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Konjunkturpolitik als Rüstungspolitik - Eine Betrachtung der deutschen Wirtschaftspolitik in den Jahren 1929 - 1939

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 36 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Situation in der Weltwirtschaftskrise 1929 -
2.1. Der „schwarze Freitag“ und die Folgen
2.2. Geschichte der Konjunkturpolitik
2.3. Wirtschaftspolitik am Ende der Weimarer Republik

3. Die wirtschaftspolitischen Konzeptionen der Nationalsozialisten
3.1. Ideologie
3.2. Machtübernahme und Sofortprogramme
3.3. Die „Ära Schacht“ (1933 - 1939)
3.4. Die Finanzierung des Aufschwungs
3.5. Merkmale nationalsozialistischer Wirtschaftspolitik

4. Der Umbau der deutschen Wirtschaft zur Kriegswirtschaft
4.1. Der Weg zur Kriegswirtschaft
4.2. Die Folgen der Aufrüstung

5. Fazit

Anhang

I. Abbildungen

II. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Modernität bezeichnet ganz allgemein formuliert bestimmte charakteristische Merkmale neuzeitlicher Gesellschaftsentwicklung in Abgrenzung zum Tradierten als Überkommenen. Durch diese Definition entzieht sich der Begriff jedoch systematisch einer endgültigen Fixierung.1 Die Greifbarkeit und Feststellbarkeit von Modernität bedarf der Ausgestaltung durch weitere Begriffe, über deren Plausibilität zur Darstellung von Modernität Konsens herrschen muss. Modernität und Modernisierung sind zunächst hochproblematische Begriffe.

Ausgehend von der These Ralf Dahrendorfs (1965) von der „nationa lsozialistischen Revolution der Modernität“2 entfachte sich die Diskussion über die Modernisierungsleistung des Nationalsozialismus. Der von Dahrendorf verwendete Modernisierungsbegriff bleibe jedoch „recht vage“, so ALBER (1989).3 Er stellt wie auch David Schoenbaum (1968) die sozialen Folgen der nationalsozialistischen Herrschaft in den Vordergrund. Beide erklären die „soziale Revolution“4 zum Mittelpunkt vermeintlicher Modernisierungstendenzen. Seit Anfang der 1990er Jahre erlebte die „Frage nach der >>Modernität<< des Nationalsozialismus [...] ein Comeback.“5

Ob der Nationalsozialismus als eine Erscheinung der Moderne zu bewerten ist, kann aufgrund der ambivalenten Entwicklung in der deutschen Gesellschaft nicht ohne weiteres mit Ja oder Nein beantworte t werden. Modernisierungstendenzen im Sinne einer Weiterentwicklung auf organisationaler und technischer Ebene stehen in krassem Gegensatz zu den Entwicklungen auf politischem und kulturellem Gebiet - die technokratisch möglich gemachte Regression in Kriegstreiberei und Genozid.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Wirtschafts- und Konjunkturpolitik Deutschlands in den Jahren von 1929 bis 1939, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933 mehr und mehr als Werkzeug der Aufrüstung zur Kriegsvorbereitung missbraucht wurde. Die Darstellung versucht neben der historischen Entwicklung Impulse der Modernisierung aufzuzeigen und herauszuarbeiten, ob diese genuin von nationalsozialistischer Politik initiiert, gewollt und umgesetzt wurden. Aufgrund des Umfangs und der Komplexität dieses Themas würde eine erschöpfende Darstellung den Rahmen dieser Arbeit sprengen, die daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben kann.

