Lade Inhalt...

Der Begriff des Philosophen und der Philosophie bei Ludwig Wittgenstein

Hausarbeit 2005 20 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Leidenschaft und Genialität
2.1. Leben und Werk
2.2. Persönlichkeit

3. Der Tractatus logico – philosophicus
3.1. Die Logik der Sprache
3.2. Klarheit, Übersicht und Problemlösung

4. Die Philosophischen Untersuchungen
4.1. Die Grammatik und das Sprachspiel
4.2. Diagnose und Therapie

5. Die Ruhe vor der Philosophie

6. Schluß

7. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Will man Heraklit Glauben schenken, dann hat Pythagoras erstmals das bis heute bekannte Wort „philosophe“ für jemanden benutzt, der nach Wissen und Weisheit strebt. Pythagoras selbst vereinte in sich Mathematik und orphische Mystik und stellt damit, in gewisser Hinsicht, den Ausgangspunkt einer Entwicklungs- geschichte westlicher Philosophie dar, die gekennzeichnet ist von der Zerrissenheit zwischen Religion und Wissenschaft[1].

Oberflächlich gesehen, hat sich die Philosophie in der Antike über mehrere Stadien entwickelt, ging, als das Christentum entstand und Rom fiel, über die arabische Konservierung in der Theologie des Mittelalters auf und geriet nach der Reformation bis zur Gegenwart zunehmend in den Griff der Wissenschaften. Am Begriff des Philosophen hat sich dabei im Laufe der Zeit, nicht viel geändert, wohl aber an der Auffassung, was die Aufgabe des Philosophen, die Philosophie, sein soll.

Vom Standpunkt des Cambridger Wissenschaftlers Bertrand Russell aus betrachtet, erscheint die Philosophie, als „ein Mittelding zwischen Theologie und Wissenschaft“[2], denn sie besteht, wie die Theologie, aus der Spekulation über die Dinge, und wie die Wissenschaft beruft sie sich auf die Vernunft.

Die Untersuchung von Fragen, wie etwa, ob die Welt aus Geist und Materie besteht, ob dem Universum ein einheitlicher Zweck zugrunde liegt oder woraus eine glückliche Lebensführung besteht, ist, zumindest für den englischen Philosophen, die Aufgabe der Philosophie. M.a.W.: Ihr größter Wert liegt für ihn darin, daß sie lehrt, „wie man ohne Gewißheit und ohne durch Unschlüssigkeit gelähmt zu werden, leben kann.“[3] Aber als Niemandsland zwischen Theologie und Wissenschaft ist sie zugleich, „Angriffen von beiden Seiten ausgesetzt“[4].

Womit Russell allerdings nicht rechnete, war, daß die wohl folgenschwerste Attacke gegen sie aus ihren eigenen Reihen geführt wurde, noch dazu von einem Zeitgenossen und Freund Russells, dem Österreicher Ludwig Wittgenstein.

Der Wiener Gelehrte ließ weder die Geschichte der Philosophie noch ihre traditionellen Problemstellungen gelten, führte ihre Auseinandersetzung mit Religion und Wissenschaft jedoch weiter. Und obwohl er nicht der Erste war, der das Fundament auf dem das Haus der Philosophie steht, nämlich die Sprache der Philosophen, kritisierte und sie in Beziehung zur Wirklichkeit setzte[5], war es doch seine „umstürzlerische“ Art und Weise mit der er Ethik wie Religion der Mystik übereignete und die Begriffe der Philosophen ihrer Sinnwidrigkeit überführte. Dementsprechend gilt es im Folgenden auszuführen, was Wittgenstein unter Philosophie verstand, welchen Begriff er sich von ihr machte, bei dem scheinbar gleichzeitigen Bemühen, sie zu widerlegen.

Zur Beantwortung dieser Frage und auch um der Russellschen Wechselwirkung zwischen der Philosophie und den Leben- sumständen gerecht zu werden, empfiehlt es sich zunächst auf Leben, Werk und Persönlichkeit Wittgensteins einzugehen. Daraufhin gilt es, sein Früh- wie Spätwerk mit ihren philosophischen Implikationen darzustellen, um zum Schluß das Verhältnis Wittgensteins zur Philosophie näher zu beleuchten.

