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Zur Identifizierung von Spracheneinfluss in bestimmten grammatischen Bereichen im Spracherwerb bilingualer Kinder

Seminararbeit 2006 26 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Was ist Bilingualismus?
2.1. Arten von Bilingualismus

3. Fusion, Sprachentrennung und Spracheneinfluss
3.1. Fusion
3.2. Sprachentrennung
3.3. Sprachentrennung mit Spracheneinfluss: Sprachdominanz

4. Sprachentrennung mit Spracheneinfluss in bestimmten grammatischen Bereichen
4.1. Spracheneinfluss
4.1.1. Manifestationen von Spracheneinfluss
4.1.2. Bedingungen für die Existenz von Spracheneinfluss
4.1.3. Komplexität
4.2. Die Studie von Müller et al. (2001): Frühkindliche Zweisprachigkeit: Italienish/Deutsch und Französisch/Deutsch im Vergleich
4.2.1. Sprachdominanz der untersuchten Kinder
4.2.2. Beschleunigung: Verbstellung im Hauptsatz
4.2.3. Transfer: Verbstellung im Nebensatz
4.2.4. Verlangsamung: Objektauslassung

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Spracheneinfluss und Sprachentrennung sind in der Bilingualismusforschung der letzten Jahre umstrittene Themen gewesen. Diese Arbeit soll mithilfe verschiedener empirischer Studien von bilingualen Kindern zeigen, dass die zwei Begriffe einander nicht notwendigerweise ausschließen. Es kann gleichzeitig Sprachentrennung und Spracheneinfluss im selben Individuum auftreten, wobei Spracheneinfluss nicht die Sprache als Ganze betrifft, sondern ganz spezifische grammatische Bereiche, nämlich Verbstellung im Hauptsatz, Verbstellung im Nebensatz und Objektauslassung.

Zunächst soll den Begriff des Bilingualismus definiert und verschiedene Arten von Bilingualismus beschrieben werden. Der zweite Abschnitt gibt einen Überblick über die Forschung der letzten Jahre in den Bereichen Fusion, Sprachentrennung und Spracheneinfluss. Danach sollen die Manifestationen des Spracheneinflusses und die Bedingungen für sein Auftreten erklärt werden. Der vierte Abschnitt bildet den Hauptteil der Arbeit, in dem Spracheneinfluss in den oben genannten grammatischen Bereichen betrachtet und analysiert werden soll.

2. Was ist Bilingualismus?

Bilingualismus, auch doppelter Erstspracherwerb genannt, entsteht, wenn ein Mensch mit zwei Sprachen aufwächst und diese dann fließend beherrscht (auch wenn er die eine Sprache aus irgendwelchen Gründen kompetenter spricht oder sie bevorzugt). Bilingualismus ist synonym für Mehrsprachigkeit, außer dass unter dem letzteren Begriff zwei oder mehr Sprachen verstanden wird, während Bilingualismus sich formal auf zwei Sprachen beschränkt. In der Forschungsliteratur wird aber trotzdem das Wort Bilingualismus für Mehrsprachigkeit im Allgemeinen benutzt, besonders deswegen, weil die meisten empirischen Studien sich sowieso mit zweisprachigen Individuen beschäftigen. Müller et al. (2006) definieren Bilingualismus (der im deutschen Sprachraum auch als „Bilinguismus“ oder „Bilingualität“ bezeichnet wird) folgendermaßen:

„[...] das Sprachvermögen eines Individuums, das aus dem natürlichen Erwerb (d.h. ohne formalen Unterricht) zweier Sprachen als Muttersprachen im Kleinkindalter resultiert“.

