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Die Reformpolitik des Kleisthenes

Seminararbeit 2001 20 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Allgemeines und Quellenproblematik
1.2. Vorgeschichte

2. Zeitenwende - Kleisthenes und die Wege zur Reform
2.1. Die Ereignisse der Jahre 508/507 v. Chr
2.2. Kleisthenes - Politik und Absichten

3. Die Reformen des Kleisthenes
3.1. Die räumliche Neugliederung des Stadtstaates
3.2. Der Rat der 500
3.3. Militärreform - Das Amt der zehn Strategen
3.4. Kleisthenes und der Ostrakismos

4. Fazit: Kleisthenes - Begründer der Demokratie?

Anhang

I. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Allgemeines und Quellenproblematik

Die Jahre um die Jahrhundertwende vom 6. zum 5. Jahrhundert v. Chr. gelten heute als die Übergangszeit von der archaischen Tyrannis zur klassischen Demokratie im antiken Griechenland.1 Zwei Personen traten damals auf den Plan, die eine gewichtige Rolle in den politischen Auseinandersetzungen jener Zeit einnahmen. Zum einen der Isagoras, Wortführer einer Gruppe Adeliger; und zum anderen jener Kleisthenes, dessen Reformen so bedeutend waren für die Entwicklung der athenischen Demokratie und dessen Wirken und Exponenten der Reformen die vorliegende Arbeit in Grundzügen näher zu beleuchten versucht.

Dieser Sachverhalt steht fest, wenngleich der Katalog dessen, was wir nicht wissen, viel länger ist.2 Die Beurteilung der Ereignisse im antiken Athen stellen ein Problem dar, da es um die Quellenlage nicht sonderlich gut bestellt ist. Die uns heute bekannten Überlieferungen sind fast ausschließlich Abschriften, die im Mittelalter in Klöstern entstanden sind. Die Schrift „Der Staat der Athener“ von Aristoteles (!384, †322 v. Chr.) stellt jedoch eine Ausnahme dar, denn es handelt sich um eine Papyrus-Abschrift, die in der trockenen Luft "gyptens den Lauf der Zeit überdauerte. Die Entstehung wird auf das Ende des 1. oder auf Anfang des 2. Jahrhunderts n. Chr. datiert.3 Neben zahlreichen Bedenken, ob Aristoteles tatsächlich der Autor gewesen sei, ist der Zeitpunkt der Entstehung ein weiteres Problem. Mehrere Hinweise in der Schrift deuten darauf hin, dass sie nicht vor 335/334 v. Chr. entstanden sein kann.4 Das würde bedeuten, dass die Aufzeichnungen des Aristoteles erst ca. 170 Jahre nach der Reformpolitik des Kleisthenes entstanden sind. Dennoch gilt in der Literatur die Aristotelesche „Athenaíon politeía“ als wichtige Quelle über Kleisthenes. Die Quellenlage verbessert sich erst ab dem Jahre 480 v. Chr.. Seither ist deutlich mehr überliefert.5 Für Informationen insbesondere über Kleisthenes sind hier die Aufzeichnungen des griechischen Geschichtsschreibers Herodot zu nennen (!um 490, †425 v. Chr.), die auch aufgrund der größeren zeitlichen Nähe als zuverlässiger zu bewerten sind.6

1.2. Vorgeschichte

Im Jahre 594 v. Chr. wurde Solon mit dem Auftrag zum Archon gewählt, „die in zwei feindliche Lager zerfallene Bevölkerung Attikas wieder zu versöhnen.“7 Er war dem Gedanken verpflichtet, dem sozialen und ökonomischen Wandel in Athen entsprechend auch eine Neuverteilung politischer Rechte und Pflichten innerhalb der Bürgerschaft zu schaffen. Um an öffentlichen Entscheidungsprozessen partizipieren zu können, war forthin nicht mehr die Abstammung maßgebend, sondern die Zugehörigkeit zu einer von vier, nach Einkommen gestaffelten Vermögensklassen (sog. timokratisches System), in die Solon die athenische Bürgerschaft einteilte. Durch diese, so BLEICKEN (1994, S. 22), wichtigste Reform Solons, war nun auch für die Bewohner Athens nicht-adeliger Herkunft die Möglichkeit geschaffen, durch Vermögensbildung und unabhängig von der Herkunft in die politische Klasse aufzurücken oder eine solche zu bilden.

