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Entwicklung und Perspektiven digitalen Fernsehens in Deutschland

Bachelorarbeit 2002 67 Seiten

Informatik - Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kurzfassung

Abstract

1 Einführung
1.1 Allgemeines
1.2 Zielsetzung

2 Bestandsaufnahme: Digitales Fernsehen in Deutschland
2.1 Was ist digitales Fernsehen?
2.2 Entwicklung des digitalen Fernsehens in Deutschland
2.2.1 Die Marktentwicklung bis heute
2.2.2 Der Kabelmarkt in Deutschland
2.3 Entwicklung des digitalen Fernsehens im Ausland
2.3.1 Frankreich
2.3.2 Großbritannien
2.3.3 Italien
2.3.4 Spanien
2.3.5 USA

3 Technische Entwicklung
3.1 Die digitale Übertragung
3.1.1 Digitale vs. Analoge Bildsignale
3.1.2 Der MPEG-2 Standard
3.2 Verbreitungswege
3.2.1 Kabel
3.2.2 Satellit
3.2.3 Terrestrisch
3.2.4 Andere Verbreitungswege
3.3 Decoder / Set-Top-Boxen
3.3.1 Multimedia Home Plattform
3.3.2 Application Programming Interface
3.3.3 Conditional Access
3.3.4 Simulcrypt contra Common Interface
3.3.5 Electronic Program Guide

4 Medienausstattung und Mediennutzung
4.1 Ausstattung der deutschen Haushalte
4.2 Nutzungspräferenzen des Publikums
4.3 Medienbudget

5 Wirtschaftliche Rahmenbedingungen des digitalen Fernsehens
5.1 Finanzierungs- und Marktpotenziale
5.2 Wettbewerbspotenziale

6 Medienpolitische und rechtliche Rahmenbedingungen
6.1 Konvergenz von Rundfunk und Telekommunikation
6.2 Probleme der Gesetzgebungskompetenzen

7 Zusammenfassung und Perspektiven

8 Anhang
8.1 Chronologie
8.2 Glossar
8.3 Literaturverzeichnis
8.4 Abbildungsverzeichnis
8.5 Abkürzungsverzeichnis

Erklärung

1 Einführung

1.1 Allgemeines

Die Zukunft des Fernsehens ist digital. Deshalb werden sich durch die Einführung des digitalen Fernsehens u.a. die Nutzungsgewohnheiten der Menschen in bezug auf den Fernsehkonsum verändern. Auswirkungen wird es auch in wirtschaftlicher Hinsicht geben. Es werden neue Märkte mit besonderen Eigenschaften entstehen, für die es gilt, einen rechtlichen Rahmen zu schaffen. Die Entwicklung des digitalen Fernsehens wurde selbst vom Gesetzgeber forciert, so dass dieses Thema eine besondere Bedeutung erreicht.

Mit dieser Bachelor Thesis möchte ich Ordnung in das allgemeine Informationschaos bringen und dabei genauer auf technische, wirtschaftliche und rechtliche Rahmen- bedingungen eingehen und diese erläutern. Probleme gab es vor allem bei der Aktualität der Quellen. Informationen, die noch vor kurzer Zeit aktuell waren, haben jetzt ihre Gültigkeit verloren. Aufgrund dieser ungemeinen Dynamik und der außerordentlichen Vielzahl von Quellen in diesem Bereich, konzentrierte sich meine Recherche hauptsächlich auf Veröffentlichungen im Internet, Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften und auf Bücher, die in der Regel nicht älter als ein bis maximal drei Jahre sein sollten. Das Ergebnis dieser Bachelor Thesis kann dementsprechend nur als eine aktuelle Bestandsaufnahme der Entwicklung digitalen Fernsehens in Deutschland angesehen werden, mit dem Versuch, Perspektiven für die Zukunft zu formulieren.

1.2 Zielsetzung

Die neue Übertragungstechnik erlaubt es, mehr Programme mit besserer Bildqualität wesentlich kostengünstiger auszustrahlen. Interaktivität und die Verbindung mit anderen Medien machen das Fernsehen multimedial und werden die Anwendungsmöglichkeiten und die Programmangebote grundlegend verändern. Die Bundesregierung will die analoge Verbreitung des terrestrischen Fernsehens bis zum Jahr 2010 einstellen. Dann sollen alle Haushalte, die über eine Antenne ihr Fernsehen empfangen, ihre Programme nur noch in digitaler terrestrischer Form empfangen können. Das ist ein großer Schritt, bedenkt man, dass 1996 gerade einmal 4% aller deutschen Haushalte in der Lage waren, digitale Signale zu empfangen.

Ziel dieser Bachelor Thesis ist es, unter Berücksichtigung der aktuellen Entwicklung bis Juni 2002, die Möglichkeiten und die Verbreitung des neuen Mediums in Deutschland zu prognostizieren und mit der Entwicklung in anderen europäischen und nichteuropäischen Ländern zu vergleichen.

2 Bestandsaufnahme: Digitales Fernsehen in Deutschland

2.1 Was ist digitales Fernsehen?

Grundsätzlich handelt es sich beim digitalen Fernsehen um eine neue Übertragungsart, wie sie schon bei Mobiltelefonen und Computern üblich ist.1 TV-Programme wurden bisher als elektromagnetische Wellen übermittelt, also analog. In der digitalen Technik werden alle Daten als Folge von Nullen und Einsen (Bits) dargestellt und komprimiert übertragen. Diese verschlüsselten Daten werden anschließend von einer sogenannten Set-Top-Box - das ist ein zusätzliches Empfangsgerät - entschlüsselt und wieder in analoge Signale umgewandelt, so dass sie vom normalen Fernsehgerät erkennbar sind.

Aufgrund dieser Datenkompression können wesentlich mehr Programme in besserer Bildqualität übertragen werden. Es gibt mehr thematische Kanäle, die den Bedürfnissen der Zuschauer angepasst sind. Zusatzdienste wie z.B. der Electronic Programm Guide (EPG) - eine aktualisierte Ergänzung zu den gedruckten Programmzeitschriften - leiten den Zuschauer durch das Programmdickicht.