Wichtig hier ist die Voraussetzung des natürlichen Erwerbs – damit ist gemeint, dass das Kind in dem natürlichen Kontext des normalen, alltäglichen Familienlebens die Sprachen erwerben muss, genauso wie alle „monolingualen“, d.h. einsprachigen Kinder ihre eine Sprache erwerben. Wenn ein Individuum erst in einer formalen Lernsituation (d.h. Sprachunterricht) eine zweite Sprache lernt, dann gilt diese nicht mehr als seine Muttersprache, sondern sie ist eine Zweitsprache. Im obigen Zitat ist auch die Voraussetzung, dass die beiden Sprachen im Kleinkindalter erworben werden müssen. Die Frage aber, bis zu welchem Alter ein Kind mit den beiden Sprachen konfrontiert sein muss, damit es genannt bilingual wird, ist in der Forschungsliteratur umstritten. Manche Sprachwissenschaftler, beispielsweise De Houwer (1990) behaupten, ein Kind sei nur in dem Fall bilingual, wenn es seit der Geburt und dann ununterbrochen Input von den zwei Sprachen hat. Tracy und Gawlitzek-Maiwald (2000) finden, dass die beiden Sprachen spätestens ab dem zweiten Lebensjahr erworben werden sollten. Andere schlagen das dritte oder auch fünfte Lebensjahr als maximalen Zeitpunkt für den Beginn des Erwerbs vor.

Wie schon erwähnt, unterscheidet man den doppelten Erstspracherwerb von dem frühen Zweitspracherwerb, (wobei zwei Sprachen nicht gleichzeitig, sondern eine später als die andere gelernt werden). Wolfgang Klein (1997) sagt über Erst- und Zweitspracherwerb Folgendes:

„[…] whereas first language acquisition normally has a clear onset defined by biological factors, this is not the case for the acquisition of a second language: it may start at any age and, more importantly perhaps, at any point during the acquisition of the first language – including the borderline case in which two languages rather than one are learned right from the beginning (‘bilingual first language acquisition’).

Weil wir uns in dieser Arbeit mit dem Einfluss aufeinander von zwei simultan erworbenen Sprachen beschäftigen wollen, betrachten im Folgenden nur den Erstspracherwerb und nicht mehr den Zweitspracherwerb.

2.1. Arten von Bilingualismus

Es wurde schon erwähnt, dass ein bilinguales Individuum seine verschiedenen Sprachen in einem natürlichen Kontext erwirbt. Weil aber jede Familie anders ist, gibt es viele Situationen in denen ein Kind mit zwei oder mehr Sprachen aufwächst. Man kann sechs Haupttypen von Bilingualismus nennen, die von Romaine (1989) stammen und von Müller et al. (2006) aufgenommen werden:

1. „Eine Person – Eine Sprache“: Die Eltern haben zwei verschiedene Muttersprachen und sprechen ihre jeweiligen Sprachen mit dem Kind. Sie wohnen in einem Land oder in einer Region, wo die Muttersprache eines der Elternteile gesprochen wird.
2. „Nicht-Umgebungssprache zu Hause / Eine Sprache – eine Umgebung“: Auch in diesem Fall haben die Eltern unterschiedliche Muttersprachen, wobei die Sprache der Region, wo sie wohnen die gleiche ist, wie eine ihre Sprachen. Beide sprechen aber mit dem Kind die Sprache, die nicht in der Umgebung gesprochen wird.
3. „Die eine Sprache zu Hause – die andere Sprache aus der Umgebung“: In dieser Situation haben die Eltern die gleiche Muttersprache, die sie auch zu Hause mit ihrem Kind sprechen. In der Umgebung wird aber eine andere Sprache gesprochen.
4. „Zwei Sprachen zu Hause – eine andere aus der Umgebung“: Die Eltern haben unterschiedliche Muttersprachen und jedes Elternteil spricht seine jeweilige Muttersprache mit dem Kind. Sie wohnen in einer Region, wo eine dritte Sprache gesprochen wird, d.h. das Kind erwirbt prinzipiell drei Sprachen.
5. „Nicht Muttersprachliche Eltern“: Die Eltern haben die gleiche Muttersprache wie einander, die auch in der Umgebung gesprochen wird. Ein Elternteil trifft aber die Entscheidung, eine andere Sprache mit dem Kind zu sprechen, die nicht seine Muttersprache ist.
6. „Gemischte Sprachen“: In diesem letzten Fall werden sowohl von den Eltern wie auch in der Region zwei Sprachen gesprochen. Zu Hause spricht also jedes Elternteil beide Sprachen mit dem Kind.