Solons Reformen hatten das bürgerliche Selbstbewusstsein der Athener geweckt und sorgten für eine allmähliche Auflösung alter Beziehungsgeflechte innerhalb des Adels und schwächten somit dessen Position, indem Solon ihnen neue Formen der politischen Auseinandersetzung aufzwang.8 Er setzte einen Prozess in Gang, der die Bürger Athens aus ihrer politischen Bindung an einzelne Adelshäuser und deren ideologischer Ausrichtung auf den athenischen Staat herauszulösen begann und schaffte so, wenn auch nicht in dieser Absicht, wichtige Grundlagen, aus denen sich die athenische Demokratie zu konstituieren begann und ihr in späteren Jahren letztlich zum Durchbruch verhalf.

Solon galt zwei Jahrhunderte später bei den Athenern als Begründer der demokratischen Verfassung, weil er dafür sorgte, die Vorrechte alter Adelsfamilien zugunsten eines breiteren Mitbestimmungsrechtes der Bürgerschaft abzubauen.9 Die Neuerungen Solons stießen bei Teilen des Adels, der um Besitzstandswahrung bemüht war, auf großen Wiederstand. Alte Rivalitäten zwischen den Adelshäusern führten zu erneuten Kämpfen um politische Macht und Einfluss. Die Kämpfe „nahmen sogar noch an Schärfe zu, da nun auch diejenigen, die bisher von den politischen Entscheidungen ausgeschlossen waren, ihre neu erworbenen Rechte und Ansprüche zur Geltung brachten“.10 Athen drohte in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts „über den Auseinandersetzungen um die Führung in der Polis in Chaos und Anarchie zu versinken“.11

Im Jahre 546 v. Chr. etablierte sich Peisistratos als Tyrann in Athen. Nach jahrelangen Machtkämpfen stand am Ende der solonischen Reformen eine Tyrannis, die Solon durch seine Reformen gerade zu verhindern gesucht hatte. Peisistratos ließ jedoch die solonische Ordnung unangetastet, obwohl faktisch keine Mitbestimmung stattfinden konnte, denn der Tyrann konzentrierte die Macht auf sich. Der Wiederstand gegen die Tyrannis wuchs, als nach dem Tode Peisistratos im Jahre 528/527 v. Chr. sein Sohn Hippias die Herrschaft übernahm, nachdem sein Bruder Hipparchos in einem privaten Racheakt 514 v. Chr. ermordet worden war. Hippias verschärfte das tyrannische System und rief vermehrt Wiederstand breiter Bevölkerungsschichten hervor.

2. Zeitenwende - Kleisthenes und die Wege zur Reform

2.1. Die Ereignisse der Jahre 508/507 v. Chr.

Die Jahre 508/507 v. Chr. werden als ein Wendepunkt in der Geschichte Athens bezeichnet. Nach dem Sturz der Tyrannis des Hippias im Jahre 510 v. Chr. kam es in Athen zu heftigen Auseinandersetzungen über die politische Neugestaltung. In der Ablehnung der Tyrannis, die lange Jahre währte, waren sich die meisten Athener einig. „Kleisthenes war [...] der eigentliche Drahtzieher im Kampf gegen die Tyrannis des Hippias gewesen.“12 „Die aus Delphi stammenden Alkmeoniden versuchten, über den Einfluß des Orakels auf Sparta zum Ziel zu kommen.“13 Durch den Wiederaufbau des Tempels in Delphi hatten die Alkmeoniden mit Kleisthenes an der Spitze es geschafft, „[...] die Priester in Delphoi davon zu überzeugen, sich gegen die Peisistraden zu wenden [..].“14 Über den Einfluß der Priesterschaft gelang es vermutlich, die Spartaner und König Kleomens zum Eingreifen in Athen veranlassen, um die Tyrannis des Hippias zu stürzen.15

In diesen unruhigen politischen Zeiten erhofften sich Teile des Adels, das nach dem Sturz der Tyrannis entstandene Machtvakuum durch eine Restauration ihrer alten Machtstellung ausfüllen zu können, die sie unter der Tyrannis eingebüßt hatten. Ein Teil des alten Adels wollte mit Hilfe des Isagoras auch die solonische „Grundordnung wieder außer Kraft setzen und die politische Macht in die Hände eines 300köpfigen Adelsrates legen.“16 Isagoras, der diese Teile des Adels vertrat, gelangte schließlich im Jahre 508 v. Chr. in das Amt des Archonten.

