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Über Fellinis "La Strada" - Die Straße als Weg des Lebens

Seminararbeit 2006 14 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung: Irgendwo in Italien

II. Auf der Straße des Lebens

III. Der Weg zur Erlösung

IV. Das Lied der Straße

V. Die Italienische Wirklichkeit in den 50er Jahren

VI. Ausklang: „Zampanos“ und „Fahrraddiebe“

VII. Anmerkungen

VIII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung: Irgendwo in Italien

Für ein paar tausend Lire kauft der gewalttätige Gaukler Zampano (Anthony Quinn) die naive Gelsomina (Giulietta Masina) ihrer Mutter ab, damit er für seine Wandervorstellungen eine Assistentin hat. Das zarte Geschöpf versucht vergeblich Zampanos Zuneigung zu gewinnen, während er sie demütigt und schlägt. In einem Zirkus begegnet Gelsomina dem freundlichen Seiltänzer Matto (Richard Basehart), der sich um sie kümmert und ihr eine Melodie auf der Trompete beibringt. Kurz darauf gerät Matto in einen Streit mit Zampano und wird von ihm erschlagen. Zampano kann die Spur zwar verwischen, verliert aber jeglichen Kontakt zu Gelsomina, die durch das Erlebnis der Mordtat in den Wahnsinn abgleitet. Er lässt sie am Straßenrand zurück. Als er Jahre später zufällig von Gelsominas Tod erfährt, bricht er weinend zusammen.

Im Oktober 1976, 22 Jahre nach den Dreharbeiten zu La Strada sagte Fellini in einem Interview: „ Ein unbestimmtes Lebensgefühl das aus Erinnerung und Vorahnung besteht, wollte ich im Film an Hand der Wanderung zweier Kreaturen erzählen, die schicksalhaft beisammen sind, ohne zu wissen warum. [1]

La Strada“ ist aus der Vorstellung von einem Mann und einer Frau entstanden, die offenbar zusammenleben aber in ihrem Innern sehr weit voneinander entfernt sind. Dann kam mir die Überzeugung, dass man dieses Paar auf einer langen Reise erleben müsste, um die Vorstellung von der inneren Rastlosigkeit zu vermitteln.“ [2]

Fellinis Film besitzt viele genretypischen Merkmale eines Roadmovie, bricht aber auch mit dem Genre und so präsent die Straße in diesem Werk auch sein mag, gilt sie hier nicht eher als Metapher für den Weg des Lebens, die Suche, das Streben nach Erlösung und Mensch-werdung, die Fellini als Rastlosigkeit bezeichnet?

Wenn man Giulietta Masina in der Rolle der Gelsomina sieht, erkennt man in ihrem Gesicht eine so rührende und intensive Menschlichkeit und zugleich ratloses Entsetzen und Einsamkeit. [3] Tritt da die Realität der italienischen Landstraße, Ort der Reise, nicht in den Hintergrund und verblasst?

Nachfolgend werden weitere Thesen behandelt:

1. Die Straße als Metapher des Lebens (Kreislauf): Die Anfangs- und Endszene spielen beide am Meer. Dieser Kreislauf schließt sich mit Zampanos erster emotionaler Regung, Gelsomina ist Opfer und tragische Heldin zugleich, da sie zwar nachhaltig auf Zampano einwirkt, aber an seiner Lieblosigkeit zerbricht.
2. Das Bild der Straße als Symbol für das Leben der armen Bevölkerung am Rande der Gesellschaft (Zirkus), für Isolation, Einsamkeit und Unfähigkeit der Menschen in zwischenmenschlichen Beziehungen.
3. Zampanos Wanderfahrten ähneln einer Suche und einer Flucht vor sich selbst. Der gemeinsame Weg mit Gelsomina ist vielmehr eine innere Reise. Da Gelsominas Wesen als Gegenpol zu Zampano ihn unentwegt mit seiner emotionalen Unfähigkeit konfrontiert resultiert daraus Unfähigkeit, Aggression und Demütigung, die er an Gelsomina auslässt und doch gleichzeitig gegen sich selber richtet. Diese stereotypischen Geschlechterrollen können als Sozialkritik der italienischen Wirklichkeit gedeutet werden. Ist La Strada nicht auch gleichzeitig eine Huldigung an die Frauen?
4. Beide Hauptfiguren durchlaufen während der Reise eine Wandlung.
Klärung der Roadmovie-Elemente im Film.
5. Suche nach dem christlichen, humanen und sozialen Aspekt im Film.
6. Widerlegung der Kritik, dass sich Fellini mit La Strada vom
Neorealismus abgewandt hat.

