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Die kerygmatische Bedeutung der dämonischen Mächte im Markusevangelium

Hausarbeit 2004 26 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Dämonenverständnis im Neuen Testament
2.1 Dämonenfurcht in der Antike und im Alten Testament
2.2 Abwehr der Dämonen
2.3 Neutestamentliche Vorstellungen
2.4 Überwindung der Dämonenfurcht im Neuen Testament

3 Die Auseinandersetzung Jesu mit Dämonen im Markusevangelium
3.1 Der Tag in Kafarnaum (1,21-34)
3.2 Die Heilung eines Aussätzigen (1,40-45)
3.3 Die Heilung eines Gelähmten (2,1-12)
3.4 Die Berufung des Levi und das Mahl mit den Sündern (2,13-17)
3.5 Der Sturm auf dem See (4,35-41)
3.6 Die Heilung des Besessenen von Gerasa (5,1-20)
3.7 Auferweckung der Tochter des Jairus und Heilung der blutflüssigen Frau (5,21-43)
3.8 Weitere Heilungserzählungen
3.9 Der Sieg Jesu über den Tod

4 Was kann diese Botschaft uns heute sagen?

5 Quellen- und Literaturverzeichnis
5.1 Quellen
5.2 Literatur

1 Einleitung

Wenn in den Evangelien von Dämonen die Rede ist, tun heutige Menschen sich meistens schwer, damit etwas anzufangen. Oft tut man Geschichten mit Dämonenaustreibungen ab als überholte Vorstellungen, die heute eben nicht mehr gelten und die uns auch nichts mehr zu sagen haben. Im vergangenen Jahr, in dem wir in unserer Pfarrgemeinde viele Aktionen zum Jahr der Bibel hatten, fragten mich hin und wieder Menschen über die Bedeutung bestimmter Schriftstellen, die sie einfach nicht verstehen können, auch über die Dämonen. Zwar habe ich immer eine Antwort gefunden, wollte es aber doch selbst noch genauer wissen. Zudem haben mich die Erzählungen über die Begegnungen Jesu mit Dämonen schon immer interessiert. Deshalb habe ich mich entschlossen, mich in dieser Arbeit mit den Dämonen auseinanderzusetzen. Im Markusevangelium wird die Macht der Dämonen und ihre Vernichtung durch Jesus Christus am eindrücklichsten dargestellt. Zudem bin ich mit dem Markusevangelium durch meinen Namen auch am meisten verbunden. Deshalb habe ich mir dieses Evangelium ausgesucht, anhand dessen ich die Bedeutung der Begegnungen Jesu mit den Dämonen herausstellen möchte.

In dieser Arbeit werde ich zunächst die Dämonenvorstellungen der antiken Welt darstellen und dann anhand ausgewählter Perikopen des Markusevangeliums die christologische Aussage der Dämonenaustreibungen beleuchten.

2 Das Dämonenverständnis im Neuen Testament

2.1 Dämonenfurcht in der Antike und im Alten Testament

Für den antiken Menschen waren Dämonen allgegenwärtig. In der antiken Vorstellung bildeten der Teufel und die Dämonen ein nahezu gleichberechtigtes Gegengewicht zu Gott und seinen Engeln.[1] Ihre Organisation stellte man sich beinahe militärisch vor: Unter dem Befehl des Teufels kämpft das Heer der Dämonen gegen das Heer der Engel.[2] Man fürchtete sich vor dem Unheil bringenden Einfluss der Dämonen, denn nach der verbreiteten Überzeugung der heidnischen und jüdischen wie auch der altchristlichen Antike konnten Dämonen von einem Menschen Besitz ergreifen und ihn damit an Leib, Geist und Seele schädigen.[3] Im Folgenden möchte ich diese antiken Vorstellungen von der Welt der Dämonen aus der Sicht des Judentums und des Alten Testaments kurz beschreiben, da sie auch für die neutestamentliche Welt und für den Umgang Jesu mit Dämonen im Markusevangelium grundlegend sind:[4]

Dämonen verursachen in einem Menschen Sünde, Absonderung, Unzucht, Krankheit und Tod. Sie wohnen vor allem den Elementen inne, also Feuer, Wasser, Luft und Erde. Meistens halten sie sich abseits der Zivilisation auf, z. B. in der Wüste[5] (vgl. Jes 34,9-15) oder in Grabhöhlen. Ein Mensch, der mit Dingen oder Personen in Berührung kommt, die von Dämonen verunreinigt sind, steht in der Gefahr, dass die Dämonen auf ihn übergehen.