Herodot berichtet uns davon, dass sich zwei Gruppen gebildet hatten in Athen. Die eine um Kleisthenes und die andere um Isagoras.17 „Die Auseinandersetzungen um das Archontat führten 508 zu einer Polarisierung des Adels.“18 Beide Parteien kämpften mit sehr unterschiedlichen Konzepten um die Macht. Kleisthenes unterlag zunächst, konnte aber den Demos auf seine Seite bringen und seine Position stärken. Wohl unter Umgehung des solonischen Rates der 400 stellte Kleisthenes noch während des Archontats des Isagoras vor der Volksversammlung sein Reformprogramm vor.19 Die Ankündigungen von Kleisthenes, zukünftig allen Bürgern eine möglichst unmittelbare Teilhabe an der Politik zu gewähren, fanden in der Bevölkerung breite Zustimmung.

Wie KIENAST (1965) ausführt, stimmen auch die Ausführungen Herodots und Aristoteles überein, dass die Reformen in das Archontat des Isagoras fallen.20 Kleisthenes jedenfalls gewann den Rückhalt des Demos für sein Reformprogramm und stärkte somit seine Position. Er hat wahrscheinlich bereits in den Jahren 525/524 v. Chr. das Archontat bekleidet und „[...] im Kampf gegen die Tyrannis zweifellos großes Ansehen gewonnen [...].“21 In den Jahren 525/524 v. Chr. herrschte Hippias, Sohn des Peisistratos, als Tyrann in Athen.

Da Kleisthenes das Amt des Archonten nicht mehr bekleiden durfte, hatte er großes Interesse daran, dass einer seiner Gefolgsleute zum Archonten gewählt wurde. Erst nach der Annahme des Reformprogramms durch die Volksversammlung und nach der Wahl eines Alkmeoniden in das Amt des Archonten (507/506 v. Chr.) ersuchte Isagoras König Kleomens um Hilfe gegen Kleisthenes und vertrieb denselben und seine Anhänger ins Exil. Wieder war es König Kleomens, der jetzt - nach der Bitte des Isagoras - in Athen eingriff und diesmal Kleisthenes und seine Anhänger aus der Stadt „hinauswarf“.22 Die genaue Chronologie dieser Vorgänge ist in der Literatur jedoch umstritten.

Nachdem Kleisthenes ins Exil geflohen war, erschien König Kleomens in Athen, vertrieb 700 von Isagoras genannte Familien und versuchte, den ebenfalls schon bestehenden Rat der 500 aufzulösen und die Macht in die Hände des von Isagoras gewollten 300köpfigen Adelsrates zu legen. WELWEI (1983) ist hier allerdings der Ansicht, es habe sich bei dem Rat um den solonischen Rat der 400 gehandelt.23 Der Rat jedoch rief das Volk erfolgreich zum Wiederstand auf. Den Spartanern wurde freier Abzug gewährt und die Anhänger des Isagoras wurden hingerichtet. Kleisthenes und die 700 Familien rief man aus dem Exil zurück.

Auch hier gibt es verschiedene Ansichten bezüglich der Chronologie, nachdem die Reformen des Kleisthenes erst nach dem gescheiterten Eingreifen der Spartaner und der Vertreibung Isagoras durchgesetzt worden seien.24 So schreibt RAAFLAUB (1992), dass „Kleomens und seine Spartaner samt Isagoras“ nach kurzer Belagerung abzogen; einige Anhänger des Isagoras hingerichtet wurden und anschließend Kleisthenes und die vorher Verbannten zurückkehrten. „In der Folge verwirklichte er [Kleisthenes] seine Reformen.“25

[...]


