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Eine Untersuchung zu Aspekten der Ästhetik Thomas Manns im Spiegelbild seiner Tolstoi-Rezeption

Hausarbeit 2002 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Zur Manns Rezeption und seinem Anlehnungsbedürfnis an die literarische Tradition
2. Tolstoi
a) Ästhetik und Natur
b) Künstler und seine moralische Pflicht
3. Tonio Kröger
4. Inhalt und Form. Die moralische Pflicht des Künstlers im Schaffensprozess

III. Schlussteil

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Schon im Jahre 1945 wurde durch die Thomas-Mann-Forscher[1] betont, dass der Bedarf an einer umfassenden Untersuchung über den Einfluss russischer Autoren auf den Autor besteht. Dieser Bedarf ist jetzt- im Jahre 2002- immer noch nicht befriedigt. Die Verfasserin der vorliegenden Arbeit ist im Laufe der Recherchen entweder auf oberflächliche und lückenhafte Abhandlungen gestoßen oder auf solche, die einzelne Werke oder einzelne Autoren und ihren Einfluss auf Thomas Mann behandeln.

Die Forschung ist sich einig, dass der Einfluss so stark und lebensbegleitend war, dass eine solche Untersuchung womöglich nur im Rahmen einer umfassenden biographischen Arbeit unter dem Aspekt seiner geistigen Berührungen mit Russland und dessen Autoren konsequent und lückenlos durchzuführen ist.

Die Aufgabe dieser Arbeit ist es, den prägnanten Einfluss russischer Autoren auf Thomas Mann im Laufe seines künstlerischen Schaffens unter einem einzigen Aspekt, und zwar der Künstlerexistenz im Spannungsfeld der Gesellschaft und individueller Berufung, darzustellen.

Wenn man eine einzige Fragestellung herausarbeitet, die Thomas Mann ständig begleitete und in allen seinen Werken Ausdruck fand, und diese in ein Verhältnis zu Rezeption russischer Autoren durch Mann setzt, hat man möglicherweise eine bessere Voraussetzung, sich ein einheitliches Bild über den Einfluss zu verschaffen als bei der exemplarischen Behandlung einzelner Werke.

Die Arbeit wird sich im Angesicht der Tatsache, dass sie über eine begrenzte Zeit und einen stark begrenzten Raum verfügt, nur auf einen russischen Autor, Leo Tolstoi, begrenzen. Eine ähnliche Vorgehensweise würde umfangreiche Arbeiten über den Einfluss Gonscharows und Turgenevs erlauben, weil ihre - von Mann bewunderten Werke - ebenfalls zahlreiche Künstlerdiskurse aufweisen.

Eine wichtige Voraussetzung für die Wahl dieses Aspektes durch die Verfasserin ist nämlich auch die hohe Wertschätzung dieses Themas in der russischen Literatur. Besonders in den Werken von Tolstoi, Gontscharow und Turgenew ist das Thema der Verantwortung des Künstlers vor der Gesellschaft, seiner selbsterwählten Lebensaufgabe und seiner Selbstsuchung stark vertreten. Es ist auch bekannt, dass Thomas Mann unter anderen gerade diese Autoren besonders schätzte, sie als die prominenten Gleichgesinnten für seine Überzeugungen darstellte und ihre Ideen zum Teil als Anregungen für seine eigene Arbeit nahm. Die Verfasserin versucht demnach, die philosophischen Ansichten des gewählten Autors, Tolstoi, bezüglich der Fragestellung darzustellen, diese mit solchen Manns - im Spiegel seiner Entwicklung - zu vergleichen, Parallelen zu ziehen und eindeutigen Einfluss durch die Hinzuziehung der Selbstaussagen in Essays, Tagebüchern und einzelner Werke nachzuweisen.

Sicherlich kann man nicht die Frage nach dem Kunst- und Künstlerverständnis aus dem Kontext eines bestimmten Denkmodells lösen. Dennoch muss die Verfasserin im Laufe der Arbeit an dieser Stelle eingrenzend die Kenntnis der Denkmodelle beider Autoren voraussetzen. Lediglich skizzenhaft werden diese aufgezeichnet.

