Armut ge- prägten Lebens der Menschen in der Zeit nach der Weltwirtschaftskrise. Der Roman zeigt die Folgen des technischen Fortschritts und des bedingungslosen Glaubens daran ebenso wie das Geschäftsgebaren der Werbe- und Filmindustrie.

Und immer wieder bekommt es der Protagonist Jakob Fabian mit den verschiedensten Facetten der Weiblichkeit zu tun. Meist dargestellt als sündige Wesen jenseits der da- mals herrschenden und auch teilweise heute noch geltenden Moralvorstellungen. Ge- trieben von existenzieller Not oder einfach nur ausgestattet mit einem Übermaß an weib- licher Lüsternheit, sollen sie sogar die Ursache allen im Roman dargestellten Übels sein,1 oder wie Egon Schwarz schreibt: „Den breitesten Raum nimmt die Satire gegen den wildgewordenen Sexus der präfaschistischen Jahre ein […].“2 Das Gegenteil, die Rolle der anständigen, lieben Frau, bleibt dabei ausschließlich der Mutter des Protagonisten vorbehalten.

Und eben hieraus ergibt sich der Grund, warum sich diese Hausarbeit mit den Frauen- rollen im Roman Fabian auseinandersetzen soll: Erich Kästner und seine Mutter, Ida Kästner, verband, wie durch die 1981 von Kästners langjähriger Lebensgefährtin Luiselotte Enderle veröffentlichten „Muttchenbriefe“ eindrucksvoll belegt ist, ein extrem enges Verhältnis, welches nur selten ein anderer Mensch je durchbrechen konnte und das sich auf Kästners Werk auswirkte und darin widerspiegelte.3 Kästner schrieb seiner Mutter fast täglich (mindestens) einen Brief oder eine Postkarte. Diese Schreiben be- gannen meist mit den Worten: „Mein liebes, gutes Muttchen“4 und endeten mit: „Dein oller Junge“ (MB). In ihnen erzählte Kästner der Mutter jede Kleinigkeit über seine Tagesinhalte, auch die intimsten Dinge über Erlebnisse mit Frauen, über berufliche An- gelegenheiten und über seine Gesundheit.5 Damit ist es möglich geworden, doch noch etwas über das Innenleben des Autors Kästner zu erfahren, der sich im Verlaufe seines Lebens immer weniger hinter das Gesicht blicken lassen wollte6 und über den bereits 1930 ein Kritiker schrieb: „Kästner verbirgt seine tiefern Gefühle, weil er nicht will, daß man ihm ins Herz sieht.“ (05.03.30, MB 114)

In dieser Hausarbeit sollen nun die verschiedenen Frauentypen im Roman näher be- trachtet und im Verhältnis zu Kästners Biografie hinterfragt werden. Dazu wird nach einer kurzen Vorstellung des Romaninhalts und -aufbaus nacheinander auf die einzelnen Frauenbilder eingegangen, ihre Bedeutung für die Entwicklung des persönlichen Schick- sals des Protagonisten aufgezeigt und nach Parallelen in der Lebenswelt des Autors ge- sucht, welche wiederum Rückschlüsse auf die Grundlage der Ausgestaltung der Roman- figuren erlauben. Dies erfolgt insbesondere auf der Basis des Verhältnisses Erich Käst- ners zu seiner Mutter, aber auch unter Berücksichtigung der Erfahrungen Kästners mit der Weiblichkeit in seiner Leipziger und Berliner Zeit bis zum Erscheinen des Romans. Es soll aufgezeigt werden, dass Kästner bei der Darstellung der Frauenfiguren auf einen breiten Fundus autobiografischer Erfahrungswerte zurückgegriffen und diese in ent- sprechender Weise im Fabian verarbeitet hat.