2. Leidenschaft und Genialität

2.1. Leben und Werk

Eigentlich trieb den 1889 geborenen Unternehmersohn Ludwig Wittgenstein die knifflige Arbeit in der Luftfahrttechnik an der Universität Manchester und sein 1911 entwickelter Düsen- propeller[6] zunächst lediglich dazu, zum besseren Verständnis auch die Mathematik zu studieren.[7] Als es ihn im Laufe des Studiums nach Cambridge zog, wurde, vornehmlich durch die Logizismus - Vorlesungen Bertrand Russells, sein Interesse an der Philosophie geweckt, das ihn schließlich ein Leben lang begleiten sollte.

Inspiriert von Russell, Frege und Moore entwickelte Wittgenstein in der Folgezeit eigene Ideen von der Begründung der Mathematik, die er vor allem über die Reflexionen auf die Sprache bestimmen wollte. Das Resultat dieser Bemühungen war der „Tractatus logico - philosophicus“; das „seltsamste Kriegs- tagebuch, das jemals verfaßt wurde“[8].

Nach der Lektüre von Tolstois „Evangelien“ gab Wittgenstein jedoch die Philosophie auf, deren Höhen er mit dem „Tractatus“ erklommen zu haben glaubte. Aber weder seine Tätigkeiten als autoritärer Dorfschullehrer[9], Gärtner oder Architekt füllten den Querdenker aus, der sich oft und gerne in die Einsamkeit seiner norwegischen Blockhütte zurückzog.

Erst eine Vorlesung des niederländischen Mathematikers Brouwer, der die Mathematik aus der Ur-Intention des Zählens heraus entwickeln wollte, brachte Wittgenstein ab 1928 erneut zur philosophischen Tätigkeit und über Umwege auch zurück nach Cambridge. Dort war sein Freund und Mentor, Bertrand Russell, derart beeindruckt von dem „Grad leidenschaftlicher und angespannter Durchdringlichkeit“[10] des Wittgensteinschen Denkens, daß er ihm eine Dozentenstelle vermittelte und später einmal rückblickend, die Begegnung mit dem österreichischen Eigenbrötler als „eines der aufregendsten intellektuellen Ereignisse“ seines Lebens bezeichnete.[11]

Als Wittgenstein in Cambridge seinem Freund Pietro Sraffa gegenüber behauptete, daß ein Satz und dessen Inhalt dieselbe logische Form aufweisen müssen, vollführte der italienische Ökonom eine typisch neapolitanischen Geste, und fragte, was denn die logische Form davon sei.[12] Daraufhin begann der selbstkritische Wittgenstein sein Frühwerk zu überdenken und verwarf es schließlich zugunsten neuer Überlegungen, die mit den „Philosophischen Untersuchungen“ zugleich seinen zweiten intellektuellen Höhepunkt darstellten.[13] Doch die „absurde Stellung eines Philosophieprofessors“, wie Wittgenstein seine Dozentenstelle in Cambridge 1946 beschrieb, empfand er mit der Zeit als eine „Art Lebendig - Begrabensein“[14], weswegen er sie schließlich völlig aufgab.

Trotz seines Ausstiegs aus der Lehrtätigkeit war er immer noch darum bemüht, seinen Gedanken den „letzten Schliff“ zu geben. Den Druck seines Spätwerkes, den „Philosophischen Untersuchungen“, erlebte er allerdings nicht mehr; er starb im April 1951 an einem Krebsleiden. Was von ihm blieb, war über seine anspruchsvollen Arbeiten hinaus, allerdings auch das Bild eines äußerst ambivalenten Charakters.

