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Literarische Gestaltung und Gattung - Die Apostelgeschichte als Geschichtswerk?

Seminararbeit 1994 20 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A) Einleitung

B) Die literarische Gestaltung
1. Gliederung und Aufbau
2. Sprache, Stil und literarische Künste
a) Allgemeine Merkmale
b) Die Septuaginta-Mimesis
c) Archaismen
d) Die Summarien
3. Die Reden
4. Der dramatische Episodenstil
5. Die Wir-Berichte
6. Die Komposition

C) Die Apostelgeschichte - ein Geschichtswerk?
1. Die Frage nach der Gattung
2. Das Verhältnis zur hellenistischen Geschichtsschreibung
3. Der historische Quellenwert
4. Die Chronologie
5. Die Apostelgeschichte - aus damaliger Sicht ein Geschichtswerk

D) Zusammenfassung

E) Literaturverzeichnis

A) Einleitung

Wenn man sich mit der Bibel beschäftigt, so stellt man fest, daß der Name „o bibloV = das Buch“ eigentlich unzureichend ist. Es müßte vielmehr „Die Bücher“ oder gar die „Die Bibliothek“ heißen. Die verschiedenen Schriften des Alten und Neuen Testaments erfordern deshalb auch verschiedene Vorgehensweisen der Behandlung, um Zugang zu ihnen zu gewinnen. Doch so unterschiedlich sie auch sein mögen, den Schlüssel zu ihnen erhält man nur, wenn man sich darüber im Klaren ist, was man eigentlich vor sich hat.

Die kritische Forschung hat versucht, die einzelnen Bücher in Gruppen zusammen zufassen. Im Neuen Testament sind es die vier Evangelien, die Briefe und für sich allein, wenn man die Offenbarung als 22. Brief zählt, die Apostelgeschichte. Sie scheint also, zumindest im Neuen Testament eine Sonderstellung einzunehmen und sich nicht unter die anderen Gruppen der Bücher einordnen zulassen. Nimmt sie also eine Sonderrolle ein? Oder gibt es eben nur im Neuen Testament nichts entsprechendes? Um diese Fragen beantworten zu können ist es notwendig, die literarische Gestalt der Apostelgeschichte zu untersuchen, ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu ähnlichen Werken, nicht unbedingt aus christlicher Feder, herauszufinden und vielleicht eine Einordnung unter eine bestimmte Literaturgattung zu wagen, wenn dies möglich ist. Von ihrem Namen her erhebt sie den Anspruch, als Geschichtswerk gelten zu dürfen. Bevor man aber den Versuch unternimmt, die Apostelgeschichte einer bestimmten Gattung zuzuordnen, ist es notwendig, den Begriff „Gattung“ näher zu definieren.

Der literarische Begriff „Gattung“ entstand aus der Erkenntnis, daß ähnliche Erfahrungen und Absichten in einem räumlichen und zeitlichen Sprachraum ähnliche Sprachformen schaffen. Diese Sprachformen sind für die jeweilige Situation typisch. Dies gilt sowohl für kurze Grußformeln und andere Wendungen, wie auch für längere sprachliche oder schriftliche Werke, wie Briefe, Werbungen, Predigten usw. Gattung ist also die typische, die ideale Form mit ihren entsprechenden Elementen. Wenn man eine Gattung erheben will, muß man zunächst ein gemeinsames Strukturmuster finden. Diese Struktur ist durch bestimmte Merkmale definiert, d.h. es gibt einen prägenden Texttypus. Dabei ist es wichtig, daß die Texte, die man auf eine gemeinsame Struktur hin untersucht, voneinander literarisch unabhängig sind. Stammen sie nämlich vom selben Autor, kann man nur von persönlichen Eigenheiten sprechen. Sind die Texte jedoch unabhängig voneinander und haben sie denselben Sitz im Leben, also dieselbe Verwendung, so lassen sich beide unter eine Gattung einordnen, für die dann möglicherweise noch ein passender Name gefunden werden muß.