2 Der Roman

In seinem Roman erzählt Erich Kästner die Geschichte des Germanisten Dr. Jakob Fabi- an, der zu Beginn der Handlung als Werbetexter für einen Zigarettenfabrikanten tätig ist und von dem „die Leser […] gewissermaßen an die Hand genommen und durch das Ber- lin von 1930/31 geführt [werden]“7. Auf seiner skurrilen Reise durch das (vor allem nächtliche) Großstadtleben in den letzten Jahren der Weimarer Republik macht er uns aus dem karikaturistischen und satirischen Blickwinkel des Moralisten heraus bekannt mit diversen Klubs, Kabaretts und anderen Etablissements, mit „Berliner Bumslokale[n], Nuttencafés, Stätten des Ausländernepps und privater Orgien“8, mit dem Treiben in ei- ner Zeitungsredaktion und den Banalitäten seines Arbeitslebens. Er zeigt die politischen Verhältnisse jener Zeit, die Gefahren eines neuen Krieges, die allgegenwärtige Arbeits- losigkeit und die daraus resultierende existenzielle Not, von welcher fast jeder bedroht war: „Der eine ist arbeitslos, der andere verliert morgen seine Stellung. Der dritte hat noch nie eine gehabt.“ (F 75)9 Dabei beobachtet und studiert er die Menschen und ihre Eigenarten, pflegt die Gespräche mit seinem Freund, Dr. Stephan Labude, und vermittelt dem Leser so einen Eindruck über Leben und Zustände in den verschiedenen Milieus der Großstadt Berlin.

Bei seinen Streifzügen trifft Fabian auf Cornelia Battenberg, eine der weiblichen Haupt- figuren im Roman, in welche er sich verliebt und mit der er eine gemeinsame Zukunft anstrebt. Jedoch verliert er just in diesem Moment seine Anstellung und daraufhin auch Cornelia, die sich zu Gunsten ihrer Karriere mit einem Filmproduzenten einlässt. Als sich kurz darauf auch noch Labude das Leben nimmt und für Fabian nun jeglicher weite- rer Verbleib in der Großstadt sinnentleert erscheint, verlässt er Berlin und geht zurück in seine Heimatstadt. Doch auch hier bekommt er keinen festen Boden mehr unter den Fü- ßen, sondern sieht die gleichen Anzeichen der Unmoral und des gesellschaftlichen Ver- falls wie in der Großstadt Berlin. Bei dem Versuch, einem in den Fluss gefallenen Jun- gen zu retten und damit zum ersten Mal seine Zuschauerrolle zu verlassen und selber aktiv zu werden, zeigt sich auf einmal das ganze Dilemma seiner Existenz: Er ertrinkt, denn er kann nicht schwimmen (F 236). Er ist eben doch nur zum Zuschauer bestimmt und nicht, wie er selber glaubt, zum Akteur im Welttheater. (F 235)

Dabei gibt der Roman in seiner sehr kurzen erzählten Zeit von elf Tagen nur einen Aus- schnitt aus dem Leben des Protagonisten wieder. Die Rückschauen in die Zeiten vor der Romanhandlung beschränken sich auf Erinnerungen an eine glückliche Kindheit (F 45), seine Schulzeit im Internat und die Sorge um die kranke Mutter (F 111, 128, 217ff.), an die Zeit des Kriegsdienstes (F 61, 217) und die daraus resultierenden Folgen (F 63f.) und an eine Jugendliebe, welcher er in seiner Heimatstadt wiederbegegnet (F 222f.).

Der Roman besticht vor allem, wie Bernd Neumann so treffend formulierte, durch „ein stets hohes Tempo der Erzählung bei scheinbar teilnahmslos-registrierender Hinnahme aller menschlichen Verirrungen, vor allem in Form der genüßlich geschilderten verschiedensten Sexualvarianten.“10

Kästner bedient sich bei der Darstellung eines heterodiegetischen Erzählers mit einer festen, internen Fokalisation. Alle Eindrücke, alles Erlebte wird so wiedergegeben, wie Jakob Fabian es erfährt, jede Einzelheit wird aus seiner Sichtweise heraus betrachtet und dem Leser so zugänglich gemacht.11 Dazu gehören auch die Erfahrungen mit den Frau- entypen, welche jetzt einer genaueren Betrachtung unterzogen werden sollen.

