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Die Pazzi-Verschwörung und die Grundlagen der Medici-Herrschaft

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 27 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Herrschaft der Medici in Florenz
Patron und Klientel
Methoden der indirekten Herrschaft
Der widersprüchliche Charakter des Medici-Regimes

Der Weg zur Verschwörung
Die Pazzi
Der offene Konflikt

Die Verschwörung
Planung
Ablauf
Gründe des Scheiterns
Die Rache

Der Krieg mit dem Papst

Konsolidierung des Regimes? – die Verfassungsänderungen 1480

Fazit

Literatur
Primärliteratur
Sekundärliteratur

Einleitung

Mit dem Namen Lorenzo de Medicis ist die Bezeichnung il Magnifico heute nahezu untrennbar verbunden. Vielen ist der bekannteste Vertreter der Familie, die nach Cosimos Rückkehr aus dem Exil 1434 ihre Vorrangstellung in Florenz etablierte, hauptsächlich als humanistisch gebildeter Patron der Künstler und Gelehrten vertraut, unter dem die Stadt am Arno ihre Blütezeit in der Renaissance erlebte.

Schon unter den Zeitgenossen gab es aber auch eine ganz andere Sicht: Für Alamanno Rinuccini, der sich nicht nur als Politiker, sondern auch als humanistischer Gelehrter hervortat, waren die Medici „Usurpatoren unserer Freiheit“[1]. Und deren Herrschaft sei eine „Tyrannei“[2], unter der die ganze Stadt, insbesondere auch die alte Elite, „das Joch der Knechtschaft“[3] trage. In seinen Invektiven gegen Lorenzo beruft sich Rinuccini dabei auf die freiheitliche Tradition der florentinischen Republik.

Doch auch die Medici versuchten diese Tradition für sich nutzbar zu machen: Sie stellten ihre Herrschaft ostentativ in den Rahmen der Republik und betonten wiederholt, dass sie keineswegs Tyrannen, sondern Bürger der Stadt waren, denen man aufgrund ihrer herausragenden Qualitäten und Verdienste freiwillig eine Sonderstellung eingeräumt hatte.

Die Gegensätzlichkeit dieser Sichtweisen, die schärfer nicht sein könnte, verweist auf einen grundlegenden Widerspruch des Regimes: Einerseits übten die Medici ihre Macht innerhalb der republikanischen Verfassungsordnung und im Bunde mit anderen einflussreichen Familien aus. Andererseits veränderten sie den Charakter dieser Verfassung grundlegend – zum einen durch die Verfassungsänderungen, die ihnen die Einflussnahme erleichtern sollten, zum anderen durch den fortgesetzten Druck, den sie, um ihre Interessen durchzusetzen, auf das politische System ausübten. Und auch die anderen aristokratischen Familien waren nunmehr den Medici untergeordnet und von ihnen abhängig.

Aus diesem Widerspruch konnte – gerade in den Reihen der aristokratischen Familien, aus denen sich seit langem die politische Führungsschicht der Stadt rekrutierte – leicht Unzufriedenheit mit dem Regime entstehen. Solange diese unter der Oberfläche blieb, stellte sie keine grundlegende Bedrohung für die Medici dar. Doch war sie wiederholt der Nährboden für offene Oppositionsbewegungen, von denen die bekannteste und gefährlichste die Pazzi-Verschwörung von 1478 war, die die Medici-Herrschaft durch die Ermordung von Lorenzo und seinem Bruder Guiliano ein für alle mal beseitigen wollte.

Die Herrschaft der Medici in Florenz

Patron und Klientel

Der Einfluss, den die Medici seit den Zeiten Cosimos in Florenz ausübten, basierte auf ihren weit verzweigten Klientelbeziehungen, die sich auf alle sozialen Schichten[4] und nicht nur auf die Stadt Florenz, sondern auch auf den Contado erstreckten. Ein konkreter Ausdruck dieser Beziehungen ist Lorenzos umfangreiche Korrespondenz[5], deren Bewältigung ihn täglich mehrere Stunden in Anspruch nahm.[6] Im Florenz der Renaissance stützte sich die Position, die man im gesellschaftlichen Leben einnahm, zu allererst auf die sozialen Beziehungen, die man hatte. Das galt nicht nur für Lorenzo als Patron, sondern auch für seine Klienten, die unzählige Bitten um Unterstützung an ihn richteten: Seine Empfehlung sollte zu Amt und Würden verhelfen, er stellte Beziehungen her, vermittelte in privaten wie rechtlichen Streitfällen und seine Funktion für den Heiratsmarkt – zumindest der oberen Familien – war so zentral, dass Guicciardini mit etwas Übertreibung schreiben konnte: „non si faceva parendo alcuno più che mediocre sanza participazione e licenzia sua“.[7]