Des weiteren lassen sich verschiedene digitale Dienste kombinieren, die einen Rückkanal zwischen Zuschauern und Diensteanbietern voraussetzen. Beispielsweise ist es möglich, während der Übertragung eines Spielfilms Hintergrundinformationen wie Besetzungsliste, Filmkritiken oder Starportraits abzurufen. Einige Anbieter digitalen Fernsehens erlauben sogar die Wahl der Kameraperspektive. Bei einem Sportereignis, wie z.B. einem Formel-1-Rennen, kann der Zuschauer dann entscheiden, ob er den Führenden des Rennens, das Verfolgerfeld oder vielleicht das Geschehen in der Box beobachten möchte.

Dienste wie Video-on-Demand (VOD) oder Near-Video-on-Demand erlauben es, Filme zeitversetzt anzubieten. Bisher musste man in die Videothek fahren, wenn man sich aus einer Vielzahl von Filmen seinen Lieblingsfilm aussuchen wollte. Video-on-Demand bietet diese Auswahl zu Hause und über den Fernseher an, empfangen wird der Lieblingsfilm mit der Set-Top-Box. Der Benutzer kann zu jeder Zeit eine beliebige Sendung beim Programmanbieter bestellen und zum gewünschten Zeitpunkt sehen. Zur Zeit gibt es Near-Video-on-Demand, wobei sich der Zuschauer - im Gegensatz zum echten Video-on-Demand - nach den Vorgaben des Programmanbieters richten muss. In bestimmten Zeitabständen von einer viertel, halben oder ganzen Stunde wird derselbe Film (oder eine andere Sendung, z.B. Sport) auf verschiedenen Kanälen immer wieder aufs neue gesendet. Der TV-Nutzer hat nun die Möglichkeit, sich eine Startzeit auszusuchen, wann er die Sendung sehen möchte.

Durch den Anschluss an Datennetze wie das Internet können mit Set-Top-Boxen ausgestattete Fernseher als Konsolen für Homebanking oder Online-Spiele verwendet werden.2

TV-Programmdienste mit traditioneller Programmstruktur, welche mit Hilfe digitaler Codierungs- und Signalübertragungsverfahren verbreitet werden, gehören dem- entsprechend zum digitalen Fernsehen. An die Stelle des herkömmlichen, analogen Fernsehens sollen nach einer Übergangsphase - dem sogenannten Simulcast-Betrieb - die digitalen Programmbouquets treten.3 Durch die Erhöhung der Übertragungs- kapazitäten wird die Verbreitung des Fernsehens vermehrt und verbilligt. Der unbegrenzte Empfang von Fernsehprogrammen, interaktiven Anwendungen wie auch Online-Applikationen ist aufgrund der neuen digitalen Übertragungstechnik möglich. Durch die entsprechende Aufrüstung bzw. Kopplung mit Rückkanälen können in Breitbandkabelnetzen neben TV-Programmdiensten also auch Medien- und Teledienste angeboten werden.

Digitales Fernsehen wird den Fernsehmarkt grundlegend verändern, das Fernsehen wird sich individualisieren. Die Anforderungen an den technischen Sachverstand der Nutzer werden wachsen, bedenkt man, dass bereits heute 400 Programme digital über Satellit verbreitet werden.4 Die Tendenz ist steigend.

Generell ist digitales Fernsehen also eine neue Übertragungstechnik, die - anders als beim analogen Fernsehen - für den Zuschauer und den TV-Veranstalter zusätzliche Funktionen darstellt. Solche Zusatzfunktionen sind:

- Die Adressierbarkeit - rein technisch könnte jeder Rezipient sein eigenes Programm bekommen.
-Die Konvergenz - die Kombination von TV, Audio, PC und Internet in einem Endgerät.
-Die Interaktivität - der Zuschauer kann das Programmgeschehen aktiv beeinflussen. Bis zum Jahr 2010 soll der überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung digitales Fernsehen empfangen können, entweder über Kabel, über Satellit oder terrestrisch.

2.2 Entwicklung des digitalen Fernsehens in Deutschland

2.2.1 Die Marktentwicklung bis heute

Die Entwicklung des digitalen Fernsehens in Deutschland ist bisher sehr langsam verlaufen. Die unterschiedlichen Teilnehmer haben sich bei der Erschließung des digitalen Fernsehmarktes gegenseitig behindert.

Begonnen hatte alles am 28. Februar 1991: Die KirchGruppe, Bertelsmann sowie der französische Anbieter Canal+ gründeten zusammen den Pay-TV-Sender Premiere, der allerdings noch analog übertragen wurde. Erstmalig gab es aber neben den gebührenund/oder werbefinanzierten Fernsehprogrammen ein Programmangebot, welches sich durch Abonnement-Beiträge finanzierte. Am Ende des Jahres hatte Premiere 300.000 Abonnenten, im Jahr 2000 dann 1,7 Millionen.5

Schon im Februar 1994 einigte man sich auf der Grundlage von MPEG-2 - das ist ein allgemeiner Standard für Video-Datenkompression - auf Normen für die digitale Fernsehausstrahlung über Satellit, Kabel und terrestrische Sender. Damit stand der Entwicklung digitalen Fernsehens eigentlich nichts mehr im Wege. Der erste Anlauf startete dann schon im April des gleichen Jahres: Bertelsmann, die KirchGruppe und die Deutsche Telekom gründeten die sogenannte Media Service GmbH (MSG) in Deutschland, um den Signaltransport via Kabel und Satellit zu organisieren. Weiterhin wollten sie die zugehörigen Dienstleistungen wie elektronische Programmführer, Verwaltung der senderbegleitenden Servicedaten und Kundenmanagement über- nehmen.6 Diese Gesellschaft sollte alle maßgeblichen privaten und öffentlich- rechtlichen Marktpartner umfassen. Im November 1994 scheiterte sie aber an den europäischen Kartellbehörden, die eine marktbeherrschende Stellung befürchteten.

