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Zur Dialektik bei Adorno und Hegel

Aporie in der 'Minima Moralia' und Aufhebung in der 'Phänomenologie des Geistes'

Hausarbeit 2006 25 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zu Hegels Dialektik
2.1. Hegels Dialektik in der Einleitung der Phänomenologie des Geistes
2.2. Adornos Kritik an Hegels Dialektik
2.3. Adornos Kritik versus Phänomenologie

3. Zu Adornos Dialektik
3.1. Adornos Dialektik am Beispiel der Aufgabe des Intellektuellen

4. Abschließender Vergleich
4.1. Die Aufhebung der Antagonismen
4.2. Das Primat des Allgemeinen
4.3. Die Negation des bloß Individuellen

5. Schluss

6. Literatur

1) Einleitung

Was überdauert, ist kein invariantes Quantum von Leid, sondern dessen Fortschritt zur Hölle: das ist der Sinn der Rede vom Anwachsen der Antagonismen.[1]

Wenn Adorno in seiner Minima Moralia den „Sinn der Rede vom Anwachsen der Antagonismen“ als einen „Fortschritt zur Hölle“ expliziert, so rekurriert er mit diesem Bild in hohem Maße verzerrend auf die Hegel’sche Dialektik: Während in der Phänomenologie des Geistes die Dialektik ihren Ausgang in einem durch Aufhebung der zuerst epistemischen, später sittlichen „Antagonismen“ erwirkten absoluten Geist findet – welcher den vollendeten Weltgeist und somit eine Art vollendete, zumindest begrifflich organisierte Sittlichkeit erfordert[2] –, so endet die Dialektik bei Adorno in der Hölle. Adorno wendet die Hegel’sche Figur pointiert ins Gegenteil – nicht Aufhe-bung, sondern Abstieg ist bei Adorno die Richtung des sittlichen Werdegangs.[3]

Hegels Methode der Dialektik in der Phänomenologie des Geistes und Adornos Methode der Dialektik in der Minima Moralia sollen Gegenstände dieser Untersuchung sein. Unter der Fragestellung: ‚Inwiefern lassen sich Konvergenzen bzw. Divergenzen zwischen den beiden Methoden ausmachen’, sollen die jeweiligen dialek-tischen Theorien – sofern als Theorien überhaupt identifizierbar – zunächst einzeln durchleuchtet und daraufhin miteinander verglichen werden.

Der Fahrplan ist folgendermaßen konzipiert: Zuerst soll Hegels Dialektik anhand der Einleitung der Phänomenologie des Geistes skizziert werden. Der nächste Schritt besteht darin, Adornos Kritik an der Hegel’schen Dialektik, die Adorno wiederum in der Einleitung Minima Moralia vorträgt, zu explizieren. Schließlich soll Adornos Methode der Dialektik selbst – soweit mittels Minima Moralia überhaupt erschließbar – mit Hegels Dialektik der Phänomenologie kontrastiert werden.

Die Arbeit soll sich auf die Minima Moralia und die Phänomenologie des Geistes beschränken. Adornos Negative Dialektik etwa, die für eine adäquate und vollständige Rekonstruktion einer Theorie der Dialektik im Sinne Adornos notwendig ist, soll in dieser Arbeit keine Beachtung finden.

2) Zu Hegels Dialektik

2.1 Hegels Dialektik in der Einleitung der Phänomenologie des Geistes

Die „Darstellung des erscheinenden Wissens“, die Hegel mit seiner Phänomenologie intendiert, erläutert er als einen notwendigen Gang der sich auseinander entwickelnden Bewusstseinsgestalten wie folgt:

Weil nun diese Darstellung nur das erscheinende Wissen zum Gegenstande hat, so scheint sie selbst nicht die freie, in ihrer eigentümlichen Gestalt sich bewegende Wissenschaft zu sein, sondern sie kann von diesem Stanpunkte aus, als der Weg der Seele, welche die Reihe ihrer Gestaltungen, als durch ihre Natur ihr vorgesteckter Stationen durchwandert, dass sie sich zum Geiste läutere, indem sie durch die vollständige Erfahrung ihrer selbst zur Kenntnis desjenigen gelangt, was sie an sich selbst ist.[4]

Die dialektische Methode, mittels derer die „vorgesteckten Stationen durchwandert“ werden, nennt Hegel in Abgrenzung von einem im Nichts endenden Skeptizismus auch „bestimmte Negation“[5]:

Der Skeptizismus, der mit der Abstraktion des Nichts oder der Leerheit endigt, kann von dieser nicht weiter fortgehen, sondern muß es erwarten, ob, und was ihm etwa Neues sich darbietet, um es in denselben leeren Abgrunde zu werfen. Indem dagegen das Resultat, wie es in Wahrheit ist aufgefaßt wird, als bestimmte Negation, so ist damit unmittelbar eine neue Form entsprungen, und in der Negation, der Übergang gemacht, wodurch sich der Fortgang durch die vollständige Reihe der Gestalten von selbst ergibt.