2. Situation in der Weltwirtschaftskrise 1929 - 1933

2.1. Der „schwarze Freitag“ und die Folgen

Die katastrophalen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, die mit dem symbolhaften „schwarzen Freitag“ am 25. Oktober 1929 an der New Yorker Wall Street ihren Lauf nehmen sollten, hatten auch für Deutschland schwerwiegende Folgen. Ökonomisch wie sozial waren die Auswirkungen verheerend. Der Crash führte zu einer massiven Entwertung des Geldes, zum Zusammenbruch von Banken und zur Deflation. Die Deflation bezeichnet einen Überschuss des gesamtwirtschaftlichen Angebots bei kostendeckenden Preisen über die gesamtwirtschaftliche kaufkräftige Nachfrage. Die Ursache ist eine massive Geldentwertung und der Zusammenbruch von Banken. Beide Faktoren setzten eine den Zustand weiter verschlechternde Abwärtsspirale in Gang. Das Vertaue n in das Tauschmittel Geld wurde zerstört. Die Nationen wollten ihre produzierten Güter zwar verkaufen, niemand jedoch wollte kaufen. Der Außenhandel geriet ins Stocken und die auf Arbeitsteilung ausgerichtete Weltwirtschaft wurde ihrer Märkte beraubt. Die Umlaufgeschwindigkeit des noch vorhandenen Geldes verlangsamte sich drastisch und konnte nur kaum produktiv wirksam werden.6 Folgen waren Inflation und Arbeitslosigkeit. Das Geld war nichts mehr wert und aufgrund der ausbleibenden Nachfrage wurde auch nichts mehr produziert. Die daraus resultierende massive Arbeitslosigkeit lähmte wiederum die private Nachfrage und ruinierte den Staatshaushalt.

Die tiefe Depression jener Zeit hatte tiefgreifende politische, soziale wie auch wirtschaftstheoretische Folgen. Ein Drittel der in Deutschland wirtschaftlich verfügbaren Arbeitskräfte waren (wurden) arbeitslos. Die Kapazität der industriellen Produktion lag fast zur Hälfte brach. Mangelnde Einsicht in die Notwendigkeit staatlicher Interventionen und einer staatlichen Konjunkturpolitik zugunsten einer Deflationspolitik und der als vorrangig bewerteten Bezahlung der enormen Lasten durch anhaltende Reparationszahlungen, die aus dem Vertrag von Versailles resultierten, bestimmten den Einsatz staatlicher Mittel.7 Der nachhaltige Boykott deutscher Waren im Ausland ließ die Produktion der Exportwirtschaft zusätzlich stagnieren.

2.2. Geschichte der Konjunkturpolitik

Die „unsichtbare Hand“ des freien Marktes und das eigennützige Handeln der Wirtschaftssubjekte sollte n zu einem Zustand der Harmonie der ganzen Wirtschaft führen. Aus diesem zentralen Gedanken des englischen Nationalökonomen und Philosophen Adam Smith (1723 - 1790) wurde die Forderung weitgehender Nicht- Intervention des Staates in das Wirtschaftsleben abgeleitet. Insbesondere aufgrund der Weltwirtschaftskrise von 1929 - 1932 änderte sich jedoch zunehmend dieser Konsens liberaler Traditionalisten hin zur Einsicht über die Notwendigkeit antizyklischer staatlicher Eingriffe in das Wirtschaftsgeschehen jenseits von Zoll- und Handelspolitik. Jener Glaube an die selbstregulierenden Kräfte ökonomischer Systeme mag uns aus heutiger Sicht naiv vorkommen. Das zögerliche Eingreifen der Politik in den Marktmechanismus seinerzeit gar verantwortungslos.8

Doch es gab bis Ende der 1920er Jahre tatsächlich keine wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse über Sinn, Nutzen und Notwendigkeit staatlicher Interventionen.9

Eine Politik des staatlichen Interventionismus etablierte sich erst nur langsam seit Mitte der 1920er Jahre. Ihr bis heute prominentester Vertreter war John Maynard Keynes (1883 - 1946), der mit seinem Werk „General Theory of Employment, Interest and Money“ (1936) neue Maßstäbe in der ökonomischen Theorie setzte.

Keynes war es auch, der die aus dem 1. Weltkrieg resultierenden Reparationsforderungen an Deutschland für nicht vertretbar hielt („The Economic Consequences of Peace“, 1919). Er leitete zwar als Berater des britischen Schatzamtes dessen Delegation auf der Friedenskonferenz von Versailles, konnte aber seine Position nicht durchsetzen. 1922 forderte er eine Revision der Versailler Verträge („A Revision of the Treaty“, 1922).

Der nach Meinung mancher Ökonomen wichtigste Bestandteil der Keynes’schen Lehre ist das Multiplikatormodell.10 11 Es beschreibt die Auswirkungen staatlicher Interventionen im Wirtschaftskreislauf, wonach jede eingesetzte Währungseinheit, durch den Staat in Umlauf gebracht, mehrfach produktiv wirksam wird. Vertreter wie Wilhelm Lautenbach aus dem Reichswirtschaftsministerium kamen scho n 1931 und vermeintlich ohne Kenntnis der Keynes’schen Lehre zu diesem Ergebnis.12

Bereits die Wirtschaftskrise der Jahre 1925/26 veranlasste den damaligen Reichskanzler Luther und seinen Arbeitsminister Brauns, über eine Belebung der Konjunktur durch direkte staatliche Eingriffe nachzudenken. Der Niedergang der Wirtschaft in den Jahren 1925/26 war mehr als eine „Reinigungskrise“, die liberale Traditionalisten als einen natürlichen Selektionsprozess einer sich von selbst regulierenden Ökonomie ansahen. Das Ausmaß der Krise und die Anzahl der von der Konkurswelle Betroffenen veranlasste die Regierung Luther zu einer aktiven und konjunkturbeeinflussenden Politik, die im Sommer 1926 nochmals finanziell verstärkt wurde und sich „zu einem Arbeitsbeschaffungsprogramm verdichtete.“13

Eingriffe des Staates in das wirtschaftliche Geschehen waren zwar nicht unbekannt, doch beschränkten sie sich bis dato hauptsächlich auf die Handels-, Zoll- und Steuerpolitik, wobei die Erhebung der „Steuern nicht aus konjunkturpolitischen, sondern ausschließlich aus fiskalischen Gründen“ bemessen wurde.14

2.3. Wirtschaftspolitik am Ende der Weimarer Republik

Die Wirkungen einer antizyklischen Finanzpolitik waren spätestens seit dem Kabinett Luther bekannt. Reichskanzler Brüning verfügte also über ein bereits vorhandenes Instrumentarium aktiver konjunkturpolitischer Eingriffsmöglichkeiten, als er im April 1930 das Amt übernahm. Seine harte Deflationspolitik jedoch war dem Primat der Reparationszahlungen untergeordnet. Die Bekämpfung der wirtschaftlichen Krise durch den Einsatz staatlicher Finanzmittel wurde von Brüning als zweitrangig eingestuft. Nicht die wirtschaftstheoretische Unkenntnis von Brüning und seinen Zeitgenossen, sondern vielmehr seine „Fixierung auf die Reparationsfrage wird als ein Fehler gedeutet, der das deutsche Volk in soziales Elend und politischen Radikalismus gestürzt habe [...].“15

Eine Ausweitung des sogenannten Staatskonsums verhinderten die Regierungschefs der Weimarer Republik wegen der inflatorischen Wirkung staatlicher Geld- und Kreditschöpfung. Die Wirkung der von der Regierung Brüning beschlossenen halbherzigen staatlichen Konjunkturmaßnahmen sorgten für keine wirtschaftliche Erholung. Im Jahre 1932 beschloss seine Regierung ein „mageres“ Arbeitsbeschaffungsprogramm in Höhe von nur 135 Millionen Reichsmark (RM).16 Ende Mai 1932 wurde Brüning gestürzt. Die Erkenntnis setzte sich durch, „daß eine radikale wirtschaftspolitische Neuorientierung unerlässlich sei“.17 Das Brüning- Programm wurde im September 1932 auf 304 Mio. Reichsmark ausgeweitet. Nach dem Sturz Brünings legte die Regierung von Papen im Oktober 1932 ein Konjunkturprogramm in Höhe von bis dahin nie da gewesenen 2,5 Milliarden Reichsmark auf.18

Durch Arbeitsbeschaffungswechsel wurde eine Vorfinanzierung der Arbeit als Anleihe auf die Zukunft, ohne gleichzeitig inflatorisch wirksam zu werden, ermöglicht. Durch vermehrten Staatskonsum sowie mittels zahlreicher weiterer Anreize versuchte der Staat die Initialzündung für neue, zivile Investitionstätigkeiten herbeizuführen.

Doch stellte sich die wirtschaftliche Erholung nur langsam ein. „Die Pferde wurden ans Wasser geführt, aber sie wollten nicht saufen.“19 Die Anfang Dezember 1932 gebildete Regierung Schleicher hielt an den Konjunkturprogrammen der von Papen Administration fest. Als zentralen Programmpunkt des Regierungsprogramms verkündete Schleicher in seiner Regierungserklärung vom 15. Dezember 1932 über den Rundfunk denn auch: „Arbeit schaffen.“20

Mit der Konjunkturpolitik der Regierungen von Papen/Schleicher kam es zum Umbruch in der deutschen Finanz- und Wirtschaftspolitik. „Geldschöpfung und direkte Staatsintervention wurden erstmals in Deutschland als Instrumente einer aktiven Konjunkturpolitik eingesetzt.“21

Nach dem Zwischenspiel von 1926 war dies der erste großangelegte Versuch staatlicher Konjunktur- und Arbeitbeschaffungspolitik.22

3. Die wirtschaftspolitischen Konzeptionen der Nationalsozialisten

3.1. Ideologie

Im Februar 1920 entwarfen Gottfried Feder und Adolf Hitler das 25 Punkte Programm der NSDAP, welches die Eckpunkte nationalsozialistischer Politikziele manifestierte und „unabänderlich“ Bestand haben sollte.23 Sowohl die finanz- als auch die wirtschaftspolitischen Teile des Programms von 1920 entbehrten großer wegweisender Ideen. Das Programm war ein Sammelsurium von Propagandaparolen verschiedenster Parteien und Interessensgruppen.

Antikapitalistische, antisemitische, aber auch bürgerlich-konservative Elemente wurden übernommen und vermengt zu einem „Schnürleib kleinbürgerlichspießerlicher Weltanschauung“, so BOELCKE (1983).24

Antikapitalistische Elemente entsprachen der Stimmung jener Zeit. So wird in Punkt 11 die „Brechung der Zinsknechtschaft“ genannt, die nichts anderes forderte als die Abschaffung des Zinssystems. Diese Forderung zeugte eher von wirtschaftspolitischer Inkompetenz denn von positiven Neuerungen, da gleichzeitig nicht verraten wurde, wie eine Wirtschaft ohne Zins, Kredit, Anleihe und Sparkapitalbildung funktionieren sollte. Die Punkte 12 - 14 forderten die „restlose Einziehung aller Kriegsgewinne“, die „Verstaatlichung aller (bisher) bereits vergesellschafteten (Trusts) Betriebe“ und „Gewinnbeteiligung an Großbetrieben.“ Bei der Mittelstandsförderung zeigte sich das Programm „wachstumsfeindlich, frühsozialistisch und antimodernistisch“25, unter anderem durch die Forderung nach „Kommunalisierung“ und Abschaffung der „Großwarenhäuser“. Weiterhin forderte Punkt 16 die „schärfste Berücksichtigung aller kleinen Gewerbetreibenden“ bei öffentlichen Lieferungen. Punkt 17 forderte eine Bodenreform und war ein Freibrief zur „unentgeltlichen Enteignung von Boden für gemeinnützige Zwecke.“26

Wirtschaftswachstum oder die Steigerung des Bruttosozialprodukts (BSP), bzw. des Pro-Kopf-Einkommens einer Volkswirtschaft sind sicherlich Indikatoren für Modernisierung.27 Die Forderungen des 25 Punkte Programms implizieren jedoch potentiell wachstumsfeindliche Auswirkungen, da private Investitionen unter diesen Bedingungen nicht oder nur bedingt stattfinden und entsprechend weder konjunkturell noch produktiv wirksam werden können.

So führte die Forderung nach einer Bodenreform zu Protesten und Hitler musste 1928 die Erklärung abgegeben, dass die NSDAP auf dem Boden des Privateigentums stehe und der Enteignungspassus sich in erster Linie gegen jüdische Grundstücksspekulationsgesellschaften richte.28

Das 25 Punkte Programm war eher Ausdruck der Ideologie einer Protestpartei als staatstragende Reformidee. Wirtschaftspolitisch war es weder fundiert noch umsetzbar und lässt Rückschlüsse auf die wirtschaftspolitische Kompetenz der Nationalsozialisten zu.

Erst ab 1931 begann die Partei mit der Entwicklung einer „neuen nationalsozialistischen Wirtschaftsordnung.“29 Der Leiter der neu gegründeten „wirtschaftspolitischen Abteilung“ (WPA) der NSDAP war Otto Wagener. Das von ihm erdachte Konzept einer „Sozialwirtschaft“ hatte für die späteren Entwicklungen kaum Relevanz. Auch konstatiert er, „daß sein Wirtschaftsprogramm nur Stückwerk sein konnte, da er alle Themen vermeiden musste, >>für die uns Hitler Stillschweigen auferlegt hatte<<.“30 „Als einer der wenigen dokumentarischen Belege der wirtschaftspolitischen Vorarbeiten im Rahmen der WPA“ gilt ein Dokument vom 05. März 1931 mit dem Titel: „Entwurf: Wirtschaftspolitische Grundanschauungen und Ziele der NSDAP.“ Die anscheinende Gemeinschaftsarbeit der WPA belegt wie kaum ein anderes Dokument „so früh und eindeutig“ den „späteren Staatsdirigismus der Wirtschaft“ bspw. durch die Erklärungen, >>die Volkswirtschaft ist der Staatskunst untertan<< und daß >>nationalsozialistische Wirtschaftsführung ... die durch staatliche Überwachung und Leitung gewährleistete Herrschaft des völkischen Gemeinschaftsgedankens in der Volkswirtschaft<< bedeutet.“31

Das 25 Punkte Programm aus dem Jahre 1920 als auch dieser Entwurf der WPA stützen die offensichtlich nachrangige Bedeutung der Wirtschaftspolitik für Hitler. Die Blut- und Bodenpolitik Hitlers, die eine gewisse Affinität zu seinem vermeintlichen Vorbild Bismarck erkennen lässt32, äußert sich vorrangig durch Strategien zur politischen Ausschaltung von Gegnern im In- und Ausland. Dabei ist für Hitler der Krieg ein legitimes Mittel zur Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln.33

„Erst dann, wenn man begreift, daß auch hier der Wirtschaft nur die zweite oder gar die dritte Rolle zufällt und politischen, sittlich-moralischen sowie blutsmäßigen Faktoren die erste, wird man zu einem Verstehen der Ursachen des heutigen Unglücks kommen und damit auch die Mittel und Wege zu einer Heilung zu finden vermögen.“34 Dass Hitlers „Mittel und Wege zu einer Heilung“ moderne wirtschaftstheoretische Erkenntnisse gewesen sind, darf bezweifelt werden. Auch das zweite Kapitel seines zweiten Buches: „Der Kampf, nicht die Wirtschaft sichern das Leben“, bekräftigen die untergeordnete Bedeutung der Wirtschaft für Hitler.35

Die Schrift „Aufbau einer Nation“ (1933) von Hermann Göring36 lässt ebenfalls erkennen, dass die Bedeutung der Wirtschaftpolitik für hohe Funktionäre der nationalsozialistischen Partei eine untergeordnete Rolle spielte. Der Titel veranlasst zur Vermutung, dass sich der damalige Ministerpräsident Preußens und spätere Reichswirtschaftsminister aufgrund der Wirtschaftskrise dieser Zeit auch explizit mit der Problematik der Wirtschafts- und Konjunkturpolitik und deren Finanzierung auseinander setzte. Nicht nur der Titel des Buches; auch die staatstragende Funktion seiner Person würde das erwarten lassen. Doch im Gegenteil kommt die Schrift nicht über an dumpfe nationalistische und rassistische Urängste rührende Plattitüden hinaus. Görings Buch ohne jegliche wissenschaftliche Fundierung und Programmatik ist ein Zeugnis des intellektuellen nationalsozialistischen Unvermögens nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiet.

3.2. Machtübernahme und Sofortprogramme

So ist es nicht verwunderlich, dass das 25 Punkte Programm der NSDAP nach Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933 zum „Grundgesetz des Staates“ erklärt wurde.37 Trotz Kritik am System warteten die NS-Ideologen bis zum Frühjahr 1932 mit keinem Arbeitsbeschaffungsprogramm von Bedeutung auf.38 Ursache dafür war nicht nur ihr wirtschaftstheoretisches Unvermögen, sondern vor allem der unbedingte Vorrang der politischen Ideologie vor der Wirtschaft in Hitlers Weltanschauung. Hitler war der Ansicht, eine Wiedergenesung Deutschlands sei nicht von der Wirtschaft zu erwarten.

[...]


1 Koch, Volker; Milles, Joachim: Art. „Modernität“, in: Fuchs-Heinritz, Werner; Lautmann, Rüdiger; Rammstedt, Otthein; Wienold, Hans (Hg.): „Lexikon zur Soziologie.“ 3., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Opladen, 1994, S. 447 - 448.

2 Dahrendorf, Ralf: „Das nationalsozialistische Deutschland und die soziale Revolution“, in: ders.: „Gesellschaft und Demokratie in Deutschland.“ 2. Auflage, München 1972, S. 425.

3 Zur Kritik an Dahrendorf/Schoenbaum siehe u. a.: Alber, Jens: „Nationalsozialismus und Moderni- sierung“, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Nr. 41, 1989, S. 346 - 365.

4 Zur unterschiedlichen Bedeutung des Begriffes siehe u. a.: Ebda..

5 Frei, Norbert: „Wie modern war der Nationalsozialismus?“, in: Geschichte und Gesellschaft Nr. 19, 1993, S. 367.

6 Einzelheiten zu wirtschaftstheoretischen Fachbegriffen in: Sellien, Reinhold; Sellien, Helmut (Hg.): „Gabler Wirtschafts-Lexikon.“ 12., vollst. neu bearb. u. erw. Aufl., Wiesbaden 1988.

7 Siehe u. a.: Neebe, Reinhard: „Großindustrie, Staat und NSDAP 1930 - 1933. Paul Silverberg und der Reichsverband der Deutschen Industrie in der Krise der Weimarer Republik.“ Göttingen 1981 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Band 45), S. 111 f.

8 Erläutert beispielhaft an der Politik Brünings in: Hertz-Eichenrode, Dieter: „Wirtschaftskrise und Arbeitsbeschaffung. Konjunkturpolitik 1925/26 und die Grundlagen der Krisenpolitik Brünings.“ Frankfurt am Main 1982, S. 235.

9 Ausführliche Erläuterungen zur Wirtschaftstheorie der 20er und 30er Jahre in: Boelcke, Willi A.: „Die deutsche Wirtschaft 1930 - 1945. Interna des Reichswirtschaftsministeriums.“ Düsseldorf 1983, S. 6 f.

10 Boelcke, Willi A.: „Die deutsche Wirtschaft 1930 - 1945. Interna des Reichswirtschaftsministeriums“, S. 8.

11 Das Multiplikatormodell ist u. a. erläutert in: Samuelson, Paul A.; Nordhaus, William D.: „Volkswirtschaftslehre“ - Übersetzung der 15. amerikanischen Auflage. Mit einem Vorwort von Carl Christian von Weizsäcker. Studienausgabe, Wien 1998, S. 517 - 536.

12 Mehr zur Theorieentwicklung in Deutschland in: Barkai, Avraham: „Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus. Der historische und ideologische Hintergrund 1933 - 1936.“ Köln 1977 (= Bibliothek Wissenschaft und Politik Band 18), S. 54.

13 Hertz-Eichenrode, Dieter: „Wirtschaftskrise und Arbeitsbeschaffung. Konjunkturpolitik 1925/26 und die Grundlagen der Krisenpolitik Brünings.“ Frankfurt am Main 1982, S. 247 f.

