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Die Familie der "Wahnsinnigen" als "Überbevölkertes Kolumbien im Kleinformat" - Fernando Vallejo: “El desbarrancadero”

Seminararbeit 2006 25 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die Charaktere des Romans
2.1. Darío
2.2. Die Wahnsinnige - La Loca
2.3. Der Vater
2.4. Der jüngste Bruder namens „Großer Sack“
2.5. Der Erzähler als Bruder Darios

3. Die absurde Ausdrucksform Vallejos

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit seinem autobiographischen Roman „El desbarrancadero“ verweist Fernando Vallejo auf die gewaltsame Realität des Landes Kolumbien. Die Literatur Kolumbiens beschäftigt sich seit je bevorzugt mit Gewalt, mit den vielfältigen Formen der violencia, wie Ausbeutung, Drogenhandel, Kriminalität, Jugendbanden, Armut, Korruption und Straßenmördern. Nicht nur das lateinamerikanische Land ist also im Griff der Gewalt, sondern auch im kolumbianischen Roman Vallejos dreht sich alles um diesen brutalen Begriff.

Der kolumbianische Schriftsteller, Regisseur und Drehbuchautor Fernando Vallejo wurde 1942 in Medellín geboren. Seit 1972 lebt er hauptsächlich in Mexiko. Für „El desbarrancadero“ erhielt Vallejo 2003 den höchsten lateinamerikanischen Literaturpreis, den Premio Rómulo Gallegos. Der mit 10.000 US-Dollar dotierte Preis gilt als der Nobelpreis Lateinamerikas. Der Preisträger verkündete, die 10.000 US$ an eine venezuelanische Organisation zum Schutz von Tieren und seltener Spezies im Amazonas zu stiften.

In der folgenden Hausarbeit werde ich das Buch mit dem deutschen Titel „Der Abgrund“ von Fernando Vallejo analysieren. Dabei konzentriere ich mich auf folgende zwei Schwerpunkte. Zum einen werde ich die Hauptcharaktere der Romanhandlung vorstellen und deuten. Zum anderen lege ich besonderes Augenmerk auf den Stil und Ausdruck Vallejos in seinem Werk. Ziel dieser Hausarbeit ist es, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der wahnsinnigen Familie vom Protagonisten und des Landes Kolumbien aufzuweisen und in Beziehung zu setzten, was den Titel dieser Hausarbeit „Die Familie der Wahnsinnigen als übervölkertes Kolumbien in Kleinformat“ rechtfertigt. Um dieser Hauptaufgabe nachzukommen, werde ich neben den Protagonisten Darío und seinem Bruder Fernando, drei weitere der 22 Familienmitglieder charakterisieren. Die wahnsinnige Mutter, den Vater und den jüngsten Bruder namens „Großer Sack“ dieser jähzornigen Zwangsgemeinschaft.

Bei jeder einzelnen Charakterisierung versuche ich der jeweiligen Person ein bestimmtes Motiv zuzuschreiben, das auf das Land Kolumbien und seine Lebensumstände übertragbar ist. Daríos Familie steht als Sinnbild für den schlechten Zustand Kolumbiens und jedes Familienmitglied stellt ein Problem des Landes dar.

Am Ende dieser Hausarbeit fasse ich die herausgefundenen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der wahnsinnigen Familie und dem übervölkerten Kolumbien zusammen. Im Schlusskapitel lege ich die Ergebnisse meiner Analysearbeit dar, deute und bewerte sie. Abschließend werde ich persönlich Stellung nehmen zu Fernando Vallejos „El desbarrancadero“.