Klientelbeziehungen binden beide Parteien: Die Klienten akzeptieren den Anspruch des Patrons auf erhöhte soziale Stellung und stützen diese. Im Gegenzug verpflichtet sich der Patron, seinen Klienten zu helfen, sie zu schützen und sie durch seinen Einfluss zu unterstützen. Diesen Pflichten musste Lorenzo so weit wie möglich nachkommen, wollte er seine soziale und politische Stellung nicht gefährden. Und dies umso mehr, als er daran interessiert war, die anderen aristokratischen Familien, die er als Konkurrenz sah, in ihrer traditionellen Rolle als Patrone zu beschränken und zu ersetzen.

Die Beziehung zwischen Patron und Klient hatte – auch wenn sich eine Rhetorik der Freundschaft mit ihr verband[8] – hauptsächlich zweckrationalen Charakter. Lorenzo trat jedoch auch als Patron von Künstlern und humanistischen Gelehrten und als Veranstalter von prächtigen Festen und Spielen auf.[9] Seine Stellung in Florenz basierte also zum Teil auch auf dem Prestige, das er sich so erwarb und das ihm schließlich den Beinamen il Magnifico einbrachte. Zu diesem Prestige trug auch sein diplomatisches Geschick bei, aufgrund dessen er in Florenz, aber auch bei vielen Herrschern Italiens und darüber hinaus großes Ansehen genoss.[10]

Neben den „vertikalen“ Klientelbeziehungen stützte sich die Stellung der Medici auch auf „horizontale“ Beziehungen zu den anderen einflussreichen Familien der Stadt.[11] Im politischen Bereich waren sie darauf angewiesen, dass die anderen Aristokraten ihre Vorrangstellung akzeptierten, denn sie waren es, die die wichtigen Ämter bekleideten: Sie mussten die Medici dazu bewegen, Entscheidungen in ihrem Sinne zu treffen. Zwar konnten sie durch die Verfassungsänderungen die Funktionsträger und damit das Funktionieren des Staates einfacher beeinflussen, doch mussten sie sich dafür deren Gefolgschaft, die eben nicht verrechtlicht oder institutionalisiert war, immer wieder neu versichern. Das Beziehungsgeflecht, das die Medici mit anderen aristokratischen Familien verband, war zwar stabil genug, um darauf eine immerhin 60 Jahre währende Hegemonie aufzubauen, doch – wie die Krisen 1458, 66, 78 und 94 zeigen – letztlich doch potenziell labil.

Methoden der indirekten Herrschaft

Die Stellung der Medici im politischen System war weder verrechtlicht noch institutionalisiert, sondern basierte auf dem Einfluss, den sie gestützt auf ihr Klientelsystem und die Beziehungen zu anderen bedeutenden Familien ausübten. Mitglieder der Familie bekleideten zwar wiederholt hohe Ämter der Republik, doch ihre Stellung war keineswegs an diese gebunden. Die Medici übten ihre Herrschaft indirekt aus: „le cose s'avevano a fare, si facessino da' magistrati e secondo gli ordini della città e sotto spezie e forma di libertà”.[12] Nach Machiavelli folgt aus dieser indirekten Herrschaft „durch Beamte”, dass „ihr Regiment schwächer und gefährdeter [ist], da sie allein vom guten Willen der Bürger abhängen, die zu Beamten eingesetzt worden sind. Diese können ihnen, besonders in widrigen Zeiten, mit großer Leichtigkeit die Regierung entreißen“.[13] Diese Gefahr zu bannen – oder zumindest zu mindern – war das Ziel der Verfassungsänderungen: Die Regeln und Institutionen des politischen Systems sollten so umgestaltet werden, dass es leichter zu kontrollieren war.[14] Sie verrechtlichten die Stellung der Medici nicht, sondern vereinfachten und sicherten die (weiterhin indirekte) Einflussnahme. Auf diese Weise sollte die Umsetzung der sozialen Stellung der Familie in politische Macht erleichtert werden. Zusätzlich zur Beeinflussung der staatlichen Institutionen agierte Lorenzo gerade im Bereich der Außenpolitik auch eigenständig und unabhängig von diesen.