Durch Körperöffnungen, v. a. durch Mund, Augen und Geschlechtsorgane, treten sie in den Körper ein und setzen sich im Menschen fest. Deshalb meidet der antike Mensch solche Dinge und Personen. Im Judentum gehören dazu die Sünder, denn Sünde gilt als von Dämonen gewirkt. Deshalb sind die Sünder unrein, und man meidet jeden Kontakt mit ihnen. Aber nicht nur diejenigen, die sich durch Sünde von Gottes Weisungen abgewandt haben, sind unrein, sondern auch diejenigen, die Jahwe überhaupt nicht verehren, also die Heiden.[6] Ihre Götter gelten ebenfalls als Dämonen.[7] Auch körperlich und geistig kranke Menschen meidet man. Da auch Totengeister als gefährliche Dämonen gelten, ist der Kontakt mit Leichen und Aas verboten.[8]

Besonders der Bereich der Sexualität wird mit Dämonen in Verbindung gebracht. Da die Genitalien den Dämonen als Einschlupföffnung dienen, müssen sie verhüllt werden. Besonders die Frau erfährt im alttestamentlichen Judentum aufgrund ihrer Geschlechtlichkeit eine deutliche Abwertung. Nach Lev 15 verunreinigt ein Samenerguss für einen Tag, die Menstruation aber für sieben Tage.[9] Nach der Geburt eines männlichen Kindes ist eine Frau gemäß Lev 12 eine Woche unrein und muss 33 Tage lang zuhause bleiben, darf nichts Geweihtes berühren und nicht ins Heiligtum kommen. Bei der Geburt eines weiblichen Kindes verdoppelt sich die Zeit auf zwei Wochen bzw. 66 Tage.

2.2 Abwehr der Dämonen

Da man die Dämonen in den Elementen vermutet, erfolgt ihre Abwehr magisch-homöopathisch ebenfalls mit den Elementen, mit Feuer und Rauch, Flüssigkeiten wie Wasser, Blut, Wein, Öl und Speichel, mit Luft und mancherlei festen Substanzen wie Erde, Edelsteine, Asche oder Salz, sowie durch das machtvolle Wort des Exorzisten.

Kranke werden oft geheilt durch Berührung mit der Hand. Dadurch wird die heilende, Schadensgeister vertreibende Kraft des Exorzisten auf den Kranken übertragen. Die Handauflegung dient auch der Geistmitteilung, wie sie im Neuen Testament etwa bei der Beauftragung der Sieben in Apg 6,6 oder der Missionare Barnabas und Saulus in Apg 13,3, sowie in den Pastoralbriefen (1 Tim 4,14; 5,22; 2 Tim 1,6) genannt wird.[10]

Neben der aktiven Form der Dämonenabwehr durch den Exorzismus gibt es auch noch die passive Form der Askese, d. h. der Verzicht auf alles, was den Menschen mit Dämonen in Berührung bringen könnte. Böcher unterscheidet sieben Formen der Askese:[11]

- Die Kleidungsaskese geht davon aus, dass Dämonen sich in bestimmten Kleidungsstücken verstecken können. Während in der heidnischen Antike bei kultischen Handlungen häufig ganz auf Kleidung verzichtet wird, gibt es im Judentum nur eine teilweise Nacktheit, z. B. die Barfüssigkeit des Mose in Ex 3,5.
- Hygieneaskese beinhaltet den Verzicht auf das Waschen und Salben des Körpers sowie das Scheren der Haare an Fasten- und Trauertagen.
- Die Nahrungsaskese wird sowohl als Verzicht auf bestimmte Speisen wie Fleisch und Wein geübt, als auch als gänzlicher Verzicht auf Nahrung.
- Zum Verhalten des Büßenden und Trauernden gehört auch die Sexualaskese.
- Weil der Schlaf als Bruder des Todes gilt und wie dieser ein personaler, unheimlicher Dämon ist, gilt auch der Verzicht auf Schlaf als Abwehr gegen Dämonen.
- Als Augenaskese bezeichnet Böcher den Verzicht auf das Sehen durch Schließen der Augen oder Verhüllung des Hauptes. Hintergrund dafür ist der antike Volksglaube, dass Dämonen durch die Augen in den Menschen eindringen können oder auch durch die Augen an andere Menschen weiter gegeben werden („böser Blick“).
- Schließlich dient auch das Schweigen der Abwehr von Dämonen.