Der zweite Anlauf begann dann im Herbst 1995. Bertelsmann, ARD, ZDF, CLT (Compaigne Luxembourgeoise Télédiffusion), Canal+, die Deutsche Telekom und vorübergehend auch die KirchGruppe gründeten die Multimedia Betriebsgesellschaft (MMBG) und einigten sich so über die Entwicklung und Verbreitung digitalen Fernsehens. Doch schon im Februar des darauffolgenden Jahres entschied sich die KirchGruppe gegen die Gesellschaft und für die Zusammenarbeit mit dem Netzbetreiber VEBA. Obwohl die MMBG kartellrechtlich genehmigt wurde, konnte sie nicht weiter existieren und löste sich letztlich im September 1996 auf, nachdem auch die Deutsche Telekom ausstieg. Damit scheiterte der zweite Anlauf.

Mit dem Launch des digitalen Satelliten ASTRA 1 E begann im Oktober 1995 die digitale Ära.7 Ein halbes Jahr später konnte dann durch die Aufschaltung des Satelliten ASTRA 1 F digital verbreitetes Fernsehen in Deutschland empfangen werden.

Im selben Jahr wurden Pilotprojekte gegründet, in denen Digital Video Broadcasting (DVB) - das ist der Standard für die digitale Übertragung der Fernsehsignale - und Multimedia-Anwendungen getestet wurden.

Am 28. Juli 1996 startete DF 1 - Digitales Fernsehen GmbH & Ko.KG mit einem digitalen Pay-TV-Angebot in verschiedenen Sparten wie Film, Sport, Serien, Kids und Teens, Musik und Dokumentationen. An DF 1 war die KirchGruppe mit 100 Prozent alleiniger Gesellschafter.8

Ungefähr ein Jahr später kam es zu einer Annäherung von Bertelsmann und der KirchGruppe. Premiere hatte mit ca. 1,5 Millionen „analogen“ Kunden diverse Probleme mit dem Umstieg auf die digitale Technik und DF 1 startete mit nur 40.000 Abonnenten alles andere als erfolgreich. Mit der Deutschen Telekom einigte man sich deshalb auf folgende Punkte:

- Die KirchGruppe, Bertelsmann und die Deutsche Telekom sollten zu gleichen Teilen Gesellschafter der BetaResearch werden. Die BetaResearch ist ein Tochterunternehmen der KirchGruppe, welches die Set-Top-Boxen (also die d-box) für den digitalen Empfang entwickelt.
-Das digitale Fernsehen sollte ab Ende August 1997 zur Funkausstellung in Berlin über das Breitbandkabelnetz der Telekom verbreitet werden.
-Der d-box-Decoder der KirchGruppe wurde zum Standard erklärt.
-Im Zentrum sollte der Pay-TV-Kanal Premiere stehen und DF 1 sollte anschließend in Premiere überführt werden.

Daraufhin startete am 1. November 1997 Premiere Digital. Doch schon einige Tage später, am 28. November, wurde die Gruppierung (KirchGruppe, Bertelsmann und Deutsche Telekom) von der EU-Kommission verboten, weil man aufgrund der gemeinsamen Vermarktung der d-box eine marktbeherrschende Stellung - vor allem der Deutschen Telekom - befürchtete.9

Deshalb öffnete die BetaResearch im Januar 1998 die d-box-Plattform für weitere Anbieter und erteilte neben dem Unternehmen Nokia auch Philips eine Lizenz zur Herstellung der d-box.

Neben den Digitalprogrammen Premiere und DF 1 waren nun auch bundesdeutsche private und öffentlich-rechtliche sowie einige fremdsprachige digitale TV-Programme in den Kabelnetzen präsent. Zur Funkausstellung 1997 startete z.B. die ARD ihr Pilotprojekt ARD Digital, zu dem u.a. die digitalen Zusatzprogramme (EinsExtra, EinsFestival, EinsMuxx), das Erste und die Dritten (einschließlich BR alpha), die kooperierenden Programme, Hörfunkprogramme sowie interaktive Dienste gehören.

Die ersten digitalen terrestrischen Sender gingen in sogenannten DVB-T-Pilotprojekten (Raum Norddeutschland, Mitteldeutschland, Berlin-Brandenburg, Bayern) in Betrieb. Aufgrund dieser positiven Entwicklung empfiehlt die von der Bundesregierung gestartete Initiative „Digitaler Rundfunk“ (IDR), die Fernsehübertragung bis zum Jahr 2010 auf die neue digitale Technik umzustellen. Die Landesmedienanstalten einigten sich im Rahmen der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) auf ein gemeinsames Vorgehen in Fragen der Verständigung und Bewertung der digitalen Fernsehentwicklung.10

Am 1. Oktober 1999 wurden vier Kanäle von DF 1 und ein Kanal von Premiere Digital zu fünf Kanälen Premiere World zusammengefasst. Die beiden Abonnentenstämme, Programmangebote und -pakete wurde zusammengeführt und von der KirchGruppe übernommen. Mit einer Werbekampagne, für die ungefähr 100 Millionen Mark (511.290 Euro)11 ausgegeben wurden, gewann Premiere World bereits am ersten Wochenende 25.000 neue Abonnenten.

Im Juli desselben Jahres einigten sich die Programmveranstalter, die Geräteindustrie und die Betreiber von Kabelnetzen, Satelliten und terrestrischen Sendeanlagen auf einen einheitlichen Standard im Digitalfernsehen, der sogenannten Multimedia-Home- Plattform (MHP). Damit sollten die Set-Top-Boxen und dementsprechend das digitale Fernsehen für den Nutzer attraktiver werden. In eine ähnliche Richtung zielt die Beschlussfassung der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten vom November 1999 mit der Absicht, Hersteller zu verpflichten, Decoder mit zugangsoffenen Schnittstellen zu versehen.

Mit der Unterstützung von vier Arbeitsgruppen (Kapazitätsbedarf, Szenarien, Markt- entwicklung, Rechtsfragen) hat die Initiative „Digitaler Rundfunk“ (IDR) im Herbst 2000 einen Digitalisierungs-Rahmenplan - das sogenannte „Startszenario 2000“ - entwickelt, welcher anlässlich des Symposiums „Digitaler Rundfunk im 21.