Der vereinfachten Kontrolle des politischen Systems dienten unter Lorenzo (vor 1480) in erster Linie zwei Institutionen: der Rat der Hundert (Cento) und die Accopiatori, die eine zentrale Stellung bei der Ämterbesetzung einnahmen. Die Cento, geschaffen durch die Balìa von 1458, war die Fortsetzung von Cosimos Politik, wichtige Entscheidungen Balìe zu übertragen.[15] Ziel dieser Politik war es, sich unabhängig von der Zustimmung durch die alten Räte des Volkes und der Kommune zu machen, die bei Steuerbewilligungen und Verfassungsänderungen oft „widerspenstig“ waren. Die Balìe, ursprünglich nur in Ausnahmesituationen von Parlamenti (Versammlungen der gesamten Bürgerschaft) eingesetzt[16], wurden nun ab 1458 in der (veränderten) Form der Cento zum festen Bestandteil der Verfassung[17]: Die Cento hatten also den Charakter einer permanenten Balìa.[18] Ab 1466 konnten sie Beschlüsse zur Regierung der Stadt, zu Wahlen, Steuern und der Anwerbung von Söldnertruppen[19] (also, kurz gesagt, alles von Bedeutung) allein entscheiden, d.h. ohne Beteiligung der alten Räte, während in allen übrigen Fragen Gesetze schon seit 1458 nur mit Zustimmung der Cento zustande kommen konnten. Dadurch war die Rolle der alten Räte stark eingeschränkt. Mit den Cento konnten Entscheidungen schneller als durch das davor übliche Gesetzgebungsverfahren getroffen werden[20] und sie waren wegen ihrer geringeren Mitgliederzahl einfacher zu kontrollieren. Der neue Rat hatte eine klar aristokratische Mitgliederstruktur und in Bezug auf seine Zusammensetzung überließ man nichts dem Zufall.[21]

Das zweite Kontrollmittel der Medici waren die Accopiatori. Ursprünglich hatte dieses Amt keine eigenständige politische Funktion gehabt. Seine Aufgabe bestand darin, die Wahlbeutel (Borse), aus denen unter anderem die Mitglieder der Signoria, der florentinischen „Regierung“, gezogen wurden, mit den Namen derer zu füllen, die den eigentlich alle fünf Jahre (unter den Medici aber seltener) stattfindenden Squittino (Prüfung der Amtsfähigkeit) bestanden hatten. Seit 1434 haben die Accopiatori aber immer wieder und ab 1466 durchgängig bis zum (vorläufigen) Sturz der Medici 1494 das Recht erhalten, die Namen, die sie in die Borse für die Signoria füllten, a mano (d.h. – auf der Grundlage des Squittino – nach eigenem Ermessen) auszuwählen. Sie waren zwar immer noch an die Squittini gebunden, konnten aber die Wahl von unerwünschten Personen verhindern, indem sie deren Namen einfach nicht in die Borse füllten. Damit erhöhten sie gleichzeitig die Chancen der verbliebenen (erwünschten) Kandidaten.[22] Statt der „statutory two stages in the election of the Signoria, i.e. scrutiny and sortition, there were now three, the imborsazioni by the Accopiatori having been inserted between the scrutiny and the final sortition.”[23]

Der widersprüchliche Charakter des Medici-Regimes

Der Historiker Nicolai Rubinstein stellt zwar fest, dass das Ziel dieser Verfassungsänderungen darin bestand, „to secure and strengthen the régime by peaceful means within the framework of the constitution”[24], doch wurde durch die institutionellen Reformen der Medici wie durch den fortgesetzten informellen (aber deswegen nicht weniger realen) Druck, den sie auf das politische System ausübten, dieser Rahmen „überdehnt“[25]. Die „wirkliche Verfassung“ – im Sinne Lassalles und Max Webers[26] – veränderte dadurch grundlegend ihren Charakter. Die Besetzung der Ämter durch das Los, gebunden an den Squittino, sowie die Mitwirkung der Räte des Volkes und der Kommune waren zentrale Bestandteile der republikanischen Verfassung gewesen.[27] Der Sinn des Losverfahrens wie der Ämterrotation war es gewesen, den gleichmäßigen Zugang zu den Ämtern – also im Falle der hohen Ämter, die hauptsächlich von den Änderungen betroffen waren, die Aufteilung der Macht innerhalb der Aristokratie – sicherzustellen.[28]

Die Verfassungsänderungen der Medici richteten sich damit hauptsächlich gegen potenzielle Konkurrenten aus der Oberschicht. Eine Aristokratie war Florenz auch schon vor ihrer Zeit gewesen[29], doch sollte durch die Reformen sichergestellt werden, dass in erster Linie Entscheidungen in ihrem Sinne getroffen wurden und nur noch von ihnen abhängige Familien die Chance hatten, ihre soziale Stellung in politische Macht umzusetzen (wie es die Medici zuvor getan hatten).