1 Kinzl, Konrad H.: „Athen: Zwischen Tyrannis und Demokratie“, in: ders. (Hg.): Demokratia - Der Weg zur Demokratie bei den Griechen. Darmstadt 1995 (= Wege der Forschung, Band 657), S. 246.

2 Vergleiche hierzu: Raaflaub, Kurt A.: „Einleitung und Bilanz: Kleisthenes, Ephialtes und die Begründung der Demokratie“, in: Kinzl, Konrad H. (Hg.): Demokratia - Der Weg zur Demokratie bei den Griechen. Darmstadt 1995 (= Wege der Forschung, Band 657), S. 19.

3 Siehe hierzu: Einleitung: 1. Die Textüberlieferung, in: Aristoteles: „Der Staat der Athener“, hrsg. v. Martin Dreher, Stuttgart 1993, S. 6.

4 siehe hierzu: Einleitung: 5. Abfassungszeit und spätere "nderungen, in: Ebda., S. 18.

5 Seminaraufzeichnung vom 19.04.2000.

6 Die Quellenlage zu Kleisthenes ist ausführlicher diskutiert in: Raaflaub, Kurt A.: „Einleitung und Bilanz: Kleisthenes, Ephialtes und die Begründung der Demokratie“ S. 9 - 11.

7 Bleicken, Jochen: „Die athenische Demokratie.“ 2., völlig überarbeitete und wesentlich erweiterte Auflage, Paderborn 1994, S. 22.

8 Funke, Peter: „Athen in klassischer Zeit“, München 1999 (=Beck’sche Reihe Wissen) S. 10 - 11.

9 Ebda., S. 8 - 9.

10 Ebda., S. 11.

11 Ebda., S. 11.

12 Ebda., S. 15.

13 Raaflaub, Kurt A.: „Einleitung und Bilanz: Kleisthenes, Ephialtes und die Begründung der Demokratie“, S. 1.

14 Kinzl, Konrad H.: „Athen: Zwischen Tyrannis und Demokratie“, S. 218.

15 Kienast, Dietmar: „Die innenpolitische Entwicklung Athens im 6. Jahrhundert und die Reformen von 508“, in: HZ 200, 1965, S. 270.

16 Funke, Peter: „Athen in klassischer Zeit“, S. 14 - 15.

17 Kienast, Dietmar: „Die innenpolitische Entwicklung Athens im 6. Jahrhundert und die Reformen von 508“, S. 270.

18 Welwei, Karl-Wilhelm: „Die griechische Polis. Verfassung und Gesellschaft in archaischer und klassischer Zeit.“ Stuttgart 1983, S. 169.

19 Kienast, Dietmar: „Die innenpolitische Entwicklung Athens im 6. Jahrhundert und die Reformen von 508“, S. 271.

20 Ebda., S. 271.

21 Welwei, Karl-Wilhelm: „Die griechische Polis. Verfassung und Gesellschaft in archaischer und klassischer Zeit“, S. 169.

22 Zu den Gründen, warum König Kleomens Kleisthenes vertrieben hat siehe u. a.: Kienast, Dietmar: „Die innenpolitische Entwicklung Athens im 6. Jahrhundert und die Reformen von 508“, S. 272 f.

23 Welwei, Karl-Wilhelm: „Die griechische Polis. Verfassung und Gesellschaft in archaischer und klassischer Zeit“, S. 170; Bleicken (1994) lässt allerdings offen, ob der Rat der 400 tatsächlich von Solon begründet wurde. Siehe: Bleicken, Jochen: „Die athenische Demokratie“, S. 24.

24 siehe zusammenfassend: Kienast, Dietmar: „Die innenpolitische Entwicklung Athens im 6. Jahrhundert und die Reformen von 508“, S. 270 - 273.

25 Nach Aristoteles: Raaflaub, Kurt A.: „Einleitung und Bilanz: Kleisthenes, Ephialtes und die Begründung der Demokratie“, S. 2.

Details

Seiten
20
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638147255
ISBN (Buch)
9783638756884
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7465
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Fachbereich Geschichte
Note
1
Schlagworte
Demokratiegeschichte Antike Athen Kleisthenes

Autor

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Titel: Die Reformpolitik des Kleisthenes