Jahrhundert“ auf der internationalen Weltausstellung EXPO in Hannover veröffentlicht wurde. Es wurde betont, dass die Digitalisierung der bisherigen, analogen Rundfunkübertragung eine wesentliche Voraussetzung für das Zusammenwachsen von Telekommunikation, Informationstechnik und Rundfunk sei. Das war ein weiterer positiver Schritt in Richtung Digitalfernsehen.

Dennoch schienen die Wachstumspotenziale des digitalen Fernsehens begrenzt. Im Jahr 2000 waren rund 5 Prozent der deutschen Bevölkerung Digital-Nutzer. Nur 15 Prozent bekundeten die Absicht, ihre Haushalte in Zukunft mit dem Equipment zum Empfang digitalen Fernsehens auszustatten. 57 Prozent hatten nicht die Absicht, sich einen Decoder anzuschaffen und sogar ein Viertel der Bevölkerung hatte gar keine Vor- stellung von digitalem Fernsehen.12 Die Marketingaktivitäten der digitalen TV-Anbieter waren demnach also nicht sehr erfolgreich. Nur knapp die Hälfte der digitalen Nutzer sind durch Werbemaßnahmen auf beispielsweise Premiere World aufmerksam geworden.

Auch der Decoderverkauf verlief eher stagnierend (siehe Abb. 1). Die d-box beherrschte den Decodermarkt und hatte im Jahr 2000 einen Marktanteil von 83 Prozent, was einer Monopolstellung gleich kam.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Anschaffungszeitpunkt des Decoders

Im Jahr 2001 hatten schließlich Bund und Länder die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Digitalisierung vervollständigt. So wurde beispielsweise in der Frequenzzuteilungsverordnung vom 26. April der Widerruf der analogen Frequenzzuteilungen für das Fernsehen bis spätestens 2010 festgelegt. Ende des Jahres wurde der Sechste Rundfunkänderungsstaatsvertrag der Länder beschlossen, in dem der § 52 ARD, ZDF und Deutschlandradio berechtigt, zu angemessenen Bedingungen die analoge terrestrische Versorgung schrittweise einzustellen.

Im April 2002 meldete KirchMedia Insolvenz an. Die KirchGruppe besteht aus drei Säulen: KirchMedia, KirchBeteiligungen und KirchPayTV. Kontrolle über die Fernsehsender ProSieben, Sat.1, N 24, Kabel 1 und DSF hat dabei die KirchMedia. Weiterhin sind in dieser Gesellschaft die Filmproduktionen sowie der Handel mit Filmund Sportrechten zusammengefasst. In den vergangenen Jahren wurden überzogene Verträge mit Hollywood-Studios und der Fußball-Bundesliga abgeschlossen, hinzu kam der milliardenschwere Kauf der Formel 1.13 All das wurde durch Kredite von Banken finanziert, die nun ihr Geld zurückforderten. Es gab Experten, die meinten, dass auch der Pay-TV-Sender Premiere World bankrott gehen würde.

Andere wiederum behaupteten das Gegenteil. Bis jetzt gibt es den digitalen Pay-TV- Sender noch, seit dem 1. Mai sogar mit einer veränderten Programmstruktur und einem neuen „alten“ Namen: Premiere.

Mittlerweile ist nun auch das terrestrische Digitalfernsehen technisch startklar. Am 13. Februar 2002 hatte das ZDF dann gemeinsam mit ARD, ORB, SFB, ProSiebenSat1, RTL und der Medienanstalt Berlin-Brandenburg eine Vereinbarung zur Umstellung auf die digitale terrestrische TV-Übertragung im Ballungsraum Berlin-Potsdam unterzeichnet.14 Im Mai haben die Bundesländer Berlin und Brandenburg ihren Frequenzbedarf bei der Regulierungsbehörde für Telekommunikation angemeldet. Somit steht einem Regelbetrieb von terrestrischem Digitalfernsehen ab Herbst 2002 nichts mehr im Wege.

Verzögerungen gibt es aber noch bei der Einführung der Multimedia-Home-Plattform (MHP). Eigentlicher Start wäre der 1. Juli 2002 gewesen, doch kann - nach Aussagen von verschiedenen Herstellern und Boxenlieferanten - bis dato noch keine endgültige MHP-Version bereitgestellt werden.15 Die ersten MHP-Boxen werden dann höchstwahrscheinlich zu Weihnachten auf den Markt kommen.

Die Entwicklung des digitalen Fernsehens in Deutschland wurde bislang am wenigsten von programmlichen Entwicklungen bestimmt, vielmehr von der technischen Entwicklung. Aufgrund von überzogenen Werbeaktivitäten setzt der überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung Digitalfernsehen mit Pay-TV gleich, was hinsichtlich der Kosten abschreckend wirkt. Deshalb geht der Umstieg auf die digitale Technik eher langsam voran. Der Zuschauer kann für sich noch keinen Mehrwert feststellen. Zusammenschlüsse von großen Unternehmen, die eventuell zu einer Durchsetzung des digitalen Fernsehens in Deutschland geführt hätten, wurden immer wieder von der europäischen Kommission unterdrückt, weil man marktbeherrschende Stellungen befürchtete. Vor allem aber die Monopolstellung der Deutschen Telekom in bezug auf die Kabelbelegung war immer wieder eine Blockade. Diese soll aber jetzt mit dem Verkauf des Kabelnetzes überwunden werden.

2.2.2 Der Kabelmarkt in Deutschland

Bislang galt das TV-Kabel nur als Empfängermedium. Durch die hohen Bandbreiten aber, ist es technisch möglich, unglaublich hohe Datenraten zu erreichen und damit eine Vielzahl neuer Dienste über das Kabelnetz anzubieten. Solche Dienste sind beispielsweise Highspeed-Internet, Online-Shopping, E-Commerce, Video-on-Demand und natürlich auch digitales Fernsehen. Für die Übertragung ist demnach der Hyperbandbereich des Breitbandkabelnetzes vorgesehen, da dies der technische Verbreitungsweg mit der höchsten Reichweite ist.