Diese „bestimmten Negation“ erwirkt im Zuge einer epistemischen Genese eine neue Gegenstands- und Wissensauffassung als Resultat der „Umkehrung des Bewußtseins“[6], d. h. als Resultat eines Übergangs, den Hegel „Erfahrung“[7] nennt. „Erfahrung“ macht der Mensch[8] zwar selbst, die strukturelle Enthüllung dieser Erfahrung allerdings ist die „Zutat“[9] des Philosophen.

Die dialektische Methode exemplifiziert Hegel in abstracto mittels der begrifflichen Antagonismen „an sich“ und „für sich“ bzw. „für es“. Das Bewusstsein löst – indem es „etwas von sich [unterscheidet], worauf es sich zugleich bezieht“[10] – den Begriff als das „für es“ von dem Gegenstand als das „an sich“, d. h. es löst das Wissen von der Wahrheit. Diese beiden Momente vergleicht das Bewusstsein miteinander:

Allein gerade darin, daß es überhaupt von einem Gegenstande weiß, ist schon der Unterschied vorhanden, daß ihm etwas das an sich, ein anderes Moment aber das Wissen, oder das Sein des Gegenstandes für das Bewußtsein ist. Auf dieser Unterscheidung, welche vorhanden ist, beruht die Prüfung. Entspricht sich in dieser Vergleichung beides nicht, so scheint das Bewußtsein sein Wissen ändern zu müssen, um es dem Gegenstande gemäß zu machen, […].

Das Bewusstsein glaubt beim Gegenstand die Wahrheit und bei sich das Wissen. Wahrheit und Wissen allerdings sollen kongruieren, also misst das Bewusstsein das Wissen an der vermeintlichen Wahrheit.

Es wird hiermit dem Bewußtsein, daß dasjenige, was ihm vorher das an sich war, nicht an sich ist, oder daß es nur für es an sich war. […] der Maßstab der Prüfung ändert sich, wenn dasjenige, dessen Maßstab er sein sollte, in der Prüfung nicht besteht; und die Prüfung ist nicht nur eine Prüfung des Wissens, sondern auch ihres Maßstabs. […] Allein wie […] gezeigt worden, ändert sich ihm [dem Bewusstsein] dabei der erste Gegenstand; er hört auf, das an sich zu sein, und wird ihm zu einem solchen, der nur für es das an sich ist; somit aber ist dann dies: das für es Sein dieses an sich, das wahre, das heißt aber dies ist das Wesen, oder sein Gegenstand. Dieser neue Gegenstand enthält die Nichtigkeit des ersten, er ist die über ihn gemachte Erfahrung.

Hegels Gedankengang, der die „Umkehrung des Bewußtseins“ in diesem Passus veranschaulicht, lässt sich vielleicht so reformulieren: Das Bewusstsein erkennt, dass die Wahrheit des Gegenstands eine gewusste Wahrheit und somit eine Wahrheit für das Bewusstsein ist. Der betrachtete Baum, um ein Beispiel anzuführen, ist nicht nur Gegenstand mit dem das Bewusstsein sein Wissen vergleicht, nicht nur Objekt, nach dem das Bewusstsein seine Begriffe ausrichtet, sondern zugleich begriffenes bzw. gewusstes Objekt. Der Gegenstand als bloßer Gegenstand wird somit negiert, um einen zweiten gewussten Gegenstand hervorgehen zu lassen, in welchem die Elemente des vom Bewusstsein geschiedenen ‚Ansich’ auch als Elemente des durch das Bewusstsein vom Bewusstsein geschiedenen ‚Ansich’ begriffen werden. Das ‚An sich sein’ wird zum ‚Für es des Ansich’. Der Gegenstand, der zugleich Maßstab sein soll, ändert sich somit, denn er wird zum bewusstseinsabhängigen Gegenstand. Eine Art dialektische Synthese besteht darin, dass die vorher als Antagonismen geschiedene Momente bewusstseins-immanentes Wissen und bewusstseinstranszendentes Wesen zu einem neuen Gegenstand als bewusstseinsimmanentes ‚Für es des Ansich’ – ohne jegliche Transzendenz – aufgehoben werrden:[11] Was zuvor als bewusstseinsunabhängig vom Wissen getrennt wurde, ist nun bewusstseinsabhängig vom Bewusstsein getrennter neuer Gegenstand – entstanden aus der „Nichtigkeit des ersten“[12] Gegenstands, der als negierter aufgehoben bleibt und wird.