Um Tolstois Verhältnis zur Kunst und ihrer Rolle in der Gesellschaft hier darzustellen, erscheint es der Verfasserin wichtig, die Schilderungen dieses Verhältnisses aus dem Werk Tolstois „Was ist Kunst?“ zu entnehmen, von dem es bekannt ist, dass Mann es las und bewunderte; genauso verhält es sich mit dem hier als Exempel genommenen Roman Tolstois, „Anna Karenina“. Zu betonen ist auch der immense Einfluss zweier anderer Autoren und ihrer Werke auf Manns Sicht auf Tolstoi (und Dostojewski): Gorkis „Erinnerungen an Tolstoi“ und Mereschkowskis „Tolstoi und Dostojewski“ werden deshalb in der Arbeit zitiert und berücksichtigt.

Außerdem ist es an dieser Stelle wichtig, die Rolle Mereschkowskis für Manns Tolstoi- Rezeption zu betonen, zumal in dieser Arbeit kein eigenständiges Kapitel dafür eingeräumt werden kann. Wie Helmut Jendreieck richtig bemerkte, war der Einfluss dieses bedeutenden Kenners und Interpreten russischer Literatur vor allem für die Begriffsprägung Manns wichtig:

„Die Einführung des Begriffs „Kritik“ in Korrelation zu Nietzsches Begriff „Erkenntnis“ und als Gegenposition zu Goethes Plastik- Begriff geht auf Mereschkowski zurück“[2]

Das heißt, dass Tolstois Ideen und Begriffe zu einem beträchtlichen Teil durch das Prisma Mereschkowskis Werke von Mann rezepiert wurden.

I. Hauptteil

1. Zu Manns Rezeptionsart und seinem Anlehnungsbedürfnis an die literarische Tradition

Einleitend ist es wichtig zu betonen, dass es um keinen direkten Einfluss bei der Thomas Mann - Rezeption gehen kann. Der Autor benutzte nämlich seine literarische Quellen entweder als Anregungen oder - wie es oben schon erwähnt wurde- als Bestätigungen seiner Ideen, Ansichten oder Theorien. Die Rezeptionsart Manns lässt sich paradoxerweise mit der Tolstois vergleichen, in dem Sinne, wie Gorki über die letztere schrieb:

„Er hört nicht zu und glaubt nicht, wenn man nicht das sagt, was er braucht. Im Grunde genommen fragt er nicht, sondern erhört. Wie ein Raritätensammler nimmt er nur das, was die Harmonie seiner Sammlung nicht stört.“[3]

Thomas Mann behandelte zum Beispiel in seinen Essays die aktuellen Fragen und suchte bei den großen Persönlichkeiten der Vergangenheit nach ihrer- passiven- Unterstützung, führte ihre Meinungen in seiner Argumentation als Bestätigungen des von ihm Gesagten auf.

Des Weiteren ist es in der Forschung die mannsche Methode des Lesens „mit dem Bleistift“ bekannt. Es lässt sich somit nachweisen, dass Th. Mann einzelne Werke besonders genau studierte und daraus ableiten, welche Themen ihn besonders interessierten. In Bezug auf unser Thema äußert sich Thomas Mann am Besten selber:

„Was ich suchte, was mich anging, worauf ich Nachdruck legte, war Sittliches, war Moral; und die moralistisch getönte, die moralverbundene Kunst war es zu der ich aufblickte, die ich als meine Sphäre, als die mir zukömmliche und vertraute empfand.“[4]

2. Tolstoi

In der Tolstoi- Forschung wird bemerkt, dass keiner der großen Künstler, die Tolstoi ihr Vorbild nannten, sein Weltbild als Doktrin ansahen.[5] Von seiner religiös- philosophischen Lehre nahmen sie Abstand oder ignorierten sie. Und dennoch ist sein Einfluss nicht nur auf das Ästhetische zu reduzieren, sondern erstreckt sich vielmehr auf die Sphäre der Ideen.

Zwei Bereiche seiner Wirkung werden diskutiert: Tolstoi` s Künstlertum und seine sozial- politische Ideen. E.- M. de Vogüe sprach von Tolstoi als von einer Verbindung eines großen Künstlers mit einem gefährlichen politischen Reformator[6]:

„Er ist vor allem und mehr als jemand anderer gleichzeitig ein Vertreter und Propagandist jenes Zustandes der russischen Seele, welches Nihilismus genannt wird.“[7]

Aus diesem Zitat ist vor allem ersichtlich, welche zwei Kräfte dem Werk Tolstoi` s zugrunde liegen. Zwischen diesen beiden Bereichen - der Kunst und dem politisch – sozialen Bereich - liegt, wie zwischen Szylla und Charybdis, das Leben und Schaffen Tolstois. Und an dieser Zerrissenheit geht er auch zugrunde. Doch dieses führt schon zu weit. Was in diesem Aufsatz wichtig ist in Bezug auf die Autoren Thomas Mann und Leo Tolstoi, ist aus den letzten beiden Zitaten abzuleiten. Das erstere Zitat zeigte die lebens- oder besser gesagt schaffenswichtige, selbstauferlegte Aufgabe Manns, „ moralverbundene Kunst“ zu schaffen.