II. Auf der Straße des Lebens

David Laderman schreibt in seinem Buch „Driving Visions“: „ We take the road but it also takes us“ [4] und beschreibt die Straße nicht nur als äußere Fortbewegung, sondern als inneren Weg in uns. Ladermans Aussage kann auch für La Strada gelten. Die Straße steht hier vielmehr als Symbolik für Sinnsuche und innere Reise im Zentrum des Films und weist eines der Hauptmerkmale des Roadmovies auf. [5]

Zampano und Gelsomina bewegen sich in dem Dreiradwagen auf der italienischen Landstraße fort, sie essen, schlafen, und proben auf der Straße oder im Fahrzeug, der einem Planwagen, einer Kutsche aus dem Wilden Westen ähnelt. Zampanos sich ständig wiederholende, unveränderte Aufführung eine Kette mit Muskelkraft zu sprengen, steht bildhaft für seinen beschränkten Charakter, für seine Unfähigkeit und emotionalen Verkümmerung und finden doch auf der Straße, im Leben, einem Ort der Bewegung und Veränderung statt. Betrachtet man den Film, ziehen die Szenen der eigentlichen Fortbewegung sehr flüchtig vorbei, selten erkennt man langsam daher ziehende Landschaftsaufnahmen wie z.B. in David Lynchs „The Straight Story“. Die Straße wird auch nicht wie in dem Film „My Private Idaho“ verbalisiert, als Mike in der Anfangs- und Endsequenz äußert: „I´,m stuck here in the landscape.“ Die Kamera verweilt in Fellinis Werk eher auf den Gesichtern der beiden Hauptfiguren und verdeutlicht wortlos die innere Reise der beiden isolierten Gestalten, die unterschiedlicher nicht sein können. Häufe Ortswechsel und die Darstellung der Zeit im Wechsel der Jahreszeiten sind prägnant.
La Strada fehlt es jedoch an rasantem Tempo und spektakulären Action-Szenen, die in dem amerikanischen Roadmovie-Genre üblich sind. Fellinis Werk ist ein europäischer Film. Annette Deeken schreibt in ihrem Buch „Reisefilme“ im Kapitel „Road Movie“ hierzu:“ In diesen einfachen dramaturgischen Schema treffen sich Menschen, die unter normalen Umständen nicht ihr Leben teilen, (…) im europäischen Autorenkino wurden solche Episoden oft feinfühliger, langsamer, Sinn suchender und mit poethischeren Bildern inszeniert als im klassischen Road Movie.“ [6] Gelsomina und Zampano gehen einen gemeinsamen Weg und machen im Lauf der Reise, ohne dass sie sich wirklich innerlich begegnen jeder für sich, eine Entwicklung durch. Einsamkeit- ein Element des Lebens.

[...]


[1] Fellini, Federico: La Strada, Drehbuch und Schriften, entnommen aus dem Vorwort von F.F. persönlich

[2] Fellini, F: La Strada, S. 159

[3] Koebner, Thomas, Filmklassiker, Bd. 2, S. 259

[4] Das Zitat von David Laderman habe ich dem Seminarreferat entnommen

[5] Die Genre-Merkmale des Road-Movie habe ich z. T. aus meinen Seminaraufzeichnungen entnommen.

[6] Deeken, Annette: Reisefilm, Kap. „Road Movie“, S. 30

Details

Seiten
14
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638783866
ISBN (Buch)
9783638795012
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v74541
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Abteilung für Komparatistik/ Medienwissenschaften Film
Note
2,0
Schlagworte
Fellinis Strada Straße Lebens Poethik Unterwegsseins Geschlechterrollen Italien Neorealismus

Autor

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Titel: Über Fellinis "La Strada" - Die Straße als Weg des Lebens