Anders als in den europäischen Mitgliedsstaaten, ist es in Deutschland bis vor einiger Zeit noch unmöglich gewesen, anderen Unternehmen neben der Deutschen Telekom die Möglichkeiten zu eröffnen, Übertragungswege zu betreiben und Telekommunikationsdienstleistungen für die Öffentlichkeit anzubieten.

Anfang der 80er Jahre hatte die Deutsche Telekom - damals Deutsche Bundespost - mit dem Aufbau des Kabelnetzes als Verteilnetz von Rundfunk- und Fernsehprogrammen begonnen. Zum besseren Verständnis: Die Verkabelung unterlag in den Zeiten des Fernmeldemonopols der Post und damit also auch der Bundesregierung. Bis zum Ende der 90er Jahre behielt die Deutsche Telekom ein Monopol über das Kabelnetz.

Das deutsche Kabelnetz ist in Baumstruktur in vier Netzebenen unterteilt:

- Die Netzebene 1 beinhaltet die überregionale Verteilung vom Ausgang des Rundfunkstudios bis zur Schaltstation der Deutschen Telekom. Dort findet die Programmproduktion statt. Premiere, die Fremdsprachenplattform, die öffentlichrechtlichen und privaten Sendestationen sowie das von der Telekom verbreitete MediaVision sind beispielsweise in dieser Netzebene angesiedelt.
-Die zweite Netzebene dient dem Betrieb von Kopfstationen im regionalen Netz. Hier werden die TV- und Radiosignale empfangen und weitergeleitet.
-Die sogenannten Straßenverteiler findet man in der Netzebene 3, welche für die örtliche Verteilung bis zum Übergabepunkt im Haus sorgt.
-In der letzten Ebene - der Netzebene 4 - werden die Signale im Haus zu den einzelnen Wohneinheiten verteilt. Bundesweit gibt es ca. 4.000 Betreiber in dieser Netzebene; vor allem sind das die Wohnungsunternehmen.

Mit ca. 18 Millionen angeschlossenen Haushalten ist der deutsche TV-Kabelmarkt damit der größte in Europa. Weltweit gesehen belegt Deutschland Platz 2 hinter den USA. Dort ist mittlerweile schon jeder zweite Kabelanschluss internetfähig. Von diesen 26 Prozent allein auf die Deutsche Telekom. In Europa werden 59 Prozent der Kabelkunden durch Unternehmen versorgt, die zumindest teilweise in der Hand des beherrschenden Telekommunikationsunternehmens sind.16

Die Deutsche Telekom übernimmt also eine Doppeleigentümerschaft über die Telekommunikations- und Kabelnetze, die sich in vielfacher Weise nachteilig auswirkt. Die Kabelnetze werden nur schleppend umgerüstet, die Entwicklung konkurrierender Infrastrukturen wird verhindert, der Dienstewettbewerb ist eingeschränkt und die Innovationsfähigkeit wird verringert. Aufgrund dieser Situation kommt die EU- Wettbewerbskommission zu dem Schluss, dass eine optimale Entwicklung abhängt von:

- dem Wettbewerb bei den Diensten und bei den Netzen,
-dem Aufbau einer technisch leistungsfähigeren Netzinfrastruktur und
-von der Innovationsfähigkeit.

Die Kommission forderte daraufhin im Jahr 1997 von den ehemals staatlichen, monopolistischen Telekommunikationsunternehmen, ihre Kabelnetze zu verkaufen, zumindest aber an rechtlich unabhängige Unternehmen auszugliedern. Damit begann die Odyssee um den Verkauf von Mehrheitsanteilen der Deutschen Telekom an private Betreiber. Dieser seit nun mittlerweile schon Jahren angekündigte Verkauf ist ständig ins Stocken geraten. Für private Kabelbetreiber wird es immer schwieriger, an Geld für den Erwerb und für die Aufrüstung der Kabelnetze zu kommen. Die Investoren sind zudem bei der Vergabe von Geldern vorsichtiger geworden, weil der Glaube an ein unbegrenztes Wachstum im Bereich Telekommunikation und Neue Medien gebrochen wurde. Im Februar 2002 erreichte der Verkauf der Kabelnetze dann seinen Höhepunkt. Das Kartellamt untersagte den schon perfekten Verkauf der sechs noch komplett im Besitz der Deutschen Telekom befindlichen Kabelregionen -60 Prozent des Kabelnetzes - an den amerikanischen Investor Liberty Media, da es wieder eine marktbeherrschende Stellung befürchtete. Nach diesem Verbot wird die Deutsche Telekom den gewünschten Verkaufspreis von 5,5 Millionen Euro nicht mehr erzielen können.17

Nun müssen die Kabelnetze auf den neuesten technischen Stand gebracht werden. Zur Zeit sind die Netze auf 450 MHz ausgebaut. Man kann 30 analoge Fernsehprogramme übertragen. Durch den Ausbau auf 862 MHz ließe sich die Kapazität um ca. 200 bis 300 digitale Fernsehprogramme erweitern. Die flächendeckende Einrichtung eines Rück- kanals ist notwendig für Dienste wie Internet, Video-on-Demand oder sonstige interaktive Dienste.

Ein Stolperstein dabei ist immer noch die Aufteilung des Kabelnetzes in Netzebenen. Dies hemmt die Aufrüstung, da kaum ein Betreiber im Besitz sämtlicher Ebenen ist. So müssen beispielsweise Schnittstellen zwischen der Netzebene 3 und 4 geschaffen werden, so dass große und kleine Kabelbetreiber ihre jeweiligen Leistungen vertraglich miteinander abstimmen können. Man bedenke, dass die Netzebene 4 die profitabelste Ebene ist, denn sie hat direkten Kontakt mit dem Endkunden. Keiner der Betreiber in dieser Ebene möchte Gewinneinbußen verzeichnen. Eine Kooperation mit Betreibern aus anderen Ebenen war deshalb bisher relativ schwierig.18

Das Ergebnis der Privatisierung ist somit alles andere als befriedigend, da keine ordnungspolitische Konzeption existiert. Man hatte sich zu lange zu viele Gedanken über den Wettbewerb im schmalbandigen Telefonmarkt gemacht und dadurch die eigentliche Zukunft - Breitband und Digitalisierung als die Verbindung von Fernsehen, Internet und Telefon - vernachlässigt. Die Neuordnung der Kabelindustrie, die bisher eher schleppend verlief, ist daher dringend notwendig und muss fortgesetzt werden.