Natürlich werden unter diesen sechs Kategorien nicht alle mögliche Erwerbsszenarien eines Kindes dargestellt, denn viele andere individuelle Faktoren kommen auch hinzu. Es ist aber nützlich, wenn man die Zweisprachigkeit eines Kindes untersuchen will, so viel wie möglich von seinem Hintergrund zu wissen, und davon, auf welcher Weise es zweisprachig geworden ist.

3. Fusion, Sprachentrennung und Spracheneinfluss

3.1. Fusion

In der Forschung der letzten Jahren hat sich die populäre Meinung darüber, wann und wie ein Kind seine Sprachen trennt und ob einen Einfluss zwischen den Sprachen vorliegt, oft geändert. Taeschner und Volterra (1978) und Taeschner (1983) haben in den siebziger und achtziger Jahren eine große Auswirkung im Bereich der Mehrsprachigkeit mit ihrer Theorie eines fusionierten Sprachsystems erzielt. Ihre Theorie, oft das „Drei-Phasen-Modell“ genannt, basiert auf einer Untersuchung von zwei bilingualen Kindern, die unter ähnlichen Bedingungen in Italien mit der Sprachkombination deutsch-italienisch aufwuchsen. Taeschner und Volterra nehmen an, dass ein Kind, wenn es zwei Sprachen gleichzeitig erwirbt, zunächst ein fusioniertes Lexikon und eine fusionierte syntaktische Struktur im Kopf hat. Das heißt, das Kind fängt an zu sprechen und differenziert nicht zwischen den Wörtern, die zu einer Sprache gehören und denen, die zu der anderen gehören. Außerdem differenziert es nicht zwischen den unterschiedlichen syntaktischen Systemen der zwei Sprachen, sondern es benutzt eine gemeinsame, fusionierte Syntax: für das Kind ist es wie eine einzige Sprache. Die Sprachen trennen sich in zwei Phasen: erst trennt sich das Lexikon, während die Syntax fusioniert bleibt. Dann trennt sich auch die Syntax und am Ende sind zwei völlig getrennte Sprachsysteme im Kopf des Kindes gespeichert.

Taeschner und Volterra (1978) nennen als Beweis für ein anfänglich fusioniertes System den Mangel an Äquivalenten in den Äußerungen der untersuchten Kinder. Das heißt, das Kind lernt die Bezeichnung für etwas erstmals nur in einer seiner Sprachen. In dem Fall, wo das Kind doch in der ersten Phase Äquivalente erwirbt, betrachtet es (laut Taeschner und Volterra) die Wörter nicht als Äquivalente, sondern es benutzt ein Wort in bestimmten Kontexten und das zweite in anderen Kontexten.

Taeschner und Volterra vermuten weiter, dass bilinguale Kinder in der letzten Phase der Trennung erkennen können, dass sie mit manchen Personen eine ihre Sprache zu sprechen haben und mit anderen die zweite. Der am häufigsten vorkommende Fall ist der schon erwähnte „Eine Person – eine Sprache“, (oft auf Französisch als „une personne – une langue“ bezeichnet). Sie behaupten aber, dass das Kind erst danach richtig bilingual zu nennen ist, wenn es nicht länger eine Sprache mit einer Person assoziieren muss, um die Sprachen auseinander halten zu können. Über das Mädchen, das sie untersuchen, sagen die Autorinnen Folgendes:

„ [...] the tendency to label people with definite languages decreases. She accepts the possibility of speaking either of the two languages with the same person […]. At the end of this stage, the child is able to speak both languages fluently […] It is only at this point that one can say a child is truly bilingual.”

[...]

Details

Seiten
26
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638731409
ISBN (Buch)
9783638732154
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v75079
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Seminar für Deutsch als Fremdsprachenphilologie
Note
1,3
Schlagworte
Identifizierung Spracheneinfluss Bereichen Spracherwerb Kinder Mehrsprachigkeit Kindheit

Autor

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