Bevor ich im Folgenden mit den Personencharakterisierungen beginne, möchte ich vorab kurz und knapp beschreiben, worum es sich in Vallejos Roman eigentlich handelt. Fernandos Roman spielt in der kolumbianischen Gegenwart und befasst sich eingehend mit der überschäumenden Gewalt in diesem Land. Fernando ist der älteste Sohn der Familie und steht Darío am nächsten. Er kehrt zurück in seine Heimatstadt Medellín, um seinen aidskranken, geliebten Bruder Darío dort bis zu dessen Tod zu pflegen. Dabei verdammt er alles und jeden: seine Mutter, seinen jüngsten Bruder, den Papst, Kolumbien, die Regierung, die Presse, die Zeitung, Schwangere, Arme, weibliche Politiker, Frauen generell – scheinbar einfach alles. Das „reine“ Land seiner Kindheit wurde zerstört und mit seiner Dummheit und Schlechtigkeit in den Abgrund geführt. Diese Worte zeigen den Auswurf einer gekränkten Seele, die fähig ist brutal zuzuschlagen. Fernando Vallejo schreibt einen Abgesang auf die Welt, und Kolumbien, womit er versucht seine Leser zu provozieren. Der Autor schreibt ein launiges Stück voller Widersprüche und Unstimmigkeiten, jongliert mit Genres und verwirrt seinen Leser nicht nur mit Zeitebenensprüngen.

2. Die Charaktere des Romans

2.1. Darío

“Darío fue el segundo, mi primer hermano.”[1] In Vallejos Roman „El desbarrancadero“ verkörpert Darío die Motive Krankheit, Zerfall, Verantwortungslosigkeit, langfristige Zerstörung und Maßlosigkeit. Wenn man den aidskranken Bruder und das kranke Land Kolumbien vergleicht, stößt man auf sehr viele Parallelen und Gemeinsamkeiten im Verlauf der Romanhandlung. Beide leiden am Zerfall, einer Krankheit die sich von innen nach außen durch den Körper frisst. Fakt ist, dass sowohl der Aidskranke als auch das Mörderland ihrem Ende mit großen Schritten entgegengehen. „Coño! Colombia se acabó […]“[2] Eine weitere Gemeinsamkeit liegt in der Unfähigkeit, der Unfähigkeit zu leben und zu funktionieren. Kolumbien ist unfähig mit „La Vagina al poder?“[3]

Probleme wie Korruption, Vetternwirtschaft, Drogenhandel, Unterernährung, Armut, Entführungen, Raubüberfälle, Misshandlungen (die Liste scheint endlos!) zu lösen. Darío ist ebenfalls unfähig, ihm ist alles gleichgültig und Drogen, Alkohol, Marihuana und schließlich Aids raffen ihn dahin. Die Motive Krankheit und Zerfall zeigen sich auf verschiedenen Ebenen im Roman. Der Erzähler sieht keine Chance das Land zu retten, Daríos Bruder sieht keine Chance Darío zu retten: „Con sida o sin sida era un caso perdido.”[4] Der Körper Kolumbiens ist ebenso resistent wie Daríos Körper, denn mit genug Schnaps geht alles, er betäubt die Wahrnehmung und verschleiert die Realität. Alkohol verbindet, denn vom Schnaps nähren sich alle: die Parteien, die Kirche, der Drogenhandel, die Guerilla, jede Illusion, jedes Sterben, jeder Traum.[5]

„Pero no, esto es un valle de lágrimas cargado de sufrimiento“[6] schreibt Vallejo auf der Seite 106 und verdeutlicht damit den Abgrund, das Tal aus dem keiner lebend entkommen kann, denn „Por lo pronto al que no lo mate en este puto manicomio un cáncer o un sida lo mata el hambre.“[7] Diese Zitate vermitteln tiefste Hoffungslosigkeit und verbinden das Land mit seinen Menschen, also Kolumbien mit Darío.

Der HIV Positive kennt keine Grenzen, seine Lebensweise ist ein langsamer Zerfallsprozess: „Y para refrendar sus firmes propósitos agarró el vicio de moda, el de los jovencitos, el baasuco o cocaína fumada, que <<acaba hasta con el nido de la perra>> [...].”[8] Dazu kommt die Maßlosigkeit, er konsumiert Drogen im Überfluss, nimmt die Medikamente seines Bruders im Überfluss, er hat kleine Jungs im Überfluss und trinkt Schnaps im Übermaß. Alles über alle Maßen, „Darío no fue una llama, fue un incendio.”[9]