Verfügt man bereits über verschiedene Gattungen mit ihren spezifischen Strukturmustern, so kann man bei der Erhebung der Gattung auch anders verfahren. Man bestimmt die Struktur und die literarischen Merkmale des Textes, den man einordnen möchte und vergleicht ihn so mit den bereits bekannten Elementen. In der Regel lassen sich größere oder kleinere Abweichungen von der Gattungsnorm feststellen, was meistens mit der Intention des Verfassers zusammenhängt. Dies wird man auch bei der Apostelgeschichte feststellen können. Dazu ist aber zunächst ein Überblick über den Aufbau und die Einteilung des Werkes erforderlich, als Grundlage für ein weiteres Vorgehen im Hinblick auf die Fragestellung dieser Seminararbeit.

B) Die literarische Gestaltung

1. Gliederung und Aufbau

Es existieren verschiedenste Versuche, die Apostelgeschichte zu gliedern. Sie reichen von einer Aufteilung in zwei bis hin zu sechs Teilen. Die einzelnen Versuche haben unter- schiedliche Orientierungspunkte. So richtet sich etwa die Zweiteilung an Petrus (Apg 1-12) und Paulus (Apg 13-28) aus, die Dreiteilung an den Hauptschauplätzen Jerusalem, Antiochia und dem Weg nach Rom bzw. an Apg 1,8:„Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde.“

Dabei kommt es aber zu Überschneidungen, da z.B. Petrus auch im zweiten Teil noch auftaucht, ebenso ist Jerusalem wiederholt ein Schauplatz des Geschehens, etwa in Apg 15, auf dem sogenannten Apostelkonzil. Nach Pesch ist deshalb eine stärkere Differenzierung notwendig, die mehrere Punkte berücksichtigt.

Die Dreiteilung aufgrund des Gliederungshinweises in Apg 1,8 ist ihm zu wenig ausgefächert, da die Ausbreitung von Jerusalem über Judäa und Samarien bis an die „Grenzen der Erde“ nicht kontinuierlich erfolgt, sondern von Zwischenschritten (Stephanus und Kornelius) unterbrochen wird und außerdem, wie oben schon erwähnt, immer wieder Jerusalem im Mittelpunkt steht[1]. Die Differenzierung soll mit Pesch so aussehen[2]:

I. Exposition des zweiten Buches (1,1-11)
II. Zeit des Wartens auf den Heiligen Geist (1,12-26)
III. Das Zeugnis der Apostel in Jerusalem (2,1-6,7)
IV. Die Ausbreitung der Kirche über Jerusalem hinaus (6,8-9,31)
V. Beginn der Heidenmission (9,32-21,25)
VI. Die Sanktion der Heidenmission (13,1-15,33)
VII. Mission des Paulus in der Asia (15,34- 19,20)
VIII. Reise des Paulus nach Jerusalem (19,21- 21,14)
IX. Gefangenschaft des Paulus in Jerusalem und Cäsarea (21,15- 26,32)
X. Reise des Paulus nach Rom (27,1- 28,16)
XI. Zeugnis des Paulus vor den Juden in Rom (28,17-28)
XII. Die zweijährige ungehinderte Verkündigung des Paulus in Rom (28,29-31).

Gerhard Schneider hingegen hält in seinem Kommentar die Dreiteilung mit „weitgefaßten Übergangsepochen“[3] für sachgemäß. Diese Einteilung, die die Einheitsübersetzung etwas modifiziert übernimmt, ist wohl am überzeugendsten. Für die Teile II und III sieht er den Beginn jeweils bei einem Konflikt (6,1-6: Hebräer-Hellenisten bzw. 15,36-41: Barnabas und Paulus). Als Einleitung und Zielangabe faßt Schneider Apg 1,1-26 auf, Ausklang ist für ihn Apg 28,29-31, in dem das Ziel, Rom, erreicht ist. Er legt somit folgende Gliederung vor[4]:

Einleitung: Jesu Zeugenauftrag an die Jünger (1,1-26)

I. Das Christuszeugnis der Apostel in Jerusalem (2,1-5,42)
II. Das Christuszeugnis dringt über Jerusalem hinaus und nimmt seinen Weg zu den Heiden (6,1-15,35)
III. Das Christuszeugnis auf dem Weg bis ans „Ende der Erde“ (15,36-28,31)

In der Einheitsübersetzung findet man die Abschnitte, die Schneider vorgibt, etwas anders abgegrenzt. Die Konflikte, die er als Einschnitte sieht, werden nicht berücksichtigt:

Einleitung: Vorwort an Theophilus (1,1-3)