3 Frauen im Fabian

3.1 Einstieg

Die Handlung beginnt im Café Spalteholz, wo der Leser mittels der Schlagzeilen der Abendblätter einen Eindruck von der Ereignis- und Informationsmenge bekommt, denen die Menschen in der modernen Welt und speziell in der Großstadt tagtäglich ausgesetzt sind. Von dort aus begibt sich Fabian in das Beziehungsanbahnungsinstitut der Frau Sommer. Auf dem Weg bekommt er durch ein „dünnbeiniges, wippendes Fräulein“ (F 12), die „ihn […] fragte, wie er darüber dächte“ (F 12) den ersten Kontakt mit der Un- moral, an welchen sich gleich die Reklame für eine „Exotikbar“ (F 13) anschließt. In dem Institut stellt Kästner erste Eindrücke von Fabians problematischem Verhältnis gegenüber Frauen dar, in dem er die Diskrepanz zwischen seinen Vorlieben und der er- fahrenen Realität aufzeigt: „Mein Geschmack neigt zu blond, meine Erfahrung spricht dagegen. Meine Vorliebe gehört großen Frauen, aber das Bedürfnis ist nicht gegen- seitig.“ (F 14) Entweder hat Fabian also noch nicht die richtige Frau entsprechend seiner Bedürfnisse gefunden oder aber er ist sich über seine wahren Bedürfnisse wohl noch gar nicht bewusst und hat bislang nicht nach der Richtigen gesucht. Ein Umstand, dessen er sich durchaus bewusst ist und der ihm in seiner Neugierde auch nicht unangenehm, son- dern vielmehr erstrebenswert erscheint: „Er betrieb die gemischten Gefühl seit langem aus Liebhaberei. Wer sie untersuchen wollte, mußte sie haben. Nur während man sie besaß, konnte man sie beobachten. Man war ein Chirurg, der die eigene Seele auf- schnitt.“ (F 20)

Im Institut der Frau Sommer trifft Fabian zum ersten Mal auf Irene Moll, deren aufdringlichen Verhalten er sich zwar zunächst durch besagte Flucht zu entziehen vermag, die ihm jedoch im weiteren Handlungsverlauf in den unterschiedlichsten Situationen immer wieder begegnet. Dieses besondere Verhältnis zwischen Fabian und Irene Moll wird in einem eigenen Kapitel später genauer untersucht werden.

Augenfällig wird von Anfang an die Passivität Fabians, die Kästner ihm durch die Be- obachterrolle des Moralisten auferlegt: „Ich sehe zu. Ist das nichts?“ (F 54). Auch im Bezug auf seine Frauenbekanntschaften wird dies deutlich. Denn stets geht, wie bei der Vorstellung der weiblichen Hauptfiguren später noch explizit aufgezeigt wird, die Aktivität von der weiblichen Seite aus, Frauen sprechen ihn an und bestimmen den Fortlauf des Geschehens nach ihrem Willen und ihren Vorstellungen.12 Fabian bleibt entweder, da seine Versuche der Gegenwehr keine Beachtung finden, die Fügung in die Wünsche der Frauen oder aber, wenn die Gefahr des Verlustes seiner Beobachterrolle zu groß wird und damit die aktive Beteiligung am Geschehen droht, die Flucht.

3.2 Leda

Dabei nehmen die Frauen im Roman nicht nur gegenüber Fabian die bestimmende Rolle ein. Stets scheinen sie es zu sein, welche den bislang den Männern zugeschriebenen ak- tiven Part übernehmen und mit dem eigentlich starken Geschlecht nach Lust und Laune umspringen können. Die Männer werden dabei bildlich in einer Szene als blind dar- gestellt, unvermögend die Spiele und Betrügereien der Frauen zu durchschauen, was sie somit diesen hilflos ausgeliefert und machtlos erscheinen lässt. (F 24f.) Auch Fabians Freund Labude ist davon direkt betroffen, er wird von seiner langjährigen Verlobten Leda, mit welcher er eine Fernbeziehung führt und die er gedenkt nach Annahme seiner Habilitationsschrift zu ehelichen, betrogen. Als er sie dabei ertappt, streitet sie alles ab und offenbart ihm obendrein noch einen ohne sein Wissen durchgeführten Schwanger- schaftsabbruch. (F 83ff.)

