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David Lynch "Lost Highway". Eine filmdramaturgische Analyse

Hausarbeit 2006 17 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Gliederung

1 Kurzbiographie des Regisseurs

2 Zur Dramaturgie des Films Lost Highway
2.1 Inhalt und Aufbau
2.2 Strukturelle Mittel
2.3 Figuren und Motive

3 Lost Highway – Film Noir des 21. Jahrhunderts?

4 Road to Nowhere

5 Literatur

1 Kurzbiographie des Regisseurs

Mit der Absicht, Maler zu werden, besuchte David Keith Lynch (20.01.46, Missoula) renommierte Kunsthochschulen in Washington D.C. und Boston, ab 1965 besuchte er die Pennsylvania Academy of Fine Arts in Philadelphia. Seine Werke umfassten damals vor allem den Bereich der Malerei, Skulpturen und Fotografien. In einem Kurs für experimentelle Kunst animierte er 1967 Zeichnungen und realisierte seinen ersten Kurzfilm Six Men Getting Sick als Abschlussarbeit. Mit dem darauf folgenden Film The Alphabet gewann er ein Stipendium beim American Film Institute in Beverly Hills, wo er sein Studium fortsetzte. Lynch hat seit einigen Jahren einen Lehrauftrag an der European Graduate School in Saas Fee inne. Des Weiteren komponiert Lynch selbst Musik für seine Filme.

Mit seinen düster-verrätselten Filmen, in denen er sich mit den Abgründen der menschlichen Seele auseinander setzt, erwarb sich David Lynch den Ruf als einer der interessantesten amerikanischen Filmemacher seiner Generation. Seine bekanntesten Arbeiten sind Blue Velvet (1986), Wild at Heart (1990), die TV-Serie Twin Peaks (1990) und Lost Highway (1997). Mit seinem siebten Spielfilm Lost Highway lieferte Lynch ein Werk, das einen Großteil der Besucher verwirrte. Damit verlor er viele Fans, gewann aber andererseits viele dazu, die seine bizarre und dunkle Filmwelt liebten.[1]

2 Zur Dramaturgie des Films Lost Highway

2.1 Inhalt und Aufbau

Bereits der Inhalt lässt sich nur schwer zusammenfassen. Was greifbar ist, schwankt zwischen zwar hoher, jedoch sinnleerer Ästhetik und enormen Anspruch an unsere geistigen Fähigkeiten. Nichts im Film ist rational erklärbar, das steht fest.

Im ersten Teil handelt es sich um den Saxophonisten Fred Madison (Bill Pullman) und seine Frau Renee (Patricia Arquette), die ein recht angespanntes Verhältnis zueinander haben. Beide werden durch mysteriöse Videokassetten, die ihnen ein Unbekannter zuschickt und die Innenaufnahmen ihres Hauses zeigen, beunruhigt. Auf einer Party dubioser Freunde von Renee trifft Fred auf den Mystery Man (Robert Blake). Geplagt von Paranoia und krankhafter Eifersucht, bringt Fred sie augenscheinlich um. Dies ist auf einem weiteren Video zu sehen, was allerdings als Beweismittel keine höhere Relevanz hat, wie wir noch feststellen werden. Als er verhaftet wird, kann er sich an nichts erinnern. Zum Tode verurteilt verwandelt er sich in seiner Zelle zu Pete Dayton (Balthazar Getty), dem Automechaniker. Er wird entlassen und lernt Alice Wakefield (ebenso Patricia Arquette) kennen und verliebt sich in sie. Die Verbindungen von Alice zum Pornogeschäft und zur Unterwelt in Gestalt ihres gefährlichen Liebhabers Mr. Eddie führen dazu, dass auch Pete zum Mörder wird. Alice verlässt Pete. Schließlich verwandelt sich Pete wieder in Fred zurück und trifft abermals auf den Mystery Man, der allgegenwärtig ist. Fred wird von der Polizei auf dem Highway verfolgt, nachdem er zuvor mit dem Mystery Man Mr. Eddie tötete. Ob eine Nacherzählung der tatsächlichen Story Lost Highways nahe kommt, wage ich zu bezweifeln, da zahlreiche Fragen offen bleiben.

„Dick Laurent ist tot.“ spricht es durch die Gegensprechanlage im Auftakt des Filmes. Wer ist Dick Laurent? bleibt eines der Rätsel des Films. Das nächste wendet sich an die Videokassetten, die täglich vor Dicks und Renees Tür liegen. Die schwarzweißen Aufnahmen bilden neben der realen die virtuelle Ebene im Film, eine weitere ist die Ebene des Traums bzw. der Surrealität: Dick erklärt ihr, was er träumte und sieht infolgedessen zum ersten Mal den Mystery Man - in ihrem Gesicht. Die Ebenen werden hier erstmals zusammengeführt und untereinander vermischt. Die Realität des Paares beginnt sich zu verändern, doch für beide ist nicht erkennbar, in welcher Welt sie tatsächlich greift. Deutlich wird dies auf einer Party. Dort trifft Fred ein zweites Mal auf den Mystery Man, diesmal als Lebender, der ihn begrüßt: „Wir sind uns schon mal begegnet. In ihrem Haus, erinnern Sie sich nicht mehr?“ und ihn wissen lässt, dass er sich auch jetzt dort befände. Fred überprüft dies telefonisch und ist zu Recht verunsichert. Die stillstehende Zeit scheint paradoxerweise das einzig Wahre in diesem Moment zu sein: Wo ist Fred wirklich? Wo ist der Mann? Findet die Party statt? Diese Frage wird dadurch verstärkt, dass die Partygeräusche abrupt in den Hintergrund geraten und eine mulmige Geräuschkulisse hinzukommt. Der Auftritt dieses alten Mannes repräsentiert das Irrationale durch die Überschneidung von Realität und Surrealität, die nun auch für den Zuschauer nicht mehr auseinander zuhalten sind. Die Grenze zwischen Virtualität und Realität wird somit bereits innerhalb des Films aufgehoben, sodass die Objektivität des Zuschauers in Frage gestellt wird.