I. Die Kirche in Jerusalem (1,4-8,3)
II. Die Kirche in Judäa und Samarien (8,4-12,23)
III. Die Kirche unter den Völkern (13,1-28,31)

Als Zentrum des Buches wird das sogenannte Apostelkonzil (15,1-29) gesehen. Gegenüber der Einteilung von Schneider kommt die Einheitsübersetzung ohne Überschneidung von Teil I und II aus. Die Steinigung des Stephanus, die nach dem hebräisch-hellenistischen Konflikt geschildert wird, spielt nämlich immer noch in Jerusalem. Allerdings sieht Schneider hier einen Übergangsbereich. Da die Apostelgeschichte „Geschichte in Geschichten“[5] erzählt, ist eine zu starke Gliederung ohnehin nicht sinnvoll und eine „Numerierung der Erzähleinheiten sollte [...] nebenher erfolgen.“[6]

Darüber hinaus gibt es, wie erwähnt, noch andere Versuche, den Text einzuteilen, obwohl oder gerade weil die Apostelgeschichte keine direkte Gliederung angibt und der Verfasser offenbar auch keinen systematischen Aufbau beabsichtigt hat. Zahn teilt die Apg in vier, Cerfaux, Munck, O’Neill und Kümmel sehen fünf, Turner gliedert sogar in sechs Teile. Letzterer richtet sich nach den großen Summarien, einem Stilmittel auf das später noch eingegangen wird. In diesen sieht Turner Einschnitte bzw. Schlußpunkte von Gliederungsabschnitten. Dagegen ist aber mit Recht einzuwenden, daß es neben den Summarien, die Turner als Wende- bzw. Endpunkte sieht, auch noch andere gibt, die er nicht berücksichtigt. Eine weitere Richtung der Forschung schließlich hält eine Gliederung der Apostelgeschichte für nutzlos und teilt sie nur in Abschnitte oder Perikopen ein. Diese Meinung findet man bei Haenchen und Joisy.

Insgesamt wird man sich wohl der Einheitsübersetzung oder der etwas differenzieren Einteilung von Schneider anschließen, da diese der Apostelgeschichte am ehesten gerecht werden.

2. Sprache, Stil und literarische Künste

a) Allgemeine Merkmale

Die Sprache und der Stil der Apostelgeschichte sind in gehobenem zeitgenössischen Koiné-Griechisch gehalten. Dem Verfasser ist ein „eigentümliches Streben nach literarisch klingenden Sprach und Stilelementen“[7] zu attestieren. Er verfügt über einen umfangreichen Wortschatz, der im Neuen Testament nur mit dem paulinischen vergleichbar ist. Die Qualität des Griechisch ist neben dem Hebräerbrief wohl die Beste im Neuen Testament. Schon das Proömium des Lukas-Evangeliums hat eine hellenistische Form, ebenso das korrespondierende Proömium der Apostelgeschichte. Denn es ist selten bestritten worden, daß das Lukas-Evangelium und die Apostelgeschichte vom selben Verfasser stammen. Jedoch ist die Apostelgeschichte in einem besseren Griechisch geschrieben als das Evangelium, was damit zu erklären ist, daß der Verfasser „weniger an Quellen gebunden war [...] [und] weil er nicht dem gattungsmäßigen Charakter von Vorgängern verpflichtet war.“[8] Lukas, wenn wir den Verfasser der Apostelgeschichte so nennen wollen, hebt „sich von den Zeugnissen der gesprochenen umgangssprachlichen Koiné vorteilhaft ab.“[9] Das liegt an seinem Bemühen um einen gehobenen Sprachstil. Es ist zu erkennen, daß er der Sprache der Septuaginta (LXX) „beachtlich nahesteht und offensichtlich den Bibelstil des hellenistischen Judentums förmlich nachahmt.“[10] Diese Auffälligkeit wird später noch genauer beleuchtet (siehe „Septuaginta-Mimesis“).

Die Apostelgeschichte enthält angeblich medizinische Fachausdrücke. Damit schien die These, daß der Verfasser „Lukas, der Arzt“ und Paulusbegleiter sei, der u.a. im Kolosserbrief 4,14 erwähnt ist, unterstützt zu werden. Diese Ansicht von Hobart ist längst widerlegt, da solche Fachausdrücke „auch andere Autoren, die nicht Ärzte waren, beherrschten.“[11] Neben der Sprache an sich erhält die Apostelgeschichte auch durch die großen Reden und die Summarien eine entscheidende Form. Auch von diesen Besonder- heiten wird noch die Rede sein.