2 Bestandsaufnahme: Digitales Fernsehen in Deutschland 15

2.3 Entwicklung des digitalen Fernsehens im Ausland

Die Zahl der digitalen Fernsehhaushalte ist in Europa zwischen 1999 und 2000 von 10 auf 16 Millionen gestiegen. Das heißt, dass etwa 6 Prozent der rund 270 Millionen TV- Haushalte bereits digitale Empfangsgeräte verwenden. In Großbritannien ist die digitale Durchdringung am weitesten fortgeschritten. Die zweite Stelle erreichte Frankreich, gefolgt von Italien, Norwegen und Dänemark. Deutschland platziert sich eher im Mittelfeld. Ein wesentlicher Grund für diese regionalen Abweichungen ist die unterschiedliche Ausprägung der Free-TV-Angebote. Sowohl in Großbritannien als auch in Frankreich empfangen mehr als die Hälfte der TV-Haushalte ihr Fernsehen nur terrestrisch analog. Darüber lassen sich lediglich fünf TV-Programme nutzen. Dagegen können in anderen Ländern, wie z.B. Luxemburg, Österreich, Schweiz, Holland oder Deutschland, mehr als 70 Prozent der Bevölkerung bis zu 40 Programme unkodiert über Kabel oder per Satellit empfangen.19

Bis 2005 sollen in Westeuropa mehr als die Hälfte der 160 Millionen TV-Haushalte digitalisiert sein. Als „Unsicherheitsfaktor“ gelten dabei vor allem die Länder, in denen die Zuschauer bereits jetzt schon eine Vielzahl von analogen Free-TV-Kanälen empfangen können. Auf die Entwicklung in den einzelnen Ländern wird in den folgenden Abschnitten genauer eingegangen.

2.3.1 Frankreich

In Frankreich ist der Pay-TV-Markt im analogen und digitalen Bereich weit entwickelt. Canal+ bietet bereits seit 1984 ein analoges Pay-TV-Vollprogramm auf terrestrischen Frequenzen an und erreicht damit 80 Prozent der französischen Fernsehhaushalte. Der programmliche Schwerpunkt liegt dabei vor allem bei Kinofilmen und bei Sport. Mittlerweile hat Canal+ über 5 Millionen Abonnenten mit diesem Angebot zu sich herangezogen.20

Ende 1996 startete CanalSatellite ein digitales Angebot bestehend aus zehn digitalen Kanälen und einer Reihe von Spartenkanälen. Neben der Satellitenausstrahlung wurde das Programm auch über die Kabelnetze des Wasserversorgers CGE angeboten. Im selben Jahr traten Télévision par Satellite (TPS) und AB Sat auf den französischen digitalen Fernsehmarkt. TPS bietet neben dem Programmbouquet und Pay-per-View- Angeboten alle terrestrisch verbreiteten öffentlich-rechtlichen und privaten Sender in digitaler Qualität an.

Dennoch - der französische Fernsehmarkt ist ein schwieriger Markt. Obwohl Canal+ 1997 noch einen Reingewinn von 456 Millionen DM (233,1 Millionen Euro) verzeichnen konnte, sah das 1998 ganz anders aus: ein Nettoverlust von ca. 55 Millionen DM (28,1 Millionen Euro) stand bei Canal+ auf dem Kontoauszug.

Inzwischen hat sich der digitale Fernsehmarkt aber wieder stabilisiert, da man erkannte, dass ein digitales terrestrisches Angebot die bislang zögerlichen Konsumenten in deutlich höherem Maße als Kabel- und Satellitendistribution erreichen kann. Derzeit empfangen etwa 60 Prozent der französischen Haushalte ausschließlich analoge terrestrische Programme. Sobald also diese Haushalte auf das digitale Free-TV, welches besonders attraktiv und vor allem kostenlos ist, umgestiegen sind, könne dies der Hebel für den Umstieg auf entgeltliche Angebote sein. Die Verkaufszahlen der digitalen Empfangsgeräte haben sich im Jahr 2001 verdreifacht, insbesondere wegen der niedrigen Preise für die Set-Top-Boxen (unter 150 Euro) sowie der Möglichkeit der Decodermiete.21

Die Entwicklung des digitalen Fernsehens in Frankreich vollzieht sich also schneller als bei uns. Etwa 16 Prozent der französischen Haushalte empfangen Digitalfernsehen. Das sind doppelt so viele wie in Deutschland.

2.3.2 Großbritannien

Die Einführung des digitalen Fernsehens in Großbritannien basiert auf dem Rundfunkgesetz von 1996. Anfängliche wirtschaftliche Schwierigkeiten wurden durch die Einigung auf einen gemeinsamen Decoder-Standard, durch den Abschluss diverser Exklusiv-Verträge mit führenden Fußball-Ligen und dem Erwerb anderer Sportrechte überwunden.22

Seit Oktober 1998 bietet das englische TV-Unternehmen BskyB ein über Satellit verbreitetes digitales Pay-TV-Programm von 140 Kanälen an. Ende August 1999 erreichte man damit eine Abonnentenzahl von 1,2 Millionen. Um eine schnellere Markteinführung zu erreichen, bietet BskyB die Set-Top-Boxen seit Mitte Juni 1999 kostenlos an. Kunden, die bis dato einen Decoder besaßen, wurden bis 2001 von der Abonnement-Gebühr befreit. Internet-Angebote und weitere Informationsdienste sind für den Abonnenten direkt zugänglich, da in die Set-Top-Boxen leistungsfähige Modems eingebaut wurden. Da BskyB seit 1999 auch einen freien Internetzugang anbietet und damit auch interaktive Elemente in das Angebot integriert, hat sich das Unternehmen eine Schlüsselposition im digitalen Rundfunk in Großbritannien verschafft.