In der Darstellung der Beziehung Labudes zu Leda und deren offenbarer Trennung von Liebe und Sexualität lässt Kästner wohl seine eigenen Erfahrungen aus der langjährigen Beziehung zu Ilse Julius einfließen, die wahrscheinlich seine erste, auf jeden Fall aber wohl seine wichtigste Freundin gewesen ist.13 Auch mit Ilse Julius führte Kästner während seiner Zeit in Leipzig eine Fernbeziehung (wenn auch die räumliche Distanz nach Dresden nicht so groß war wie die Entfernung Berlin - Hamburg, welcher er die Beziehung von Labude und Leda unterwirft). Seiner Mutter schreibt er mehrfach von einer Entfremdung zwischen Ilse und ihm, woran er allein Ilse die Schuld gibt. (28.08.26, MB 23) Er vermutet, dass Ilse ihn hintergeht und ihr „jemand andres besser [gefällt]“ (ebd.), weswegen sie sich ihm nicht mehr hingibt, ist sich dabei aber nicht sicher. (MB 13.10.26, 29) Auch weist Ilse Julius diese Vermutung zurück und stellt sie als unrecht dar. (19.10.26, MB 30f)

Kästner wirft Ilse vor, dass sie „Unterschiede zwischen Liebe und Bett“ (ebd., 31) macht, ein Sichtweise, die für ihn nicht nachvollziehbar ist: „Entweder: sie hat mich lieb. Oder nicht. Für solche Unterschiede, wie sie machen will, habe ich nicht das ge- ringste Verständnis.“ (ebd.)

[...]


1 Vgl. Jürgs, Britta (1995): Neusachliche Zeitungsmacher, Frauen und alte Sentimentalitäten. S. 204; Wirsing, Sybille (1989): Das Geheimnis des doppelten Blicks. S. 191.

2 Schwarz, Egon (1993): Fabians Schneckengang im Kreise, S. 239. 1

3 Vgl. Hanuschek, Sven (1999): Keiner blickt dir hinter das Gesicht. S. 103.

4 Zitiert wird im Folgenden mit der Sigle MB nach der Ausgabe: Kästner, Erich: Mein liebes, gutes Muttchen, Du! Dein oller Junge. Briefe und Postkarten aus 30 Jahren. Ausgewählt und eingeleitet von Luiselotte Enderle. Hamburg 1981.

5 Vgl. Kästner, Erich: Mein liebes, gutes Muttchen, Du! S. 10.

6 Vgl. Hanuschek, Sven (1999): Keiner blickt dir hinter das Gesicht. S. 11. 2

7 Hanuschek, Sven (1999): Keiner blickt dir hinter das Gesicht. S. 198.

8 Spiel, Hilde (1989): Spiegelbild einer Generation. S. 301.

9 Zitiert wird im Folgenden mit der Sigle F nach der Ausgabe Kästner, Erich: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten. München 13 1998. Hier S. 11.

10 Neumann, Bernd (2001): Erich Kästners Berlin-Roman Fabian als Zurücknahme von Lessings Nathan. S. 289.

11 Vgl. Kiesel, Helmut (1981): Erich Kästner. S. 88. 4

12 Vgl. Jürgs, Britta (1995): Neusachliche Zeitungsmacher, Frauen und alte Sentimentalitäten. S. 204. 5

13 Vgl. Hanuschek, Sven (1999): Keiner blickt dir hinter das Gesicht. S. 99.

Details

Seiten
27
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638780490
ISBN (Buch)
9783638903622
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v75648
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Deutsches Institut
Note
2,3
Schlagworte
Autobiografische Einflüsse Darstellung Weiblichkeit Erich Kästners Roman Fabian Geschichte Moralisten

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Autobiografische Einflüsse bei der Darstellung der Weiblichkeit in Erich Kästners Roman "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten"