Lade Inhalt...

Das Deutsche Rote Kreuz während der nationalsozialistischen Diktatur

Hausarbeit 2006 45 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

ZUSAMMENFASSUNG

1. KURZE GESCHICHTE DES ROTEN KREUZES BIS 1918
1.1 Gründung des Roten Kreuzes
1.2 Das Rote Kreuz im Ersten Weltkrieg

2. ÜBERBLICK ÜBER DIE WIRTSCHAFTLICHE, GESELLSCHAFTLICHE UND POLITISCHE SITUATION IN DEUTSCHLAND VOR UND WÄHREND DER NATIONALSOZIALISTISCHEN DIKTATUR
2.1 Die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Situation in Deutschland von der Weltwirtschaftskrise bis zum Ende der Weimarer Republik
2.2 Die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Situation in Deutschland von 1933-1945

3. DAS DRK UND SEINE ENTWICKLUNG ZU BEGINN DES NATIONALSOZIALISMUS IN DEUTSCHLAND
3.1 Die Gründung des Deutschen Roten Kreuzes
3.2 Vom Verein zur nationalsozialistischen Organisation
3.2.1 Ausgangssituation
3.2.2 Die schrittweise Eingliederung des DRK
in das nationalsozialistische System
3.2.3 Die Gleichschaltung
3.2.3.1 Die Selbstgleichschaltung des DRK
3.2.3.2 Die Gleichschaltung durch staatliche Kräfte

4. DRK UND SS
4.1 Die DRK-Funktionäre der SS
4.1.1 Allgemeine personelle Verbindungen und Vorteile für das DRK
4.1.2 Die führenden DRK-Funktionäre der SS
4.1.2.1 Dr. Ernst-Robert Grawitz und Oswald Pohl
4.1.2.2 Weitere SS-Führer
4.1.3 Die Ämter im SS-Dienst des DRK-Präsidiums
4.1.3.1 Das Führungsamt (Amt I)
4.1.3.2 Das Personalamt (Amt II)
4.1.3.3 Das Presse- und Werbeamt (Amt V)
4.1.3.4 Das Amt für Schwesternschaften (Amt VI)
4.1.3.5 Das Amt Auslandsdienst (Amt VII)
4.1.4 Veränderungen innerhalb des DRK durch die SS
4.1.4.1 Die Hausverfügung vom 29.07.1937
4.1.4.2 Das Gesetz über das DRK vom 09.12.1937
4.1.4.3 Die Satzung des DRK vom 24.12.1937
4.2 Die finanzielle und materielle Ausnutzung des DRK durch die SS
4.2.1 Millionendarlehens
4.2.2 Drei weitere kurze Beispiele für die Ausnutzung des DRK durch die SS
4.3 Fazit

5. DAS DRK WÄHREND DES ZWEITEN WELTKRIEGES
5.1 Das DRK zum Zeitpunkt des Kriegsbeginns
5.2 Aufgaben des DRK während des Krieges
5.3 Deutschland in den Jahren 1939-1945
5.3.1 Geschichtliche Eckdaten
5.3.2 Alltagsleben der Bevölkerung
5.4 Die Entwicklung des DRK zwischen 1939 und 1945, dargestellt am Beispiel des Jeverlandes und Varels/Friesische Wehde
5.5 Versagen des DRK im Krieg – ein kurzes Beispiel

6. DAS DRK UND DER HOLOCAUST
6.1 Allgemeine Anmerkungen und die Rolle des IKRK
6.2 Die Legitimation der Konzentrationslager gegenüber des IKRK
6.3 Die Hauptverantwortlichen und ihre Verbrechen
6.3.1 Ernst-Robert Grawitz
6.3.2 Oswald Pohl
6.4 Kurzes Fazit

7. NEUORDNUNG DES DRK NACH DEM ZWEITEN WELTKRIEG UND KURZE GESCHICHTE DES DRK BIS HEUTE
7.1 Die Neuordnung des DRK nach dem Zweiten Weltkrieg
7.2 Kurze Geschichte bis heute

8. DAS DEUTSCHE ROTE KREUZ UND SEINE BEDEUTUNG FÜR DIE SOZIALE ARBEIT

9. RESÜME

LITERATURVERZEICHNIS

ZUSAMMENFASSUNG

Welche Rolle spielte das Deutsche Rote Kreuz während der nationalsozialistischen Diktatur? Welche Aufgaben hatte das Deutsche Rote Kreuz während dieser Zeit und wie entwickelte es sich? Und wie verhielten sich v.a. die führenden Mitglieder des DRK? Diese Fragen werden in den folgenden Ausführungen behandelt. Dabei wird v.a. auf die Entwicklung des Deutschen Roten Kreuzes eingegangen, sowie auf seine Aufgaben. Aber auch die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation in den Jahren von 1933-1945 wird dargestellt. Ein Überblick über das Geschehen im Deutschen Roten Kreuz und durch das Deutsche Rote Kreuz während der nationalsozialistischen Diktatur wird Ergebnis dieser Arbeit sein.

1. KURZE GESCHICHTE DES ROTEN KREUZES BIS 1918

1.1 Gründung des Roten Kreuzes

„Im Juni 1859 wird der 31jährige Genfer Bürger Henry Durant Zeuge der Schlacht von Solferino, die zur Befreiung Oberitaliens von der österreichischen Herrschaft führt.“1 Dieses Ereignis ist für den jungen Mann wie ein Ruf Gottes und er stellt sich immer wieder die Frage, ob es nicht möglich wäre eine internationale Übereinkunft treffen zu können, die es den verschiedenen Ländern in Friedenszeiten ermöglicht Hilfsorganisa­tionen für Kriegsverletzte zu gründen.2 Am 26. Oktober 1863 wird die Genfer Konferenz mit 31 Persönlichkeiten eröffnet, die 16 Regierungen vertraten.3 „Am 29. Oktober 1863 fasst die Genfer Konferenz jene zehn Beschlüsse, welche die Internationale Bewegung des Roten Kreuzes ins Leben gerufen haben.“4 Als Zeichen des Roten Kreuzes sollen die freiwilligen Krankenpfleger eine weiße Armbinde mit rotem Kreuz tragen.5 Das Rote Kreuz ist zunächst eine Organisation, die in Friedenszeichen die Helfer und Helferin­nen ausbilden soll und in Kriegszeiten den militärischen Führern unterstellt ist.6 Somit besteht die Hauptaufgabe der Helfer und Helferinnen des Roten Kreuzes darin, Kriegs­verletzte zu versorgen.

1.2 Das Rote Kreuz bis 1914

Auf deutschem Gebiet wird noch vor der Gründung des Deutschen Reiches 1871, am 20.04.1869 eine Art Dachverband gebildet, das sich „Centralkomitee der Deutschen Vereine für Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger“ nennt.7 „Ab Dezember 1879 nennt es sich dann ‚Centralkomitee der Deutschen Vereine vom Roten Kreuz’.“8 Die erste „Kriegssanitätsordnung vom 10. Januar 1878“ legt fest, dass zwar generell eine Freiwilligkeit der Krankenpflege im Kriege bestehe, allerdings höre die Freiwilligkeit in dem Moment auf, „in dem der Freiwillige im Kriegsgebiet in Tätigkeit tritt.“9 Erst am 27. Januar 1907 gibt es eine Neufassung der „Reichs-Kriegs-Sanitäts­ordnung“, in der die militärischen Aufgaben klar von der freiwilligen Krankenpflege getrennt werden.10 Nach 1884 finden mehrere Konferenzen des IKRK (Internationales Komitee vom Roten Kreuz) statt, in denen nun auch die Hilfe bei Naturkatastrophen und Epidemien Themen waren.11

Es gibt innerhalb des Roten Kreuzes sowohl Frauen- als auch Männervereine.12

1.3 Das Rote Kreuz im Ersten Weltkrieg

Im Ersten Weltkrieg verfügt das Rote Kreuz in Deutschland über 1007 Männerzweigvereine mit 195000 Mitgliedern.13 Es werden Lazarette für Verwundete eingerichtet und diese dort versorgt.14 Außerdem werden sehr viele Spenden, in Form von Nahrungsmitteln und Geldern für die Lazarette gesammelt.15

Auch Frauen werden für die Versorgung der Verwundeten dringend gesucht und beworben, wie auch Wilma Ruediger berichtet, die mit 20 Jahren eine Ausbildung zur Krankenschwester beginnen darf, nachdem der Erste Weltkrieg ausgebrochen ist.16 Dennoch gibt es viel zu wenige Frauen, die für die Versorgung der Verwundeten zur Verfügung standen.17

2. ÜBERBLICK ÜBER DIE WIRTSCHAFTLICHE, GESELLSCHAFTLICHE UND POLITISCHE SITUATION IN DEUTSCHLAND VOR UND WÄHREND DER NATIONALSOZIALISTISCHEN DIKTATUR

2.1 Die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Situation in Deutschland von der Weltwirtschaftskrise bis zum Ende der Weimarer Republik

Nach der Weltwirtschaftskrise 1929 ist Deutschland, wie auch viele andere Länder finanziell und wirtschaftlich am Boden.18 „Im ersten Quartal des Jahres 1930 erreicht die Arbeitslosigkeit mit 3,4 Millionen gemeldeten Erwerbslosen einen neuen Höchststand.“19 Im Dezember des Jahres 1932 gibt es im Deutschen Reich 5772984 Arbeitslose.20 Im Januar 1933 sind es sogar über sechs Millionen Arbeitslose.21 Das Volkseinkommen beläuft sich im Jahre 1932 auf nur 71 Mark pro Einwohner und Jahr.22 Die Menschen werden zunehmend unzufriedener und das wirkt sich natürlich auch auf die Politik aus.

Die Weimarer Republik ist demokratisch, doch große Teile der Bevölkerung sehen in der Demokratie „ein System der Lüge, Schwachheit, Machtlosigkeit.“23 Die Menschen sehen zudem ein Staat, der ihrer Meinung nach aus Parlamentarismus, Korruption und Verelendung bestünde, ein Polizeistaat, der sich vor dem eigenen Volke schützen müsse.24 Außerdem ist die politische Instabilität sehr deutlich erkennbar, denn am 18.07.1930 wird das Parlament aufgelöst und „markierte damit [hinzugefügt durch S.R.] in gewisser Weise das Ende der Weimarer Republik.“25 Es wenden sich viele Menschen den rechts- und linksextremistischen Parteien und ihrem Gedankengut zu und es ist nicht mehr verwunderlich, dass im Juli 1932 die NSDAP den Wahlsieg davontrug und Adolf Hitler am 30.01.1933 zum Reichskanzler ernannt wird.26 Die Kommunisten vertreten die Arbeiterklasse und setzen sich vor allem für das Klassenbewusstsein ein, sind aber genauso demokratiefeindlich wie die Nationalsozialisten.27 „Allerdings waren diese die Nationalsozialisten [hinzugefügt durch S.R.] durch spezifisch deutsche, autoritäre Traditionen und den damit zusammenhängenden stärkeren Rückhalt bei der Bevölkerung und nicht zuletzt im öffentlichen Dienst eher begünstigt.“28

2.2 Die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Situation in Deutschland von 1933-1945

Mit der Machtübernahme der NSDAP wird die wirtschaftliche Situation in Deutschland zunehmend besser. Schon im Januar 1934 gibt es über zwei Millionen Arbeitslose weniger (3,773 Millionen) als im Januar 1933 (6,014 Millionen).29 Es wird wieder investiert und Arbeitsplätze werden geschaffen. Allerdings „gab Hitler im Reichskabinett der Wehrmachtfinanzierung den Vorrang vor zivilen Projekten und erklärte, daß alle öffentlichen Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung grundsätzlich der >>Wehrhaftmachung<< zu dienen hätten.“30 Dennoch vervierfacht sich der Geldkapitalzuwachs von 1939 bis 1944 von 19 auf 80 Milliarden Reichsmark.31 Aber auch die Reichsschuld vervielfachte sich, und zwar von 27,24 Milliarden Reichsmark 1939 auf 387,90 Milliarden Reichsmark 1945, womit Deutschland am Ende des Krieges wirtschaftlich noch viel schlechter situiert ist, als während der Weltwirtschaftskrise.32

Vor allem in den Jahren von 1933 bis 1939 geht es den meisten Menschen in Deutschland sozial sehr gut. Die Arbeitnehmer erhalten festgesetzte Löhne, können Lohnerhöhungen durchsetzen, leisten mehr und in jedem Haushalt gibt es ein bis zwei Erwerbstätige.33 Die Rolle der Frau in der Arbeitswelt beschränkt sich zunächst vor allem auf den Mutterdienst.34 Erst 1936 können Frauen wieder vermehrt arbeiten gehen, „um die eingezogenen Männer in Landwirtschaft und Industrie zu ersetzen.“35 Das Motto insgesamt lautet allerdings: „Natürlich müsse man während des Krieges die Frauen zur Arbeit heranziehen, aber in Friedenszeiten gelte es, sie aus den Betrieben herauszunehmen, damit sie sich ganz der Familie widmen könnten.“36

Auch für die Jugend ist gesorgt. In der Staatjugendorganisation der Hitler-Jugend werden die jungen Menschen vereinigt.37 Sie hat Totalitätsanspruch im außerschulischen Bereich und übernimmt damit auch die Funktionen und Bereiche der Jugendarbeit.38 „Für etliche Millionen Jungen und Mädchen in Deutschland zwischen 1933 und 1945 war die Hitler-Jugend neben Familie und Schule die entscheidende Sozialisationsinstanz.“39 Zur HJ gehören das „Deutsche Jungvolk“, die eigentliche „Hitlerjugend“, die „Jungmädel“ und der „Bund deutscher Mädel“.40 In diesen Zweigen der HJ werden die Jungen vor allem auf den Kriegsdienst vorbereitet und die Mädchen auf den Mutterdienst, wobei während des Krieges Mädchen u.a. auch als Waffen-SS-Helferinnen eingesetzt werden.41

Mit dem nationalsozialistischen System beginnt für einige Bevölkerungsschichten jedoch eine Zeit der Verfolgung, Unterdrückung und Ermordung. Vor allem die Juden haben unter dem Regime zu leiden: Im April 1933 werden Juden von den Hochschulen zurückgedrängt, im November 1938 ist die sogenannte „Reichskristallnacht“ und Zwangsarisierungen von Betrieben werden durchgeführt, im Oktober 1939 gibt es die ersten Judendeportationen aus Österreich und der Tschechoslowakei und bis 1945 werden die Juden in den Konzentrationslagern gefoltert, ausgebeutet und vergast.42 Aber auch die Kommunisten, die Sozialdemokraten, Katholiken und Protestanten und

aus dem Bürgertum stammende werden verfolgt, da sie Widerstand leisten und sich nicht der Diktatur unterwerfen.43

Politisch ist das Land ganz unter der Führung der Nationalsozialisten bis zum Ende des Krieges 1945. Deutschland führt Krieg gegen viele Staaten Europas und gegen Amerika und verliert.44 Für die Menschen ist damit zunächst viel Leid und Elend verbunden, keine Arbeit mehr und Deutschland wird bis 1949 besetzt.

3. DAS DRK UND SEINE ENTWICKLUNG ZU BEGINN DES NATIONALSOZIALISMUS IN DEUTSCHLAND

3.1 Die Gründung des Deutschen Roten Kreuzes

„Am 25. Januar 1921 wurde in Bamberg das Deutsche Rote Kreuz gegründet, als eingetragener Verein bürgerlichen Rechts und Dachorganisation der jeweiligen (Männer- und Frauenvereine) vom Roten Kreuz.“45 Das ursprüngliche Bild des Roten Kreuzes wandelt sich nun. Es geht nicht mehr in erster Linie um die Versorgung von Verwundeten, sondern vor allem karitative und wohlfahrtsorientierte Friedensaufgaben stehen im Vordergrund.46 Das Deutsche Rote Kreuz tritt der „Internationalen Liga der Rotkreuzgesellschaften“ bei.47

3.2 Vom Verein zur nationalsozialistischen Organisation

3.2.1 Ausgangssituation

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges gibt es 132023 aktive Mitglieder der Sanitätskolonnen, 591 Krankenkraftwagen, 13598 Helferinnen, 9789 Schwestern, 71186 inaktive Mitglieder der Sanitätskolonnen und 63865 außerordentliche Mitglieder.48 Im Jahre 1933 soll es sogar 1433169 Mitglieder im DRK gegeben haben.49 Das DRK etabliert sich in der Weimarer Republik als Wohlfahrtsorganisation, auch wenn die militärische Organisationsstruktur und der Kriegssanitätsdienst beibehalten werden.50 Es ist „ein auf Neutralität und Humanität bedachter Verein“51, der sich schließlich jedoch dem nationalsozialistischen Regime in seiner Struktur und Organisation unterwerfen muss.52

3.2.2 Die schrittweise Eingliederung des DRK in das nationalsozialistische System

Die Satzung von 1921 wird am 29.11.1933 von einer neuen Satzung ersetzt.53 Die Mitwirkung im Kriegsdienst der Sanitäter erhält wieder oberste Priorität.54 Auch die innere Struktur des DRK wird dem nationalsozialistischen System angepasst: „Der amtierende Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, von Winterfeldt-Menkin, legte am Tag des Inkrafttretens der neuen Satzung sein Amt nieder. Damit verlor das DRK seinen letzten demokratischen Leiter.“55 Das DRK wird nun vom Staat kontrolliert und ist somit „fest in der Hand der Nationalsozialisten.“56 Am 1.September 1934 wird Adolf Hitler Schirmherr des DRK.57

3.2.3 Die Gleichschaltung

3.2.3.1 Die Selbstgleichschaltung des DRK

Auch wenn der bereits genannte DRK-Präsident Joachim von Winterfeldt-Menkin eher demokratisch gesinnt ist, so ist er doch derjenige, der entscheidend die Selbstgleichschaltung des DRK vorantreibt: „Per Rundschreiben vom 4. Mai 1933 [hinzugefügt durch S.R.] bat er NSDAP-Mitglieder um Eintritt in die Vorstände der Rotkreuzvereine.“58 Weiterhin appelliert von Winterfeldt-Menkin an die Rotkreuzorganisationen ihre Verbundenheit mit der neuen nationalen Regierung zu bekunden.59 Am 12.05.1933 bekundet der DRK-Präsident die Unterstellung des DRK unter die nationalsozialistische Führung, in dem er folgendes an Adolf Hitler schreibt: „Im Namen dieser anderthalb Millionen Männer und Frauen im Deutschen Roten Kreuz erkläre ich die unbedingte Bereitschaft, uns ihrer Führung zu unterstellen und Ihnen zu folgen.“60

Die innere positive Haltung und damit die Unterwerfung des DRK unter den Nationalsozialismus ist auch anderweitig belegt: „In den dreißiger Jahren führten die Krankenwagen dort in Hanau [hinzugefügt durch S.R.] an einem Kotflügel die Rotkreuzflagge, am anderen die Hakenkreuzfahne.“61 Außerdem sind die Mitglieder des DRK zunehmend auch an Sammlungen des nationalsozialistischen Winterhilfswerks beteiligt und oft nimmt der Führungsstil im DRK militärische Züge an.62 Die Flagge des DRK ist nun nicht mehr beschränkt auf das Rote Kreuz, sondern der Reichsadler mit Hakenkreuz steht auf dem Roten Kreuz drauf.63

3.2.3.2 Die Gleichschaltung durch staatliche Kräfte

Zum einen werden andere Sanitätskolonnen verboten, wie der ASB 1933, was für die SA, SS und auch für das DRK von Vorteil ist.64 Viele der Mitglieder des ASB werden jedoch in das DRK aufgenommen und die abgeleistete Dienstzeit im ASB kann ihnen sogar angerechnet werden.65

Die vaterländischen Frauenvereine des Roten Kreuzes werden im März 1934 umbenannt in „Deutsches Rotes Kreuz / Reichsfrauenbund“.66 „Mit dem ‚Gesetz über das Deutsche Rote Kreuz’ vom 9. Dezember 1937 werden im Deutschen Reich alle bisher selbständigen Frauenvereine des Roten Kreuzes aufgelöst und mit den Männervereinen, Sanitätskolonnen und Schwesternschaften in einer Einheit ‚Deutsches Rotes Kreuz’ zusammengefasst.“67 Somit werden die Frauenvereine aufgelöst und das DRK wird (wieder) zu einer reinen Sanitätsorganisation.68

Außerdem wird auch eine personelle Gleichschaltung vollzogen. Es dürfen keine Juden und Jüdinnen oder Judenstämmlinge mehr im DRK arbeiten und Nichtarier, die hauptamtlich tätig sind werden gekündigt.69 Zudem wird der Hitlergruß eingeführt, NSDAP-Mitglieder tragen das Parteiabzeichen und „die Neutralität gegenüber der religiösen und ‚rassischen’ Zugehörigkeit wird [hinzugefügt durch S.R.] aufgegeben.“70

Weitere personelle Veränderungen gibt es an der DRK-Spitze. Nachdem Winterfeldt-Menkin zurücktritt, wird Paul Hocheisen als Nachfolger bestimmt, der dann auch die Amtsgeschäfte übernimmt.71 „Eine weitere einschneidende Änderung erfuhr das Deutsche Rote Kreuz vier Jahre später 1937 [hinzugefügt durch S.R.] durch die Ernennung des SS-Oberführers Dr. Ernst-Robert Grawitz zum stellvertretenden Präsidenten.“72 Er ist für die Euthanasie-Verbrechen im Reich maßgeblich verantwortlich und er gestaltet das DRK nach dem „Führerprinzip“ um, so dass ein neues Gesetz für das DRK am 09. Dezember 1937 erlassen wird.73 Daraufhin wird Grawitz von Hitler am 24. Dezember 1937 zum Präsidenten des DRK berufen.74 Somit ist das DRK vollständig an den Staat, den Führer und die NSDAP gebunden.

4. DRK UND SS

4.1 Die DRK-Funktionäre der SS

4.1.1 Allgemeine personelle Verbindungen und Vorteile für das DRK

„Neben dem engen Verhältnis zur Partei wird spätestens ab 1938 eine starke, wenn auch weitgehend informelle Verbindung zur SS sichtbar, die sich vor allem in personellen Überschneidungen in führenden Positionen beider Organisationen bemerkbar macht.“75 So sind Grawitz und Oswald Pohl, zu denen an späterer Stelle noch etwas gesagt wird, die bekanntesten Namen.

[...]


1 H. Haug, Menschlichkeit für alle. Die Weltbewegung des Roten Kreuzes und des Roten Halbmondes, 3., unveränderte Auflage. Bern, Stuttgart [u.a.] 1995, S. 27

2 Vgl. ebd., S. 28

3 Vgl. ebd., S. 30

4 Ebd., S. 31

5 Vgl. ebd.

6 Vgl. ebd.

7 Vgl. H. Frerichs, Zwischen Kriegsdienst und Wohlfahrtspflege. Das Rote Kreuz in Friesland 1870-1955, Jever 1999, S. 3

8 Ebd., S. 8

9 Ebd.

10 Vgl. ebd., S. 11

11 Vgl. H. Haug, Menschlichkeit..., S. 440

12 Vgl. H. Frerichs, Zwischen Kriegsdienst..., S. 1ff und S. 30ff

13 Vgl. ebd., S. 38

14 Vgl. ebd., S. 40

15 Vgl. ebd., S. 56

16 Vgl. W. Ruediger, Frauen im Dienst der Menschlichkeit. Erlebtes im „Deutschen Roten Kreuz“ von 1914 bis Friedland. München 1962, S. 11

17 Vgl. H. Haug, Zwischen Kriegsdienst..., S. 74

18 Vgl. Brockhaus Enzyklopädie 23, Weimarer Republik, 19., völlig neu bearbeitete Auflage. Mannheim 1994, S. 701

19 W. Pyta, Die Weimarer Republik, Opladen 2004, S. 100

20 Vgl. Die Weimarer Republik 1918-1933, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Hg. von Karl Dietrich Bracher, Manfred Funke [u.a.]. 2., durchgesehene Auflage. Bonn 1987, S. 636

21 Vgl. ebd., S. 637

22 Vgl. ebd.

23 H.H. Knütter, Die Weimarer Republik in der Klammer von Rechts- und Linksextremismus, in: Die Weimarer Republik 1918-1933, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Hg. von Karl Dietrich Bracher, Manfred Funke [u.a.]. 2., durchgesehene Auflage. Bonn 1987, S. 391

24 Vgl. ebd., S. 391-392

25 W. Pyta, Die Weimarer Republik, S. 104

26 Vgl. Die Weimarer Republik 1918-1933, S. 650-651

27 Vgl. H.H. Knütter, Die Weimarer Republik in der Klammer... S. 397-398

28 Ebd., S. 398

29 Vgl. Die Weimarer Republik 1918-1933, S. 637

30 W. A. Boelcke, Die Finanzpolitik des Dritten Reiches. Eine Darstellung in Grundzügen, in: Deutschland 1933-1945. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft. Hg. von Karl Dietrich Bracher, Manfred Funke [u.a.]. 2., ergänzte Auflage. Bonn 1992, S. 95

31 Vgl. ebd., S. 111

32 Vgl. ebd., S. 110

33 Vgl. A. Kranig , Arbeitnehmer, Arbeitsbeziehungen und Sozialpolitik unter dem Nationalsozialismus, in: Deutschland 1933-1945. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft. Hg. von Karl Dietrich Bracher, Manfred Funke [u.a.]. 2., ergänzte Auflage. Bonn 1992, S. 143-144

34 Vgl. R. R. Thalmann, Zwischen Mutterkreuz und Rüstungsbetrieb: Zur Rolle der Frau im Dritten Reich, in: Deutschland 1933-1945. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft. Hg. von Karl Dietrich Bracher, Manfred Funke [u.a.]. 2., ergänzte Auflage. Bonn 1992 , S. 199.

35 Ebd., S. 203

36 Ebd., S. 214

37 Vgl. Klönnen, Jugend im Dritten Reich, in: Deutschland 1933-1945. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft. Hg. von Karl Dietrich Bracher, Manfred Funke [u.a.]. 2., ergänzte Auflage. Bonn 1992 , S. 218

38 Vgl. ebd., S. 224-225

39 Ebd., S. 225

40 Vgl. ebd., S. 226

41 Vgl. ebd., S. 226-227.

42 Vgl. F. Gröger Daten zur Geschichte des Dritten Reiches , in: Deutschland 1933-1945. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft. Hg. von Karl Dietrich Bracher, Manfred Funke [u.a.]. 2., ergänzte Auflage. Bonn 1992, S. 604-612

43 Vgl. P. Steinbach, Der Widerstand gegen die Diktatur. Hauptgruppen und Grundzüge der Systemopposition, in: Deutschland 1933-1945. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft. Hg. von Karl Dietrich Bracher, Manfred Funke [u.a.]. 2., ergänzte Auflage. Bonn 1992, S. 455-467

44 Vgl. Brockhaus Enzyklopädie 15, Nationalsozialismus, 19., völlig neu bearbeitete Auflage. Mannheim 1991,S. 360

45 M. Wicke, SS und DRK. Das Präsidium des Deutsche Roten Kreuzes im nationalsozialistischen Herrschaftssystem 1937-1945. Potsdam 2002, S. 15

46 Vgl. ebd., S. 16

47 Vgl. ebd.

48 Vgl. B. Biege, Helfer unter Hitler. Das Rote Kreuz im Dritten Reich. Reinbeck bei Hamburg 2000, S. 32

49 Vgl. ebd.

50 Vgl. M. Wicke, SS und DRK, S. 16

51 B. Biege, Helfer unter Hitler, S. 33

52 Vgl. ebd.

53 Vgl. ebd.

54 Vgl., ebd., S. 34

55 Ebd., Hierzu ist noch anzumerken, dass nicht klar ist, inwieweit Winterfeldt-Menkin tatsächlich freiwillig sein Amt niedergelegt hat, er begründete seinen Rücktritt damit, dass es Zeit wäre, dass ein Mann an die Spitze des DRK tritt, der lange an der Seite des Führers gestanden habe. (Vgl. M. Wicke, SS und DRK, S. 27-28)

56 Ebd., S. 35

57 Vgl. ebd.

58 M. Wicke, SS und DRK, S. 18

59 Vgl. ebd.

60 Ebd., S. 19

61 B. Biege, Helfer unter Hitler, S. 46

62 Vgl. ebd., S. 46-47

63 Vgl. ebd., S. 49

64 Vgl. H. Frerichs, Zwischen Kriegsdienst..., S. 237

65 Vgl. ebd., S. 240

66 Vgl. ebd., S. 242

67 Ebd., S. 243

68 Vgl. ebd.

69 Vgl. M. Wicke, SS und DRK, S. 21

70 Ebd.

71 http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Rotes_Kreuz#Das_DRK_in_der_Zeit_des_Nationalsozialismus

72 Ebd.

73 Vgl. ebd.

74 Vgl. ebd.

75 Ebd.

Details

Seiten
45
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638716260
ISBN (Buch)
9783638718608
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v74673
Institution / Hochschule
Philosophisch-Theologische Hochschule der Salesianer Don Boscos Benediktbeuern
Note
1,3
Schlagworte
Deutsche Rote Kreuz Diktatur

Autor

Zurück

Titel: Das Deutsche Rote Kreuz während der nationalsozialistischen Diktatur