2.3 Neutestamentliche Vorstellungen

Die oben aufgeführten Beispiele zeigen, wie sehr der antike Mensch sich in allen Lebensbereichen von Dämonen umgeben sah und deshalb auch in Angst vor dämonischen Übergriffen lebte. Das Neue Testament übernimmt bezüglich der Dämonen nahezu gänzlich die Vorstellung des Alten Testaments. Die Existenz von Dämonen und die Gefährdung des Menschen durch sie werden als selbstverständlich vorausgesetzt. Jesus tritt als machtvoller Exorzist auf, der Dämonen mit der Kraft seines Wortes austreibt und so die Menschen von ihren Krankheiten heilt. Zum Teil bedient sich Jesus bei seinen Exorzismen auch der damals üblichen homöopathischen Mittel, welche die Dämonen mit den Elementen, in denen sie wohnten, vertreiben sollten. So heilt Jesus im Markusevangelium etwa einen Taubstummen, indem er seine Zunge mit Speichel berührt[12], oder einen Blinden, dessen Augen er mit Speichel berührt[13]. In Joh 9,6 kommt als weiteres Element noch die Erde hinzu.

Auch in den Naturgewalten sieht das Neue Testament Dämonen am Werk.[14] Einen Dämon, der einen Menschen in seiner Gewalt hat, bedroht Jesus auf gleiche Weise wie auch Wind und Meer. Das wird z. B. deutlich beim Vergleich von Mk 1,25 (Heilung eines Besessenen in der Synagoge von Kafarnaum)[15] mit Mk 4,39 (Sturm auf dem See). Bei der Heilung des Besessenen droht Jesus dem Dämon. Dafür wird das Wort evpeti,mhsen (von ™pitim£w – drohen) verwendet. Dasselbe Wort findet sich in Mk 4,39, wenn Jesus dem Wind droht. Die Vokabel ™pitim©n kennzeichnet in Lk 4,39 auch das Fieber der Schwiegermutter des Petrus als dämonisch, ebenso bei Mk 8,33 den Widerstand des Petrus gegen die Leidensankündigung Jesu.[16]

[...]


[1] Vgl. Böcher, O.: Art. daimÒnion ‑ da…mwn, in: Balz, H. (Hrsg.): Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Bd. 1, Stuttgart u. a. 1980, Sp. 649 – 657, hier: 650.

[2] Vgl. ebd., Sp. 657

[3] Vgl. Pesch, R.: Das Markusevangelium I. Teil – Einleitung und Kommentar zu Kap. 1,1 – 8,26, Freiburg u. a. 1976 (Wikenhauser, A. u. a. (Hrsg.): Herders Theologischer Kommentar zum Neuen Testament), S. 121.

[4] Zu den folgenden Ausführungen vgl. Böcher, O.: Das Neue Testament und die dämonischen Mächte, Stuttgart 1972 (Stuttgarter Bibelstudien 58), S. 19 – 26; sowie Böcher, O.: Art. daimÒnion - da…mwn, Sp. 650.

[5] Vgl. Görg, M.: Art. Dämonen/Geister. II. Altes Testament, in: Betz, H. (Hrsg.): Religion in Geschichte und Gegenwart – Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaften, Bd. 2, Tübingen 41999, Sp. 535 f.

[6] Vgl. Dtn 14, 21; Ez 4, 13.

[7] Vgl. Bar 4, 7.

[8] Vgl. Lev 21,1-4; Num 6, 6-12. 19,11-16.

[9] Vgl. Lev 15, 16.19.

[10] Vgl. Böcher, O.: Das Neue Testament und die dämonischen Mächte, S. 35 – 37.

[11] Vgl. Böcher, O.: Das Neue Testament und die dämonischen Mächte, S. 42 – 51.

[12] Vgl. Mk 7, 33.

[13] Vgl. Mk 8, 23.

[14] Vgl. Böcher, O.: Das Neue Testament und die dämonischen Mächte, S. 33.

[15] Andere Beispiele wären etwa die Par. Lk 4, 35; Lk 4, 41; Mk 3, 12 parr., Mk 9, 25 parr.

[16] Vgl. Böcher, O.: Das Neue Testament und die dämonischen Mächte, S. 33.

Details

Seiten
26
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638745222
ISBN (Buch)
9783638795319
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v75085
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,0
Schlagworte
Bedeutung Mächte Markusevangelium

Autor

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