14 Ebda., S. 209.

15 Ebda., S. 235.

16 Boelcke, Willi A.: „Die deutsche Wirtschaft 1930 - 1945. Interna des Reichswirtschaftsministeriums“, S. 22.

17 Ebda., S. 24.

18 Ebda., S. 27.

19 Ebda., S. 27.

20 Dülffer, Jost: „Deutsche Geschichte 1933 - 1945. Führerglaube und Vernichtungskrieg.“ Stuttgart 1992, S. 30.

21 Boelcke, Willi A.: „Die deutsche Wirtschaft 1930 - 1945. Interna des Reichswirtschaftsministeriums“, S. 29.

22 Vergleiche hierzu: Hertz-Eichenrode, Dieter: „Wirtschaftskrise und Arbeitsbeschaffung. Konjunkturpolitik 1925/26 und die Grundlagen der Krisenpolitik Brünings“, S. 253.

23 Vergleiche hierzu: Billung, K.: „N.S.D.A.P. - Die Geschichte einer Bewegung.“ München 1931, S. 145 - 150.

24 Boelcke, Willi A.: „Die deutsche Wirtschaft 1930 - 1945. Interna des Reichswirtschaftsministeriums“, S. 31.

25 Boelcke, Willi A.: „Die deutsche Wirtschaft 1930 - 1945. Interna des Reichswirtschaftsministeriums“, S. 30.

26 Auszüge aus dem 25 Punkte Programm der NSDAP, in: Billung, K.: „N.S.D.A.P. - Die Geschichte einer Bewegung“, S. 145 - 149.

27 Zum Modernisierungsindikator Pro-Kopf-Einkommen mehr in: Alber, Jens: „Nationalsozialismus und Modernisierung“, S. 349; Zum Modernisierungsindikator BSP: Rammstedt, Otthein: „Modernisierung“, in: Fuchs-Heinritz, Werner; Lautmann, Rüdiger; Rammstedt, Otthein; Wienold, Hans (Hg.): „Lexikon zur Soziologie“, S. 447.

28 Boelcke, Willi A.: „Die deutsche Wirtschaft 1930 - 1945. Interna des Reichswirtschaftsministeriums“, S. 30 - 31.

29 Barkai, Avraham: „Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus. Der historische und ideologische Hintergrund 1933 - 1936“, S. 33.

30 Dieser Komplex ist ausführlich diskutiert in: Ebda., S. 31 - 37.

31 Ebda., S. 35.

32 Das Verhältnis Hitler/Bismarck wird angedeutet in: Zitelmann, Rainer: „Hitler - Selbstverständnis eines Revolutionärs.“ Hamburg 1987, S. 164 - 167.

33 Siehe belegend: Hitler, Adolf: „Hitlers Zweites Buch.“ Ein Dokument aus dem Jahr 1928. Eingeleitet und kommentiert von Gerhard L. Weinberg. Mit einem Geleitwort von Hans Rothfels. Stuttgart 1961 (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Band 7), S. 61.

34 Hitler, Adolf: „Mein Kampf.“ Zwei Bände in einem Band, 419. - 423 Aufl., München 1939, S. 247.

35 Hitler, Adolf: „Hitlers Zweites Buch“, S. 53 - 62.

36 Siehe: Göring, Hermann: „Aufbau einer Nation.“ 2. Auflage, Berlin 1934.

37 Vergleiche u. a.: Boelcke, Willi A.: „Die deutsche Wirtschaft 1930 - 1945. Interna des Reichswirtschaftsministeriums“, S. 29.

38 Barkai, Avraham: „Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus. Der historische und ideologische Hintergrund 1933 - 1936“, S. 36.

Details

Seiten
36
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638147286
ISBN (Buch)
9783638743402
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7468
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Fachbereich Geschichte
Note
1,3
Schlagworte
Nationalsozialismus Modernisierung Wirtschaftstheorie Konjunkturpolitik Rüstungspolitik

Autor

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