Das Motiv der Gleichgültigkeit äussert sich besonders im Verhalten Daríos seinem großen Bruder gegenüber. Mit folgendem Zitat versucht dieser Darío zu helfen, indem er ihm die Realität vor Augen führt: „[…] uno tiene que escoger en la vida lo que quiere ser, si marihuano o borracho o basuquero o marica o qué. Pero todo junto no se puede.”[10]. Weiterhin soll Darío in seinem Kopf kramen, ob ihm einfällt wer ihn angesteckt hat, er antwortet einfach, gelassen und gleichgültig nur mit den Worten: “no sé.“[11] Scheinbar legt der Aidskranke auch keinen starken Willen an den Tag, denn „[…] la fuerza de voluntad la tenía intacta. Nunca la había usado!“[12] Durch seinen hohen Drogenkonsum („El sida le quitaba el apetito, pero la marihuana se lo volvía a dar.”[13]) kommt die zerstörerische, rendonsche Seite in ihm ans Licht:

„El amasiato de la marihuana y el aguardiente le desencadenaba a Darío una verdadera furia de destrucción.”[14] Auch an anderen Stellen im Buch wird deutlich, dass Darío gewalttätig und kriminell ist. Er erschlägt nicht nur einen mit einer Eisenstange, sondern tötet auch einen Richter: „[…] y un día, en un juzgado, frente a un juez, tiró por el balcón al juez.”[15]

Das Motiv der Verantwortungslosigkeit findet sich im Grund des großen Bruders, Darío zu verschweigen, dass er ihrem Vater beim Sterben helfen will: Darío ist verantwortungslos[16]. „Desde que volvió a tomar le había retirado la palabra a ese irresponsable.“[17]

[...]


[1] Vallejo: S. 185: „Darío war der zweite, mein erster Bruder.“

[2] Vallejo: S. 84: „Famös! Kolumbien ist am Ende […]“.

[3] Vallejo: S. 84: „Vagina an der Macht“ .

[4] Vallejo: S. 11: „Ob mit oder ohne Aids, er war ein hoffnungsloser Fall“.

[5] vgl. Vallejo: S: 153.

[6] Vallejo: S. 106: „Aber das hier ist ein Tal der Tränen voller Leid“.

[7] Vallejo: S. 120: „Derweil stirbt in diesem verfluchten Tollhaus jeder, der nicht an Krebs oder Aids stirbt, an Unterernährung“.

[8] Vallejo: S. 20: Um seinem festen Vorsatz Gewicht zu verleihen, legte er sich noch das Laster zu, das gerade Mode war, das Laster der Kinder, Basuco, was gerauchtes Kokain ist, und das <<richtet alles mit Stumpf und Stiel zugrunde>> […].“

[9] Vallejo: S. 49: „Darío war keine Flamme, er war ein Brand.“

[10] Vallejo: S. 20f. : „[…] man muss sich im Leben entscheiden, was einmal aus einem werden soll, ob Kiffer oder Säufer oder Basucoraucher oder schwul oder was. Aber alles zusammen geht nicht.“

[11] Vallejo: S. 39: „Weiß nicht.“

[12] Vallejo: S. 46: „ […] seine Willensstärke war wie neu. Er hatte sie nie benutzt.“

[13] Vallejo: S. 16: „Vom Aids verging ihm der Appetit, aber vom Marihuana kam er wieder“.

[14] Vallejo: S. 18: „Die wilde Ehe von Marihuana und Schnaps entfesselte bei Darío echte Zerstörungswut.“

[15] Vallejo: S. 16: „[…] und einmal, während eines Prozesses, als er vor dem Richter stand, nahm er den Richter und warf ihn vom Balkon.“

[16] vgl. Vallejo: S. 120: „A Manuel y a Darío por irresponsables.“

[17] Vallejo: S: 136: „Seit er wieder trank, weigerte ich mich, mit dieser wandelnden Verantwortungslosigkeit zu reden

Details

Seiten
25
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638745246
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v75093
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
Familie Wahnsinnigen Kolumbien Kleinformat Fernando Vallejo Krankheit Körper Literaturen

Autor

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