Die rundfunkrechtlichen Rahmenbedingungen sind in Großbritannien besser formuliert als in Deutschland. So benötigen Betreiber eines Play-Out-Centers - das ist eine Art Sendezentrale, die mit leistungsfähigen Computern ausgestattet ist - nach britischem Recht eine rundfunkrechtliche Genehmigung. Der Betreiber muss dann bedeutend strengere Lizenzauflagen erfüllen und Verhaltenspflichten beachten. Lizenzen werden nach Vielfaltaspekten vergeben, um auf ein ausgewogenes Meinungsspektrum beim digitalen Fernsehen hinzuwirken. Anbieter von Digitalfernsehen müssen also eine Reihe von Lizenzauflagen beachten, deren Einhaltung von der Telekommunikationsaufsichtsbehörde OFTEL überwacht wird.

Obwohl mittlerweile 37 Prozent der britischen Haushalte digitales Fernsehen empfangen, wissen ca. zwei Fünftel der Bevölkerung (bei 49,5 Millionen Einwohnern) bis heute noch nichts darüber oder über die geplante Umstellung auf Digital-TV. Das liegt hauptsächlich daran, dass digitales Fernsehen mit Pay-TV gleichgesetzt wird oder es wird angenommen, digitales Fernsehen sei auf einen bestimmten Übertragungsweg (z.B. Satellit) festgelegt. Die Bereitschaft, für den Wechsel zum digitalen TV zu zahlen, ist eher gering. Etwa 60 Prozent der jetzigen digitalen Nutzer waren zuvor Pay-TV- Abonnenten von beispielsweise BskyB.23

Die Digitalkrise ist also kein reich deutsches Problem. Im Mai 2002 wurde das terrestrische ITV Digital nach dem Bankrott abgeschaltet.

2.3.3 Italien

In Italien wurden 1991/92 drei terrestrisch verbreitete Pay-TV-Kanäle (Télépiù 1,2,3) durch Berlusconi ausgestrahlt. Mittlerweile sind das die drei unterschiedlichen Programmpakete (der weiße, der graue und der schwarze Kanal), die allesamt Spielfilme, Sport, Fiktion und Dokumentationen enthalten und terrestrisch und/oder per Satellit zu empfangen sind.

Die digitale Ära begann in Italien im Jahr 1996. Télépiù startete mit der Ausstrahlung eines digitalen Pakets mit Namen Télépiù digital über das Satellitensystem Hot Bird. Im Paket enthalten sind die bisher schon analog ausgestrahlten Télépiù-Kanäle, diverse internationale Angebote wie CNN, MTV, Discovery oder The Cartoon Network und TeleCacio, ein Kanal, der exklusive Fußball- und Formel-1-Übertragungen als Pay-per- view anbietet.

Auch „Medienmogul“ Rupert Murdoch wollte mit der Gründung der News Cooperation Europe (NCE) und dem Kauf von 80 Prozent der Telecom-Italia-Tochter Stream in Italien auf dem digitalen Fernsehmarkt Fuß fassen. Weiterhin war der Erwerb der Fußballübertragungsrechte der Top Ligen A und B auf 6 Jahre für 4,2 Milliarden DM (2,1 Milliarden Euro) vorgesehen. Das scheiterte jedoch am Dekret der italienischen Regierung („lex Murdoch“), da eine einzelne Fernsehgesellschaft nicht mehr als 60 Prozent aller A- und B-Liga-Spiele bei einer maximalen Laufzeit von 3 Jahren erwerben darf.

Am 31. Juli 1997 wurde das Aufsichtsorgan „Autorità“ geschaffen, welches für eine graduelle Umstellung auf die digitale Übertragung und Räumung der analogen Frequenzen sorgen sollte. Schon im Oktober 1998 legte die „Autorità“ einen Frequenzplan vor, der den Beginn der terrestrischen digitalen Übertragung für die Jahre 2002/03 vorsah. Des weiteren wurde ein Regelkatalog zur Lizenzvergabe veröffentlicht, der den Umstieg auf die Digitaltechnik dadurch begünstigen soll, dass Sendeunternehmen, die sich verpflichten, ihre terrestrischen Frequenzen innerhalb bestimmter Zeiten zu räumen, Vergünstigungen durch die Entbindung von der Verpflichtung zur Gebührenzahlung und bei der Lizenzvergabe erhalten. Die Mehrwertsteuersätze für digitale Decoder und Satellitenantennen wurde von 19 auf 4 Prozent gesenkt, um somit die Entwicklung des digitalen Fernsehens zu forcieren.24 Inzwischen empfangen in Italien 13 Prozent der Fernsehhaushalte digitales Fernsehen.

2.3.4 Spanien

In Spanien bietet Canal+ seit 1995 ein Pay-TV-Programm über ASTRA-Satellit an, indem es hauptsächlich nationale und internationale Kinofilme und Sport zu sehen gibt. Anfang März 1997 begann Canal Satélite Digital mit der digitalen Ausstrahlung von Spielfilmen und wenige Tage später mit Fußballübertragungen im Pay-per-view- Verfahren. Seit September 1997 gibt es einen zweiten digitalen Sender: Via Digital.

In den letzten Jahren hat sich Spanien zum drittgrößten europäischen Markt für digital verbreitetes Fernsehen entwickelt. Etwa 20 Prozent der spanischen Fernsehhaushalte empfangen Digitalfernsehen (bei ca. 40 Millionen Einwohnern). Canal Satélite Digital bietet mehr als 40 Fernsehprogramme, 10 Pay-per-view-Angebote und 30 digitale Radioprogramme. Ende Juni 1999 konnten beide Digitalplattformen insgesamt 1 Million Abonnenten vorweisen.25

Angesichts der wenig entwickelten Kabelinfrastruktur wird digitales Fernsehen in Spanien vorwiegend über Satellit verbreitet. Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Situation verzeichnen nun beide Plattformen hohe Verluste.

Im Jahr 1999 erhielt der Pay-TV-Anbieter Quiero von der Regierung eine Lizenz für digitales terrestrisches Fernsehen. Bis Anfang 2001 konnte diese Plattform etwa 210.000 Abonnenten gewinnen.26

Dennoch bemühte sich die spanische Regierung, einen Zusammenschluss der drei existierenden digitalen Plattformen Via Digital, Canal Satélite und Quiero zu ermöglichen. Motivation für diese Entscheidung ist die schwierige wirtschaftliche Situation für die Anbieter, die auf dem spanischen Markt nicht nebeneinander existieren können.