Das letztere weist - vor allem im gemeinten Kontext - auf das politische, also moralverbundene Künstlertum Tolstoi` s hin. Diese organische Verbindung zwischen den beiden Lebensbereichen beider Autoren lässt sich an ihren Leben und Schaffen nachempfinden. Von Thomas Mann kann zum Beispiel gesagt werden, wie von Tolstoi gesagt wurde, dass er sich:

„…in Zeiten weltanschaulicher Erschütterungen vom künstlerischen Schaffen abwandte; er verstummte als Dichter immer dann, wenn sein Geist und Gemüt von Zweifeln beherrscht wurden, dass die Künstler die Wirklichkeit in Worte zu fassen vermöge, wenn er voller Skepsis dem Sinn seiner Existenz gegenüber stand.“[8]

So äußert sich Th. Manns „schöpferische Bedrängnis“ in den Jahren des Ersten Weltkrieges, als er - eine Art Ableger und Gegenstücke zu seinen künstlerischen Werken - Essays veröffentlichte. Er verteidigt sich gewissermaßen in den „Betrachtungen“, indem er die Abscheu gegen die Berührung des Künstlers mit den politischen Realitäten äußert.[9]

Diese Einstellung Manns der Politik gegenüber hält sich nicht lange. Schon nach dem ersten Weltkrieg ändert er - wenn nicht seine Gesinnung - dann seine „Gedanken“. Wenn Mann noch in den „Betrachtungen“ die sozialen Reformideen Tolstois als Gedankengänge eines „Anti- Nationalisten und Pazifisten“[10] ablehnte, so äußert er sich schon ganz anders in den Zeiten des aufflackernden Faschismus, am Anfang der Emigrationszeit.[11]

Nicht nur hat das „gemeinsame antifaschistische Streben“[12] die beiden Brüder Mann sich wieder näher gebracht, es hat auch Thomas Mann die „Verbindung von künstlerischem Schaffen und Politik“[13] als Prinzip eröffnet. So hat die Entwicklungskurve im Schaffen Thomas Manns den Scheitelpunkt erreicht, seit dem die „Betrachtungen über die Pflicht des Künstlers und über die Aufgabe der Kunst, dem Fortschritt zu dienen…zu Tolstoi in innerer Beziehung“[14] standen.

[...]


[1] Gronicka, Andre: Thomas Mann and Russia. In: The German Review, Bd. XX, 1945

[2] Jendreiek, Helmut: Thomas Mann: der demokratische Roman. Düsseldorf 1977

[3] Gorki, Maxim: Erinnerungen an Tolstoi. Verlag Oprecht, Zürich, New York 1945, S. 57

[4] Mann, Thomas: Gesammelte Werke, Aufbau- Verlag, Berlin 1956, S. 416

[5] Motyljowa, Tatjana: „Vojna i mir za rubesom“. S. 309

[6] vergl. Vicomte E. –M. de Vogüe: Le Roman Russe. Paris 1888, S. 281

[7] ebd.

[8] Hofman, Alois: Thomas Mann und die Welt der russischen Literatur. Ein Beitrag zur literaturwissenschaftlichen Komparativistik. Akademie- Verlag Berlin 1967, S. 83

[9] Vergl. ebd.

[10] Th. Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen. Frankfurt/ Main 1965, S. 525

[11] Brief Thomas Manns an Klaus Mann vom 30. 12. 1936

[12] Vergl. Motyljowa, Tatjana: Ausländische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts und Dostojewski, S. 174

[13] ebd.

[14] Vergl. Th. Manns Brief an E. Hischer vom 3. 11. 1951

Details

Seiten
20
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638147156
Dateigröße
599 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7455
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Eine Untersuchung Aspekten Thomas Manns Spiegelbild Tolstoi-Rezeption Seminar Mann Zauberberg

Autor

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