Auf einem weiteren Video sieht man Fred neben seiner toten Frau, völlig wahnsinnig und hässliche Grimassen schneidend, doch man sieht nicht, wie er sich dieses Video anschaut, sodass abermals Zuschauer und Figur gleichgesetzt sind und die Realität in Frage gestellt wird. Entsprechen die Videos der Wirklichkeit? Ist die Erinnerung, was wahr ist? Ist eine Aufzeichnung etwas Reales?

Die „realen“ Ebenen beider Teile werden nicht nur über die surreale Ebene des Mystery Mans, sondern auch über Parallelen beider Protagonisten zusammengeführt: Die surreale bzw. Traum-Ebene wird über die Überschneidung der Erinnerungen Petes mit dem Erlebten Freds bezüglich der Mordnacht konkretisiert – es ist dieselbe Videosequenz. Pete wird ebenso zum polizeilich gesuchten Mörder wie Fred durch den Totschlag Andys, den er aus Wut und Eifersucht umbringt. Auch er bleibt nicht Opfer einer Intrige sondern wird selbst zum Opfer.

Letztlich heben sich alle Ebenen in der letzten Szene auf, als Alice und Pete in die Wüste fahren. Nach einem leidenschaftlichen Liebesakt versichert sie ihm, dass er sie nie bekommen wird und verlässt ihn. An dieser Stelle treten alle Ebenen des Films ins Bild: von einem beinahe feurigem Lichtmantel wird sie umgeben, der Akt verläuft in Zeitlupe und wirkt wie ein Traum. Nachdem sie fort ist und er sich besinnt, ist er wieder Fred. Der reale Fred? Und letztmalig trifft er auf den Mystery Man. Den irrealen alten Man? Selbst er scheint unsicher über die Identität Freds, erbost fragt er ihn: „Wie zum Teufel ist Ihr Name?“ und greift wieder zur Videokamera, sodass nun auch die virtuelle Ebene greift. Doch keine Ebene gibt uns Auskunft über die Wahrheit, welche auch immer das sein mag.

2.2 Strukturelle Mittel

Die offene Qualität des Films, seine Rätselstruktur und seine Vieldeutigkeit bedingen ein starkes Interesse, ihn mehrmals sehen zu wollen – oder zu müssen. Doch auch dann lassen sich höchstens strukturelle Mittel erkennen, Interpretationsansätze erscheinen mit zunehmender Betrachtung eher vermessen.

Sieht man von dem Wechsel der Figuren ab, behandelt der erste Akt nach Füller[2] die Eifersucht, die zum vermeintlichen Mord führt, der zweite Akt beinhaltet eine neue Chance und die Aufklärung der Hintergründe, der dritte Akt die Rache. Um es zu vereinfachen nehme ich mich dieser Unterteilung an. Diese Struktur erweckt den Anschein einer chronologisch aufgebauten Story; die vielen Lücken und die Aufhebung jedweder Darstellungsgesetze im Sinne einer halbwegs zuschauerfreundlichen Logik zerstören den Aufbau jedoch und widerlegen ihn in seiner scheinbaren Ganzheit. Der zweite Teil ähnelt am meisten einer durchschnittlichen Filmerzählung und zumindest einzelne Handlungen erscheinen nachvollziehbar. Der Zuschauer wähnt sich wieder in der Sicherheit des objektiven Betrachters. Der Anfang führt zum Ende und umgekehrt, sodass die Handlung in sich geschlossen und unendlich fortzusetzen ist – Lynch selbst vergleicht sie mit dem Prinzip des Möbius-Bands.[3] Die Geschichte ist in sich gewunden, präsentiert aber nur eine Handlung. Es gibt nur eine durchgehende Oberfläche, keine Entsprechung zwischen Zeichen und Repräsentiertem. Jeder Punkt ist zugleich Anfang und Ende, zudem impliziert ein solches Band parallel zueinander verlaufende Kanten. Im Film jedoch scheint es, als handle es sich lediglich um eine Kante. So verläuft Petes Geschichte nur scheinbar parallel zu Freds – letztlich ist es dieselbe.

[...]


[1] Andrew, S. 35

[2] ebd. S. 102

[3] Rodley, S. 142

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638797955
ISBN (Buch)
9783638802956
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v75252
Institution / Hochschule
Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig
Note
1,0
Schlagworte
David Lynch Lost Highway Eine Analyse

Autor

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Titel: David Lynch "Lost Highway". Eine filmdramaturgische Analyse