[...]


[1] Rinuccini, 222 (eigene Übersetzung aus dem Englischen).

[2] Rinuccini, 220 (eigene Übersetzung aus dem Englischen).

[3] Rinuccini, 204 (eigene Übersetzung aus dem Englischen).

[4] Vgl. Martines, 235.

[5] Vgl. Martines: „His correspondence shows the mighty patron at work, directing emissaries, doling out favours, requesting favours, rendering thanks, or recommending friends, clients, and friends of friends” (228).

[6] Vgl. Kent, „Patron-Client Networks”, 293.

[7] Guicciardini, 181; vgl. Kent, „Patron-Client Networks“, 294; Kent, „Oligarchy“, 48; Martines, 25.

[8] Vgl. Kent, „Patron-Client Networks”, 297.

[9] Vgl. Guicciardini, 175f.; Machiavelli, Florenz, 474f.

[10] Vgl. Guicciardini, 174.

[11] Vgl. Walter, 58.

[12] Guicciardini, 179.

[13] Machiavelli, Fürst, 42; vgl. allg. Kap. IX: Von der Herrschaft eines Bürgers, bei dem Machiavelli hauptsächlich an die Stellung der Medici in Florenz vor 1494 gedacht haben wird.

[14] Zu den Mitteln politischer Kontrolle der Medici vgl. allg. Martines, 51-53.

[15] Vgl. Rubinstein, Government, 89. Balìa als terminus technicus für Räte von befristeter Dauer, die in Ausnahmesituationen von Parlamenti zur Durchführung von Reformen eingesetzt wurden (vgl. Rubinstein, Government, 78), im Gegensatz zur allgemeinen Bedeutung als Sondergewalt, die „magistracies or councils for limited periods and specific purposes“ (ibid., 77) übertragen werden konnte.

[16] Vgl. Bruni, 71.

[17] Vgl. Rubinstein, Government, 129.

[18] Vgl. Rubinstein, Government, 119; schon vor 1458 ging die Tendenz zu immer längeren Amtszeiten der Balìe.

[19] Vgl. Rubinstein, Government, 128.

[20] Vgl. Rubinstein, Government, 90.

[21] Vgl. Rubinstein, Government, 131.

[22] Vgl. Martines, 52.

[23] Rubinstein, Government, 40.

[24] Rubinstein, Government, 124.

[25] Ich greife damit einen Ausdruck von Christian Meier auf. Die „Überdehnung der moralischen und institutionellen Gurte staatlicher Einheit und Ordnung“, die Meier (152) für die späte römische Republik feststellt, weist sicher Parallelen zur florentinischen Verfassungsentwicklung unter den Medici auf.

[26] Vgl. Lassalle: „die wirkliche Verfassung eines Landes existiert nur in den reellen, tatsächlichen Machtverhältnissen“ (147), auf welchen Verfassungsbegriff sich Weber (37) ausdrücklich bezieht.

[27] Vgl. Rubinstein, „republican experience“, 5.

[28] Zur Ämterrotation vgl. Bruni, 83. Regeln zur Rotation der höchsten Staatsämter, wie es sie in der Antike in Athen und Rom gab, institutionalisieren die Aufteilung der Macht innerhalb einer bestimmten Gruppe und waren damit, entgegen Bruni, nicht notwendig ein demokratisches Element: In Athen war diese Gruppe für die meisten Ämter (worunter hier auch der Rat und die Gerichte fielen) der Demos, in Rom die Nobilität und in Florenz die Aristokratie.

[29] Zwar hatte es, wie Leornardo Bruni (der die aristotelische Mischverfassungstheorie auf Florenz übertrug) bemerkte, durchaus demokratische Elemente gegeben (worunter er in erster Linie das Losprinzip und die Ämterrotation versteht; vgl. Bruni, 98), es „neigt sich unser Staat […] vorzüglich aber zu den Adligen und Reichen“ (Bruni, 71). Vgl. Brucker, Florenz, 174.

Details

Seiten
27
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638783811
ISBN (Buch)
9783638794978
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v74528
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Institut für Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Pazzi-Verschwörung Grundlagen Medici-Herrschaft Hauptseminar Humanismus Petrarca Erasmus Rotterdam

Autor

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