Im April 2002 hatte der Anbieter Quiero zweieinhalb Jahre nach dem Start angesichts der hohen Verluste (Einbußen betragen 400 Millionen Euro) seine Auflösung beschlossen.

2.3.5 USA

In den USA findet man den am besten entwickelten digitalen Fernsehmarkt der Welt. Das erfolgreichste digitale TV-System, DirecTV, versorgt bereits 4 Millionen Haushalte.27 Anders als in Europa, wo digitales Fernsehen vorrangig helfen soll, dem Frequenzmangel im terrestrischen Fernsehen entgegenzuwirken und die Vielfalt an Programmen zu erhöhen, ist der Hauptgrund für die schnelle Entwicklung der digitalen Übertragung in den USA die schlechte Empfangsqualität mit der analogen Technik. Der bis dato genutzte Übertragungsstandard NTSC (National Television System Committee) ist technisch unzureichend und liefert eine schlechte Bildqualität.

Die amerikanische Aufsichtsbehörde FCC (Federal Communications Commission) hat den endgültigen Ausstieg aus der analogen Technik bereits für 2006 geplant.28 Für den Simulcast-Betrieb, also dem gleichzeitigen Betrieb von analogem und digitalem Fernsehen, wurde ein Zeitraum von nur einem Jahr verpflichtend vorgeschrieben. Das führte dazu, dass alle wichtigen Sender und Networks in den USA den Einstieg in die digitale Übertragung schon für das Jahr 1999 vorgesehen haben. Diese Umstellung betrifft zunächst einmal die terrestrische Übertragung, mittelfristig aber auch die Übertragung via Kabel. Die Satelliten sind größtenteils schon auf die digitale Technik eingestellt.

Digitales Fernsehen in den USA (DTV = Digital Television oder HDTV = High Definition Television) ist demnach durch die gesetzlich festgeschriebene Abschaffung des herkömmlichen analogen Fernsehens in den VHF- und UHF-Bändern in seiner bisherigen NTSC-Norm gekennzeichnet.

Probleme gab es vor allem darin, die Networks und die ihnen angeschlossenen Sender dazu zu bringen, ihre Programme digital und möglichst im HDTV-Format auszustrahlen. Deshalb einigte man sich schlussendlich auf die vier Übertragungs- standards 480 P, 720 P, 1080 P und 1080 I. Die Bezeichnungen beziehen sich dabei auf die Bildauflösung (die Anzahl der gesendeten Zeilen pro Sekunde) und auf das Abtastverfahren.

Für die Nutzung von Frequenzen bezahlen die Sender normalerweise hohe Summen. Doch seit Anfang der 80er Jahre versteigerte die FCC in spektakulären Frequenzauktionen große Teile dieser knappen Ressource. Das terrestrische Übertragungsspektrum wird in den USA schon lange als öffentliches Gut angesehen. Die TV-Sender verlangten für die Einführung von HDTV, dass ihnen kostenlos eine

[...]


1 Vgl. Labhart, N., (1999), S. 1

2 Vgl. Labhart, N., (1999), S. 1

3 Vgl. Media Perspektiven, (4/2001), S. 202

4 Vgl. Media Perspektiven, (4/2001), S. 202

5 Vgl. Paukens, H., Schümchen, A., (2000), S. 11

6 Vgl. Labhart, N., (1999), S. 3

7 Vgl. Jahrbuch der Landesmedienanstalten 1995/1996, München 1996, S. 41 ff.

8 Vgl. Jahrbuch Fernsehen 1998/99, Marl 1999, S. 225

9 Vgl. Labhart, N., (1999), S. 4

10 Vgl. Paukens, H., Schümchen, A., (2000), S. 13

11 1 DM = 0,51129 Euro

12 Vgl. Media Perspektiven, (4/2001), S. 202

13 Artikel, Was bedeutet Insolvenz der KirchMedia?, http://www.digitv.de, 08.04.2002

14 epd medien, Terrestrisches Digitalfernsehen technisch startklar, 04.05.2002, Nr. 34, S. 19

15 Artikel, Kein MHP-Start zum 1. Juli, http://www.set-top-box.de/news/news.php?id=1404, 15.05.2002

16 Artikel, Die Odyssee um den Verkauf der Telekom-Kabelregionen, http://www.teltarif.de, Mai 2002

17 Artikel, Die Odyssee um den Verkauf der Telekom-Kabelregionen, http://www.teltarif.de, Mai 2002

18 Artikel, Konkurrierende Interessen hemmen die rasche Aufrüstung, http://www.teltarif.de, Mai 2002

19 Vgl. Schlomski, J., (2000)

20 Vgl. Paukens, H., Schümchen, A., (2000), S. 22

21 Vgl. DocuWatch Digitales Fernsehen 1/02, (März 2002)

22 Vgl. Paukens, H., Schümchen, A., (2000), S. 24

23 Vgl. DocuWatch Digitales Fernsehen 1/02, (Dezember 2001)

24 Vgl. Paukens, H., Schümchen, A., (2000), S. 26

25 Vgl. Paukens, H., Schümchen, A., (2000), S.. 27

26 dpa, Spanischer Pay-TV-Anbieter Quiero beschließt seine Auflösung, http://www.morgenweb.de/archiv/2002/04/27/wirtschaft/20020427_pay_tv_spanien.html, 27.04.2002

27 Vgl. Paukens, H., Schümchen, A., (2000), S. 22

28 Artikel, Digitales Fernsehen in den USA - Ab 2006 nur noch digital?, http://www.orf.at/service/goa/Digital/Entwicklung.html, März 2002

Details

Seiten
67
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638147231
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7463
Institution / Hochschule
Fachhochschule Kiel – Multimedia Production
Note
1.7
Schlagworte
Entwicklung Perspektiven Fernsehens Deutschland

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Titel: Entwicklung und Perspektiven digitalen Fernsehens in Deutschland