Nach Pesch ist „ein weiteres Merkmal der literarischen Gestaltung der Apostelgeschichte [...] der Wechsel im Rhythmus der Erzählung“[12]: Der I.Teil (1,1-6,7) enthält eine mehr statische Zustandsbeschreibung der Kirche, im II. Teil (6,8-15,33) folgt ein rascher Szenenwechsel. Mehr Personen, neue Orte und verschiedene Szenen kommen vor. „Die Expansion des Evangeliums vollzieht sich in dramatischer Beschleunigung“[13]. Eine Steigerung erfolgt in Apg 15,33-19,20. Dort wird von der dynamischen Missionstätigkeit des Paulus berichtet, die sich in der Provinz Asia und in Europa bewegt. Im letzten Teil schließlich (Apg 19,21-28,31) verlangsamt sich der Erzählrhythmus wieder, denn Paulus gelangt nach Rom, also an das gesetzte Ziel. Der Erzählrhythmus ist durch die bewußte Komposition bedingt, die der Autor vornimmt.

Ebenso absichtlich scheinen Morgenthaler die „Doppelungen innerhalb der beiden lukanischen Bücher, auch solche zwischen Lukas einerseits und Apostelgeschichte andererseits.“[14] Er sieht darin den „Zeugnisbegriff des Evangelisten.“[15]

Schneider schreibt von neueren Erkenntnissen über „Parallelmotive der Darstellung zwischen Jesus und Paulus [...] als bewußte lukanische Redaktion.“[16] Eine solche Parallelisierung ist „in der Tradition hellenistischer Historiker“[17] vorgegeben. Allerdings scheinen einige Parallelen, z.B. die Gleichsetzung von Jesu Tod und Auferstehung mit dem Schiffbruch und der Rettung des Paulus doch etwas weit hergeholt. Man wird diese Meinung also nicht mit Nachdruck vertreten.

Ein ebenfalls traditionelles Stilmittel, das Zahlenspiel, ist in der Apostelgeschichte fraglich, da nicht klar erkannt werden kann, ob „Lukas bewußt Siebener- und Zwölfergruppen von Motiven intendierte.“[18]

[...]


[1] vgl. Pesch, Rudolf, Die Apostelgeschichte (Apg 1-12), EKK V/I, Neukirchen-Vluyn 1986, S. 38 und Apg 15,1-34; 21,15-23,30.

[2] Pesch, S. 41.

[3] Schneider, Gerhard, Die Apostelgeschichte. 1. Teil. Einleitung. Kommentar zu Kap. 1,1-8,40, HThK 5, Freiburg i. Br. 1980, S. 66.

[4] vgl. ebd. S. 68.

[5] Schneider, S. 68

[6] ebd. S.68.

[7] Plümacher, Eckhard, Die Apostelgeschichte,in: TRE III, Berlin, New York 1978, S. 489. (ab hier: TRE III)

[8] Schneider, S. 70.

[9] ebd. S. 70.

[10] ebd. S.70.

[11] ebd. S. 71 und Fußnote 36.

[12] Pesch, S. 35f.

[13] ebd. S. 36.

[14] Schneider, S. 72.

[15] ebd. S. 72. Nach jüdischer Rechtsauffassung galt als wahr nur das, was von mindestens zwei Zeugen übereinstimmend ausgesagt wird. Daher sieht Morgenthaler in den Doppelungen einen Versuch des Verfassers seinem Zeugnis mehr Wahrheitsgehalt zu verschaffen.

[16] ebd. S. 72. Vgl. hierzu auch das Arbeitspapier, das Prof. Dr. G. Schmuttermayr im Wintersemester 93/94 zu seiner Vorlesung „Paulus und Paulustraditionen“ herausgab (Anlage 3).

[17] ebd. S. 72.

[18] Schneider, S.73.

Details

Seiten
20
Jahr
1994
ISBN (eBook)
9783638797849
ISBN (Buch)
9783638866903
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v75226
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Katholisch-Theologische Fakultätä - Lehrstuhl für Biblische Theologie
Note
1,00
Schlagworte
Literarische Gestaltung Gattung Apostelgeschichte Geschichtswerk Anfragen

Autor

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