2.2. Persönlichkeit

Von der Persönlichkeit her betrachtet, war Ludwig Wittgenstein das vielleicht „vollkommenste Genie“[15]. Er entwarf einen Düsen- propeller, schrieb ein Wörterbuch, arbeitete als Architekt und wirkte als Lehrer. Aber wie genial er auch immer gewesen sein mochte, hinter seiner außergewöhnlichen Begabung trat doch immer wieder der „schizoide Neurotiker“[16] hervor.

Geprägt von krankhaften Schuldgefühlen und Selbstmord- gedanken, suchte er nach dem Sinn im Leben und Gewißheit in der Philosophie. Obwohl ihm seine philosophische Tätigkeit dabei Halt zu geben versprach, fühlte er sich immer wieder „mißverstanden, isoliert und gemieden“[17]. Dies mag einer der Gründe dafür gewesen sein, weshalb Wittgenstein oftmals die Einsamkeit Norwegens dem Treiben der Städte vorzog, allerdings immer nur solange, bis das solitäre Dasein ihm wieder Angst machte und der Druck auf die Brust, die innere Enge, zunahm.[18]

Während seiner Zeit in Cambridge jedenfalls traten die seltsamen Wesenszüge Wittgensteins zur Verwunderung seiner Mitmenschen immer wieder zum Vorschein. So etwa lebte er in seinem Studierzimmer in „einer eigenartigen Askese“[19], denn es hatte statt Mobiliar nur kahle, weiße Wände.

Auch eine überaus einprägsame Auseinandersetzung mit dem österreichischen Gastdozenten Karl Raimund Popper in Cambridge im Oktober 1946 ist dort unvergeßlich, da sie nicht nur das neurotische Wesen Wittgensteins sondern auch die Grundzüge seines Philosophieverständnisses verdeutlicht.

So trug es sich zu, daß sich damals in einem Raum des King´s College der „kritische Rationalist“ Popper, als Verteidiger der klassischen abendländischen Philosophie behauptete, während Wittgenstein als Fürsprecher der Sprachphilosophie auftrat.

[...]


[1] Russell, Bertrand, Philosophie des Abendlandes, 2. Aufl., München 2005, S. 13, 51 – 59.

[2] Ebd. , S. 11.

[3] Ebd., S. 12.

[4] Ebd., S. 11.

[5] Schon Parmenides hat dies getan, Siehe Russell, Bertrand, S. 71.

[6] Eine Erfindung Wittgensteins, die in Vergessenheit geriet und später noch einmal gemacht worden ist. Sie hat zur Entwicklung des Hubschraubers beigetragen.

[7] http://www. wittg – cam.ac.uk/cgi-bin/deutsch/text/biogrg1.html.

[8] Veigl, Hans, Wittgenstein in Cambridge, Wien 2004, S. 7.

[9] Er soll seine Schüler oft geschlagen haben.

[10] Lange - Eichbaum, Wilhelm/Kurth, Wolfram, Genie, Irrsinn und Ruhm. Die Philosophen und Denker, Bd. 7, München 1989, S. 155.

[11] Ebd., S. 153.

[12] Veigl, Hans, S. 201ff.

[13] Lange - Eichbaum, Wilhelm/Genie, Irrsinn und Ruhm, S. 155.

[14] Ebd., S. 155.

[15] Ebd., S. 153.

[16] Ebd., S. 155. Wittgenstein konstatierte einmal, daß er „beinahe immer Selbstgespräche“ mit sich selbst schrieb und sich Sachen „unter vier Augen sage“. Siehe, Vossenkuhl, Wilhelm, Ludwig Wittgenstein, München 1995, S. 317.

[17] Lange - Eichbaum, Wilhelm/ Kurth, Wolfram, S. 155.

[18] Vossenkuhl, Wilhelm, Ludwig Wittgenstein, München 1995, S. 318.

[19] Lange - Eichbaum, Wilhelm/ Kurth, Wolfram, S. 154.

Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638731379
ISBN (Buch)
9783640233755
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v75070
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Schlagworte
Begriff Philosophen Philosophie Ludwig Wittgenstein Philosophische Untersuchungen

Autor

Zurück

Titel: Der Begriff des Philosophen und der Philosophie bei Ludwig Wittgenstein