In der Einleitung der Phänomenologie wird die dialektische Methode also als Aufhebung von zuerst getrenntem Widersprüch-lichem (‚Für-es’ und ‚An-sich’) zu kombiniertem Unterschiedenem (‚Für es des An-sich’) erläutert[13], wobei das vorher Getrennte als das „Nichts desjenigen, dessen Resultat es ist, aufgefaßt werden müsse.“[14] Die Unterscheidung – nicht aber Trennung – zwischen ‚Für-es’ und ‚An-sich’ bleibt zwar erhalten allerdings in einem neuen und eben nicht als bewusstseinsextern geglaubten ‚An-sich’ bzw. Gegenstand.

Dialektik bedeutet bei Hegel also gewissermaßen Versöhnung bzw. Aufhebung der Antagonismen.

[...]


[1] Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. (ders.: Gesammelte Schriften. Hrsg. von Rolf Tiedemann. Bd. 4.). Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003 (=suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1704). S. 267.

[2] Vgl. G. W. F. Hegel: Phänomenologie des Geistes. Hrsg. von Hans-Friedrich Wessels und Heinrich Clairmont. Hamburg: Meiner 1988 (=Philosophische Bibliothek; Bd. 414). S. 60. „Eh daher der Geist nicht ansich, nicht als Weltgeist sich vollendet, kann er nicht als selbstbewußter Geist seine Vollendung erreichen.“

[3] Selbstverständlich muss man konzedieren, dass Hegel mit dem dialektischen Emporsteigen der Antagonismen weder im epistemischen noch im sittlichen Bereich einen chronologischen, sondern vielmehr einen systematischen und begrifflich organisierten Werdegang präsentiert. Dass es einen notwendigen geschichtlichen Werdegang in Richtung absolutes Wissen gibt – wie im Geist- bzw. Religions kapitel systematisch entwickelt – darf bezweifelt werden. Dazu später mehr.

[4] PhG. S. 60. (PhG = G. W. F. Hegel: Phänomenologie des Geistes. Hrsg. von Hans-Friedrich Wessels und Heinrich Clairmont. Hamburg: Meiner 1988)

[4] Ebd. S. 64.

[5] PhG. S. 62.

[6] Ebd. S. 67.

[7] Ebd. S. 66.

[8] Der Mensch ist hier als Abstraktum gemeint. Die epistemologischen ‚Paradigmenwechsel’ finden eher auf phylogenetischer Stufe statt. Für Explizierung und Systematisierung dieser ‚Umkehrungen’ sorgt Hegel als Philosoph in der Phänomenologie.

[9] PhG. S. 67.

[10] Ebd. S. 64.

[11] Somit geht es bei der von Hegel vorgeführten „Umkehrung des Bewußtseins“ nicht um die Bildung eines neuen Gegenstands jenseits des Erkennens – wie etwa die Kant’sche Setzung des ‚Dings an sich’ –, sondern um die Internalisierung des Gegenstandes in das Bewusstsein. Vgl. hierzu Wolfgang Welsch: Zwei Probleme in Hegels Idealismus. In: Das Interesse des Denkens. Hegel aus heutiger Sicht. München: Fink 2003. S. 247-282. Hier: S. 262-263. „Zwar stimmt es, daß das Bewußtsein die Erfahrung des Ungenügens seines bisherigen Wissens an einem neuen Gegenstand macht, aber es täuscht sich, wenn es meint, dieser Gegenstand sein ein neu entdeckter externer Gegenstand. Der neue Gegenstand geht vielmehr aus einer Erfahrung hervor, welche das Bewußtsein selbst an seinem ersten Gegenstand macht: es widerfährt ihm, daß der diesem zugeschriebene Ansich-Status in Wahrheit schon eine Bewußtseins- Bestimmung war, also Füruns-Charakter hatte. Die Erfahrung dieses Für-das-Bewußtsein-Seins des An-sich und damit eine neuartige, internalistisch veränderte Sicht jenes ersten Gegenstandes – nicht eine äußere Gegenstandserfahrung – bildet den neuen Gegenstand des Bewußtseins.“

[12] PhG. S. 67.

[13] Vgl. zum Begriff der ‚Aufhebung’ etwa Ludwig Siep: Der Weg der »Phänomenologie des Geistes«. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2000 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1475). S. 77.

[14] PhG. S. 67.

Details

Seiten
25
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638729260
ISBN (Buch)
9783638795197
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v74855
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Dialektik Adorno Hegel Minima Moralia

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